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Auf einmal gab es Pressefreiheit

Die Entwicklung der Tagespresse in Ostdeutschland von der "Wende" bis heute

30.12.2010

Versagen der Westverleger




Wie der Erfolg der Ippen-Blätter nahe legt, trugen weniger die Treuhandentscheidungen, sondern fehlende verlegerische Fähigkeiten entscheidend zum Niedergang der Pressevielfalt bei. Der neue Pressemarkt erwies sich als 'so weit entfernt wie China'[35] und die in den Osten ziehenden Westverlage als nicht ausreichend vorbereitet.

Zwar verfügten die Neugründungen gegenüber den ehemaligen SED-Blätter über schlechtere Ausgangsbedingungen. Doch waren viele Probleme der Neugründungen hausgemacht, etwa wenn es an der notwendigen lokalen Verankerung fehlte. Ein großer Teil der neuen Lokalzeitungen schrieb an der Leserschaft vorbei. Auch verlegerische Schwächen brachten Probleme mit sich. "Die Wirtschaftlichkeit einer Tageszeitung hängt nicht allein von der Höhe der Auflage und ihrer Marktstellung, sondern wesentlich von einem günstigen Kooperationsumfeld ab".[36] Doch zu Kooperationen waren die Zeitungshäuser nicht fähig, die Neugründungen bzw. ihre westdeutschen Partnerverlage versuchten jeweils isoliert für sich, auf dem Markt zu bestehen.

Dazu gehörte, dass jedes Blatt versuchte, neben der lokalen auch noch die überregionale Berichterstattung zu stemmen. Die dabei notwendige Anpassung der aus Westdeutschland gelieferten überregionalen Seiten an die ostdeutschen Erfordernisse geschah "mit zum Teil erheblichem personellen und damit finanziellen Aufwand".[37] Selbst innerhalb einer Verlagsgruppe war das Management nicht zu kostensparenden Kooperationen fähig. So produzierten in der "FAZ"-Gruppe die vormals christdemokratischen Regionalzeitungen "Der Neue Weg", "Thüringer Tageblatt" und "Demokrat", die insgesamt maximal 50.000 Käufer fanden, die überregionalen Seiten jeweils aufwändig selbst. Auch die ebenfalls der "FAZ" gehörende überregionale "Neue Zeit", die eine Reihe von Journalistenpreisen erhalten hatte, wurde nicht für die Produktion attraktiver überregionaler Seiten genutzt. Solche Kosten für den redaktionellen Aufwand vergrößerten die Defizite. "Überlegungen mehrerer Zeitungsneugründungen zum Aufbau einer gemeinsamen Mantelredaktion hat es nicht gegeben oder sie zerschlugen sich", so Beate Schneider in ihrem Gutachten.[38] Der damalige "WAZ"-Manager Günther Grothkamp bekannte: "Ich halte das für ausgesprochen selbstmörderisch".[39]

Auch zu regionalen Anzeigenkooperationen waren die kleineren Blätter weitgehend unfähig. In Sachsen-Anhalt kam es (im Gegensatz zu einigen sächsischen Kleinverlagen) zwischen den benachbarten Titeln "Der Neue Weg", "Altmark-Zeitung", "Bernburger Zeitung", "Wernigeröder Zeitung", "Quedlinburger Zeitung", "Ascherslebener Zeitung" sowie den Ausgaben Haldensleben, Halberstadt und Oschersleben der "Braunschweiger Zeitung" nicht zu einem Anzeigenring oder anderen Kooperationen.

Auch Druckkooperationen wurden nicht eingegangen. Die "FAZ"-Tochter "Der Neue Weg" litt zwar unter schlechten Andruckterminen beim ehemaligen SED-Bezirksblatt "Mitteldeutsche Zeitung", doch verzichtete man auf die Herstellung in der für alle vier Lokalausgaben des "Neuen Wegs" zentral gelegenen Druckerei der "Bernburger Zeitung", deren Auslastung "lange nicht so erfolgversprechend wie ursprünglich geplant" war[40]. Die aus all dem resultierenden finanziellen Belastungen waren denn auch einer der wesentlichen Gründe für Zeitungsschließungen.[41]

Ebenfalls nicht von der Treuhand zu verantworten ist die Tendenz der deutschen Verlage, Konkurrenzsituationen möglichst zu beseitigen. So litt die Pressevielfalt in Ostdeutschland auch am Unwillen der Verlage, den lokalen Wettbewerb auszuhalten. Während sich etwa Dirk Ippen bei der "Altmark-Zeitung" noch heute mit einem Marktanteil von knapp 30 Prozent begnügt, kam es andernorts immer wieder zu Agreements, als deren Ergebnis nur eine einzige Zeitung bestehen blieb. Derlei stillschweigende Marktbereinigungen beseitigten die lokale Pressevielfalt selbst dort, wo sich neu gegründete Titel oder alte Blockparteizeitungen schon weitgehend hatten durchsetzen können: Die junge Torgauer Verlagsgesellschaft, die 1990 das "Neue Torgauer Kreisblatt" gegründet hatte, einigte sich beispielsweise im Jahr 2000 mit der alteingesessenen "Leipziger Volkszeitung" auf das Ende der Konkurrenzsituation. Danach erschien in der sächsischen Kleinstadt nur noch die gemeinsam produzierte "Torgauer Zeitung". Und selbst dort, wo die Kräfteverhältnisse zweier potenter Verlage in etwa ausgeglichen waren, einigte man sich gütlich, um die Konkurrenzsituation zu entschärfen. So legte die "Leipziger Volkszeitung", die im Kreis Naumburg das dort führende "Naumburger Tageblatt" besaß, diese ehemalige liberal-demokratische Blockparteizeitung mit der Lokalausgabe des ehemaligen SED-Blattes "Mitteldeutsche Zeitung" zusammen.

Insgesamt schienen viele westdeutsche Verlage mit der Gründung von Zeitungen schlicht überfordert. "Manche Verleger, vor allem in der Provinz, hielten es geradezu für gottgegeben, dass ihre Familie in einem bestimmten Gebiet die einzige Zeitung herausgibt", analysierte Dirk Ippen 2002 auf einer Tagung des Zeitungsverlegerverbandes die Probleme der Branche. Die Zeitungsverleger wussten demnach einfach nicht mehr, was es heißt, sich gegen Konkurrenz zu behaupten. Anders als bei Ippen in Oranienburg genügte etwa bei der "Bernburger Zeitung" 1995 eine Auflage von 10.000 Exemplaren nicht zum Weiterleben, die "Wernigeröder Zeitung" musste im selben Jahr bei einer Auflage von immerhin 6.000 Exemplaren aufgeben.[42] Auch weil die Zeitungshäuser der alten Bundesrepublik das Agieren unter Konkurrenzbedingungen zum Teil schon seit Jahrzehnten nicht mehr kannten, hat die Pressevielfalt in Ostdeutschland so deutlich abgenommen.

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Fußnoten

35.
Vgl. So weit wie China. Springer, Bertelsmann und andere Medienkonzerne sondieren den Pressemarkt der DDR, in: Der Spiegel, 50/1989, S. 97–101.
36.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 110.
37.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 62f.
38.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 90.
39.
Günther Grotkamp, Die Sicht des Verlegers, in: Wettbewerb der Printmedien. Marktstruktur der Tagespresse nach der Wiedervereinigung, Hg. DIHT, Frankfurt a M. 1992, S. 12–22, hier 18.
40.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 71.
41.
Beate Schneider u. a., Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in den neuen Bundesländern. Gutachten im Auftrag des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung (Ms.), Hannover 1993, S. 57.
42.
Vgl. Walter J. Schütz, Deutsche Tagespresse 1997. Ergebnisse der vierten gesamtdeutschen Zeitungsstatistik, in: Media Perspektiven, 12/1997, S. 663–684, hier 673.

 

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