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Das Reisebüro der DDR

19.7.2011

Die Entstehung des "Reisebüros der DDR"




Die Entscheidung zur Gründung des staatlichen "Deutschen Reisebüros" (DER), das dem Ministerium für Verkehrswesen unterstellt war, fiel im Herbst 1957 und trat am 1. Januar 1958 in Kraft.[11] Sechs Jahre später, zum Jahresbeginn 1964, wurde der Betrieb in "Reisebüro der Deutschen Demokratischen Republik" umbenannt. Hatte sich das über 15 Jahre von Generaldirektor Heinz Wenzel geleitete Unternehmen anfangs fast ausschließlich dem allgemeinen Reiseverkehr in der DDR gewidmet, gewann der Auslandstourismus in sozialistische Bruderländer rasch an Bedeutung. Dadurch wurde das Reisebüro – laut Statut – zum "zentralen Organ der Deutschen Demokratischen Republik für Auslandstouristik", das den "Touristenaustausch mit den sozialistischen Ländern" als eines seiner Hauptanliegen betrachtete. Flugreisen in die Volksrepublik Bulgarien hatte der Vorläufer des staatlichen Reisebüros bereits 1955 erstmals angeboten.

Während das "Reisebüro der DDR" 1965 seine ersten Auslandsvertretungen in Warschau, Prag und Moskau eröffnete, nahm seine gemeinsame Auslandsdependance mit der staatlichen Fluggesellschaft "Interflug" in der bulgarischen Hauptstadt Sofia erst Anfang April 1970 ihre Arbeit auf.[12] Nur vier Wochen später eröffnete im Badeort Nessebar an der Schwarzmeerküste die erste Saisonvertretung des Reisebüros in der Volksrepublik.[13] Beide Büros – ebenso wie alle übrigen in Bulgarien damals eröffneten Repräsentanzen des "Reisebüros der DDR" arbeiteten von Anfang an unter der Regie der dort stationierten Operativgruppe des MfS.

Bulgarien-Karte des Stasi-Hauptmanns Sieghart Siebert (1984). Die roten Pfeile bedeuten "Schwerpunkte der ungesetzlichen Grenzübertritte", die punktierten Bereiche "touristische Ballungsgebiete".Bulgarien-Karte des Stasi-Hauptmanns Sieghart Siebert (1984). Die roten Pfeile bedeuten "Schwerpunkte der ungesetzlichen Grenzübertritte", die punktierten Bereiche "touristische Ballungsgebiete". (© BStU, Nachbearb.: Stefan Appelius.)
Die Eröffnung dieser Büros war Teil eines seit Herbst 1969 geplanten "Sicherungsmodells Nessebar"[14], das in Zusammenarbeit zwischen der Generaldirektion des "Reisebüros der DDR" und dem MfS entstand: "Nach der bisherigen Methode der Absicherung der Reisegruppen durch Reiseleiter-IM und IM in den Reisegruppen allein war es nicht mehr und konnte es auch nicht für die weitere Zukunft möglich sein, den Personenkreis der im sozialistischen Ausland aufhältigen Touristen genügend unter operative Kontrolle zu bekommen"[15], heißt es in einer Ende 1970 verfassten Einschätzung der Hauptabteilung VI, Linie "Sicherung des Reise- und Touristenverkehrs" (SRT).

Um die damit verbundenen Abläufe besser kontrollieren zu können, entstand in der Generaldirektion des "Reisebüros der DDR" in Ost-Berlin eine neue Abteilung "Auslandsvertretungen und Repräsentanten", die dem Direktor für Internationale Zusammenarbeit unterstellt wurde.[16] Das MfS war mit dieser neuen Abteilung direkt verbunden: Nicht nur sämtliche Mitarbeiter, einschließlich des Leiters und seiner Stellvertreter, standen als IM in Diensten der Staatssicherheit, sondern auch der neu ernannte Chefrepräsentant in Nessebar (Führungs-IM/FIM) mit allen ihm unterstellten Repräsentanten des Reisebüros, die ein sogenanntes FIM-Netz bildeten.[17]



Fußnoten

11.
1958–1968 Reisebüro der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin (O.) 1968 [unpag. Belegex., Bibliothek BArch Berlin, 94 A/820 a].
12.
Später wurden die Büros von Interflug und Reisebüro getrennt.
13.
Impuls – Betriebliche Mitteilungen: 20 Jahre Reisebüro der DDR, Berlin (O.) 1978, S. 89.
14.
BStU, MfS, Abt. X Nr. 1477, Bl. 13.
15.
BStU, MfS, Abt. X 1477, Bl. 3.
16.
Strukturplan des "Reisebüro der DDR", BArch, DM 102/683.
17.
BStU, MfS, Abt. X 1477, Bl. 7.

 

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