Beleuchteter Reichstag
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Hörfunkjournalismus und Musikprogramm im gesellschaftlichen Wandel

Eine Chronik von Jugendradio DT64


4.4.2013
Stephan Sprang beschreibt die Entwicklung des Jugendradio DT64, das beispielhaft für die gravierenden Veränderungen, denen die ostdeutsche Rundfunklandschaft nach 1989 unterworfen war, steht - und wie es dazu kam, dass tausende Menschen für "ihr" Radioprogramm auf die Straße gingen.

"Ich bin befremdet über die bevorstehende Abschaltung dieser einzigartigen deutschen Radiostation."
David Bowie, Musiker, in einem Interview mit Jugendradio DT64 am 16. Oktober 1991


Ein Sender für die Jugend



Tontechnikerin Petra Kirste betreut die Sendung "Auf-Takt" zur Eröffnung des Senders "Jugendradio DT64", Foto vom 7. März 1986Tontechnikerin Petra Kirste betreut die Sendung "Auf-Takt" zur Eröffnung des Senders "Jugendradio DT64", Foto vom 7. März 1986 (© Bundesarchiv, Bild 183-1986-0307-017, Foto: Gabriele Senft)
Anlässlich des Deutschlandtreffens 1964 richtet der Rundfunk der DDR vom 15. bis 18. Mai das "Sonderstudio DT64" ein. Das Serviceprogramm für die jugendlichen Teilnehmer sendet 99 Stunden nonstop ein Musik- und Informationsprogramm. Am 29. Juni 1964 wird das "Jugendstudio DT64" zu einem regelmäßigen Programmteil des Berliner Rundfunks. DT64 ist somit eines der ersten Radioprogramme für Jugendliche in Europa.[1]

1986 fusionieren "Hallo - Das Jugendjournal" und "Jugendstudio DT64" zu "Jugendradio DT64" mit einer täglichen Sendezeit von 13.00 bis 24.00 Uhr. Die Sendung "Auf-Takt" am 7. März markiert den Sendestart von Jugendradio DT64 als eigenständiger Sender.

In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erfreut sich Jugendradio DT64 stetig steigender Einschaltquoten. Hörten 1985 noch 2 Prozent der Bevölkerung der DDR über 15 Jahre DT64, so sind es im Januar 1989 bereits 11 Prozent.[2] Ein Drittel der Befragten gibt 1989 an, "andere Sender" oder "keinen Sender" gehört zu haben. Erst in der Studie vom Dezember 1989 werden diese zumindest teilweise im Klartext benannt: Hinter den Rubriken "andere Sender" und "keine Sendernennung" verbergen sich die Einschaltquoten der aus Westberlin und den angrenzenden Bundesländern einstrahlenden musikbetonten Programme Rias2, Bayern3, NDR2. Dabei treten starke regionale Differenzierungen auf, die im Zusammenhang mit der Empfangbarkeit der Sender stehen. Es zeigt sich, "dass jeweils die in der Region gut empfangbaren Sender mit […] besonders hohem Anteil von Rock- und Popmusik favorisiert sind." Die Statistiken zeigen, dass Jugendradio DT64 in den Gebieten besonders oft gehört wird, in denen westliche Sender nur eingeschränkt zu empfangen sind, zum Beispiel Dresden und Rostock.[3]

Moderatorin und Reporterin Andrea Krüger von Jugendradio DT64 (rechts) während der Sendung "Live auf Klubtour"Moderatorin und Reporterin Andrea Krüger von Jugendradio DT64 (rechts) während der Sendung "Live auf Klubtour" (© Bundesarchiv, Bild 183-1987-0414-302, Foto: Klaus Oberst)
Galt 1964 ein Programm mit Betonung auf Rockmusik noch als Novum, so ist in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre die Auseinandersetzungen um die Rock- und Popmusik in der DDR bereits ausgetragen, diese Musik gilt inzwischen als salonfähig. Dennoch herrscht auf dem DDR-Schallplattenmarkt ein Defizit an westlicher Rockmusik. Das sucht DT64 zu mindern, indem regelmäßig Musik zum Mitschneiden gesendet wird. Die Sendung "Parocktikum" mit Moderator Lutz Schramm wird eingerichtet, um einer neuen, jungen Musikergeneration einen Platz im Programm einzuräumen, die sich musikalisch aus Punk und New Wave heraus definiert und versucht, sich den Strukturen der staatlichen Kulturorgane zu entziehen.[4] DT64-Moderator Lutz Bertram: "Die Musikabteilung ist sicher das Unbeschädigtste gewesen, was der Sender hatte und was den Sender hinterher glaubwürdig gemacht hat. Das hat aber damit zu tun, daß die Herren im Zentralkomitee wortorientiert waren und häufig Dinge nicht einordnen konnten."[5]

Sämtliche Beiträge und Moderationsmanuskripte mussten der Chefredaktion vorgelegt und von dieser bestätigt werden. Mitarbeiter, die sich von den abgesprochenen Manuskripten lösten, mussten mit zeitweiligem Moderationsverbot und Versetzung rechnen. Der Fall von Silke Hasselmann, die am 19. November 1988 unter dem Eindruck des Verbots der sowjetischen Zeitschrift "Sputnik" in der DDR ihre Sendung mit den Worten "Ein Sputnik ist heute abgestürzt" und dem Titel "Aufruhr in den Augen" der Rockband Pankow eröffnete und daraufhin zur Rundfunksendung "Stimme der DDR" versetzt wurde, steht heute beispielhaft für die Kontrollmechanismen im DDR-Rundfunk. Neben den regulären Musikspezialsendungen werden im Programm von DT64 oft auch "Mammut-Musiksendungen" veranstaltet und Konzerte übertragen. Zum Beispiel "Rock 84" am 29. Dezember 1984 von 19.00 bis 4.00 Uhr, 1988 "Artists Against Apartheid" aus London und die großen Konzerte aus Berlin-Weißensee mit Marillion und Bruce Springsteen. Die Bedeutung des Mitschneidens wird auch von den Soziologen im Rundfunk der DDR erkannt: "Das Mitschneiden ist eine ganz spezielle Form der Radionutzung. [...] Für rund 1/4 der 12- bis 30-Jährigen ist der Wunsch, etwas mitzuschneiden, ein häufiger Grund, um Radio zu hören."[6]

Mit der Öffnung der Grenzen der DDR ändern sich die äußeren Koordinaten für das DT64-Programm. Ab Herbst 1989 stehen den Jugendlichen die westlichen Tonträger zum Kauf zur Verfügung, auf den Mitschnittservice von DT64 sind sie nun nicht mehr angewiesen. Die Sendung "Duett - Musik für den Recorder" wird folgerichtig mit der Programmreform zum 1. April 1990 eingestellt. Außerdem fällt die sogenannte 60/40-Regel weg. Danach durften höchstens 40 Prozent der gesendeten Musik im "nichtsozialistischen Ausland" produziert worden sein, - die restlichen 60 Prozent sollten hauptsächlich Produktionen des Rundfunks und des staatlichen Labels Amiga sein. Der Anteil ostdeutscher Titel im Musikprogramm nimmt nun immer weiter ab. Hervorzuheben ist allerdings das Engagement des Senders für eine neue, junge Musikergeneration: Songs von Bobo In White Wooden Houses, Die Art, Herbst in Peking und anderen bilden im Tagesmusikprogramm des Jahres 1990 einen festen Bestandteil.

Neue publizistische Freiheit



Über 100.000 Bürger demonstrieren in Leipzig für ihre Forderung nach spürbaren Veränderungen der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR.Über 100.000 Bürger demonstrieren in Leipzig für ihre Forderung nach spürbaren Veränderungen der gesellschaftlichen Entwicklung der DDR. Lizenz: cc by-sa/1.0/deed.de (Bundesarchiv, Bild 183-1989-1023-022 / Fotograf: Friedrich Gahlbeck)
Im Mai 1989 verkündet der Wahlleiter Egon Krenz das angebliche Wahlergebnis von 98,85 Prozent Ja-Stimmen für die "Kandidaten der Nationalen Front" bei den Kommunalwahlen. Zweifel daran finden in den Medien der DDR keinen Platz. Im Juni wird in Peking eine friedliche Studentendemonstration gewaltsam niedergeschlagen. Presse und Rundfunk der DDR verkünden die Solidarität mit der chinesischen Parteiführung. Im August strömen hunderte, später tausende, DDR-Bürger in die westdeutschen Vertretungen in Prag, Budapest und Ost-Berlin. Tausende reisen über die ungarisch-österreichische Grenze in die Bundesrepublik Deutschland ein. In den Medien der DDR wird dies ebenso wenig thematisiert wie die ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig. Während der Feiern zum 40. Gründungstag der DDR werden hunderte Demonstranten festgenommen. Die Medien der DDR schweigen dazu.

Am 16. Oktober 1989 sind erstmals Journalisten von DT64 bei einer Montagsdemonstration und in der Nikolaikirche in Leipzig zugegen, wo sich Leipziger Bürger zum Friedensgebet vor den Demonstrationen versammeln. Am 17. Oktober strahlt DT64 eine Reportage über die Montagsdemonstrationen aus, der erste Bericht überhaupt zu diesem Thema im zentralen DDR-Rundfunk. Wenig später tritt Erich Honecker zurück. Die Redaktion von Jugendradio DT64 zeigt nun offen ihre Sympathie mit den Regimekritikern. Die Gespräche am Runden Tisch zählen im Wendeherbst 1989 zu den Dauerthemen auf DT64. Auch die außerplanmäßige Versammlung der Sektion Rockmusik des staatlichen Komitees für Unterhaltungskunst wird thematisiert. In einer Resolution der Sektion Rockmusik wird der öffentliche Dialog über die Probleme in der DDR gefordert. Am 18. Oktober ist Bärbel Bohley vom Neuen Forum zu Gast bei DT64. Am 8. November wird die Lesung von Walter Jankas Buch "Schwierigkeiten mit der Wahrheit" im Deutschen Theater in Berlin mit dem Schauspieler Ulrich Mühe ungekürzt übertragen. Hans Modrow, kurzzeitiger Ministerpräsident der DDR, stellt sich am 23. November den unbequemen Fragen der Moderatoren in der "DT64-Gaststube".

Die erste deutsch-deutsche Radio-Gemeinschaftssendung bestreiten das SFB2-Morgenecho und der DT64-Morgenrock am 20. November, Kooperationen mit dem WDR, mit Radio Bremen, Radio 100, Radio ffn und mit dem SDR folgen. Am 2. Dezember 1989 spielen Bettina Wegner, Wolf Biermann, Stephan Krawczyk und das Duo Pannach/Kunert erstmals wieder in der DDR. Die Veranstaltung im Berliner Haus der jungen Talente heißt "Verlorene Lieder, verlorene Zeiten" und wird von DT64 live übertragen.

Revolution Rock



Auf einer Belegschaftsversammlung am 8. November 1989 sprechen die Mitarbeiter von DT64 der Intendantin Marianne Hoebbel und der gesamten Leitung das Misstrauen aus. Damit ist DT64 der erste Sender im Rundfunk der DDR, der personelle Änderungen in leitenden Positionen vollzieht.[7] Der am 28. November zum Intendanten gewählte Dietmar Ringel gilt mit 32 Jahren als der jüngste Intendant der deutschen Rundfunkgeschichte. Ringel war 1986 im Zuge der Programmerweiterung zu DT64 gekommen, vorher hatte er in der Hauptabteilung Außenpolitik beim Rundfunk der DDR gearbeitet.

Nach dem Mauerfall folgt "eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten", wie Andreas Ulrich später formuliert, "das Programm wurde frech und kontrovers, dazu noch aufklärerisch, hilfreich und unterhaltsam".[8] Ehemalige Tabuthemen wie der Rechtsextremismus in der DDR werden ebenso aufgegriffen wie das Verschwinden von Stasi-Akten und die Zustände in der Strafvollzugsanstalt Brandenburg. Die Drei-Minuten-Grenze für journalistische Beiträge lässt sich nur noch selten einhalten. DT64-Wortredakteur Harald Müller beschreibt es als Befreiung, "nichts mehr machen zu müssen, wo man die Botschaft 'zwischen den Zeilen' herauszuhören hat".[9]


Fußnoten

1.
Vgl. Heiner Stahl, Jugendradio im Kalten Ätherkrieg. Berlin als eine Klanglandschaft des Pop (1962–1973), Berlin 2010.
2.
Heide Riedel, Mit uns zieht die neue Zeit: 40 Jahre DDR-Medien, Berlin 1993, S. 177.
3.
Statistik vgl. Deutsches Rundfunkarchiv Berlin (DRA), F006-01-00/DT64.
4.
Vgl. Michael Rauhut, Rock in der DDR 1964 bis 1989 (Zeitbilder). Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002.
5.
Zitat Lutz Bertram in: Klaus-Peter Wenzel, Der Fall Lutz Bertram. Dokumentation einer Verstrickung, Berlin 1996, S. 133.
6.
DRA Berlin, F006-01-00/DT64.
7.
Andreas Ulrich und Jörg Wagner (Hg.), DT64. Das Buch zum Jugendradio 1964–1993, Leipzig 1993, S. 231 und 112.
8.
Der Spiegel, Hamburg, 18.11.1991.
9.
Horst Bürschaper, Nachdenken über Jugendradio und Wende, in: Edith Spielhagen, So durften wir glauben zu kämpfen: Erfahrungen mit DDR-Medien, Berlin 1993, S. 129ff.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Stephan Sprang für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 
Demonstration am 4. November 1989 in Berlin.Deutschland Archiv 1/2011

Medien

Medien stellen in demokratischen Gesellschaften als "vierte Gewalt" ein wichtiges Element des öffentlichen Lebens dar; sie informieren, kommentieren und tragen zur Meinungs- und Willensbildung bei. In Diktaturen dienen sie den Herrschenden vorwiegend als Propaganda- und Erziehungsinstrument. Weiter...