Beleuchteter Reichstag

19.3.2013 | Von:
Günter Riederer

Die Barackenstadt: Wolfsburg und seine Lager nach 1945

Günter Riederer wirft einen Blick auf die Anfänge der Stadt Wolfsburg vom nationalsozialistischen Musterprojekt bis in die Nachkriegsjahre und stellt fest: Die Geschichte der Stadt ist in der Frühzeit ihrer Entwicklung über weite Strecken die Geschichte ihrer Lager.

Gesamtbebauungsplan "Die Stadt des KdF-Wagens, unter der Leitung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt, entworfen von Architekt Peter Koller"; Maßstab 1:30.000, entstanden im Frühjahr 1938Gesamtbebauungsplan "Die Stadt des KdF-Wagens, unter der Leitung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt, entworfen von Architekt Peter Koller"; Maßstab 1:30.000, entstanden im Frühjahr 1938 (© Stadt Wolfsburg, Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation)
Im Sommer des Jahres 1950 veröffentlichte das damals noch junge Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" eine mehrteilige Serie mit dem Titel "Porsche von Fallersleben. Geschichte eines Automobils". Darin wurde der kometenhafte Aufstieg des Volkswagenwerkes und seine besondere Vorgeschichte als nationalsozialistisches Prestigeprojekt der Massenmotorisierung erzählt. Der fünfte und letzte Teil der Artikelserie widmete sich ausführlich den Lebensbedingungen in der dem Werk zur Seite gestellten Stadt. Im typischen "Spiegel"-Jargon wurde über Wolfsburg reißerisch als von einer "Stadt Klondyk, der mißratenen Menschenplantage, dem politischen Gomorra der zweiten Republik" gesprochen.

Mit eindringlichen Worten beschrieb der Verfasser das provisorische Erscheinungsbild der Stadt: Die Wohnbautätigkeit sei Anfang der 1940er Jahre kriegsbedingt weitgehend eingestellt worden, und das von überdimensionierten Betonstraßen durchzogene Wolfsburger Siedlungsgebiet gleiche einem Torso. Zwischen dieser "Abraumlandschaft" lägen die "Barackenstädte der 11.000 Fremdarbeiter aus Italien, Polen, Frankreich und Jugoslawien". Nach deren Befreiung und Abtransport bevölkere nun eine eigenwillige Mischung aus Versprengten die Baracken der Lager - Flüchtlinge aus dem Osten, Displaced Persons (DPs) und ehemalige kriegsgefangene Wehrmachtsangehörige. Ihr trostloses Dasein führte den Verfasser des Artikels zu den zeitgenössisch weit verbreiteten Befürchtungen vom gesellschaftszersetzenden Charakter dieser Art der Unterbringung. Und in Anspielung auf die sittliche Verwahrlosung und moralische Verwilderung, die das Lagerleben angeblich nach sich zog, endet der Absatz mit dem traurigen Hinweis: "In Wolfsburg hat die Liebe kein Dach über dem Kopf."[1]

Mit erstaunlicher Deutlichkeit umreißen diese Aussagen die Lebensrealität und den alltäglichen Erfahrungshorizont der damaligen Bewohner Wolfsburgs. Zugespitzt lässt sich formulieren: Die Geschichte der Stadt ist in der Frühzeit ihrer Entwicklung über weite Strecken die Geschichte ihrer Lager. Trotz des sich rasant entwickelnden Wirtschaftswunders gehörte das Lagerdasein in Wolfsburg zu einer weit verbreiteten Lebensform. Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn des eigentlichen Stadtaufbaus blieb Wolfsburg zunächst eine Barackenstadt.

Die nationalsozialistische Musterstadt wird geplant

Am 31. Dezember 1937 lebten - verteilt auf die beiden Landgemeinden Heßlingen und Rothehof-Rothenfelde - genau 857 Einwohner auf dem Gebiet des späteren Wolfsburg.[2] Die Population des dünn besiedelten Ackerlandes an der sanft in die norddeutsche Tiefebene auslaufenden Hügellandschaft am Mittellandkanal sollte sich allerdings rasch vergrößern: Im Zusammenhang mit der Suche nach einem geeigneten Standort für den Bau einer großen Automobilfabrik, mit der die Nationalsozialisten die Massenmotorisierung der deutschen "Volksgemeinschaft" erreichen wollten, stießen die Planer auf die Gegend des heutigen Wolfsburg. Die verkehrstechnisch günstige Lage bot gute Voraussetzungen für ein solches Unternehmen, das im wahrsten Sinne des Wortes auf der "grünen Wiese" geplant wurde.[3]

Nach dem Willen der Stadtplaner sollte an die Seite der Autofabrik nicht eine Werkssiedlung als bloßer Fortsatz oder Anhängsel des Volkswagenwerkes treten. Die am 1. Juli 1938 durch eine Verordnung des Oberpräsidenten der Provinz Hannover gegründete "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" war als eine mittelgroße Kommune geplant, entworfen für 90.000 Einwohner mit allen Einrichtungen, wie sie für eine funktionierende städtische Infrastruktur nötig waren. Schon auf dem ersten im Frühjahr 1938 von dem Architekten Peter Koller erstellten Gesamtbebauungsplan ist die bis heute vorherrschende räumliche Zweiteilung deutlich zu erkennen: Nördlich von Eisenbahnlinie und Mittelandkanal liegen die Hallen des Volkswagenwerkes, südlich davon die ringförmig angelegte Stadt, mit einer sogenannten Stadtkrone auf einer Anhöhe im Zentrum, die monumentale Parteibauten beherbergen sollte.

Mit der peripheren Lage dieser Industriegründung abseits der großen industriellen Ballungszentren war aber auch klar, dass die Arbeitskräfte für den Aufbau von Werk und Stadt nicht aus dem unmittelbaren Umfeld kommen konnten, sondern vielmehr von außen zugeführt werden mussten. Die Unterbringung der Beschäftigten der im Stadt- und Werksaufbau tätigen Firmen in einem zentral gelegenen "Gemeinschaftslager" stellte also keine Besonderheit dar und war wegen der nicht vorhandenen baulichen Substanz puren Notwendigkeiten geschuldet.[4]

Schon früh trat ein Mangel an Arbeitskräften auf. Im September 1938 wurden die fehlenden Kapazitäten zunächst mit Arbeitern aufgefüllt, die von der faschistischen italienischen Schwesterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der "Confederazione Fascista dei Lavoratori dell’Industria (CFLI), gestellt wurden, und die ebenfalls in den Baracken des "Gemeinschaftslagers" untergebracht waren.

Die Stadt als Torso

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die darauf folgende Eingliederung des Volkswagenwerkes in die Rüstungswirtschaft ließen dann ein betriebliches System der Zwangsarbeit entstehen. Polnische Frauen, Militärstrafgefangene, sowjetische Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge waren diskriminierenden Arbeits- und Lebensbedingungen ausgesetzt.[5]

In der Folge begannen die Baracken zu wuchern und das Bild der entstehenden Stadt wurde von einer Vielzahl verschiedener Lager mit unterschiedlichen Funktionen geprägt. Den Kern der Barackenstadt bildete das bereits erwähnte "Gemeinschaftslager", das südlich unmittelbar an die Bahnlinie Berlin-Hannover und den Mittellandkanal anschloss. Dort waren zunächst deutsche und italienische Arbeitskräfte untergebracht, die am Aufbau von Werk und Stadt mitwirkten. Später wurde dieser Bereich auch mit französischen, niederländischen und belgischen Zivilarbeitern bzw. Kriegsgefangenen belegt. Daneben bestand das streng bewachte, mit hohen stacheldrahtbewehrten Zäunen gesicherte "Ostlager", in dem Zwangsarbeiter aus Osteuropa untergebracht waren. Zentrale Einrichtungen der Stadtverwaltung sowie verschiedene Schulen befanden sich ebenfalls provisorisch in Baracken.

Über den gesamten Stadtbereich verstreut existierten weitere Wohnlager wie beispielsweise das Reislinger Lager, das von deutschen Arbeitern mit ihren Familien bewohnt wurde, oder das Lager Hohenstein, in dem zur Schulung abkommandierte SS-Männer untergebracht waren. Eine besondere Bedeutung in dieser Lagerlandschaft kam dem außerhalb des unmittelbaren Stadtkerns liegenden Laagberg-Lager zu, in dem seit Mai 1944 800 Häftlinge aus dem KZ Neuengamme unter menschenunwürdigen Umständen untergebracht waren.[6]

Die hochtrabenden Pläne einer nationalsozialistischen Mustersiedlung mit Aufmarschplätzen, komfortablen Siedlungshäusern und modern ausgestatteten Stadtwohnungen waren nur in kümmerlichen Ansätzen verwirklicht worden. Steinbauten beschränkten sich im wesentlichen auf die für die Führungskräfte des Werkes geplante und gebaute Waldsiedlung Steimker Berg, den Bereich Schillerteich und den Stadtteil Wellekamp. Von den 24.000 geplanten Wohneinheiten waren Ende 1944 knapp 3.000 Wohnungen fertiggestellt.[7] Die "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" stellte sich - komplementär zu ihrem provisorischen Titel - als hässlicher Komplex von Barackenlagern dar, in denen bei Kriegsende um die 15.000 Menschen hausten.

Fußnoten

1.
Porsche von Fallersleben. Geschichte eines Automobils, in: Der Spiegel, Nr. 18, 4.5.1950, S. 21-26; Nr. 19, 11.5.1950, S. 28-33; Nr. 20, 18.5.1950, S. 21-27; Nr. 21, 25.5.1950, S. 22-28; Nr. 22, 1.6.1950, S. 21-26. Die Zitate finden sich in Nr. 22, 1.6.1950, S. 22f.
2.
Statistisches Jahrbuch der Stadt Wolfsburg 1978, S. 9.
3.
Siehe zur Geschichte der Stadtgründung z.B. Marie-Luise Recker, Die Großstadt als Wohn- und Lebensbereich im Nationalsozialismus. Zur Gründung der 'Stadt des KdF-Wagens', Frankfurt am Main/New York 1981 oder Klaus-Jörg Siegfried, Wolfsburger Stadtgeschichte in Dokumenten. Entstehung und Aufbau 1938-1945, Wolfsburg 1982.
4.
Siehe dazu in einem größeren Zusammenhang ausführlich Manfred Grieger, Zuwanderung und junge Industriestadt. Wolfsburg und die Migranten seit 1938, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 81 (2009), S. 177-221.
5.
Siehe dazu ausführlich Klaus-Jörg Siegfried, Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit im Volkswagenwerk 1939 bis 1945. Eine Dokumentation. Frankfurt am Main/ New York 1986; Ders., Das Leben der Zwangsarbeiter im Volkswagenwerk 1939-1945. Frankfurt am Main/ New York 1988; Hans Mommsen und Manfred Grieger, Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich. Düsseldorf 1996.
6.
Zum Laagberg-Lager ausführlich Manfred Grieger, Wolfsburg-„Laagberg“, in: Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.), Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Bd. 5: Hinzert, Auschwitz, Neuengamme, München 2007, S. 551-555.
7.
Marie-Luise Recker, Wolfsburg im Dritten Reich. Städtebauliche Planung und soziale Realität, in: Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 65 (1993), S. 17-31, hier S. 30.
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Autor: Günter Riederer für bpb.de
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