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3.2.2012 | Von:

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Wundersames Deutschland

Wundersames DeutschlandWundersames Deutschland (© Patchworldverlag)
"Deutschland aus ästhetischem Blickwinkel zu betrachten, also mit unseren fünf Sinnen" – mit diesem Anspruch möchte Stefan von Senger und Etterlin etwas erfassen, was in den meisten Beschreibungen über dieses vielfältige Land seiner Ansicht nach verloren gehe. Er möchte es fühlen, riechen, schmecken, hören und sehen, also alles wahrnehmen, was beim richtigen Lesen der Oberflächen unsere Sinne erweitert: "Wenn wir uns mit der Geschichte der Personen oder Gegenstände, der Technologie oder dem Handwerk, den Künsten und Ressourcen hinter den Erscheinungen beschäftigen." Darunter versteht der Autor "bestimmte Formen des Zusammenlebens, Rituale des Alltags, die Handlungen entspringen und Materielles produzieren."

Mit diesem ethnologisch orientierten Blick auf seine Heimat, die er auf seinen zahlreichen Reisen erkundet hat und die er aufgrund seiner häufigen Auslandsaufenthalte auch einer vergleichenden Betrachtung aussetzt, gelingen ihm differenzierte Aussagen über ein "wundersames Deutschland". Wundersam, weil dessen Erscheinungsbild im Westen und im Osten, vor allem "wenn man nach Deutschland zurückkehrt", so wohlgeordnet sei, so ruhig und vernünftig abzugehen scheine. (11) Wer nun vermutet, der Autor beginne ein Loblied auf den Ordnungssinn und die Vernunft in diesem Lande zu singen, der wird zu einem abwägenden Urteil gelangen. Es sind die klugen Beobachtungen zu den architektonischen Formen der zweiten Moderne, zur stilistischen Sicherheit der Bauordnungsämter, nicht zuletzt aufgrund der "Wunderparagraphen" der deutschen Rechtsordnungen, zu den Bausünden in Ost- und Westdeutschland in den 1960er-Jahren, die die Lektüre anregend machen. Und zur Kritik an dem Erscheinungsbild der deutschen Regionen ermuntern. In keiner unter ihnen zeichne sich eine gelungene Verbindung zwischen Tradition und Moderne ab!

Und wie löst der Autor den Anspruch ein, sein Land mit den übrig gebliebenen vier Sinnen wahrzunehmen? Sprache, Warenwelt, Wald, Klang, Speise und Feier – das sind die thematischen Leitlinien, an deren Erscheinungsformen er nachweisen will, dass die linguistische und stilistische Oberfläche der deutschen Sprache ebenso vielschichtig sei wie jede andere europäische Sprache, was unbenommen ist. In der Warenwelt etwa zeichnen sich die Konturen des wirtschaftlich mächtigen Deutschland (Exportweltmeister bis 2009) ab, dessen Warenqualität sich einer globalen Wertschätzung erfreue, wie von Senger und Etterlin ausführt. Auffällig ist der abschließenden Vergleich mit China (Fabrik der Welt) im Gegensatz zur Maschinenwerkstatt in Deutschland, in der die besten Maschinen der Welt hergestellt würden.

Dass auch der deutsche Wald zu dem Thema gehört, an dem der Autor die Zweckrationalität eines Wirtschaftsfaktors, Jagddisziplin, gezielte Nutzung und Erholung in der Natur nachweisen möchte, mag nicht überraschen. Allerdings erweist sich die Verdrängung seines mythischen Charakters zugunsten des Urteils von der "Schönheit" des deutschen Waldes als oberflächlich und zu kurz gegriffen.

Und die Speisen auf deutschen Küchentischen und in edlen Restaurants? Es ist ein Loblied, gesungen zwischen Gaumen und Zunge, ein Hohelied auf die Entfaltung der deutschen Küche seit den 1970er-Jahren. Mehrere Wellen der internationalen Esskulturen seien in der Zwischenzeit durch Deutschland hindurch geschwappt. Von exotischen asiatischen, ausgefeilten Gerichten europäischer Nachbarn bis zu aufreizenden afrikanischen Speisen sei in der Zwischenzeit alles zu finden. Dennoch sei Deutschland "noch kein Land des allgemeinen guten Essens". Was er aber in seinen folgenden Anmerkungen zu den lukullischen Genüssen aus deutschen Restaurants, heimischen Küchen und Backöfen wieder zurücknimmt. Immer mehr Restaurants gebe es in deutschen Landen, die Michelin-Sterne erhalten. Und dann noch der köstliche Kuchen und schließlich das deutsche Brot, dem der Autor sogar eine Liebesgeschichte aus einem amerikanischen College widmet.

Kann man da noch mehr aus einem wundersamen Land herausholen? Natürlich! Die deutschen Feiern und Feierlichkeiten. In diesem Deutschland würde praktisch unaufhörlich gefeiert. Eine Behauptung, die er mit Lust und Beharrlichkeit beweist und dabei die zahlreichen ethnologischen und soziologischen Abhandlungen zu dieser schier uferlosen Thematik plündert, die da und dort auch mit bibliografischen Hinweisen versehen sind.

Die flüssig geschriebene, publizistisch geschickte Darstellung deutscher Eigenheiten und Werte, mit scharfsinnig aufgeladenen Beobachtungen angereichert, ist Werbung und schweifende Analyse zugleich.



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