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Auf einmal gab es Pressefreiheit

Die Entwicklung der Tagespresse in Ostdeutschland von der "Wende" bis heute

30.12.2010

Standespolitische Perspektive




Zwar wird beklagt, dass die Aufteilung der früheren SED-Bezirksorgane in kleinere Verlagseinheiten beim Verkauf gar nicht zur Debatte gestanden hätte,[25] doch muss offen bleiben, ob dies für größere Medienvielfalt gesorgt hätte. Die Aufteilung von Verbreitungsgebieten und die stärkere Berücksichtigung kleiner Verlage als Käufer garantiert nicht automatisch das Überleben mehrerer Zeitungen in einer Region.

Pressevielfalt war allerdings kaum mehr als ein Randaspekt der Kritik an der Verkaufspolitik der Treuhand. Die Anstalt wurde insbesondere für die Mittelstandsfeindlichkeit ihrer Verkaufsentscheidungen angegriffen. Bei der Reflexion des Privatisierungsgeschehens wurden weniger die Auswirkungen auf die publizistische Konkurrenzsituation thematisiert als die Klagen kleinerer Verlage aufgegriffen, die in Ostdeutschland erfahren mussten, dass sie nicht in der Lage waren, die aus Westdeutschland bekannten wirtschaftlichen Konzentrationsprozesse aufzuhalten oder umzukehren. Kleinen Zeitungshäuser wie denen der Nienburger "Harke", der "Sindelfinger Zeitung" oder der "Münsterländischen Tageszeitung" aus Cloppenburg war auf diese Weise bestätigt worden, dass sie kapitalstarken Großverlagen nicht gewachsen waren. Die Debatte um die Treuhandpolitik hatte einen ständischen Blickwinkel.

Solche Standesfragen fokussierte die Medienwissenschaftlerin Beate Schneider in einem Gutachten für die Bundesregierung, indem sie explizit ausführte: "In der Gesamtbetrachtung wird deutlich, welche Wachstumsmöglichkeiten sich für einen ostdeutschen Mittelstand ergeben hätten, wenn das zentralistische Pressesystem vor dem Verkauf durch die Treuhand entflochten worden wäre."[26] Entsprechend dieser mittelständischen Interessenlage schloss sich neben abgewiesenen Bewerbern auch der Verband Deutscher Lokalzeitungen (VDL) der Kritik an, dass keine Gespräche mit der "mittelständischen Zeitungswirtschaft zur Suche nach anderen Lösungen"[27] als dem Erhalt der bezirksgroßen Verbreitungsgebiete stattgefunden hatten.[28]

Dass der VDL eine Mittelstandsförderung vermisste, dürfte vor allem damit zusammenhängen, dass die hier organisierten Mittelständler zumeist nur über Zeitungsauflagen geboten, die im – von der Treuhand gar nicht wahrgenommenen – unteren fünfstelligen Bereich lagen. Tatsächlich dürften bereits die benötigten dreistelligen Millionenbeträge zum Kauf der Ost-Zeitungen für viele dieser Häuser ein unüberwindbares Hindernis beim Einstieg in einen ostdeutschen Großverlag gewesen sein. Billiger waren die vor der Ausschreibung üblichen Kooperationen gewesen, da diese zwar auch mit finanziellen Modernisierungsaufwendungen verbunden waren, hierfür aber kein Kaufpreis aufgebracht werden musste.

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Fußnoten

25.
Beate Schneider/Dieter Stürzebecher, Wenn das Blatt sich wendet. Die Tagespresse in den neuen Bundesländern, Baden-Baden 1998, S. 44f; Heinz Pürer/Johannes Raabe, Medien in Deutschland, Bd. 1, Konstanz 1994, S. 450.
26.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 56. – Zugunsten der Förderung ausdrücklich kleinerer Verlage argumentieren auch Heinz Pürer/Johannes Raabe, Medien in Deutschland, Bd. 1, Konstanz 1994, S. 450.
27.
Verband der Lokalpresse, Memorandum. Notwendige Maßnahmen für einen gleichberechtigten Marktzutritt lokaler Zeitungen in einen früher nach den Gesetzen des staatlichen Zentralismus geschaffenen und heute in der Struktur unverändert fortgeführten Pressemarkt in den neuen Bundesländern bis zur Feststellung realer Chancengleichheit (Ms.), Bonn 1992, S. 2.
28.
Barbara Geier, Ost-Zeitungsgefüge gerät ins Rutschen, in: taz, 3.5.1991.

 

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