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Das Reisebüro der DDR

19.7.2011

Die Erinnerung täuscht




Die Geschichte des "Reisebüros der DDR" hat wenig mit augenzwinkernder Lagerfeuerromantik zu tun. Die meisten festangestellten Repräsentanten und Chefrepräsentanten des "Reisebüros der DDR" und die ehrenamtlichen Reiseleiter arbeiteten gemeinsam im Auftrag des Ministeriums für Staatssicherheit an der "Sicherung und Kontrolle des Reise- und Touristenverkehrs in das sozialistische Ausland".[49]

Das "Reisebüro der DDR" spielte eine wichtige Rolle bei der Absicherung der "verlängerten Mauer" und der Verhinderung von Fluchtversuchen von DDR-Bürgern in den realsozialistischen Bruderländern Bulgarien, Ungarn, der ČSSR, Rumänien, Polen und dem blockfreien Jugoslawien. Solche Fluchtversuche wurden bis in die 80er-Jahre hinein zu Tausenden unternommen. Gerda Heinze, Hauptmann des MfS, wies explizit auf einen im März 1979 in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" veröffentlichten Beitrag unter der Überschrift "Flucht-Umwege sicherer" hin, demzufolge Flüchtlinge weit eher auf der Transitstrecke als in einem der "Bruderländer" mit der Festnahme zu rechnen hätten: "Mit Orientierungen in der Westpresse, 'es käme nur auf die Stempelfarbe an', wird zu suggerieren versucht, dass Passschleusungen unter Missbrauch der Territorien sozialistischer Länder relativ sicher sei."[50]

Diese Art westlicher Medien-Berichterstattung war rückblickend höchst problematisch, da sie nicht hinreichend vor den Gefahren dieses Fluchtweges warnte. Verantwortung für das Entstehen der Gerüchte um die angeblich weniger gefährlichen Auslandsfluchtwege trägt aber auch die damalige sozialliberale Bundesregierung. Warum informierte sie in den 70er- und 80er-Jahren nicht die Medien, wenn ihr durch Handelsvertretungen oder Botschaften Todesfälle von DDR-Flüchtlingen in Bruderländern bekannt wurden? Womöglich hätte eine kritischere und realistischere Medien-Berichterstattung im Westen junge Leute in der DDR von den völlig unkalkulierbaren Risiken einer Auslandsflucht abhalten können. Warum also ließ Bundesaußenminister Walter Scheel im Fall des im Sommer 1972 in Rumänien erschossenen Rudolph Babendererde[51] aus Rostock nicht die Medien unterrichten?[52] Gingen die diplomatischen Beziehungen zum Ceauşescu-Regime vor? Waren die Ostpolitik und die wirtschaftliche Interessen wichtiger als derartige "Kollateralschäden"? Dieser Eindruck wird durch die Tatsache verstärkt, dass es Bundesaußenminister Klaus Kinkel auch vier Jahre nach der "Wende" nicht für nötig hielt, eine Liste, die das Auswärtige Amt in jenem Jahr vom bulgarischen Außenministerium mit Angaben über in Bulgarien getötete DDR-Bürger erhielt und die seither in der Berliner Staatsanwaltschaft verwahrt wird, zumindest für die Forschung freizugeben. Nicht einmal die Angehörigen der darin namentlich aufgeführten DDR-Opfer wurden konsultiert.

Liest man die Erinnerungen Rolf Beyers auf einer Zeitzeugen-Website der Universität Leipzig, hatte die Tätigkeit als Reiseleiter für das "Reisebüro der DDR" fast nur Vorzüge: Beyer, der nach eigenen Angaben von 1977 bis 1989 als Reiseleiter tätig war, durfte sich alljährlich seine Wunschziele aussuchen, lernte die realsozialistische Welt kennen und musste für die Reisen als Reiseleiter nicht einmal bezahlen.[53] Beworben habe er sich für die Aufgabe nicht. Die Bezirksdirektion Leipzig des "Reisebüros der DDR" habe ihn gefragt, ob er als Reiseleiter tätig sein wolle, teilte Beyer auf Nachfrage mit.[54]

Das Ministerium für Staatssicherheit hatte sehr genaue Vorstellungen von den "politisch-operativen" Aufgaben und der Rekrutierung des Personenkreises, der für diese Tätigkeit in Frage kam. Das hing schon damit zusammen, dass die Reiseleiter nach offizieller Darstellung des Reisebüros einen "entscheidenden Einfluß auf das DDR-Bild der ausländischen Touristen" hatten.[55] Dieses Bild hatte, getreu der Devise: "Unser Weg war und ist richtig!", unbedingt positiv zu sein und durfte dem "Klassenfeind" im Westen keine Angriffsflächen bieten. Das MfS durchleuchtete nicht nur die Lebensläufe der Bewerber, sondern auch sämtliche verfügbaren Unterlagen zu deren Angehörigen und Eltern. Grundsätzlich kamen nur solche Personen in Betracht, die einen "klaren marxistisch/leninistischen Klassenstandpunkt" hatten – womit in der Regel eine langjährige SED-Mitgliedschaft verbunden war.[56] Ablehnungsgründe lagen vor, wenn Kandidaten zum Beispiel Westverwandtschaft hatten oder mit einer kritischen Haltung gegenüber der SED aufgefallen waren.

Zwar ging man seitens der Staatssicherheit auf die persönlichen Wünsche der Reiseleiter ein, diese waren von dem für die Einsatzplanung zuständigen Mitarbeiter des MfS jedoch stets mit den "operativen Erfordernissen" in Übereinstimmung zu bringen. Und neben geografischen und historischen Kenntnissen hatte der Reiseleiter vor allem "Grundkenntnisse über wesentliche Methoden und Formen der Feindtätigkeit einschließlich der wichtigsten Straftatbestände der DDR" zu erlernen und ein "aufgabenbezogenes Feindbild" zu entwickeln.[57] "Alle Bürger, die sich als Reiseleiter bewerben, wenden sich mit einer schriftlichen Bewerbung und Delegierung seitens ihrer SED-Grundorganisation bzw. Betriebsleitung an die Generaldirektion des Reisebüros (...). Der Einsatz erfolgt dann durch eine OibE-Gruppe in der Generaldirektion des Reisebüros der DDR."[58]

Das heißt zwar nicht, dass jeder Reiseleiter automatisch ein IM war, denn das war selbst für das MfS schon rein quantitativ nicht zu leisten. Doch die Zahl der Reiseleiter, die tatsächlich inoffizielle Mitarbeiter des MfS waren, dürfte nach Aktenlage in die Tausende gehen – zumal das MfS in den 80er-Jahren dazu überging, alle Reisen nach Polen und Rumänien mit Reiseleiter-IM zu besetzen. Bei Reisen in die "operativ-interessanten Schwerpunktorte" an der bulgarischen Schwarzmeerküste praktizierte man dieses System ohnehin.



Fußnoten

49.
BStU, MfS, JHS VVS o0001-668/84 (Siebert) MF, S. 11.
50.
BStU, MfS, JHS VVS o0001-717/83 (Heinze) MF, S. 7.
51.
BStU, MfS, AS 139/75, Bd. 1.
52.
Vgl. PA-AA, B 83, Bd. 938.
53.
http://www.uni-leipzig.de/fernstud/Zeitzeugen/zz178.htm [8.6.2011].
54.
E-Mail Beyers an Vf., Leipzig 3.6.2011.
55.
Impuls – Betriebliche Mitteilungen: 20 Jahre Reisebüro der DDR, Berlin (O.) 1978, S. 43f.
56.
Vgl. dazu ausführlich an ausgewählten Reiseleiter-Akten: BStU, MfS, HA II 38385.
57.
BStU, MfS, JHS VVS o0001-668/84 (Siebert) MF, S. 15.
58.
BStU, MfS, JHS o0001-850/77 (Kühn) MF, S. 86.

 

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