Beleuchteter Reichstag

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15.12.2011 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Retrospektiven auf die Friedliche Revolution

Englisches Tagebuch

© BasisDruck, Berlin.Englisches Tagebuch 1988 (© BasisDruck Verlag )
Ein typisches Beispiel: Bärbel Bohleys "Englisches Tagebuch 1988", dessen Manuskript die Berliner Bürgerrechtlerin und Pazifistin im Gepäck hatte, als sie aus ihrem Zwangsasyl in London heimkehrte nach Ost-Berlin. Sie konnte es vor dem Zugriff der Geheimpolizei bewahren. Die erste Eintragung datiert vom 13. Februar, die letzte vom 3. August 1988. Sieben Monate später hatte sie ihre handschriftlichen Aufzeichnungen mit der Schreibmaschine übertragen und durch andere Zeitdokumente sowie durch ein Nachwort ergänzt. Irena Kukutz, eine ihrer politischen Weggefährtinnen, hat sie gemeinsam mit Klaus Wolfram mit empathischer Sorgfalt bearbeitet und posthum publiziert.

Entstanden ist eine in politischer wie persönlicher Beziehung aufschlussreiche Edition, die Auskünfte über Bärbel Bohley erteilt, über ihr Denken und Fühlen, über ihren klaren analytischen Verstand und ihre regimekritische Sensibilität, über ihren Freundeskreis und ihre Netzwerke im bürgerrechtlichen Milieu, speziell auch über die traumatische Erfahrung ihrer Untersuchungshaft im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, und zwar schon 1983, als sie im Dezember zusammen mit Ulrike Poppe von der Initiativgruppe "Frauen für den Frieden" wegen Verdachts auf landesverräterische Nachrichtenübermittlung das erste Mal für sechs Wochen inhaftiert war.

Nachdem Bohley 1988 erneut festgenommen worden war, acht Tage nach der legendären Aktion während der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am 17. Januar, wurde sie den Machthabern als Gefangene erst recht politisch unbequem. Sie zeigte sich unbeugsam. Schließlich wurde sie, wie ihrem Tagebuch zu entnehmen ist, unter Mitwirkung ihrer Anwälte Gregor Gysi und Wolfgang Schnur zur Ausreise aus der DDR genötigt – gemeinsam mit ihrem Sohn Anselm. Zögernd willigte sie ein, auf Drängen auch kirchlicher Kreise um Manfred Stolpe, und präsentierte allerdings unbeirrbar ihre Bedingung: Beibehaltung der DDR-Staatsbürgerschaft und Rückkehr spätestens nach sechs Monaten. Und tatsächlich: Partei und MfS akzeptierten: "Ich habe die Macht des totalitären Systems auf absurde Weise erfahren", notiert sie über ihre temporäre Abschiebung hernach. Ihre Erklärung: "Man ist nicht mehr an einem Prozess interessiert, es darf in der DDR keinen politischen Häftling geben."

Deutlich wird die Verunsicherung der Herrschenden im Umgang mit der Opposition. Deutlich werden der Mut und die Entschlossenheit, mit denen Bärbel Bohley auf ihrer Position beharrt. Man versteht, warum diese zierliche, selbstbewusste, Energie geladene Frau zu einer Leitfigur des demokratischen Aufbegehrens in der DDR werden konnte, zur Ikone der Friedlichen Revolution.

Obwohl die Aufzeichnungen Bohleys nur einen begrenzten Zeitraum umspannen – eben den Aufenthalt in der Bundesrepublik und in England –, steuern sie viele Details bei zur Geschichte und zum Bild der DDR-Bürgerrechtsbewegung und ihrer Protagonisten. Ein akribisch erarbeitetes Personenregister liest sich wie ein "Wer war wer?" des Umbruchs im 89er Herbst. Interessant auch, was Bärbel Bohley über ihre Kontakte seinerzeit zu den bundesdeutschen Grünen notiert, speziell zu ihrer Freundschaft mit Petra Kelly, ferner zum Entstehen und zu den Anfängen des Neuen Forums. Und vieles andere mehr. Kritisch äußert sie sich nicht nur über den Staat der SED, auch der Westen irritiert sie. "Die westliche Welt ist sexistisch", schreibt sie in ihr Tagebuch. "Wenn auch von Frauenemanzipation in der DDR noch nicht zu sprechen ist, so ist doch ein anderer Ansatz da. In einer Welt, die sexistisch ist, kann es eigentlich für die Frauen keinen guten Platz geben. So wie es in einer Gesellschaft, die auf Unterdrückung aus ist, keinen Sozialismus geben kann." Auch ihre Illusionen und Irrtümer räumt sie rückhaltlos ein. 1962 habe sie noch die Mauer hingenommen und geglaubt, "dass hinter diesen Steinen jetzt das Leben aufgebaut werden könne, von dem ich damals geträumt habe. Der 'wirkliche' Sozialismus." Es sind nicht zuletzt solche Anmerkungen, die viel verraten über Einstellung und Befindlichkeit der allzu früh Verstorbenen. Ihr Tagebuch ist zeithistorische Quelle und persönliche Erinnerung von bleibendem Aussagewert.



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