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12.1.2012 | Von:
Rüdiger Thomas

Zwei Kultur-Profile im Selbstporträt

Mit den Autobiografien von Hermann Glaser und Dietmar Keller liegen die Selbstzeugnisse von zwei Personen vor, die zwar beide im Kulturmilieu fest verankert sind, die aber unterschiedlicher – (un-)angepasst – kaum sein könnten. Dennoch wird hier der Versuch eines Vergleichs unternommen.

Hermann Glaser: "Ach!". Leben und Wirken eines Kulturbürgers (Texte zur Kulturpolitik; 27), Essen: Klartext 2011, 326 S., € 19,80, ISBN: 9783837504729.

Dietmar Keller: In den Mühlen der Ebene. Unzeitgemäße Erinnerungen, Berlin: Karl Dietz 2011, 255 S., € 24,90, ISBN: 9783320022709.



© Klartext, Essen."Ach!". Leben und Wirken eines Kulturbürgers (© Klartext )
Zwei Autobiografien von Personen, im Kulturmilieu fest verankert, sind vor wenigen Monaten fast gleichzeitig erschienen. Kann man Hermann Glaser und Dietmar Keller vergleichen? Eine merkwürdige Frage, eine abwegige Idee – so scheint es auf den ersten Blick. Die Personenregister ihrer Bücher signalisieren, dass beide sich fremd geblieben, nicht erwähnenswert begegnet sind. Und offensichtlich wiegen die Unterschiede schwer, die beide Personen voneinander trennen. Es ist vor allem die deutsche Teilungsgeschichte, der Antagonismus der Systeme, der ihre Biografien bestimmt, ihr kulturpolitisches Engagement beeinflusst und ihre kulturellen Interessen geprägt hat. Zudem hat Glaser sich anders als Keller mit einer kaum überschaubaren Zahl wichtiger Bücher zu historischen und aktuellen Themen als Schriftsteller profiliert, schließlich ist die Differenz an Lebenserfahrungen zu beachten, die sich nicht nur im Altersabstand ausdrückt. Und doch erweist sich nach Lektüre der beiden Bücher ein solcher Vergleich als reizvoll, weil er nicht nur die Protagonisten in ihrer Besonderheit deutlicher konturiert, sondern auch paradigmatisch erkennen lässt, wie sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im getrennten Deutschland auf individuelle Lebenswege in den beiden deutschen Staaten grundlegend ausgewirkt haben. So gibt die Parallellektüre der beiden Autobiografien gleichzeitig kontrastierende Einblicke in Kulturmilieus und Kulturklima im Osten und Westen Deutschlands über einen Zeitraum, der mehr als ein halbes Jahrhundert umschließt.

In den Mühlen der EbeneIn den Mühlen der Ebene (© Karl Dietz Verlag)
Hermann Glaser, Jahrgang 1928, entstammt einem bildungsbürgerlichen Milieu. Sein Vater war Gymnasiallehrer, der seine kritische Distanz gegenüber dem NS-Regime nicht verhehlte. Lessings "Ringparabel" war sein Exempel gegen Fanatismus und Intoleranz. "Vaters Bücherschrank" enthielt "fast alle wesentlichen Dichter von der Aufklärung bis zum Naturalismus", vornehmlich in Gesamtausgaben (22). Die Pogromnacht vom 9. November 1938 beschreibt Glaser als sein "tiefgreifendstes und aufwühlendstes" Kindheitserlebnis: "Es hat mein Bewusstsein zutiefst bestimmt." (21)

Dietmar Keller "wurde in einem kleinbürgerlich-proletarischen, etwas bildungsfernen Elternhaus groß" (14). Der bei Kriegsende heimkehrende Vater (Mechaniker von Beruf) macht zunächst bei der nahe Chemnitz gelegenen Wismut, SED-Mitglied und Gewerkschaftsfunktionär geworden, als Leiter eines Erholungsheims eine bescheidene Karriere, wechselt 1952 zur Transportpolizei, wo er schon bald wegen "Fehlverhaltens" um den 17. Juni 1953 aus der Partei ausgeschlossen und fristlos entlassen wird, danach findet er seinen Lebensunterhalt resigniert in einem Betonwerk. "Ein schneller Aufstieg und Fall eines Arbeiters, der an einen demokratischen Aufbruch geglaubt und sich in den Stricken seiner eigenen Karriere verfangen hatte. Davon erholte er sich bis zu seinem Tode nicht." (11) Keller erlebte seine Kindheit und Jugend nicht nur politisch widerspruchsvoll, sondern auch im Hinblick auf seine prägenden Sozialisationseinflüsse. Er war Junger Pionier, schon mit neun Jahren begeisterter Teilnehmer am Pioniertreffen in Dresden und im folgenden Jahr beim Zentralen Pioniertreffen in Berlin, gleichzeitig absolvierte er den protestantischen Religionsunterricht und wurde 1956 neben der Teilnahme an der Jugendweihe auch konfirmiert.

Nach seinem Abitur erlebt Hermann Glaser die "Zeitschrifteneuphorie" (Hartmut Goertz) der frühen Nachkriegsjahre als leidenschaftlicher Leser. In dieser Zeit liegt die Wurzel für seine spätere Karriere als Schriftsteller. 1948 beginnt Glaser sein Studium in Erlangen, das er 1952 mit einer Dissertation "Hamlet in der deutschen Literatur" und dem Staatsexamen abschließt. Während des Studiums begegnet er unter anderem Hans Magnus Enzensberger (den er etwas mokant porträtiert) und Walter Höllerer. Er lernt auch den damaligen Germanistik-Assistenten Hans Schwerte kennen, dessen Vergangenheit als ehemaliger SS-Hauptsturmführer 1996 offenbar wird, als dieser längst zum renommierten Professor an der TU Aachen reüssiert war. (Glaser dokumentiert einen in diesem Zusammenhang geführten Briefwechsel, der seine Irritation belegt.) Während des Studiums kann Glaser für zwei Semester an die Universität in Bristol wechseln – seine erste Auslandserfahrung, die ihn mit dem englischen Team teaching vertraut werden lässt. Nach Abschluss des Studiums wird Glaser 1953 zehn Jahre lang ein begeisterter und kreativer Gymnasiallehrer, zunächst in Coburg, nach einem Jahr wieder in seiner Heimatstadt Nürnberg, die bis heute sein Lebensmittelpunkt geblieben ist. Schon nach zwei Jahren wird er von einem älteren Kollegen als Schulbuchautor gewonnen und kann zunächst mit diesem gemeinsam verschiedene Lehrmaterialien für den Literaturunterricht publizieren. 1956 gelingt ihm bei Ullstein auch ein erster Sachbuch-Erfolg. Die "Kleine Geschichte der modernen Weltliteratur in Problemkreisen" erreicht neun Auflagen. Glasers schriftstellerische Produktivität und Themenvielfalt ist staunenswert. Seine Bibliografie umfasst insgesamt fast 40 Buchseiten.

Wie Glaser seine Funktion als Autor versteht, wird in einer Entgegnung auf eine Kritik von Arnulf Conradi deutlich, der seit 1983 Cheflektor im S. Fischer Verlag geworden war und ihn als "Kompilator" charakterisiert hatte. Dem setzt er den Begriff des "Kombinators" entgegen: "Meine Leistung sehe ich darin, dass ich zu den verschiedensten Themen, nicht ohne Originalität bei Auswahl und Schwerpunktbildung, durch große Stoffmassen Schneisen schlug, um allgemein interessierte Leserinnen und Leser mit Überblickswissen (...) zu versehen." (89)

Während Glaser 1958 bereits ein höchst erfolgreicher Gymnasiallehrer und Schulbuchautor ist, absolviert Dietmar Keller seine beiden letzten Schuljahre an der Chemnitzer (nun schon Karl-Marx-Städter) Friedrich-Engels-Oberschule. Sein besonderes Interesse für Literatur stellt er mit einer Einladung an Stefan Heym unter Beweis, der – obwohl politisch beargwöhnt – mit großer Resonanz seine ehemalige Schule besucht. Erste journalistische Erfolge gelingen Keller bereits mit 17 Jahren jedoch als Sportreporter, der regelmäßig über die Spiele der einheimischen Oberligamannschaft SC Motor Karl-Marx-Stadt berichten darf. Er beabsichtigt, nach dem Abitur ein Journalistikstudium zu beginnen, um Sportreporter zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, verpflichtet er sich im September 1960 (noch vor Einführung der Wehrpflicht in der DDR) für 18 Monate zur NVA. "Ich wollte unbeirrt und konsequent meinen eigenen Weg gehen, mir meine erträumte Karriere nicht gefährden oder gar verbauen." (27). Als ihm entgegen ursprünglicher Zusagen das Journalistikstudium verwehrt bleibt, beginnt er 1962 ein Studium an der Leipziger Karl-Marx-Universität: "Fakultät-Phil., Fachrichtung-Hist., Berufsziel-Lehrer für Marxismus-Leninismus." (35) Ein Berufsziel, dass ihn, ohne dass dies so angestrebt war, in unmittelbare Nähe zur Politik bringt, vor der ihn sein enttäuschter Vater 1970 als einer "Hure" (46) gewarnt hatte. Über das Ansehen seiner eher oktroyierten Studienwahl macht sich Keller keine Illusionen: "Die Studenten anderer Fachrichtungen bestaunten und belächelten uns, wir hatten vom ersten Tag unseres Studiums unseren Stempel als Funktionärsgruppe weg." (35) Erst 1963 wird Keller SED-Mitglied. Der Freimut, mit dem er auf die Leipziger Studienjahre zurückblickt, wird in dieser Formulierung besonders deutlich: "Zwei meiner Kollegen waren (...) im Gespräch mit dem Ministerium für Staatssicherheit, sie redeten hinter vorgehaltener Hand über traumhafte finanzielle Bedingungen. Ich kam für diese Institution nicht in Frage (...) Gott sei Dank oder schade, ich kann diese Frage heute nicht mehr genau beantworten." (39) Auch später wird Keller diesem Thema wenig Gewicht beimessen, wie seine Beurteilung der Stasi-Kontakte des Leipziger Reclam-Verlegers Hans Marquardt zeigt (92–95). Kellers Studium vollzieht sich zeitweise unter schwierigen persönlichen Umständen, da er wegen einer schweren Erkrankung seiner Frau die noch sehr kleine Tochter zu sich nach Leipzig nimmt. Seine Studienerfolge sind trotz dieser Belastung bemerkenswert. Keller wird nach einer Beschäftigung als Hilfsassistent ab November 1965 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte, als Perspektive wird ihm eine Beschäftigung am Lehrstuhl "Geschichte der DDR" in Aussicht gestellt. Solche Erfahrungen stiften Loyalitäten: "Ich, ein wenig vorgebildetes Arbeiterkind, aber fleißig, ehrgeizig und mit einem unbändigen Willen ausgestattet, sollte Wissenschaftler werden, verständlich, dass ich auch ein wenig verrückt vor Freude war." (40)

Für Hermann Glasers Lebensweg bildet das Jahr 1964 die wichtigste Zäsur. Mit Wirkung vom 1. Mai 1964 wird er, kurze Zeit zuvor unter dem Einfluss Waldemar von Knoeringens SPD-Mitglied geworden, zum Schul- und Kulturdezernenten der Stadt Nürnberg gewählt, und dieses Amt wird er bis zu seiner Pensionierung 1990 behalten. Damit beginnt eine beispiellose Karriere, in der Glaser unter dem von ihm geprägten Begriff der "Soziokultur" neue kulturpolitische Ideen entwickelt und praktische Wege zu ihrer Verwirklichung beschreitet, die als "Neue Kulturpolitik" exemplarische Bedeutung erlangt haben. Dabei ist besonders bemerkenswert, wie es Glaser immer wieder gelingt, seine Aktivitäten als Buchautor mit seinen innovativen Projekten als Kulturpolitiker zu verbinden. Eines seiner wichtigsten Bücher "Spießer-Ideologie", ein erhellender Beitrag zur deutschen Mentalitätsgeschichte, steht zeitgleich zum Anfang seiner Tätigkeit als Nürnberger Kulturdezernent, in deren Rahmen er 1965 den intellektuellen Diskurs der Nürnberger Gespräche ins Leben ruft. Diese finden in der historisch kontaminierten Stadt der Reichsparteitage unter dem Eindruck des Eichmann-Prozesses in Israel und der Frankfurter Auschwitz-Prozesse statt und nehmen ihren Ausgangspunkt in einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, an der unter anderem Fritz Stern und Fritz Bauer mitwirken. "Kulturpolitik sollte sich nämlich nicht länger auf die Pflege und Förderung von Kunst beschränken, sondern aktiv Einfluß auf die gesellschaftliche Entwicklung nehmen mit dem Ziel der Demokratisierung." (157) Nachdem die Nürnberger Gespräche 1969 im Klima der Achtundsechziger ihr Ende finden, widmet sich Glaser in den 1970er-Jahren der theoretischen, organisatorischen und praktischen Ausgestaltung seines Konzepts von "Soziokultur", das er 1974 in einem gemeinsam mit dem Kommunikationswissenschaftler Karl Heinz Stahl (einem seiner ehemaligen Gymnasialschüler) geschriebenen Buch "Die Wiedergewinnung des Ästhetischen. Perspektiven und Modelle einer neuen Soziokultur" entwickelt. Im Mittelpunkt dieses Konzepts steht das Ziel, "Kultur als Bürgerrecht" zu konkretisieren, allen Menschen eine Teilhabe an der Kultur zu ermöglichen. Im unmittelbaren lokalen Umfeld sollen vielfältige Beteiligungsangebote auf der Grundlage von Ressourcenbereitstellung und Eigeninitiative gemacht werden.

Praktischer Ausdruck dieser neuen Soziokultur ist der "Kulturladen" (ein Name, der Schwellenängste gar nicht erst aufkommen lassen soll): "Der Kulturladen ist stadtteil- beziehungsweise distriktbezogen einzurichten: als Kommunikationsort und Informationsstätte. (...) Ein solches kulturtopographisches Konzept hat einen wichtigen Stadtentwicklungsaspekt. Punktsanierung bedeutet nicht nur, Gebäude von ihrer Bausubstanz her aufzuwerten, sondern sie auch zu Zentren kultureller Aktivitäten zu machen, um über solche Aktivität das ganze Gebiet zu 'veredeln'" (120). Überregional bekannt ist vor allem das "KOMM" geworden. 1973 als jugendliches Kommunikationszentrum auf der Basis von Selbstverwaltung entstanden, hat es für 40 Gruppen die unterschiedlichsten Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Von der Stadt mit erheblichen Finanzmitteln getragen, besuchten das "KOMM" wöchentlich bis zu 3.000 Jugendliche im Alter von 18 bis 22 Jahren. Dieses Experiment war erfolgreich und mutig, aber nicht risikolos. Im März 1981 kam es zu einem Eklat, der bundesweit Aufsehen erregte. Bei einer Demonstration in der Innenstadt, die sich nach einem Film über niederländische Hausbesetzer spontan formiert hatte, wurden verschiedene, relativ geringfügige Sachbeschädigungen verübt. Die rigoros einschreitende Polizei verhaftete danach 172 Jugendliche und fünf Erwachsene, gegen 141 Personen wurden anschließend Haftbefehle erlassen. "Etwa ein Jahr nach der Massenverhaftung wurde das Verfahren eingestellt, einige Zeit später den Festgenommenen Schadenersatz zuerkannt." (124)

So hat Glaser auch die wenigen Konflikte, die der experimentierfreudige Kulturdezernent aushalten musste, schließlich für sich entscheiden können, ohne dem Druck seiner konservativen Kritiker zu weichen. Seit Mitte der 1970er-Jahre nahm der überregionale Einfluss Glasers zu. Von 1975 bis 1990 übernahm er den Vorsitz des Kultur-Ausschusses im Deutschen Städtetag, im folgenden Jahr war er einer der Mitgründer der Kulturpolitischen Gesellschaft, die bis heute ein wichtiger Promoter der Soziokultur geworden ist. Alltags- und Industriekultur wurden zu Handlungsschwerpunkten Glasers in den 1980er-Jahren. 1980 initiierte er als Herausgeber eine Publikationsreihe "Industriekultur deutscher Städte und Regionen" im Münchner Beck-Verlag, im folgenden Jahr erschien seine Monografie "Maschinenwelt und Alltagsleben. Industriekultur in Deutschland vom Biedermeier bis zur Weimarer Republik". Das 1981 entstandene Centrum Industriekultur, aus dem 1988 das Museum für Industriekultur hervorgegangen ist, konnte mit vielbeachteten Ausstellungen diese Erweiterung des Kulturbegriffs eindrucksvoll untermauern. "Die neuen Wege der ästhetischen Aufbereitung der Alltagskultur sollten also nicht nur die Themen und Gegenstände des 'Musealen' erweitern, sondern waren zugleich als theoretischer und praktischer Beitrag zur Kunsttheorie gedacht." (151) 1989 erschien im Hanser-Verlag Glasers Opus magnum, seine "Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland 1945-1989" in drei Bänden, in dem er sich auch als Autor überzeugend in Szene setzte.
So konsequent und fokussiert sich der Berufsweg Hermann Glasers als Schriftsteller, als kreativer Vordenker einer neuen Kulturpolitik, als lokaler Kulturpolitiker mit überregionaler Bedeutung und Wirkung darstellt, so verschlungen und unvorhersehbar gestaltet sich im gleichen Zeitraum die Entwicklung Dietmar Kellers im kulturpolitischen Aktionsfeld der DDR. Keller schließt Anfang 1966 sein Studium mit einer Diplomarbeit zur Geschichte der Leuna-Werke in der Nachkriegszeit ab, wird anschließend Wissenschaftlicher Assistent und nach seiner Promotion im Frühjahr 1969 (Thema der Dissertation: "Die Herausbildung der sozialistischen Demokratie im Bereich der materiellen Produktion der volkseigenen Industrie von Mitte 1948 bis Mitte 1952") Wissenschaftlicher Oberassistent. Das Thema seiner Dissertation lässt zwar eine enge Verbindung zur Politik erkennen, doch strebt Keller weiterhin eine wissenschaftliche Karriere an. Ein Habilitationsplan soll der Geschichte der Leipziger Universität nach 1945 gewidmet sein. (Die Habilitation erfolgt schließlich in seiner neuen kulturpolitischen Funktion im Spätsommer 1977 unter dem Titel "Karl-Marx-Universität 1945 bis 1976. Ein historischer Abriss".)

Die letzten Jahre im Wissenschaftsmilieu der Leipziger Universität zeigen Keller als eine Persönlichkeit, die sich in heiklen politischen Fragen vorsichtig zurückhält. Ambivalent ist seine Haltung zur Sprengung der Leipziger Universitätskirche ("ich hatte schon begriffen, für jede politische Entscheidung gibt es Fürsprache und Widerspruch"), aber auch zum Ende des Prager Frühlings: "Auf der einen Seite sympathisierte ich mit den Reformern in Prag, (...) auf der anderen Seite war ich zu feige, den Einmarsch der Truppen des Warschauer Vertrages zu verurteilen. Ich schwankte, wie viele Hochschullehrer, die viel älter und lebenserfahrener als ich waren (...) Wenn ich in diesen Jahren am Verlauf unseres Weges zweifelte, geschah das meist auf kleiner Flamme und zu Hause im Gespräch mit den besten Freunden. Es war mir schon in Fleisch und Blut übergegangen: Zweifeln und Schwanken nur mit der Partei und nicht gegen sie." (43)

So konnte sich im November 1970 eine schicksalhafte Karrierewende im Leben Kellers ereignen, er wurde vom hoffnungsvollen Wissenschaftskader zum Akteur in der SED-Kulturpolitik. Das hatte er nach eigenem Bekunden zwar nicht angestrebt, doch seine kulturellen Interessen, die ihn schon während seiner Studienzeit mit dem Leipziger Studentenkabarett "academixer" und der renommierten und experimentierfreudigen Studentenbühne (die zwischen 1956 und 1968 zahlreiche Gastspiele in westdeutschen Städten absolvieren konnte) in Verbindung gebracht hatten, ermutigten Keller, im November 1970 das Amt des Sekretärs für Wissenschaft und Kultur der SED-Kreisleitung an der Karl-Marx-Universität zu übernehmen.

Dieser neuen Aufgabe verschrieb er sich mit Elan und einer doppelten Erkenntnis. Sein Gestaltungsspielraum richtete sich vor allem auf die Kultur, während dieser in der Wissenschaft deutlich eingeschränkt blieb. Die Professoren waren selbstbewusst genug, um sich politischen Einflussnahmen entgegenzustellen. Keller bekundet aber auch diesbezüglich seinen Veränderungswillen, wenn er ausführt, er habe in seiner Habilitation Thesen formuliert, die unter anderem "die konsequente Durchsetzung des Leistungsprinzips in Forschung und Lehre, die Entbürokratisierung der wissenschaftlichen Arbeit, die Abkehr von der Berufung der Hochschullehrer auf Lebenszeit, die Ausarbeitung von Bewertungskriterien für die wissenschaftliche Einstufung der Wissenschaftler und für ihre Berufung" postulierten (63) und ihm politischen Argwohn eingetragen hätten. Als irritierend vermerkt er den Zwiespalt zwischen den sozialen Aufstiegsmöglichkeiten in der DDR und den intellektuellen Restriktionen des Studiums: "Die SED hatte die Schulen und Universitäten den Kindern des ganzen Volkes geöffnet, aber gleichzeitig verhinderte sie ihre umfassende Bildung, denn sie war blind gegenüber bürgerlichen Bildungselementen (...) Wir wurden nie ernsthaft geschult in Toleranz, Demokratie und alternativem Denken." (50)

Gestaltungsspielräume ergaben sich insbesondere im Bereich der experimentierfreudigen Kabarettisten und Theaterleute, die Keller wie Jürgen Hart oder Volker Braun und Christoph Hein teilweise schon während seiner Studienzeit kennen und schätzen gelernt hatte. 1974 gelingt es ihm, Gisela Oechelhaeuser, die später seine zweite Ehefrau werden sollte, zur (staatlichen) Hauptabteilungsleiterin Kultur (dem Rektor der Universität unterstellt), zu lancieren: "Sie war nicht Genossin, christlicher Herkunft, die Mutter Pastorin, der verstorbene Vater ehemals Funktionär der nationalsozialistischen Einheitsgewerkschaft, ihre Brüder waren in den Westen gegangen." (56) Was die später prominent gewordene "Distel"-Prinzipalin veranlasste, bald darauf SED-Mitglied zu werden und sich auf die Stasi einzulassen, bleibt Keller verborgen.

Bemerkenswert sind zwei Ereignisse, die Keller ausführlich schildert. Eine Lissabon-Reise 1972 entwickelt sich als tragikomische Ost-West-Groteske mit Fehlleistungen auf allen Seiten, bevor Keller auf einer Irrfahrt wieder in die DDR zurückkehren kann. Im Kontext der Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns organisiert Keller gegen Bedenken der Berliner Zentrale und der Leipziger Bezirksverwaltung für Staatssicherheit an der Universität eine Informationsveranstaltung, die in einem überfüllten Hörsaal mehrere hundert Studenten erreicht. In einer einstündigen Rede, deren Inhalt Keller leider nur fragmentarisch skizziert, übt er sich in der Kunst des Unmöglichen, allen Seiten gerecht zu werden: "Ich muss wahnsinnig gewesen sein, als ich die Idee für die Veranstaltung hatte, und war überrascht, dass ich mit meiner offenen, aber zugleich suchenden Rede mein Publikum überzeugt hatte (...) Wenn ich heute meine handschriftlichen Notizen lese, wundere ich mich schon über manchen Unsinn, den ich gesagt habe. (...) ich sprach über die Verschärfung des ideologischen Kampfes zwischen beiden deutschen Staaten, über die Biographie Biermanns, insbesondere über die Jahre nach seiner Übersiedlung 1953 in die DDR, über seine literarischen Texte, über seine Sozialismusauffassungen und seinen Individualismus. Da ich die Übertragung des Konzertes durch die ARD gesehen hatte, sprach ich auch über die vertane Chance Biermanns, mit seinem Auftritt in Köln auszugleichen statt zuzuspitzen und die Lage in Berlin zu beruhigen (...)" (61) Hatte die SED-Führung eine solche Chance nicht zu allererst vertan, als sie ihn zwangsausbürgerte? Eine symptomatische Textpassage, die zeigt, wie Keller die unüberbrückbare Kluft zwischen seinem politischen Loyalitätsempfinden und seinen intellektuellen Einsichten zu überbrücken suchte und damit objektiv als zwar nicht immer zuverlässig kontrollierbare Person (die durch Parteistrafen, von denen er berichtet, gelegentlich diszipliniert werden sollte), zugleich aber als wertvoller Akteur gegen Missbehagen und Kritik an der SED-Kulturpolitik betrachtet werden konnte, wie ihm der Erste Sekretär der Leipziger SED-Bezirksleitung Horst Schumann wenig später attestieren sollte, "immer tolerant und trotzdem prinzipienfest" (64).

Nicht zuletzt diesen Eigenschaften verdankt Keller seine Berufung zum SED-Bezirkssekretär für Wissenschaft, Volksbildung und Kultur im Dezember 1977. Und es dauert nur wenige Monate, bis er mit zwei Konflikten konfrontiert wird, die ihm seine begrenzten Einflussmöglichkeiten deutlich bewusst machen. Werner Heiduczeks Roman "Tod am Meer" und Erich Loests "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene" (beide 1978 in einmaliger DDR-Auflage erschienen) werden mit Zensurforderungen und Publikationsverboten belegt. Bei Kurt Hager vermag Keller dagegen nichts auszurichten, der ihn mit der Verpflichtung auf das "Großeganze" schroff zurückweist. "Letztlich begriff ich Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre, dass ich machen konnte, was ich wollte, die Entscheidungen waren schon immer an anderen Schreibtischen gefallen." (73) Stattdessen wird ihm die Aufgabe zuteil, den Schaden solch rigoroser Maßnahmen durch persönliche Betreuung der sanktionierten Leipziger Schriftsteller bei der Erfüllung privater Wünsche zu kalmieren, um unliebsame politische Reaktionen zu vermeiden. Keller versteht nicht, dass diese Verhaltensweise die Verbitterung von Heiduczek und Loest nicht auflösen konnte, die ihm nach der "Wende" heftige, zumindest im Fall Loests auch ungerechtfertigte und maßlose Vorwürfe eingetragen hat. Die Aufzählung diverser Dienstleistungen für Heiduczek liest man in diesem Zusammenhang nicht ohne peinliches Empfinden, weil sie deutlich werden lässt, dass sich zwischen der Gewährung von Privilegien, die eigentlich Selbstverständlichkeiten sind, und dem künstlerischen Anspruch auf Gestaltungsfreiheit keine Brücke bauen lässt. Denn die Erfahrung von Zensur lässt sich nicht kompensieren.

Keller wehrt sich allerdings mit Recht gegen eine Sicht, welche die Beurteilung seiner Tätigkeit als SED-Bezirkssekretär auf solche Konflikte reduziert. Leipzig bildet als Buchstadt mit prominenten Verlegern wie Hans Marquardt, Roland Links und Elmar Faber, als Ort des Gewandhausorchesters und des Thomanerchors, als Sitz wichtiger künstlerischer Hochschulen und auch als west-offene Messestadt ein erstrangiges kulturelles Aktionsfeld, in dem es um Sicherung durchsetzbarer Freiräume künstlerischer Gestaltung ebenso wie um materielle Ressourcensicherung ging. Darüber berichtet Keller instruktiv, mit vielen Einzelheiten, wobei weder der Besuch des italienischen Avantgarde-Komponisten Luigi Nono vergessen wird, noch interessante Außenseiter wie Wolfgang Krause Zwieback (mit seinem DADA-inspirierten "Abasurden Kabrett") und schließlich auch der "Eigen+Art"-Galerist Judy Lybke fehlen. Natürlich werden auch die Begegnungen mit dem Leipziger Malertriumvirat Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke nicht vergessen. Besonders lesenswert ist die Passage über den 1980 begonnenen Bau des Neuen Gewandhauses und seine künstlerische Ausgestaltung.

Eine prägende Erfahrung wird für Keller sein einjähriges Studium an der Akademie für Gesellschaftswissenschaften der KPdSU, das er im September 1982 aufnimmt, wobei die Motive zunächst im Dunkeln bleiben, welche die SED-Führung zu dieser Entscheidung veranlasst haben. Keller zitiert Briefauszüge, die seinen Enthusiasmus über die Eindrücke dieses weithin freiheitsbestimmten Lebensabschnitts lebendig ausdrücken. Dabei schildert er auch, dass er bei einem "Vortrag vor sowjetischen Parteisekretären über die Lage in der DDR" den Rektor der Akademie Wadim A. Medwedjew, später enger Berater Gorbatschows als sowjetischer Parteichef, derart beeindruckt habe, dass dieser ihn zu einem Kontakt mit dem Politbüromitglied Michail S. Gorbatschow zusammenführte, nach dem ihm auferlegt worden sei, ein solches Gespräch habe "nie stattgefunden" (115f).

Wenige Monate nach seiner Rückkehr aus Moskau wird Keller vom ZK-Sekretariat der SED zum 1. April 1984 zu einem der Stellvertreter des Ministers für Kultur berufen. Sein Aufgabenbereich sind "in erster Linie die künstlerischen Hoch- und Fachschulen des Landes" (118), zu seinen Vorsätzen zählt, die Entscheidungsautonomie der Hochschulen zu stärken und die Immatrikulation nicht von der sozialen Herkunft, sondern vom künstlerischen Talent abhängig zu machen. Bemerkenswert ist seine Initiative, "das marxistisch-leninistische Grundlagenstudium an den künstlerischen Hoch- und Fachschulen zu ergänzen durch Geistes- und Religionsgeschichte, durch Kunst- und Kulturgeschichte, durch Ethik, Moral und Ästhetik" (120), dem freilich kein Erfolg beschieden sein sollte.

Nach Abschluss des deutsch-deutschen Kulturabkommens im Mai 1986 ist Keller an der Planung verschiedener großer Ausstellungen beteiligt, wobei er einen wichtigen Anteil am Zustandekommen der ersten Beuys-Ausstellung in Ost-Berlin und Leipzig (Dezember 1987 bis April 1988) hat. Diese konnte gegen den erklärten Willen Willi Sittes durchgesetzt werden, indem Keller die Akademie der Künste als Organisator gewann (153f). Was er allerdings über eine Begegnung mit Johannes Rau "nach dem Besuch von Honecker in Bonn 1987" berichtet, weckt irritierten Zweifel. Dieser habe ihm gegenüber gemeint: "Herr Keller, wunderbar, was Sie gesagt haben, ich stimme dem ohne Einschränkung völlig zu, aber ich bitte Sie in meiner staatspolitischen Verantwortung, gefährden Sie durch Ihre wunderbare Offenheit nicht die bescheidenen Anfänge der deutsch-deutschen Verhandlungen. Wir können uns zu diesem Zeitpunkt keine innere Opposition in der SED leisten." (149) Bei solchen Berichten, die immer wieder in Kellers Autobiografie auftauchen, denkt man an den Rat des Leipziger Mediävisten Ernst Werner, den Keller aus seiner Leipziger Studienzeit zitiert: "Freue dich (...) über jede neu gefundene Quelle, (...) allerdings ist sie nichts wert, du kannst sie getrost vergessen, wenn du nicht eine zweite und noch besser, eine dritte Quelle findest, die die erste Quelle bestätigt." (42) Überhaupt stören manche Unterstellungen, die unglaubwürdig klingen, mitunter nachweislich falsch sind. So wird Gabriele Muschter, mit Klaus Werner und Barbara Barsch eine der mutigen Rebellen im Verband Bildender Künstler, 1990 Staatsekretärin in der de Maizière-Regierung, jahrelang stasiüberwacht, als eine Person bezeichnet, "die zu DDR-Zeiten mitunter der Staatskunst der DDR sehr nahe stand" (198). Solche Einlassungen zwischen Sensationslust und unverständlichen Invektiven machen die Lektüre des Buches zuweilen zu einem Ärgernis. Dass Kellers Erinnerungsvermögen mit einiger Vorsicht betrachtet werden muss, zeigen zahllose Falschschreibungen (die mehr als eine Seite füllen würden) auch dort, wo man diese nur mit größter Verwunderung konstatieren kann. Wenn er denn ein Förderer von Judy Lybke gewesen sein will – wie ist es dann zu erklären, dass er dessen Namen durchgängig falsch mit "Lübke" wiedergibt?

Im Herbst 1988 wird Keller zum Staatssekretär mit erweiterten Kompetenzen ernannt, er ist seitdem auch für die Museen und nationalen Jubiläen zuständig. Im November 1989 wird er in der Modrow-Regierung für knappe fünf Monate Minister für Kultur – eine Zeit, die er rückblickend als "Glanz und Elend eines Ministers" empfindet. Während zu den glanzvollen Ereignissen die Begegnungen mit Jack Lang in der DDR und in Paris gehören, wo er auch die Beziehungen zur UNESCO vertieft, wird sein diplomatisches Geschick im Umgang mit Walter Janka und Wolf Biermann herausgefordert, und in der Bundesrepublik muss er sehr schnell erkennen, dass die Repräsentanten einer nicht durch Wahlen legitimierten Übergangsregierung auf massive Vorbehalte stoßen. Rückblickend muss es realitätsfern erscheinen, wenn Keller in einem Gespräch mit Wolfgang Schäuble im Februar 1990 versucht, große Politik zu machen, indem er diesem vorschlägt, "eine gemeinsame Expertenkommission zu bilden, um im Interesse beider Seiten akzeptable Möglichkeiten zur Eindämmung der Auswanderungswelle zu überprüfen" (174). Im Stimmungstief eines absehbaren Endes äußert sich bei Keller pathosbeladenes Selbstmitleid. Er fühlt sich "Allein gegen alle". Im Rahmen einer Heisig-Retrospektive nimmt er im gleichen Monat an einer von Fritz Pleitgen moderierten WDR-Fernsehdiskussion zum Thema "Kulturnation Deutschland – Brücke in eine gemeinsame Zukunft", unter anderem mit Marion Gräfin Dönhoff, Rita Süssmuth und Bernhard Heisig teil: " Ich schien persönlich verantwortlich zu sein für Lenin und Stalin, für Ulbricht und Honecker, für die Pioniere, die FDJ und die Zensur, für den sozialistischen Realismus und alles andere." (175)

Kaum zu glauben, dass Keller seinerzeit so empfunden hat, denn die letzten Kapitel seines Buches, die Jahre seit 1990 betreffend, zeigen ihn nach diesem Realitätsschock als eine Persönlichkeit, die Standfestigkeit (auch Verbitterung in der Abwehr unlauterer Verdächtigungen) zeigt, Mut zur kritischen Selbstreflexion und zum eigenen Urteil aufbringt und konsequent in seinen politischen Entscheidungen handelt.
Dietmar Keller auf einem PDS-Wahlplakat 1990.Dietmar Keller auf einem PDS-Wahlplakat 1990. (© Bundesarchiv, Plak 008-004-046, Grafiker: o.A.)
Nach der ersten gesamtdeutschen Wahl wird Keller Mitglied der PDS-Bundestagsgruppe. In einer Kampfabstimmung gegen Uwe-Jens Heuer wird er von der PDS als Mitglied der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" benannt. Die Gauck-Behörde befindet im Rahmen der vorgeschriebenen Überprüfung, wie Keller schreibt: "1963, 1965, 1967 und 1974 waren Ermittlungen gegen mich geführt worden, am 19. April 1989 eine Operative Personenkontrolle wegen Gefahr des Landesverrates eingeleitet worden" (219), außer den Kontrollblättern waren die Akten aber nicht mehr auffindbar. Bald schon kam es zu Meinungsverschiedenheiten in der PDS-Gruppe, die mit der Rolle des Stalinismus zusammenhingen: "Was in der Auseinandersetzung mit dem Stalinismus 1956 mit Halbheiten begonnen hatte, wurde 1989 mit Halbheiten fortgesetzt. Honeckers Abwahl und die Entmachtung seines Politbüros waren zwar Anlass für Spurensuche, zugleich aber auch willkommen für Nebelkerzen, die eine klare und schmerzende Sicht auf die Schuld der SED und die Schuld aller ihrer Mitglieder verhinderte." (221). Mit seiner rückhaltlosen Analyse "Die Machthierarchie in der SED", die Keller auf eigene Initiative im Januar 1993 der Enquete-Kommission vortrug, rief er heftige Proteste der orthodoxen Kommunistengruppierung hervor, die in der PDS gewichtige Befürworter hatte. "Neues Deutschland" veröffentlichte den Text am 1. März, die Kritik an Kelller nahm zu, er fühlte sich in der Fraktion zunehmend ausgegrenzt. Im Juli erklärte er vor seiner Bundestagsgruppe unter anderem: "Ich schäme mich, dass ich nicht das, was in der Verfassung und im Parteistatut gestanden hat, unerbittlich eingehalten habe. Ich schäme mich, dass ich nicht den Mut gehabt habe, auch unter Aufgabe meiner sozialen Sicherheit und meiner beruflichen Existenz dagegen vorzugehen. Ich schäme mich vor denen, die es gemacht haben, wo ich mich nur weggeduckt habe, auch mein persönliches Versagen hat dazu beigetragen, dass unsere Idee gescheitert ist" (226). Und Keller erklärt in seiner letzten Rede vor dem Bundestag: "Ich betrachte es (...) als meine moralische Pflicht und Verantwortung, mich bei den Opfern der SED-Diktatur zu entschuldigen." (227)

Keller scheidet aus dem Bundestag aus, verzichtet auf eine neue Kandidatur, gründet einen Buchverlag (der, von seinem Freund und Geschäftsführer Matthias Kirchner geleitet, nach acht Jahren endgültig scheitert), wird vier Monate nach der Wahl für acht Jahre bis 2002 persönlicher Mitarbeiter Gregor Gysis, dessen Büroleiterin Marlies Deneke er im Dezember 1996 heiratet (während seine ehemalige zweite Frau , die langjährige "Distel"-Chefin Gisela Oechelhaeuser Mitte 1999 als Stasi-IM enttarnt wird; 235). Er ist Redenschreiber für Gysi, erarbeitet Analysen, die in der Fraktion oft auf Widerstand stoßen, genießt aber den Respekt seines arbeitsversessenen Chefs. "Es war für mich eine wunderbare Zeit, wahrscheinlich die schönste Zeit meines beruflichen Lebens." (233) Schließlich entschließt sich das Ehepaar Keller im Mai 2002, Ende des Jahres das Arbeitsverhältnis mit Gysi zu lösen, nachdem Keller die Anfeindungen insbesondere der Kommunistischen Plattform – zumal nach einem kritischen "Spiegel"-Interview (16/2000) – nicht mehr ertragen mochte. Noch im gleichen Jahr verlässt er die PDS auch als Mitglied mit einem kleinen Paukenschlag, der weitgehend ungehört verhallt, und zieht sich – nachdem er das lesenswerte, kontrastreich-respektvolle gemeinsame Buch mit Rainer Eppelmann "Zwei Ansichten" publiziert hat – in die Einsamkeit des Landlebens nicht ohne Groll zurück: "Ich ging in die Arbeitslosigkeit und danach in die Strafrente für SED-Funktionäre." (244)
Während Dietmar Keller in Berlin die "Wende" und das Ende der DDR erlebt, ist Hermann Glaser seit 1988 bis 1993 als Honorarprofessor für Kulturvermittlung an der TU zeitweilig in Berlin präsent und "in den 1990er Jahren als Berater für Kulturpolitik in den neuen Bundesländern vielfach unterwegs" (224). Er nimmt die Begegnung der beiden deutschen Teilgesellschaften als einen Zusammenprall wahr, in dem die ostdeutsche "Kultur der Entschleunigung" (Heiner Müller hatte die DDR einst als "Hort der Langsamkeit" charakterisiert) mit der "Rasanz der Moderne" aufeinander trifft (228). 1997 erweitert er seine "Kulturgeschichte der Bundesrepublik", indem er nun in kompakter Form die "Deutsche Kultur" in einem historischen Überblick seit 1945 im gesamtdeutschen Horizont erfasst. Im Vorwort seines Buches, das 2003 in 3. Auflage erscheint, konstatiert Glaser: "Das durch die Mauer getrennte Deutschland entwickelte sich auch kulturell weit auseinander, den (...) zumindest existenzgefährdenden Versuchen im Osten, westliche Entwicklungen aufzunehmen, entsprach in der BRD kein besonderes Interesse an der DDR. Die Entwicklungen (...) liefen weit auseinander; oder das Gemeinsame wurde in der Zeit, da es relevant war, nicht wahrgenommen (...) erst nach 1989 war es möglich, die deutsch-deutsche Kulturlandschaft ganzheitlicher ins Auge zu fassen. Methodisch bedeutet dies, daß DDR-Kultur vor allem im Kapitel über die deutsche Vereinigung behandelt wird: und dies ohne die in der Zeit der Spaltung oft erkennbare herablassende Benevolenz; aber auch ohne jene Häme, mit der nach dem Zusammenschluss die DDR-Kultur als SED-Produkt abgekanzelt wurde."

Hermann Glaser am 20. Mai 2011 während einer Aufzeichnung der ZDF-Talksendung "Nachtstudio".Hermann Glaser am 20. Mai 2011 während einer Aufzeichnung der ZDF-Talksendung "Nachtstudio". (© picture-alliance, Foto: Karlheinz Schindler)
Der leidenschaftliche Schriftsteller hat sich im Jahr seines 75. Geburtstags 2003 eine "Kleine Kulturgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert" selbst zum Geschenk gemacht. Im Buchtitel seiner neuen Autobiografie zitiert er den staunenden Ausruf Alkmenes, mit dem Heinrich von Kleists "Amphitryon" endet. Dies ist ein erhellender Impuls, um die beiden Autobiografien Glasers und Kellers noch einmal vergleichend in den Blick zu nehmen. Während Glaser auf ein Leben zurückblickt, das sich gleichsam organisch aus seinen jugendlichen Prägungen heraus so konsequent wie selbstverständlich entfaltet, ist Kellers Biografie einerseits vom dankbaren und stolzen Bewusstsein einer Karriere geprägt, in der Aufstieg durch Bildung ermöglicht wird, andererseits aber unter den Bedingungen politischer Loyalitätszwänge als konfliktreicher Prozess erscheint, in dem immer auch rigide Schranken der Selbstbestimmung sichtbar werden.

Wenn man sich erinnert, dass Glasers wohl wichtigster kreativer Impuls seine theoretischen und praktischen Beiträge zur "Soziokultur" sein dürften, drängt sich die Frage auf, ob diesbezüglich eine Parallele zur ostdeutschen SED-Kulturpolitik besteht, die mit der Losung "Die Kultur dem Volke" angetreten war, und ob Projekte wie der "Bitterfelder Weg", die Propagierung des "Volkskunstschaffens" und die Mobilisierung der Bevölkerung, die "Höhen der Kultur" zu stürmen, als realsozialismusspezifische Ausprägung des "Bürgerrechts Kultur" betrachtet werden könnte. Es ist bezeichnend, dass im Buch Kellers davon an keiner Stelle gehandelt wird. All dies liegt außerhalb seiner Wahrnehmung und findet allenfalls in Bezug auf die Singeclubs Erwähnung. Bei näherer Hinsicht erweist sich, dass das Projekt "Soziokultur" eher das Gegenteil einer volksverbundenen Kultur im Verständnis der SED bedeutet. Während die "Soziokultur" auf Selbstbestimmung und Eigeninitiative und damit auf einen demokratisch-emanzipatorischen Prozess der Bürgerautonomie zielt, wird die Kultur in der DDR politisch als Erziehungsfaktor instrumentalisiert.

Glasers Lebensgeschichte verläuft weitgehend konfliktfrei. Er schreibt gelassen, sozusagen "im Abendlicht", nicht ohne Stolz zurückblickend, dass er viele seiner Projekte realisieren konnte. Erkennbar ist dies auch der politischen Entwicklung im Westen Deutschlands zu verdanken, die ihm eine Durchsetzung seiner Ideen im großen Umfang ermöglicht hat. Während Glasers Buchtitel sich sinnreich auf ein Lustspiel bezieht, variiert Keller den Buchtitel eines Autors (aus Erich Loests "Mühen" werden "Mühlen"), mit dem sein Leben alptraumhaft wie durch ein Menetekel verbunden sein sollte. Von diesen mitunter traumatischen Konflikterfahrungen ist Kellers Autobiografie durchsetzt, sie zeigt ihn als eine Persönlichkeit, die sich in den Widersprüchen einer Politik zu behaupten suchte, die selbstständiges Handeln weitgehend einschränkte. So wurde die Kunst des Kompromisses zur politischen Überlebenskunst, in der sich Erfolg und Demütigung eigentümlich vermischten. Dies mag auch den Sound von Kellers Buch erklären, in dem sich Selbstbewusstsein, kritische Reflexion, Enttäuschung, Larmoyanz und Polemik wie auf einer Achterbahnfahrt abwechseln. So schwankt der Leser zwischen Vergnügen, Spannung und Ärger, doch lässt Kellers Buch nie Langeweile aufkommen. Am Ende steht ein paradoxer Eindruck: Der Kulturpolitiker aus der DDR, der die Bundesrepublik als ein fremdes Land erfährt, gewinnt erst hier seine innere Freiheit zurück. Wie hoch der Preis dafür gewesen ist, kann Dietmar Keller, der am 17. März 2012 70 Jahre alt wird, nur selbst beantworten.

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