Beleuchteter Reichstag

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6.1.2012 | Von:
Michael Westdickenberg

Das Loch in der Mauer

Ein Werkstattbericht über den innerdeutschen Literaturaustausch

Julia Frohn (Berlin) beschäftigte sich mit solchen deutsch-deutschen Literaturzeitschriften, die – wenn auch unterschiedlich motiviert – der Ost-West-Vermittlung dienen sollten. Die bekannteste war die von Alfred Kantorowicz herausgegebene Zeitschrift "Ost und West". Sie existierte nur von 1947 bis 1949, weil ihr Erscheinen beim ZK der SED nicht mehr erwünscht war. Allerdings hatten sich vorher schon westdeutsche Schriftsteller zurückgezogen, die befürchteten, als Autoren einer sowjetisch lizenzierten Zeitschrift in Misskredit zu geraten. Ein Rezensionsorgan – "Das Buch von Drüben" – mit deutsch-deutschen Herausgebern und Rezensenten, dessen prominentester Johannes Bobrowski war, schien auf Ost-West-Vermittlung ausgerichtet zu sein, trug aber, so das zuständige Referat beim Ministerium für Kultur, lediglich aus taktischen Gründen gesamtdeutschen Charakter, um im Westen einen Bedarf an DDR-Literatur auszulösen, was nicht gelang. Weitere, im Umfeld des Kiepenheuer Verlages, des Verlages der Nation und des Schriftstellerverbandes der DDR geplante Zeitschriften kamen über den Projektstatus nicht hinaus.

Eine ungewöhnliche Editionsgeschichte stellte Franziska Galek (Leipzig) vor – in unüblicher Form, als Drama in fünf Akten: die des im Henschelverlag erschienenen Buches "Der deutsche Volkstanz" von Herbert Oetke. Ungewöhnlich vor allem deshalb, weil Oetke nach einigen Jahren Aufenthaltes in der DDR in seine Heimat Hamburg zurückgekehrt war und nun als westdeutscher Autor ein Buch in einem DDR-Verlag veröffentlichen wollte, nachdem die vorher kontaktierten westdeutschen Verlage kein Interesse an einer Publikation des umfangreichen Manuskriptes gezeigt hatten. Oetke musste sich insgesamt 17 Jahre lang gedulden, bis sein Buch 1983 endlich erschien. Dass es vorher zu Missverständnissen gekommen war, deren Folgen die Zufriedenheit aller Beteiligten nach der Publikation erheblich trübten, ist wohl auch der erschwerten Kommunikation über die deutsch-deutsche Grenze hinweg anzulasten.

Außergewöhnlich war auch die "Orientalische Bibliothek", über die Antonia Ritter (Leipzig) vortrug. Die Reihe erschien zwischen 1985 und 1991 in Kooperation zwischen dem C. H. Beck Verlag (München) in der BRD sowie der Verlagsgruppe Kiepenheuer (Leipzig) und dem Verlag Volk und Welt (Ost-Berlin) in der DDR. In dieser Zeit entstanden 25 Bände, darunter wichtige Romane und Erzählungen verschiedener Epochen aus der Mongolei, aus China und Syrien, Titel von Nagib Machfus und Rabindranath Tagore. Ritter stellte fest, dass sich eine Herausgabe für beide Seiten nur durch die Zusammenarbeit lohnte und es diese Reihe wie auch die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" andernfalls nicht gegeben hätte. Beck reduzierte sein Absatzrisiko durch die Produktion in der DDR und die zusammengenommen höhere Auflage. Von 15.000 Exemplaren gingen bis zu 3.000 an den westdeutschen Verlag. Für die Verlage in der DDR und ihre anleitenden Stellen war die Aussicht auf den Export und damit die Einnahme von Devisen der wichtigste Grund für die Kooperation. Interessanterweise verkauften sich beide Reihen in Ost und West unterschiedlich gut: Der Absatz der "Orientalischen Bibliothek", die ja schon von der Konzeption her ein "Loch in der Mauer" darstellte, war in der DDR besser, wohingegen die "Bibliothek des 18. Jahrhunderts" für den Münchener Verlag der größere kommerzielle Erfolg war.

Die Beobachtung des westdeutschen Verlagswesens durch das Ministerium für Staatssicherheit am Beispiel des Suhrkamp Verlages (Frankfurt am Main) war das Thema von Berthold Petzinna (Berlin). Das Ministerium sah die Geschäftskontakte des Verlages zu DDR-Autoren als Teil einer ideologischen Unterwanderung an, hinter der es verschwörungstheoretisch die Bonner Regierung vermutete. Eine regierungskritische Position des Verlagsleiters Siegfried Unseld wurde als Manöver angesehen, um in der DDR bei Verlagen und Autoren den nötigen Anklang zu finden und um bei staatlichen Organen kein Misstrauen hervorzurufen. Hintergrund dessen ist der Umstand, dass westdeutsche Verlage sich vor allem für solche Autoren interessierten, die der Kulturpolitik der DDR kritisch gegenüberstanden. Insofern galt die größere Aufmerksamkeit des MfS paradoxerweise nicht politisch konservativen Verlagen, sondern liberalen bis linksliberalen Verlagen galt. Maßgeblichen Einfluss auf den Kurs Suhrkamps unterstellte man dem Cheflektor Walter Boehlich und der Gruppe 47, vornehmlich Hans Magnus Enzensberger. Die Lektorin Elisabeth Borchers wurde als Vertreterin der "gegnerischen Kontaktpolitik und der politisch-ideologischen Diversionstätigkeit" (PID) gegenüber Schriftstellern und Verlagsmitarbeitern der DDR ausgemacht. Spielte man daher auch mal mit dem Gedanken, den Kontakt zu Suhrkamp einzustellen, so war dies aus ökonomischen Gründen jedoch nicht angeraten. Denn Suhrkamp besaß die Rechte zahlreicher namhafter Schriftsteller der westlichen Welt und die Weltrechte für die Werke Bertolt Brechts.

Kerstin Schmidt (Leipzig) widmete sich den Literaturkritiken von Kurt Batt aus den 1960er- und 70er-Jahren. Batt, der in Leipzig bei Hans Mayer studiert und über niederdeutsche Literatur promoviert hatte, war seit 1959 Lektor und von 1961 bis 1975 Cheflektor des Rostocker Hinstorff Verlages. Er veröffentlichte außerdem literaturwissenschaftliche Arbeiten zum Expressionismus, zur Literatur der Bundesrepublik, Österreichs und der Schweiz sowie zahlreiche Kritiken unter anderem zu Werken von Günter Grass oder Peter Handke wie zu in der DDR erschienener Literatur. Seine Rezensionen zeichneten sich dadurch aus, dass sie an literaturwissenschaftlichen Beurteilungskriterien und nicht an politischen Zweckmäßigkeiten ausgerichtet waren. Mit seiner Haltung machte er den Hinstorff Verlag vor allem für damals junge Autoren wie Jurek Becker und Klaus Schlesinger interessant, sie brachte ihm aber auch zunehmend Schwierigkeiten durch die SED-Bezirksleitung Rostock ein.

Eyk Henze (Leipzig) beschäftigte sich mit der Lyrikreihe "Antwortet uns!" beim Verlag Volk und Welt, die als Prototyp dieses Genres in der DDR gilt und damit als Vorläufer der bekannteren Reihe "Poesiealbum" des Verlags Neues Leben. Der durch den Titel erkennbar appellative Charakter der Reihe wurde dadurch unterstrichen, dass auf dem hinteren Umschlag eine Postkarte abgebildet war, mittels derer man eine Rückmeldung an den Verlag schicken konnte. Absatzprobleme zu Anfang der 1960er-Jahre führten zur Einstellung der Reihe. Der Schriftsteller Gerhard Zwerenz hatte nach seiner Flucht aus der DDR 1958 Titel und Erscheinungsbild der Reihe übernommen, um mit Hilfe des Ostbüros der SPD eigene Gedichte mit dem Titel "Galgenlieder vom Heute" unauffällig in die DDR schleusen zu können.

Uwe Sonnenberg (Potsdam) trug über den linken Buchhandel in der BRD in den 1970er-Jahren vor und warf die Frage auf, welche Bedeutung die DDR für diesen und umgekehrt, welche Bedeutung dieser für die DDR hatte. Mit "linkem Buchhandel" war nicht die DDR-nahe, von der DKP kontrollierte "Arbeitsgemeinschaft sozialistischer und demokratischer Buchhändler und Verleger" gemeint, welche Sonnenberg unter den Begriff "Parteibuchhandel" fasste, sondern die 150–200 Buchläden, Verlage und Vertriebe, die sich seit 1970 im "Verband des linken Buchhandels" (VLB) organisierten. Nach der Abspaltung der maoistischen, parteifixierten K-Gruppen 1972/73 entwickelte der VLB sich zu einem bundesweiten Netzwerk des undogmatischen Teils der Linken, der den rebellischen Geist der Studentenbewegung tradierte und später Bestandteil der Alternativbewegung wurde. Politische Literatur aus der DDR blieb – mit Ausnahme einiger Bände der Werke von Marx und Engels, die zeitweise sogar vergriffen waren – in der Bedeutung für den linken Buchhandel marginal. Anders sah es bei der Belletristik aus, wo vor allem der Rotbuch und der Wagenbach Verlag Werke von Wolf Biermann, Thomas Brasch oder Heiner Müller herausbrachten. In linken westdeutschen Verlagen publizierte Literatur spielte umgekehrt eine wichtige Rolle für oppositionelle Gruppen in der DDR. In einer Bibliothek aus diesem Kontext, die Anfang der 1990er-Jahre der Robert-Havemann-Gesellschaft übergeben wurde, stammte nach Sonnenberg mehr als ein Drittel der Titel aus der Produktion des westdeutschen linken Buchhandels.

Zusammengenommen belegt die Mehrheit der Beiträge, wie schwierig es angesichts der unterschiedlichen politisch-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen war, Kontakte über die Mauer aufrechtzuerhalten und unverzerrte Sichtweisen auf die jeweils andere Seite zu generieren. Das Schicksal von Alfred Kantorowicz' Zeitschrift "Ost und West" mag dafür beispielhaft sein. Andererseits zeigen der Autorenkreis um Bernd Jentzsch und Günter Grass oder die Kontakte Friedrich Christian Delius' als Redakteur und Lektor, dass es mehr "Löcher in der Mauer" gab, als angenommen. Manche Projekte, wie die "Orientalische Bibliothek", wurden nur durch eine Kooperation auf offizieller Ebene realisiert, andere wiederum gerade durch ein Unterlaufen einer solchen Kooperation, wie die Veröffentlichung von in der DDR unerwünschten Texten in der Bundesrepublik.



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