Beleuchteter Reichstag

18.4.2013 | Von:
Heinz-Uwe Haus

Rezension: Günther Rüther, Literatur und Politik - Ein deutsches Verhängnis?

Heinz-Uwe Haus rezensiert Günther Rüthers Buch "Literatur und Politik - ein deutsches Verhängnis?". Es geht um das spannungsgeladene Verhältnis von literarischem Geist und politischer Macht in Deutschland - vom Ende der Monarchie bis heute.

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Besprochenes Werk

Günther Rüther, Literatur und Politik – Ein Deutsches Verhängnis?, Wallstein Verlag 2013, 352 Seiten, 24,90 €, ISBN: 978-3-8353-1233-3.
Günther Rüthers Studie befasst sich mit dem schwierigen Verhältnis von Geist und Macht im deutschen Literaturschaffen seit dem Ende der Monarchie bis in die Gegenwart.

Günther Rüther, Literatur und Politik - ein deutsches Verhängnis?Günther Rüther, Literatur und Politik - ein deutsches Verhängnis? (© Wallstein Verlag)
Dabei gelingt es dem Autor, die von Missverständnissen, Fehlurteilen, Misstrauen und Ideologien geprägte Nähe und Distanz von Literatur und Politik in dem Beziehungsgefüge der politischen Herrschaftsformen - vor allem den beiden Diktaturen und Demokratien des letzten Jahrhunderts - zu erfassen. In drei repräsentativen Zeitabschnitten wird veranschaulicht, wie eine den spezifischen deutschen Verhältnissen geschuldete "Überhöhung des kulturellen gegenüber dem politischen Denken” zur Unerbittlichkeit der beidseitigen Spannungen beigetragen hat. Der Autor verwendet sein fundiertes geschichtliches Wissen, um auf eine innere Verbindung der späten Ausbildung des deutschen Nationalstaates und der dementsprechenden Entkoppelung der Aufklärung von diesem Prozess und der geschichtlichen Entwicklung seit den 1920er Jahren zu verweisen.

Nach Rüthers Ansicht begann die oft verhängnisvolle Liaison der Literaten zur Politik "mit dem deutschen Idealismus und fand erst nach der Wiedervereinigung 1990 zur Normalität, vorläufig, oder dürfen wir nach mehr als 200 Jahren hoffen, vielleicht sogar endgültig." Sein Credo: "Ist es ein Zufall der Geschichte, dass wir eine Entspannung zwischen Literatur und Politik zu einem Zeitpunkt konstatieren, wo Deutschland in Grenzen lebt, die sowohl von unseren Nachbarn als auch von uns selbst als endgültig bezeichnet werden." (S. 9)

Der erste Abschnitt behandelt mit Thomas Mann einen Schriftsteller, der im Kaiserreich, in der Weimarer Republik, aus dem Exil während des Nationalsozialismus und im Nachkriegs-Deutschland geschrieben hat. Rüther arbeitet Manns Wandel vom nationalistischen Befürworter des wilhelminischen Staates, der die deutsche Kultur im Abwehrkampf gegen die westliche Zivilisation zu retten trachtete, zum weltoffenen Verteidiger der Republik und der Demokratie heraus, der "sich zeitlebens sein Recht auf Wandlung bewahrt." (S. 93) Er analysiert die Widersprüchlichkeit im Schaffen und Verhalten Manns vor allem, indem er herausstellt, welche wichtige ästhetische und philosophische Zäsur die Romantik für die Betrachtung seiner Vorstellungswelt spielt. Die auf Schiller zurückgehende Auffassung vom autonomen Individuum, das durch Bildung und ästhetische Erziehung den kantischen Gegensatz von Neigung und Pflicht und die Rigorosität des moralischen Gesetzes überwinde und so ästhetischen Widerstand leisten könne, kann m.E. ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden, formt sie doch Manns "Lust am Vexatorischen, am Schein, Rollentausch und höherem Versteckspiel."[1] Rüther macht bewusst, wie das von ihm geschaffene Oeuvre aus Wirklichkeitsfremdheit und Politikverachtung - nur widerwillig während der Nazizeit aufgegeben - die wachsende Scheidung von Moral und Kunst in weit weniger noblen Köpfen legitimiert. Aus dem verhallenden Schrei des Expressionismus erwuchs bekanntlich die Hybris von der Erschaffung des neuen Menschen - koste es was es wolle - die die zweifache Crux des "deutschen Verhängnisses" ist. (Bemerkenswert ist, dass Mann sein öffentlich-politisches Parteiergreifen während des Dritten Reiches als "Galleerenarbeit” oder "Partisanendienst” erlebt. Wie sehr dem Schriftsteller politisches Denken fremd bleibt, wird auch deutlich, wenn dieser in seinen Stellungnahmen zum Goethejubiläum 1949 in Weimar dem SED-Regime gefällige Betrachtungen anstellt.)

Der zweite Teil des Buches untersucht das Schreiben in der sozialistischen Diktatur anhand von Autoren wie Franz Fühmann, Johannes Bobrowski, Anna Seghers, Christa Wolf, Günter de Bruyn, Hans Joachim Schädlich, Herta Mueller und Volker Braun. Rüther deckt insbesondere die Gründungsmythen des SED-Staates (Antifaschismus, Antimilitarismus, Antiimperialismus) in der affirmativen Rhetorik und politischen Agitation von Seghers, Wolf und Braun auf. Er hält fest: "Im Rahmen einer neu zu schaffenden politischen Kultur wollten sie das Gewissen der Nation sein und ein moralisches Amt ausüben. In das sich abzeichnende Bündnis von Geist und Macht wurde die Bevölkerung nicht eingeschlossen. Sie wurde zum erzieherischen Gegenstand der Literatur. Für sie blieb 'die Rolle des Unmündigen', für den der Staat und die Schriftsteller ‘die Vormundschaft übernahmen'." Seine Beschäftigung mit Bobrowski, Schädlich und Müller verweist auf Modelle der künstlerischen und politischen Verweigerung gegenüber dem Allmachtsanspruch der Herrschenden, die "für viele Menschen in der DDR eine wichtige Orientierungshilfe und seelische Stütze gewesen" sind. (S. 112) Präzise beschreibt Rüther, wie seit Mitte der 1970er Jahre das Bündnis von Macht und Geist am Ende ist. "So paradox es klingen mag, perspektivisch betrachtet stärkt der Bau der Mauer die Einheit der deutschen Literatur. Die Mauer riss nicht nur symbolisch die Nation auseinander, sie tat dies auch politisch. Kulturell konnte sie jedoch den Himmel nicht teilen. Öffentlichkeit lässt sich nicht durch Bauwerke beschränken. Sie sucht und findet wie die Wolken ihren Weg. Literatur und Kunst entwickelten sich durch die Mauer zu grenzüberschreitenden Öffentlichkeiten, die sich aufeinander zu bewegten, je mehr sie durch die Politik getrennt wurden. So führte die Mauer nicht nur zu einer veränderten Erzählhaltung der Schriftsteller in der DDR, zu ihrer 'Ankunft im Alltag', sie bereicherte auch mit ihren Themen und den zur Ausreise Getriebenen die Literatur der Bundesrepublik." (S. 245)

Im dritten Teil werden die Umstände im geteilten Deutschland und Entwicklungen seit der Wiedervereinigung veranschaulicht, die erstmalig zu einem kritisch-konstruktiven Mit- und Nebeneinander von Geist und Macht geführt haben. "Die Lust und Neigung deutscher Intellektueller, in einem schrillen Entweder-Oder zu denken und die Neigung der Politik, darauf mit Unbill, schlimmstenfalls mit Beleidigungen zu reagieren, ist einem verständnisvollen Blick für die unterschiedlichen Aufgaben in einer demokratischen Gesellschaft gewichen." (S. 277) Rüther spricht wiederholt von einer "neuen deutschen Normalität". (S. 15) Tatsächlich scheint die Zeit, sich als Schriftsteller von unterschiedlichen Macht- und Interessengruppen instrumentalisieren zu lassen, ein für alle Male vorbei. Rüther beschreibt, wie sich in der frühen Bundesrepublik ein neuer Begriff und eine neue Praxis des politischen Engagements der Schriftsteller herausbildet. Autoren wie Günter Grass, Heinrich Böll, Alfred Andersch, Magnus Enszensberger oder Hans Werner Richter erlangen in den 1950er Jahren eine wichtige Rolle in der politischen Öffentlichkeit als geistige Opposition und moralische Instanz. Rüther unterstreicht ihren wesentlichen Anteil an der Herausbildung eines demokratischen Klimas und zu Beginn der 1960er Jahre auch an der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit.

Zusammengefasst: Rüthers Studie ist ein herausragender Beitrag zur Diskussion der Illusionen und Irrwege der deutschen literarischen Intelligenz. Als einfühlsamer Kenner und politischer Denker weiß er zu gewichten und zu differenzieren.

Zitierweise: Heinz-Uwe Haus, Rezension zu Günther Rüther, Literatur und Politik - ein deutsches Verhängnis?, in: Deutschland Archiv Online, 17.04.2013, Link: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/haus20130417

Fußnoten

1.
Joachim Fest, Fremdheit und Nähe, Stuttgart 1996, S. 64.

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