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Das Reisebüro der DDR


19.7.2011
Jeder DDR-Bürger kannte es, doch in der Forschungsliteratur spielt das "Reisebüro der DDR" keine Rolle. Wenn überhaupt, wird es unter dem Thema Urlaub in der DDR erwähnt – meist mit ostalgischem Augenzwinkern. Dabei verdient das Unternehmen weitaus mehr Aufmerksamkeit, fungierte es doch als eine Art getarnter Filialbetrieb der Staatssicherheit.

Die Staatssicherheit als Reisebüro?




DDR-Urlauber an der bulgarischen Schwarzmeerküste.DDR-Urlauber an der bulgarischen Schwarzmeerküste. (© Archiv Stefan Appelius)
Die Mauer war gerade erst errichtet, als die ersten DDR-Bürger im Sommer 1962 auf die Idee kamen, die Flucht in den Westen auf einem scheinbar weniger gefährlichen Weg über ein Drittland anzutreten. Viele Länder kamen dafür allerdings nicht in Frage. DDR-Bürger durften damals ihre Ferien nur in wenigen östlichen "Bruderländern" verbringen. Eines dieser Länder war die mit der Sowjetunion eng verbündete Volksrepublik Bulgarien. Dieses Land war nicht nur vergleichsweise rückständig, es genoss auch ein freundliches Image und – wichtiger noch – es hatte Staatsgrenzen zur Türkei, nach Griechenland und zum blockfreien Jugoslawien. Diese scheinbar so günstigen Umstände waren es, die in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren mutmaßlich mehrere tausend DDR-Bürger auf die Idee brachte, man könne dort unten, fernab von Ost-Berlin, auf gefahrlose Weise in den Westen kommen. Einigen Glücklichen gelang es tatsächlich, häufig mit Unterstützung von Fluchthelfern. Meistens endeten diese Vorhaben jedoch mit der Festnahme – und mindestens 18 Deutsche haben diese Fluchtversuche mit ihrem Leben bezahlt.

Das Logo des "Reisebüro der DDR" wurde ca. 1966 von Kunstpreisträger Herbert Prüget entworfen.Das Logo des "Reisebüro der DDR" wurde ca. 1966 von Kunstpreisträger Herbert Prüget entworfen. (© Archiv Stefan Appelius)
Wie reagierte der Staatssicherheitsdienst der DDR auf die Fluchten über die "verlängerte Mauer", welche bilateralen Maßnahmen wurden von der DDR-Regierung ergriffen, und welche Rolle spielte das "Reisebüro der DDR" in diesem System?

Im April 2011 enthüllte Simone Wendler in der "Lausitzer Rundschau" die jahrelangen Spitzeleien eines Mannes, der nach der "Wende" als Regionalchef des Bundesverbandes für Wirtschaft und Außenwirtschaft in Cottbus amtierte. "IM Hardy" hatte für die Bezirksverwaltung (BV) Cottbus des MfS in Bulgarien und Ungarn ostdeutsche Urlauber bespitzelt. "Für diese Einsätze zeigte sich die Stasi gegenüber IM 'Hardy' finanziell äußerst großzügig. Sie bezahlte ihm mehrfach den kompletten Urlaub in sozialistischen Bruderländern, samt Flug, Hotel und Spesen, bis zu 3.600 Mark für einen Aufenthalt. Das Verzeichnis der Ausgaben für solchen 'Spezial-Urlaub' und Prämien sowie zusätzliches Reisegeld in Kronen, Lewa und Forint füllt zwei eng beschriebene Blätter, insgesamt rund 15.000 Mark", heißt es in dem Beitrag von Simone Wendler.[1]

Doch die Autorin unterliegt einem Irrtum: Das MfS spendierte seinem inoffiziellen Mitarbeiter keine Urlaubsreisen, sondern es finanzierte dessen Dienstreisen. "Hardy" wurde vom MfS speziell für die Durchführung von Auslandseinsätzen angeworben.[2] Diese als "Urlaub" zu bezeichnen, wird deren operativer Bedeutung für das MfS und vor allem den möglichen Folgen solcher Dienstreisen für ausspionierte Zielpersonen nicht gerecht. Der Staatssicherheitsdienst der DDR war kein Reisebüro. Wohl aber nutzte das MfS das "Reisebüro der DDR" zur Tarnung seiner Auslandsaktivitäten. Wie das funktionierte, soll hier am Beispiel der Volksrepublik Bulgarien (VRB) erklärt werden, die in den 70er-Jahren nach der ČSSR und Polen auf Platz 3 der beliebtesten Reiseländer für DDR-Urlauber lag.[3]



Fußnoten

1.
Simone Wendler, Die Staatssicherheit als Reisebüro, in: Lausitzer Rundschau, 18.4.2011.
2.
BStU, MfS, BV Cbs AIM 2720/89.
3.
Impuls – Betriebliche Mitteilungen: 20 Jahre Reisebüro der DDR, Berlin (O.) 1978, S. 26.

 

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