Beleuchteter Reichstag

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6.1.2012 | Von:
Michael Westdickenberg

Das Loch in der Mauer

Ein Werkstattbericht über den innerdeutschen Literaturaustausch

Einige Themen der ersten Tagung wurden aufgegriffen und weitergeführt. Beispielsweise von Patricia F. Zeckert (Leipzig), die über die Folgen des Mauerbaus für die Leipziger Buchmesse referierte. Schon in den vorausgegangenen Jahren hatten die schwierigen politischen Rahmenbedingungen, wie die Kündigung des Berliner Abkommens über den innerdeutschen Handel durch Bonn im September 1960, dazu geführt, dass der seit Mitte der 1950er-Jahre grundsätzliche Anstieg westdeutscher Aussteller wieder rückläufig wurde. Nach dem Mauerbau folgte nur deshalb kein offizieller Boykottaufruf durch die Bundesregierung, weil im Zuge des erneuerten Handelsabkommens mit der DDR der Zugang zu West-Berlin nicht gefährdet werden sollte. Das übernahmen die Wirtschaftsverbände, allen voran der Bund der Deutschen Industrie (BDI). Auf der zwei Wochen nach dem Mauerbau stattfindenden Leipziger Herbstmesse verzeichnete die Verlagsbranche mit 80 Prozent weniger Ausstellern nach derjenigen der Nähmaschinen und Nadeln die zweithöchste Quote. Von 16 angemeldeten westdeutschen und West-Berliner Verlagen stellten nur drei aus. Die Hälfte der freigewordenen Fläche wurde geschlossen, auf der anderen Bücher aus DDR-Produktion ausgestellt. Insgesamt aber blieb die Gesamtzahl der Aussteller konstant, da die Beteiligung aus dem westlichen Ausland stieg. Hinzu kam, dass der Boykott nicht durchgängig war, weil Kommissionäre, die jeweils mehrere Verlage vertraten, trotzdem anwesend waren. Ein Ende des Rückzugs der westdeutschen Aussteller ist erst mit der Herbstmesse 1964 auszumachen.

Neben den politisch-ideologischen Differenzen waren die Verbindungen zwischen West und Ost dadurch belastet, dass einige Verlage meist schon in den späten 1940er-Jahren neben ihren Stammhäusern in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bzw. DDR Dependancen in der Bundesrepublik oder West-Berlin gründeten, wodurch es zu Konflikten über die Verfügungsgewalt, über Autorenrechte, Absatzgebiete und Honorarzahlungen kam. Anke Schüler (Leipzig) beleuchtete die Hintergründe der Trennung zwischen Reclam Leipzig und Reclam Stuttgart. Ernst Reclam hatte, um auch in den westlichen Besatzungszonen präsent zu sein, zusätzlich zum Stammhaus in Leipzig 1947 die Reclam Verlags GmbH Stuttgart als selbstständiges Unternehmen gegründet. Beide Verlage kooperierten zunächst miteinander, bis nach der Übersiedlung aller als Gesellschafter eingetragenen Mitglieder der Familie Reclam in die Bundesrepublik der Leipziger Verlag in Treuhandschaft überführt wurde. Die Reclams erkannten das nicht an und begannen, Maßnahmen wie ein Einfuhrverbot der Leipziger Bücher in die Bundesrepublik einzuleiten. 1953 wurden die Mitglieder der Familie Reclam durch die DDR enteignet, woraufhin die Kontakte zwischen Leipzig und Stuttgart fast völlig abbrachen. Carmen Laux (Leipzig) berichtete über den "Kampf" des Leipziger Reclam Verlages um seine vielfach nach Westdeutschland abgewanderten Autoren, als diese begannen, die Rechte an ihren Werken zurückzufordern. Die Publikationsmöglichkeiten des Verlages waren erheblich eingeschränkt, da er stark von Demontagen betroffen war – er verlor den größten Teil seiner technischen Anlagen –, von Papierknappheit und Zensurbeschränkungen. Unzufriedene Autoren, deren Werke nicht oder nicht erneut erscheinen durften oder denen Honorare nicht überwiesen worden waren, versuchte Reclam seit 1947 zu halten, indem er ihnen den Wechsel nach Stuttgart nahelegte. Bis 1953 wanderten mindestens 50 Autoren nach Stuttgart oder zu anderen westdeutschen Verlagen ab, wobei hier genauere Angaben wünschenswert gewesen wären. Ingrid Sonntag (Leipzig) präsentierte und kommentierte einige Fundstücke aus dem Archiv des Reclam Verlages Leipzig, die sie als Beleg dafür nahm, dass der Verleger und Cheflektor Hans Marquardt in den 1950er- und 60er-Jahren erfolgreich ein liberales wie ein linksbürgerliches Verlagsmodell kopiert und sich an der Klassischen Moderne orientiert habe. Als Vorbild dienten Marquardt dabei Reihen des Rowohlt Verlages (Hamburg, ab 1960 Reinbek), dessen Leiter Ernst Rowohlt auch in der DDR großes Ansehen genoss, wie die Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Leipzig im Jahr 1959 beweist. Die vor dem Mauerbau begonnene, von Reiner Kunze herausgegebene Lyrikanthologie "Mein Wort – ein weißer Vogel. Junge deutsche Lyrik" (Leipzig 1961) belegt dies ebenfalls und kann als gegen den Bitterfelder Weg gerichtet interpretiert werden. Der mit drei Beiträgen vergleichsweise starke Fokus des Kolloquiums auf dem Reclam Verlag war im Übrigen dadurch bedingt, dass dieser, heute in Ditzingen bei Stuttgart ansässig, das Leipziger Archiv dem dortigen Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft für Forschungszwecke zur Verfügung gestellt hat.

Das Verhältnis zwischen den Insel Verlagen in Leipzig und Wiesbaden bzw. Frankfurt am Main war bereits vor dem Bau der Mauer äußerst angespannt, wie Siegfried Lokatis (Leipzig) berichtete, der sich in seinem Vortrag mit den "Insel-Büchereien" beider Verlage beschäftigte. Im April 1960 war der Leipziger Verlagsleiter Richard Köhler in den Westen geflohen. Der folgende Selbstmord des Leipziger Vertriebschefs Franz Vogel ging nach Angabe Heinz Sarkowskis, der 1962 zum 50-jährigen Jubiläum der "Insel-Bücherei" eine Bibliografie erstellte, darauf zurück, dass er der Mitwisserschaft dieser Republikflucht verdächtigt wurde. Im Oktober 1960 erklärte sich die westdeutsche Zweigstelle zum Hauptsitz. In Leipzig war man, vor allem wegen der Frage der Rechte, nicht bereit, den daraus abgeleiteten Führungsanspruch anzuerkennen. Das Ministerium für Kultur vergrößerte seinen Einfluss auf den Verlag, indem ein Treuhänder als Leiter und neue Lektoren eingesetzt wurden. Mit dem Mauerbau verschlechterte sich das Verhältnis zwischen beiden Verlagen weiter, dem Westdeutschen Sarkowski wurde nun der Zutritt zum Leipziger Archiv verwehrt und die zuvor vereinbarte Übernahme eines Teils der in Frankfurt am Main gedruckten Auflage der Bibliografie abgelehnt. Die Beziehungen zwischen den beiden Häusern brachen aber nie ganz ab, und bis 1989 vereinbarten beide Verlage hin und wieder Mitdruckgeschäfte und die Übernahme einzelner Titel. Wie Lokatis mit anschaulichen Beispielen illustrierte, unterschieden die Ausgaben sich durch die Auswahl der Autoren und der Texte, durch die Gestaltung des charakteristischen Einbandes, durch die Preisbildung sowie die Zahl der herausgegebenen Titel erheblich voneinander.

Ein Verlag, der seit 1951 ebenfalls zweigleisig existierte, war der Carl Marhold Verlag in Halle (Saale) und Berlin (West), Gegenstand des Vortrages von Anna-Maria Seemann (Erlangen). Der Carl Marhold Verlag war ein naturwissenschaftlich-medizinisches Haus mit einem Schwerpunkt auf der Heilpädagogik und mit Herausgaben von Werken des Psychoanalytikers Carl Gustav (C. G.) Jung. Der Verlagsleiter Wolfgang Jäh begründete nach seinem Weggang aus Halle in einem Brief an die Belegschaft ausführlich, was ihn zu seinem Schritt bewogen hatte. Die meisten Autoren des Verlages befanden sich mittlerweile im Westen, was eine angemessene Honorarzahlung erheblich erschwerte. Jäh bemängelte die Zensur, außerdem war er nicht bereit, wie gefordert auf sein heilpädagogisches Programm zu verzichten. Nach der Neueröffnung des West-Berliner Verlages gab es zunächst eine Phase der loyalen Zusammenarbeit mit dem gegenseitigen Angebot von Lizenzen und Manuskripten sowie getrennten Vertriebsgebieten, was wohl auch dem Umstand geschuldet war, dass der Geschäftsführer des Verlages in Halle ein Schwager Jähs war. 1952 wurde dort ein neuer Treuhänder eingesetzt und Jähs Schwager als Geschäftsführer entlassen. Zwischen beiden Verlagen kam es nun zu Streitigkeiten über Verfügungsrechte und Absatzgebiete mit beiderseitigen Alleinvertretungsansprüchen. 1955 gipfelte der Konflikt in dem Versuch des inzwischen als VEB Carl-Marhold firmierenden Verlages, Marhold in Berlin das Führen des Namens und die Nutzung der alten Rechte zu untersagen. Im Rahmen von Profilierungen des Verlagswesens der DDR wurde der Verlag in Halle Ende 1959 aufgelöst und bildete den Grundstock für den neugegründeten Verlag für Grundstoffindustrie. Carl Marhold Berlin wurde in den 1980er-Jahren vom Verlag Volker Spiess übernommen.

Auch im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur wanderten Verlage nach Westdeutschland ab, wie das Beispiel des Berliner Franz Schneider Verlages zeigt. Der unterhielt seit 1947 zunächst in Augsburg, später in München, eine Zweigniederlassung, wie Matthias Sharichin (Leipzig) berichtete, dessen Thema die Kinder- und Jugendliteratur in der SBZ war. Die Forschung auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendliteratur hat sich bisher vorwiegend dem Zeitraum der DDR zugewandt, was unter anderem mit der schwierigen Quellenlage der vorausgegangenen Besatzungszeit erklärt werden kann. Der Neuaufbau des Verlagswesens war oftmals noch örtlichen Stellen überlassen, sodass das Leipziger "Börsenblatt" in diesem Zusammenhang von einem "chaotischen" Broschüren- und Traktatunwesen sprach. Eigentlich aber war mit der Lizenzierungspflicht des SMAD-Befehles Nr. 19 vom 20. August 1945 die Sowjetische Militäradministration in Deutschland die oberste Kontroll- und Genehmigungsbehörde, seit 1946 ergänzt durch den Kulturellen Beirat, der als Hilfsorgan eine Vorauswahl bei der Vergabe von Druckgenehmigungen traf.


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