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Beleuchteter Reichstag

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15.12.2011 | Von:
Sandra Pingel-Schliemann

"Sie haben mich zum Verräter gemacht..."

Die Inszenierung von Gerüchten durch den DDR-Staatssicherheitsdienst

Wirkung der Gerüchte bis in die Gegenwart

In Diktaturen, in denen den Menschen der Zugang zu freien Informationen verwehrt ist, heizt nahezu alles die Gerüchteküche an. Auf der einen Seite produziert dadurch das Volk selbst zahlreiche Gerüchte. In der DDR provozierten etwa die Umweltsituation, der Staatssicherheitsdienst, der Lebenswandel der politischen Prominenz, die Versorgungslage oder das Grenzregime zahlreiche Spekulationen, konnten aber auch durch bestimmte Vorkommnisse oder Erfahrungen schnell als wahr bestätigt werden. Für die Machthaber waren die im Volk entstandenen Gerüchte gefährlich, "da sie miesmachende und bösartige Nachrichten transportierten und auf diese Weise die Erfolgspropaganda der SED unterliefen."[33] Sie waren deshalb durch staatliche Gegenmaßnahmen wie durch Propaganda zu unterbinden.

Auf der anderen Seite hat das MfS selbst Desinformationen und Gerüchte in die Welt gesetzt und für eigene Zwecke instrumentalisiert. Viele Beispiele dafür gibt es schon aus der frühen Geschichte der DDR. So haben etwa Lars Broder-Keil und Sven Felix Kellerhoff anhand zweier Gerüchte, die in den 50er-Jahren in der DDR kursierten, das damals Geschehene rekonstruiert. Unter dem Titel "Amikäfer" wiesen die beiden Journalisten nach, dass die Kartoffelkäferplage, die sich um 1950 in der DDR massiv verbreitete, zum Anlass genommen wurde, das Gerücht zu verbreiten, dass die Invasion der Insekten vom Westen organisiert worden sei, um den Aufbau der DDR und der sozialistischen Landwirtschaft zu schädigen. In der Konsequenz ging es jedoch darum, die Bauern zu mobilisieren und von den eigenen Versäumnissen in der Ungezieferbekämpfung abzulenken.[34] Schaut man hinter die Kulissen des Geschehens, dann macht auch die Noel-Field-Affäre (die Kampagne gegen einen angeblichen »zionistischen« Spionagering um den amerikanischen Kommunisten Noel Field) deutlich, dass in den Jahren 1949–1954 bewusst Desinformationen und Gerüchte eingesetzt wurden, um eine Agentenhysterie auszulösen, um so letztlich politisch unliebsame SED-Genossen als Spione und Verräter diskreditieren, verhaften und verurteilen zu können.[35]

Auch in Reaktion auf den 17. Juni 1953 gab es zahlreich kursierende Gerüchte, von denen einige staatlich inszeniert waren, um diesen ersten und bis 1989 einzigen Volksaufstand in der DDR als "faschistischen Putschversuch" zu diffamieren. So diente die Befreiung einer geistig verwirrten Frau aus einem Gefängnis in Halle den Machthabern dazu, aufwendig das Gerücht in Umlauf zu setzen, dass mit dieser Frau eine ehemalige Wärterin des Konzentrationslagers Ravensbrück zu einer Rädelsführerin der Proteste geworden sei: "Erna Dorn – oder wie sie auch immer hieß – wurde zum zentralen Beweismittel für die Propagandathese der SED, dass der 17. Juni ein Putschversuch gewesen sei, angezettelt und geleitet von Faschisten und Agenten aus dem Westen."[36] Das Gerücht diente aber auch als Rechtfertigung für die Ermordung dieser Frau, da ein Todesurteil für eine angebliche KZ-Aufseherin eher hingenommen wurde. "Erna Dorn" wurde am 1. Oktober 1953 in Dresden hingerichtet.

Gerüchte dienten in der DDR-Diktatur somit auch der Vertuschung von Ereignissen, der Stigmatisierung von Opfern, aber auch der Mobilisierung von Anhängern und der Legitimierung von Gewalt. Gerüchte wurden stets als Rechtfertigung für das eigene Handeln gegenüber bestimmten Personen genutzt. Es war ein ganzes Bündel an positiven Elementen, die das MfS mit Desinformationen und Gerüchten in seinem Sinne erwirken konnte. Der Staatssicherheitsdienst hat sich deshalb auch im Rahmen seiner Repressionsmethode der "Zersetzung" das Wesen von Gerüchten zunutze gemacht: Gerüchte wurden in der DDR-Diktatur auch zum Herrschaftsmittel, zu einer Waffe im Kampf gegen politische Gegner.

Gerade mit ihren Schmuddelgerüchten verpassten die MfS-Offiziere den Betroffenen darüber hinaus das Stigma, nicht den Anforderungen einer sozialistischen Persönlichkeit zu entsprechen. Schon allein dies rechtfertigte eine öffentliche Distanzierung von ihnen. Dass viele der gestreuten Gerüchte nicht im Geringsten der Wahrheit entsprachen, interessierte damals, aber auch heute nur wenige. Es gibt genügend Beispiele dafür, dass Menschen, die vom Staatssicherheitsdienst im Rahmen von Zersetzungsplänen willkürlich und zu Unrecht zum "Alkoholiker", "Stasi-Spitzel", "Fremdgänger" oder "Kriminellen" abgestempelt wurden, bis heute dieses Stigma nicht loswerden – und das, obwohl es einst staatlich inszeniert wurde.

Gegen die Gerüchte konnten sich die Betroffenen bis zur Öffnung der MfS-Akten kaum wehren. Zum einen blieben die Urheber der böswilligen Unterstellungen oft im Dunkeln. Zum anderen eröffnete ihnen die DDR-Diktatur keine Möglichkeit, rechtlich oder öffentlich dagegen erfolgreich vorzugehen. Es gab keine unabhängige Justiz, und die Kommunikationsstrukturen wurden engmaschig kontrolliert. Erst mit der persönlichen Einsichtnahme in die eigene MfS-Akte, was seit 20 Jahren möglich ist, lösten eine Reihe Betroffener Strafverfahren gegen ehemalige MfS-Mitarbeiter wegen übler Nachrede oder vorsätzlicher Verleumdung aus, weil die Quellen für die Gerüchte nun eindeutig identifiziert werden konnten. Allerdings ist dies nur ein Tropfen auf dem heißen Stein angesichts dessen, was an Schicksalen zu rekonstruieren ist. Wichtiger ist, öffentlich darüber aufzuklären, auf welch subtile Weise das MfS Gerüchte zu seinem Herrschaftsinstrument machte. Hierin besteht auch eine Chance, dass die Opfer ihr häufig anhaltend wirkendes Stigma wieder los werden.

Fußnoten

33.
Bernd Eisenfeld, Gerüchteküche DDR – Die Desinformationspolitik des Ministeriums für Staatssicherheit, in: WerkstattGeschichte 15 (1996), S. 41–53, hier 42.
34.
Siehe Keil/Kellerhoff (Anm. 4), S. 135–158.
35.
Ebd., S. 109–134.
36.
Falco Werkentin, Recht und Justiz im SED-Staat, Bonn 1998, S. 32.

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