Beleuchteter Reichstag

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15.12.2011 | Von:
Sandra Pingel-Schliemann

"Sie haben mich zum Verräter gemacht..."

Die Inszenierung von Gerüchten durch den DDR-Staatssicherheitsdienst

"Diesen Konflikt konnte ich nicht bewältigen ..."

Gerüchte, die sogenannte "unmoralische" Lebensweisen zum Inhalt hatten, kamen unter anderem gegen Pfarrer zum Einsatz, die sich in der Friedens-, Menschenrechts- oder Umweltarbeit der 80er-Jahre engagierten. Dies hatte vor allem einen Grund: Bei Pfarrern konnten diese Gerüchte sowohl persönlich als auch dienstlich wirken. Dadurch erhöhte sich ihre Zerstörungskraft.

Von Pfarrern wurden besonders hohe ethische Wertvorstellungen und ein entsprechender Lebenswandel erwartet. Diese Erwartungshaltung versuchte das MfS über entsprechende Gerüchte zu konterkarieren. So wurden IM beauftragt, "moralische Einstellungen sowie Handlungen" zu erarbeiten, "die im Widerspruch zu den Normauffassungen" des Umfeldes der verfolgten Person standen.[24] Die Pfarrer sollten also zunächst selbst Ansatzpunkte für das in Umlauf zu bringende Gerücht liefern. Es waren dabei solche Aspekte von Interesse wie "Auseinandersetzungen und Zerwürfnisse im Ehe- und Familienleben, Verstöße der Familienmitglieder und engeren Verwandten gegen Normen der Moral und Ethik sowie des Strafrechts, Psychopathen im Verwandtenkreis, außereheliche Verhältnisse, Frauenbekanntschaften, Homosexualität u.a. sexuelle Perversionen, übermäßiger Genuss von Alkohol, Lebensgewohnheiten, die mit dem Amt eines kirchlichen Würdenträgers im Widerspruch stehen, wie der häufige Besuch von öffentlichen Tanzveranstaltungen, häufiges Aufsuchen von Gaststätten und Spielsucht."

Im OV "Verführer" planten MfS-Offiziere der Bezirksverwaltung Neubrandenburg das Gerücht in Umlauf zu bringen, dass ein Pastor pornografische Interessen habe, um die Kirchenleitung gegen ihn aufzubringen. Die MfS-Offiziere hatten auch schon genau vor Augen, wie die Maßnahme enden sollte: mit der Einleitung eines Dienstrechtverfahrens gegen den Pfarrer. Auf einer von Detlef Borchardt veranstalteten Rüste, einer Jugendfreizeit sollte ein IM mit dem Decknamen "Salow" "pornographische Abbildungen in den Wohnraum" des Heimleiters und seiner Frau legen.[25] Durch diese Maßnahme beabsichtigte das MfS, bei den kirchlichen Vorgesetzten Borchardts den Eindruck zu erwecken, dass die Rüsten "außerhalb religiöser Betätigung liegen" und für obszöne Zwecke missbraucht würden. "Aufgrund der bisherigen Erkenntnis über die Persönlichkeit" des Heimleiters ging der Staatssicherheitsdienst davon aus, dass dieser empört reagieren, die Täter in der Gruppe um Detlef Borchardt vermuten und sich anschließend beschwerdeführend an den Landessuperintendenten wenden würde: "In allen Fällen wird dadurch eine, die gesamte Gruppe erfassende Reaktion ausgelöst und Konfliktstoff geschaffen, der zur inneren Zersetzung der Gruppe beitragen soll." Auf dem detaillierten Maßnahmeplan fand sich die handschriftliche Notiz: "Hat geklappt! Maßnahmen wurden wie erwartet wirksam."

Es kamen aber nicht wie geplant die pornografischen Abbildungen zum Einsatz, sondern das MfS nutzte vorher ein nächtliches Zusammensein der Jugendlichen, um das Gerücht zu verbreiten, dass die Rüste ein "reines Saufgelage" sei. Es ist nicht ganz klar, welchen Part der IM "Salow" in dieser Nacht übernahm, in der die Situation im Heim eskalierte. "Diesen Konflikt", so Detlef Borchardt im Interview, "merkte ich, konnte ich nicht bewältigen." Der Druck auf Borchardt von Seiten der Kirchenleitung nahm nach dieser Aktion zu, und das, was über ihn in seiner Stadt und in den kirchlichen Gremien erzählt wurde, berührte ihn peinlich. Er hatte auch keine Ahnung, wer alles davon wusste, wer wie wem was erzählte. Als Zielobjekt des Gerüchtes fühlte er sich hilflos. Aber es kam in seinem Fall zu keinen beruflichen Konsequenzen.[26]

Gerüchte, das macht dieses Beispiel deutlich, waren in der Konsequenz nicht so durchschlagend, wie vom MfS erhofft, wenn der Betroffene zum einen offensiv mit den Anfeindungen umging und andere schnell einweihte, falls er hörte, was über ihn erzählte wurde. Zum anderen wurde die Wirkung von Gerüchten abgeschwächt, wenn an der Seite des Betroffenen Menschen standen, die sich trotz massiver Verleumdungen weiter für ihn einsetzten.

In einem anderen Vorgang diskreditierte der Staatssicherheitsdienst eine Pastorin vor ihrer Kirchengemeinde in Berlin, indem er eine entwürdigende Fotomontage in Umlauf brachte. Ursprünglich war geplant, dass ein IM des MfS als vermeintlicher Zeuge Jehovas hauptsächlich ältere Gemeindemitglieder aufsuchen sollte, um das Gerücht zu streuen, dass die Mitglieder des Friedenskreises der Gemeinde ein "'Lotterleben'" führen würden.[27] Um diesem Gerücht Zündstoff zu geben, sollte der IM ihnen als Beweis vom MfS gefertigte Fotomontagen vorlegen, die einige Mitglieder nackt gezeigt hätten. Des Weiteren war vorgesehen, dass der IM darüber informiert, "dass im 'Friedenskreis' schweinische Themen abgehandelt werden und für die 'Freie Liebe' geworben wird. Die Gespräche sollen so geführt werden, dass die Gemeindemitglieder beim Superintendenten [...] vorsprechen und um eine Klärung der aufgeworfenen Anschuldigungen bitten [...]. Durch die geführten Gespräche soll das Vertrauensverhältnis der Gemeindemitglieder zur Pastorin weiter erschüttert werden."

Zwar brachte der Staatssicherheitsdienst in Berlin Fotomontagen innerhalb der Gemeinde und im Friedenskreis in Umlauf, aber sie diskreditierten primär die Pastorin und ihren Mann. Auf den Fotos war der Partner als gehörnter Ehemann dargestellt. Der Staatssicherheitsdienst wollte damit das Gerücht verbreiten, dass die Pastorin außereheliche Beziehungen hätte. Die Gemeinde war nach dieser Aktion sehr verunsichert, da sie nicht wusste, ob sie dies glauben sollte oder nicht. Einige Wochen gab es viel Klatsch, der an den Kräften der Pastorin zehrte. Auch der Gemeindekirchenrat schaltete sich ein und stellte die Pastorin zur Rede. Die Situation war der Pastorin zutiefst unangenehm und eskalierte teilweise. Im Interview sagte sie: "Ohne die Unterstützung des Superintendenten hätte ich nicht weitermachen können."[28]

Die Pastorin war nicht nur schockiert über diese Aktion, sondern auch so wütend, dass sie vier Wochen nach Erhalt der Fotos eine Anzeige gegen Unbekannt bei der Polizei erstattete. Darauf hatte das MfS aber nur gewartet, denn so bestand die Möglichkeit, das Gerücht weiter auszudehnen. Die Polizei lud im Auftrag des Staatssicherheitsdienstes permanent Bekannte, Verwandte, aber auch Fremde zu Verhören und konfrontierte dabei weitere Personen mit dem vermeintlichen Liebesleben der Pastorin. Die Polizei begründete ihr dies damit, dass der Täter angesichts der intimen Details nur aus dem Bekanntenkreis kommen könne. Die Pastorin versuchte daraufhin, die Anzeige zurückzuziehen. Dies wurde aber mit der Begründung abgelehnt, dass sie eine öffentliche Person sei und der Staatsanwalt bereits die Ermittlungen übernommen habe. Die Polizisten drohten ihr bei einer Verweigerung der Mitarbeit sogar strafrechtliche Konsequenzen an. Erst nach Monaten wurden die Ermittlungen eingestellt. Täter konnten natürlich nicht gefunden werden. Der Pastorin wurde lediglich mitgeteilt, dass die Gefahr einer Wiederholung bestehe und sie damit rechnen müsse, weitere Fotos und Briefe zu erhalten: "Da war ich darauf gefasst, dass mir dies immer wieder passieren kann."[29] So kam es auch. Wiederholt wurde gegen die Pastorin das Gerücht initiiert, dass sie außereheliche Beziehungen hätte.

Auch im OV "Wanderer" verfolgte das MfS die Strategie, einen Pastor über Gerüchte zu "zersetzen". Der Staatssicherheitsdienst in Neubrandenburg schätzte Markus Meckel als einen der "Exponenten der sogenannten staatlichen unabhängigen Friedensbewegung im Bereich der mecklenburgischen Landeskirche" ein.[30] Im Maßnahmeplan vom 6. September 1983 visierte der Staatssicherheitsdienst erstmals "konzeptionelle Vorstellungen" zur Kompromittierung Meckels an. In den darauffolgenden Tagen wurden sie überarbeitet und präzisiert. Am 19. September 1983 stand das geheimpolizeiliche Vorgehen gegen Meckel fest.

Dem MfS gelang es, heimlich Fotos von Pastor Meckel zu machen, die ihn beim Nacktbaden in einem See zeigten. Diese retuschierte die Bildstelle der Bezirksverwaltung entsprechend, um daraus Fotos mit neuem Inhalt zu entwickeln. So zeigten einige der Fotomontagen Markus Meckel nackt zusammen mit einer Frau. Eine Fotomontage enthielt den Text: "Watt sägt jieh da tau", eine andere: "Datt is uns Pastors Fründin – Er hat noch mehr". Insgesamt fertigte die Bildstelle fünf verschiedene Fotomotive an, um Markus Meckel "nachhaltig zu kompromittieren."[31] Die Montagen wurden von Mitarbeitern des MfS in einer Spätsommernacht an zentralen Orten dreier Gemeinden aufgehängt, so unter anderem an Bushaltestellen, Kaufhallen und Gaststätten. Einigen Bürgern steckten sie die Fotos direkt in die Hausbriefkästen. Nach dieser Aktion herrschte in den Gemeinden helle Aufregung, da die Einwohner "traditionell gewachsene, konservative Moralvorstellungen" hatten. Die im OV eingesetzten inoffiziellen Quellen berichteten des Weiteren: "Allgemein wird das Verhalten des Pastors durch die Kirchgemeindemitglieder sowie die Bevölkerung verurteilt und der größte Teil soll den Standpunkt vertreten, dass ein solcher Pastor nicht tragbar ist und daher einige nicht mehr zum Gottesdienst gehen wollen, bzw. ihre Kinder nicht mehr in die Kirche schicken wollen." Am 2. Oktober 1983 hatte das MfS die Situation durch die Verteilung weiterer Fotomontagen zugespitzt.

Markus Meckel im Januar 1990.Markus Meckel im Januar 1990. (© Bundesarchiv Bild 183-1990-0119-314, Foto: Rainer Mittelstädt)
Markus Meckel erzählte, dass die Fotoaktion ihn und seine Familie in Unruhe versetzt habe. Seine Frau habe tagelang nicht das Haus verlassen, weil sie sich vor dem Gerede der Bewohner gefürchtet habe. Aber der Pastor hatte mit einer Gegenstrategie Erfolg. Meckel ging in die Offensive und versuchte, die Gerüchte aufzuhalten und richtig zu stellen. Er sprach gleich nach der Verteilung der ersten Fotos die Bewohner des Dorfes und die Mitglieder der Kirchengremien auf die gegen ihn gerichteten Diffamierungen an. Das half ihm letztlich, aufkommendes Misstrauen geringer zu halten, wie er selbst einschätzt.[32]

Dass die politische Geheimpolizei der DDR mit Gerüchten, die intime Bereiche betrafen, operieren würde, um politische Gegner auszugrenzen und zu bestrafen, war damals kaum zu erahnen gewesen. Darin lag auch die Macht dieser Art von Gerüchten, denn es war für die Betroffenen und deren Umfeld zu abwegig, einen Bezug zum MfS herzustellen. Stattdessen gerieten andere in Verdacht, nicht selten Freunde und politische Mitstreiter. Insofern entwickelten die Gerüchte auch immer eine negative Wirkung über den Betroffenen hinaus. Zudem bediente der Staatssicherheitsdienst mit diesen Gerüchten Sensationslüste in der Bevölkerung und konnte sich sicher sein, dass sie auf fruchtbaren Boden fielen.


Fußnoten

24.
BStU, ZA, JHS VVS 001-301/77, Bl. 25.
25.
Privatarchiv Detlef Borchardt, MfS, AOP 1448/86, Bd. 2, Bl. 302.
26.
Interview d. Vf. m. Detlef Borchardt.
27.
BStU, Ast. Berlin, MfS AOP 5125/88, Bd. 1, Bl. 25.
28.
Interview d. Vf. m. der betroffenen Pastorin.
29.
Interview d. Vf. m. der betroffenen Pastorin.
30.
Privatarchiv Markus Meckel, MfS, AOP 49/89, Bd. 1, 118.
31.
Ebd., Bd. 3, 6.
32.
Interview d. Vf. m. Markus Meckel.

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