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15.12.2011 | Von:
Alexander Leistner

Das Lob der ersten Schritte und der Nutzen von Vielfalt und Konflikt

Strömungen und Schlüsselfiguren der unabhängigen DDR-Friedensbewegung

Der Weg, in einer Gesellschaft grundlegende Veränderungen anzustoßen, ist meist steinig und mühsam, das Unterwegssein geprägt von typischen Problemen. Am Beispiel der DDR-Friedensbewegung wird daher die grundlegende Bedeutung bekannter wie unbekannter Schlüsselfiguren aufgezeigt: vom Pionier über den Vernetzer bis hin zum Aktionisten.

"Weg des Friedens" – "Wege zum Frieden"

Es gab und gibt – vor allem in christlichen Kreisen – eine Metapher für das Friedensengagement: der vielzitierte und biblisch aufgetragene "Weg des Friedens". Zuweilen wird auch von den "Wegen zum Frieden" gesprochen. Der Fokus liegt dann mehr auf zu erreichenden Endzuständen, und im Plural ist mitgedacht, dass dessen Verwirklichung so mühsam wie kompliziert ist.[1] Nun muss man weder des Lukas-Evangeliums kundig noch an friedensethischen Grundsatzdebatten interessiert sein, um in diesem Bild des Weges wie des Unterwegsseins zentrale Aspekte und elementare Erfahrungen des politischen Engagements zu erkennen. Bei Albert Camus etwa führen die Schritte hin zu gesellschaftlicher Veränderung immer wieder neu bergan und hinein in die Daueranstrengung eines vermeintlich fröhlichen Steinewälzens. Günter Grass trägt dem Engagierten an, die Geschwindigkeit der Schnecke als Maßstab für die erwartbaren Fortschritte zu akzeptieren.

Die Metapher des Weges und des Unterwegssein ist einschlägig bis in politischen Kontrastbegriffe hinein: das "Erreichte" markiert dann die Ankunft, die häufig, aber nicht zwangsläufig mit dem Ende des Unterwegsseins zusammenfällt. Die "Verirrung" steht für jedwede Form des faktischen oder vermeintlichen Überschreitens der jeweils bestehenden weltanschaulichen Leitplanken. Beides warf man von staatlicher Seite aus den Aktivisten der staatsunabhängigen Friedensbewegung in der DDR vor: Sie galten mindestens als "Verirrte", weil sie das "Erreichte", also die Errungenschaften des real existierenden Sozialismus, nicht einfach hinnahmen und weil sie ferner die friedenssichernde Wirkung von dessen hochgerüsteter Frontexistenz hartnäckig hinterfragten und ihn so in Teilen schmerzhaft an die emanzipatorischen Wurzeln der eigenen Ideologie erinnerten.[2]

Die Friedensbewegung in der DDR nannte sich unabhängig, weil sie im Widerspruch zur staatlichen Friedensrhetorik stand und die Militarisierung der Gesellschaft kritisierte. Die ersten Gruppen entstanden unter dem Dach der evangelischen Kirche, aber immer wieder gab es Konflikte zwischen den politisch drängelnden Aktivisten und insgesamt eher vorsichtigen Kirchenleitungen. Das inhaltliche Spektrum war breit und konfliktreich, die Themen reichten von Fragen der Wehrdienstverweigerung (in den späten 1960er-Jahren) über die Militarisierung der Gesellschaft (Ende der 1970er) bis hin zur Durchsetzung demokratischer Grundrechte als Voraussetzung für Friedensarbeit (in den späten 1980er-Jahren). In dieser Entwicklung der Friedensbewegung von den Anfängen bis in die Zeit nach 1989 möchte ich unterschiedliche Strömungen und Phasen, sowie die Bedeutung von Schlüsselfiguren aufzeigen.[3] Das ist der konkrete Gegenstand.

Die These wäre, dass sich an dieser historischen Bewegung idealtypisch einige grundlegende und letztlich verallgemeinerbare Probleme sozialer Bewegungen verdeutlichen lassen: Der steinige und ungewisse, der vielleicht recht einsame Beginn. Die Berufung, also die Fragen: "Was ist mein Auftrag?" und "Warum tue ich das überhaupt?" Die Suche nach Mitstreitern, das Ringen um Orientierung, der Streit um die richtige Richtung und die damit möglicherweise einhergehenden zwischenmenschlichen Enttäuschungen und Verletzungen. Die Krisen, die Zeiten der Erschöpfung. Der lange Atem, weiter zu gehen, obwohl ein Ende nicht immer absehbar ist. Schließlich die – wie im Fall der DDR – unerwartete "Ankunft" und die krisenbehaftete Frage: "Was nun und wie eigentlich weiter?" Schließlich die Rückschau auf den zurückgelegten Weg und die Unterschiedlichkeit und den Widerstreit der Erinnerungen – je nachdem, woher und wohin man gekommen ist.

Bezogen auf diese Herausforderungen und Probleme möchte ich vier Fragen nachgehen: Welche Merkmale waren charakteristisch für die DDR-Friedensbewegung (1)? Warum waren und warum sind vor diesem Hintergrund bekannte wie unbekannte Schlüsselfiguren von Bedeutung (2)? Was wurde aus den Gruppen und Aktivisten nach 1989 (3)? Und abschließend: Was ist der Ertrag dieses Ansatzes für die erinnerungskulturelle Rückschau wie für den Ausblick auf die aktuellen Herausforderungen von Protestbewegungen (4)?


Fußnoten

1.
Für einen Überblick über die friedensethischen Grundsatzdebatten der letzten Jahre vgl. Michael Haspel, Friedensethik und Humanitäre Intervention, Neukirchen-Vluyn 2002.
2.
Der Begriff "Friedensbewegung" wird hier als Selbst- und Sammelbezeichnung der im Umfeld der evang. Kirche entstandenen Friedensgruppen verwendet. Damit geht keine theoretische Festlegung auf die Charakterisierung der Gruppen als "Neue Soziale Bewegung" einher, wie sie in den 1990er-Jahren diskutiert wurde. Stattdessen schließe ich mich einem weniger engen theoretischen Verständnis sozialer Bewegungen an, das deren Besonderheit darin sieht, dass sie par excellence eine Form unwahrscheinlicher Ordnungsbildung sind: vgl. dazu Andreas Pettenkofer, Radikaler Protest. Zur soziologischen Theorie politischer Bewegungen, Frankfurt a. M./New York 2010. – Für einen Überblick über die Geschichte der Friedensbewegung in der DDR vgl. Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989, Berlin 1997, u. Detlef Pollack, Zwischen Ost und West, zwischen Staat und Kirche: Die Friedensgruppen in der DDR, in: Philipp Gassert u.a. (Hg.), Zweiter Kalter Krieg und Friedensbewegung, München 2011, S. 269–282. Daneben sind in den letzten Jahren zahlreiche Fallstudien zu einzelnen Gruppen oder Orten entstanden.
3.
Vgl. ausführlicher Alexander Leistner, Sozialfiguren des Protests und deren Bedeutung für die Entstehung und Stabilisierung sozialer Bewegungen: Das Beispiel der unabhängigen DDR-Friedensbewegung, in: Forum Qualitative Sozialforschung, 2/2011, http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/1682/3207 [14.11.2011].

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