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3.2.2012 | Von:

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Die Verfeinerung der Deutschen

Die Verfeinerung der DeutschenDie Verfeinerung der Deutschen (© Insel Verlag)
Erwin Seitz' Buch ist ein Gegenentwurf zu einer deutschen Kulturgeschichte, in der bislang "die schwer gerüstete Germania mit Helm, Schild und Schwert" und Könige und Fürsten in Kettenhemd und Uniform gezeigt worden seien. In diesen Überblickswerken seien die Deutschen als Untertanen und nicht als Bürger dargestellt worden. Mehr noch: Die kulturgeschichtlichen Sinnverfechter des Tragischen und Heroischen hätten den Begriff der deutschen Misere erfunden, "um für ihre autoritäre Schicksalsgläubigkeit freie Bahn zu haben" (9). Und nach deren Interpretation habe die nationale Vergangenheit der Deutschen in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts geendet.

Gegen solche einseitigen Darstellungen will der Verfasser, Germanist, Kulturhistoriker mit kulinarischen Vorlieben (vgl. Butter, Huhn und Petersilie. Anregungen für eine feine Küche, 2011) und freier Journalist, eine andere Kulturgeschichte schreiben, "die auf das Menschlich-Bürgerliche zielt: die Verfeinerung der Deutschen." Eine merkwürdige Absicht, die Seitz sogar in eine Formel fasst: "Sie fußt auf den Erkenntnissen dieses Buches und versteht sich zugleich als Utopie: als Befund und Wunsch in einem." Sein methodisches Vorgehen ist auf den ersten Blick diffus. "Leitbegriffe, Themen und Probleme der deutschen Geschichte und Verfeinerung (werden) vorgeführt, bevor die Darstellung in eine chronologische Erzählweise übergeht." Seine Darstellung setzt zeitlich am Ende der Eiszeit ein, um 9500 v. Chr. Doch die weiteren chronologischen Schritte erweisen sich als ungenau in der Definition, weil die Darstellung der Landwirtschaft um 5500 v. Chr. immer wieder aus der Vergangenheit in die Gegenwart springt mit der Absicht, auch etwas über das zeitgenössische Deutschland zu sagen. Ausgehend von allgemeinen philosophischen Betrachtungen über die Urbedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen, nämlich Essen und Trinken, Liebe und Liebelei (!), Kunst und Literatur, Kleidung und Wohnen und natürlich Freundschaft und Geselligkeit möchte Seitz "nichts für sich stehen lassen", sondern "das eine ins andere übergehen" lassen, um zur Lebenskunst zu werden.

Nach dieser zugegebenermaßen groben Mischung aus vielen Ingredienzien erhofft sich der Leser mehr Einsichten von der Einleitung in die andere Kulturgeschichte. Auf der Suche nach den Gründen für die Herausbildung der feinen Lebensart der Deutschen bedient Seitz sich ganz unterschiedlicher Quellen. Zunächst wendet er sich gegen die sauertöpfische Selbstanklage der Deutschen, an der Martin Luther mit seiner Kritik am Luxus eine große Schuld trage. Außerdem sei der Einfluss der romanischen Kultur seit dem 16. Jahrhundert in Deutschland zurückgedrängt worden. Dennoch habe man sich von der "vorübergehenden Vorherrschaft bestimmter Weltanschauungen – Pseudo-Germanentum, orthodoxem Luthertum und Preußentum – nicht blenden lassen." (13) In den folgenden Ausführungen springt die Argumentation immer wieder in die Gegenwart, wo der Verfasser sich über die paradoxe Kultur des Kapitalismus ebenso sporadisch äußert wie über den Begriff des Feinen, der sich vom Wort Fee ableite. Damit greift er zwar auf die Volksüberlieferungen im romanischen Epos zurück, nicht aber auf fata, die Schicksalsgöttinnen, die der Semantik des Feinen ihre Etymologie verliehen haben.

Es gehört zu den methodischen Besonderheiten dieser Kulturgeschichte der deutschen Feinheiten, dass sie eine Polemik gegen romfeindliche Darstellungen (wie zum Beispiel Herfried Münkler, Die Deutschen und ihre Mythen, 2009) entfaltet oder, wie im Falle von Norbert Elias (Die höfische Gesellschaft, 1969) eine Paraphrasen gleiche Erweiterung des Begriffs vornimmt. Der Soziologe habe die höfisch-aristokratische Gesellschaft der frühen Neuzeit als Labor menschlicher Verfeinerung bewertet, nicht aber auch deren Wahnwitz und Tyrannei berücksichtigt. Seitz vertritt hier die These, dass die wahre menschliche Verfeinerung an der Schnittstellen der Gesellschaft zwischen Aristokraten und Bürgern abgelaufen sei. In der Folge greift er auf soziologische Konstrukte zurück, um die vielschichtige Ausdifferenzierung der "verfeinerten" Lebensart des modernen Bürgers beschreiben zu können. So benutzt Seitz beispielsweise den Begriff des Bourgeois-Bohemien (Bobo) nach David Brooks (Die Bobos. Der Lebensstil der neuen Elite, 2002), um den bürgerlichen Lebenskünstler zu charakterisieren, für den angeblich das Geld nur noch ein Nebenprodukt seiner Tätigkeit zu sein scheint. Mehr noch: Dieser Typus kümmere sich um die drei G: äußere Güter, Gesundheit und Geist.

Wie immer solche spekulativen Erscheinungsformen eines sogenannten sanften Materialismus am Ende des 20. Jahrhunderts zu bewerten sind, in den folgenden voluminösen Ausführungen entwirft Seitz am Beispiel von drei städtischen Kulturen (Bamberg, Trier und Franken) und zwei Prototypen (zivilisierter Krieger und abenteuerlicher Bürger) eine faktenreiche Beschreibung von zivilisatorischen Phänotypen, der es freilich an sozialkritischer Analyse mangelt. Erst mit dem Verweis auf Herrscherfiguren (Maximilan I.) und frühkapitalistische Persönlichkeiten (Jakob Fugger) wie auch klösterliche Ordensgemeinschaften (Jesuiten) im Kapitel IX wird der politökonomische Zusammenhang von extensiver Ausbeutung von Arbeitskraft und Profitbildung deutlich. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich die überzeugende Beschreibung einer Esskultur von europäischem Rang ab, an der nicht nur die Aristokratie, sondern auch das städtische Bürgertum partizipierten, die bäuerlichen Schichten ausgenommen. Die genüssliche Darstellung dieser barocken Esskunst läuft zunächst im Kapitel XI mit dem Blick auf fürstliche Residenzen und Kaffeehäuser ab, bevor sich das Ende des Festes im soldatisch-asketischen Preußen abzeichnet. Die abschließende Auseinandersetzung mit der bürgerlichen deutschen Gesellschaft (Kapitel XIV) wagt den riesigen zeitlichen Sprung von der Errichtung der konstitutionellen Monarchie in der Paulskirchenverfassung von 1849 bis in die Berliner Essenkunstszene des späten 20. Jahrhunderts. Erst in diesem Kapitel zeichnet sich eine ausgewogene Analyse von Herrschafts- und Sozialgeschichte unter Einbeziehung von wesentlichen kulturellen Entwicklungssträngen ab. Sie endet, nach einer eingehenden Bewertung des Vernichtungswahnsinns im Zweiten Weltkrieg, mit der Würdigung der gastronomisch-kulinarischen Wende in der Kanzlerzeit von Willy Brandt. In diesen abschließenden Passagen brilliert der kulinarische Kulturhistoriker, indem er am Beispiel der Berliner Gaststättenkultur die Herausbildung von neuen Essensgewohnheiten unter Einbeziehung von Architektur- und Sozialgeschichte beleuchtet.

Summa summarum: ein tief schürfendes, materialaufwendiges Kompendium, in dem der scharfsinnige Blick des Verfassers auf die Interdependenz von materialen und kulturellen Entwicklungssträngen bei der Herausbildung verfeinerter Sitten und Bräuche immer wieder durch den Duft der Speisen aus deutschen aristokratischen und bürgerlichen Küchen verführt wird, solange bis er, ernüchtert von den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, eine überzeugende Analyse der feinen Unterschiede vorlegt.


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