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Auf einmal gab es Pressefreiheit

Die Entwicklung der Tagespresse in Ostdeutschland von der "Wende" bis heute

30.12.2010

Neue Zeitungen nicht grundsätzlich chancenlos




Als Folge der Treuhandentscheidungen werden in der Medienwissenschaft für die ostdeutsche Presselandschaft "fast unüberwindbare Marktzutrittsbarrieren"[29] angenommen. Zeitungsneugründungen konnten "nicht bestehen",[30] "die Quasi-Monopole der ehemaligen SED-Riesen erdrück[t]en den publizistischen Wettbewerb weitgehend".[31]

Doch diese grundsätzliche Chancenlosigkeit entspricht der Realität nicht in Gänze. Zum einen ist es fraglich, ob Neugründungen sich eher hätten am Markt halten können, wenn sie mit einer vormaligen SED-Presse konkurriert hätten, die in kleineren Portionen an Mittelständler verkauft worden wäre. Vor allem aber konnte der Verkauf der DDR-Verlage durch die Treuhand fähige mittelständische Verleger nicht an der Etablierung neuer Zeitungen hindern: Das erfolgreiche Engagement einzelner Kleinverlage belegt, dass die im Westen seit langem bestehenden Marktzutrittsbarrieren im Osten zumindest zeitweise nicht so hoch waren, dass Neugründungen zwingend scheitern mussten.

Die Behauptung, der Verkauf "an die größten westdeutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverleger hatte zwangsläufig zur Folge, dass alle Neugründungen und die immer schon benachteiligten Zeitungen der ehemaligen Blockparteien keine Chance hatten, je über eine nachrangige Anbieterposition hinauszukommen",[32] geht darüber hinweg, dass bis heute Neugründungen sich nicht nur halten, sondern die alteingesessene Konkurrenz sogar auf den zweiten Platz verdrängen konnten (Tabelle 3).

Zeitungsneugründungen und konkurrierende Lokalausgaben
von früheren SED-Bezirkszeitungen 2010
(verkaufte Auflage: IVW III/2010)
Neugründung (Auflage)Lokalausgabe(n) der Bezirksleitung (Auflage)Marktanteil Neugründung
Gransee-Zeitung (4.700)Neues Granseer Tageblatt (2.800)63 %
Oranienburger Generalanzeiger (11.800)Neue Oranienburger Zeitung (9.600)55 %
Döbelner Anzeiger (10.200)Döbelner Allgemeine Zeitung (8.700)54 %
Ruppiner Anzeiger (6.600)Ruppiner Tageblatt (6.700)50 %
Altmark-Zeitung (2 Ausgaben; 17.600)Volksstimme (4 Altmark-Ausgaben; 42.700)29 %
Vogtland-Anzeiger (7.700)Freie Presse (3 Vogtland-Ausgaben; 42.700)15 %


Der Verleger Dirk Ippen in seinem Münchener Büro, 2005. In der Hand hält Ippen die zwei erfolgreichsten Titel seines Hauses, den "Münchner Merkur" und die "tz".Der Verleger Dirk Ippen in seinem Münchener Büro, 2005. In der Hand hält Ippen die zwei erfolgreichsten Titel seines Hauses, den "Münchner Merkur" und die "tz". (© picture-alliance/dpa)
Erfolgreichster Neugründer war der Verleger Dirk Ippen, zu dessen ostdeutschem Medienbesitz neben der "Altmark-Zeitung" die drei miteinander verbundenen Blätter "Oranienburger Generalanzeiger", "Gransee-Zeitung" und "Ruppiner Anzeiger" gehören: "Ich bin der einzige deutsche Verleger, der nach der Wende in den neuen Bundesländern zwei Zeitungen gegründet hat, die heute noch erfolgreich laufen", sagt Ippen.[33] Seine "Altmark-Zeitung" schaffte es, den Anzeigenumfang innerhalb eines Jahres zu verdoppeln; auch sein "Oranienburger Generalanzeiger" legte bei den Anzeigenerlösen gegen den Trend zu. Dabei werden beide Blätter nicht in wirtschaftlich prosperierenden Ballungsgebieten verlegt, sondern im struktur- und anzeigenschwachen ländlichen Raum. Der Grund für die hohen Anzeigenumsätze könnte darin liegen, dass es den Zeitungen anders als der neu gegründeten Konkurrenz verlegerisch gelungen ist, "eine bessere Leser-Blatt-Bindung und in einem begrenzten Verbreitungsgebiet eine respektable Auflage zu erreichen".[34]

Zu den Erfolgsfaktoren für das Etablieren von Zeitungen zählen neben einem niedrigen Abo-Preis Anzeigenkooperationen sowie vor allem die lokale Verankerung der Redakteure bzw. eine besondere lokale Ausrichtung der Zeitungen, was mit einem hohen personellen Aufwand einher geht.

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Fußnoten

29.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 140.
30.
Heinz Pürer/Johannes Raabe, Medien in Deutschland, Bd. 1, Konstanz 1994, S. 453.
31.
Rainer Geißler, Die Folgen der deutschen Vereinigung für das Mediensystem. Eine Zwischenbilanz, in: Medium, 1/1993, S. 21–26, hier 23.
32.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 141.
33.
Simon Feldmer, Der stille Riese. Der Verleger Dirk Ippen hat sich in zwanzig Jahren ein stattliches Zeitungsreich zusammengekauft, in: Berliner Zeitung, 20.2.2002.
34.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 100ff u. 107. Das Folgende ebd., S. 49ff, 54f, 59f u. 90ff.

 

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