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Das Reisebüro der DDR

19.7.2011

Halbseidene Tarnung




Jeder DDR-Urlauber, der nach Bulgarien reiste, erhielt eine "Reiseinformation VR Bulgarien". Darin hieß es unter der Überschrift "Betreuung", dass neben den Repräsentanten des Reisebüros und den DDR-Reiseleitern auch bulgarische Reiseleiter mit der Wahrnehmung von "Serviceleistungen" beauftragt seien. Es ist nach Aktenlage davon auszugehen, dass es sich bei diesem Personenkreis durchweg um Mitarbeiter des Bulgarischen Ministeriums des Inneren und für Staatssicherheit (MWR) handelte, zumal es der Operativgruppe ausdrücklich untersagt war, bulgarische Staatsbürger anzuwerben.[42] Dass alle drei Mitarbeiter-Kategorien (DDR-Reiseleiter, Reisebüro-Repräsentant und bulgarischer Reiseleiter) eine Betreuungseinheit bildeten, geht aus der damaligen "Reiseinformation VR Bulgarien" deutlich hervor. Darin hieß es auch, dass es bei "unvorhergesehenen Ereignissen" ratsam sei, sich "unverzüglich" an den DDR-Reiseleiter oder den Reisebüro-Repräsentanten zu wenden.[43] Die "Einleitung entsprechender Maßnahmen" zählte in solchen Fällen zu deren unmittelbaren Aufgabenkatalog.[44]

Ein zentraler Teil des 1970 neu entwickelten "Sicherungsmodells Nessebar" war es, den Chefrepräsentanten an den operativ wichtigen Urlauberorten grundsätzlich mindestens einen "Offizier im besonderen Einsatz" (OibE) an die Seite zu stellen – und zwar stets in der Funktion eines Stellvertretenden Chefrepräsentanten. Diese Neuerung betraf auch die Abteilung "Auslandsvertretungen und Repräsentanten" in der Generaldirektion Berlin, in der im Sommer 1974 allein drei OibE eingesetzt wurden.[45] Dieser Personenkreis konnte seinerseits zügig mit dem Aufbau eigener FIM-Netze beginnen, um die Mitarbeiter der Operativgruppe zu entlasten, damit sich diese besser auf die "Arbeit am Feind konzentrieren" konnten.[46]

Dabei spielte es keine Rolle, dass diese OibE wie auch die übrigen Mitarbeiter der Operativgruppe zumindest während ihrer Dienstzeit in der Regel "keinerlei Kenntnisse" über die tatsächlichen Aufgaben von Reisebürokaufleuten hatten, wie ein früherer Mitarbeiter der Operativgruppe in der VRB im Gespräch mit dem Verfasser einräumte. Es habe sich während seines Aufenthaltes in Bulgarien Anfang der 70er-Jahre noch um eine "halbseidene" Tarnung gehandelt, die etwa durch das Botschaftspersonal der DDR in Sofia schon deshalb sehr einfach habe durchschaut werden können, weil die betreffenden Personen in den Geschäftsräumen des Reisebüros nur höchst selten anzutreffen gewesen seien und konkrete Fragen, die das Reisebüro betrafen, nicht beantworten konnten.[47]

Vielleicht war es anfangs tatsächlich eine "halbseidene" Tarnung, wie sich der Zeitzeuge erinnert, doch unprofessionell war sie keineswegs – wie man daran erkennen kann, dass neben den als Reisebüro-Mitarbeitern getarnten Offizieren der Operativgruppe, den OibE und den als IMRB verpflichteten Repräsentanten und Chefrepräsentanten auch sämtliche bulgarischen Mitarbeiter des "Reisebüros der DDR" vor ihrer Einstellung zunächst grundsätzlich durch das MfS überprüft wurden.[48]



Fußnoten

42.
Im Sommer 1982 verurteilte das Oberlandesgericht Düsseldorf einen bulgarischen Reiseleiter, nachdem dieser gestanden hatte, ein Fluchthilfeunternehmen an das MWR verraten zu haben. Vgl.: Geheimdienst-Spitzel hinter sonniger Fassade – Bulgarischer Reiseleiter lieferte westliche Goldstrand-Urlauber ans Messer, in: Der Tagesspiegel, 29.9.1982, BStU, MfS, HA VI 13424, Bl. 480.
43.
Reisebüro der DDR, Reiseinformation VR Bulgarien – Die bulgarische Schwarzmeerküste, 1979, Archiv d. Vf.
44.
Reisebüro der DDR, Reiseinformation VR Bulgarien – Die Hauptstadt Sofia und die bulgarischen Gebirge, 1980. Archiv d. Vf.
45.
BStU, MfS HA VI 13424, Bl. 112ff.
46.
Wolfgang Lotter, Zum Einsatz von IM aus dem Kreise der Repräsentanten der Generaldirektion des Reisebüros der DDR bei der Sicherung des Reise- und Touristenverkehrs aus der DDR nach der VR Bulgarien, BStU, MfS, JHS MF 001 659/76, S. 32.
47.
Interview d. Vf., Berlin 27.5.2011.
48.
BStU, MfS, HA VI 14052, Bl. 176.

 

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