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Beleuchteter Reichstag

20.3.2013 | Von:
Corinna Wagner

Die Gedenkstätte und Museum Trutzhain

Probleme einer angemessenen Erinnerung in NS-Gedenkstätten mit multiplen Vergangenheiten nach 1945. Ein Fallbeispiel.

Corinna Wagner befasst sich mit der Gedenkstätte Trutzhain, einem Ort multipler Vergangenheiten: Von der Errichtung als nationalsozialistische Zwangseinrichtung über die alliierte Zwischennutzung bis hin zum alltäglichen Lebensmittelpunkt der Nachkriegsgesellschaft verbindet Trutzhain Erinnerungswelten und Menschen.

Einleitung

Lagerstraße des Stalag IX A Ziegenhain 1942Lagerstraße des Stalag IX A Ziegenhain 1942 (© Gedenkstätte und Museum Trutzhain)
"STALAG - TRUTZHAIN - HEIMAT!"[1] - mit diesen Worten verlieh 1948 ein unbekannter Flüchtling seiner Erleichterung und Freude Ausdruck, in Trutzhain nach Monaten der Flucht ein Dach über dem Kopf erhalten zu haben. Seine neue Unterkunft war in einer Baracke des STALAG IX A Ziegenhain. In einem Lager, welches 1939 zu Kriegsbeginn auf einer Viehweide in der Schwalm errichtet worden war, um dort Tausende von Kriegsgefangene zu internieren. Das Lager gehörte zu dem Netz von nationalsozialistischen Zwangseinrichtungen unterschiedlicher Art, deren Geschichte nach der Befreiung durch die Alliierten eigentlich beendet sein sollte. Als provisorische Übergangseinrichtungen angesehen, um mutmaßlich Kriegsverbrecher zu internieren oder um Flüchtlinge und Vertriebene, von den Alliierten als Displaced Persons (DPs) bezeichnete Menschen, kurzfristig zu betreuen, entwickelten sich manche ehemalige NS-Lager zu festen Einrichtungen und neuen Lebensmittelpunkten der Nachkriegsgesellschaft.

Auch das im Folgenden vorgestellte Fallbeispiel ist ein solcher Ort. Aus dem Kriegsgefangenenlager STALAG IX A Ziegenhain entwickelte sich in der Nachkriegszeit zunächst ein Internierungslager für NS-Größen und ein Durchgangslager für Displaced Persons, bis aus der Flüchtlingssiedlung die hessische Gemeinde Trutzhain wurde. Innerhalb von sechs Jahren hatte das ehemalige Kriegsgefangenenlager drei weitere Gruppen von Personen "beherbergt" und sich zu einem Dorf weiterentwickelt. 73 Jahre nach der Errichtung des Kriegsgefangenenlagers STALAG IX A Ziegenhain beschäftigt sich dieser Beitrag deshalb mit der Frage, was aus dem Lager nach 1945 geworden ist und wie mit dem Erbe der NS-Vergangenheit vor Ort umgegangen wurde.

Multiple Vergangenheiten in Trutzhain - 1939-1945 STALAG IX A Ziegenhain

Lageplan Stalag IX A Ziegenhain 1945, Zeichnung Horst MunkLageplan Stalag IX A Ziegenhain 1945, Zeichnung Horst Munk (© Gedenkstätte und Museum Trutzhain)
Das von 1939 bis 1945 bestehende STALAG IX A Ziegenhain war eines von 83 Kriegsgefangenenlagern im damaligen Reichsgebiet und das Größte auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessen.[2] Es wurde am 26. September 1939 auf einer 47ha großen Fläche in der Schwalm errichtet und unterstand dem Oberkommando der Wehrmacht. Die Bezeichnung STALAG IX A bedeutet Kriegsgefangenen- und Mannschaftsstammlager des Wehrkreises IX in Ziegenhain. Im STALAG IX A waren im Verlauf seiner Existenz Kriegsgefangene aus Polen, Frankreich, Belgien, Holland, England, der Sowjetunion und Südosteuropa sowie italienische Militärinternierte und amerikanische Soldaten untergebracht. Zeitweilig fasste das Lager mehr als 10.000 Insassen und die Höchstzahl an registrierten Gefangenen wurde im September 1944 mit 53.408 Menschen erreicht. Für den überwiegenden Teil von ihnen war es ein Durchgangslager. Von hier wurden sie auf verschiedene Arbeitskommandos außerhalb des Lagers verteilt, um Zwangsarbeit in der Landwirtschaft oder in der Industrie zu leisten.

Die Topographie des Lagers zeigte eine Dreiteilung: Im Vorlager befanden sich die Holz- und Fachwerkbaracken für die Wachmannschaften und die Verwaltung. Das Hauptlager bestand aus den Fachwerkbaracken für die Gefangenen. Mit der Ankunft der sowjetischen Kriegsgefangenen im November 1941 kam es zu einer räumlichen Separierung dieser von den anderen Gefangenengruppen. Für das sogenannte "Russenlager" wurden die acht letzten Baracken durch Stacheldraht vom Hauptlager getrennt. Hier waren ab 1943 auch die italienischen Militärinternierten untergebracht. Die systematische Ungleichbehandlung und Trennung der Gefangenengruppen zeigte sich auch in der Gestaltung der Friedhöfe und der Bestattungspraxis: Die toten polnischen, französischen, jugoslawischen und amerikanischen Kriegsgefangenen wurden auf dem Stalag-Friedhof I - Alliiertenfriedhof - begraben. Hier wurden insbesondere die westlichen Kriegsgefangenen nach internationalen Gepflogenheiten bestattet. Im Gegensatz zu den westalliierten Toten wurde die sowjetischen und serbischen Toten in zum Teil mehrfach belegten Einzel- und Massengräbern anonym, ohne feierliche Bestattung, auf dem Stalag-Friedhof II - Waldfriedhof - im Kreiswald unter die Erde gebracht. An den Gräbern fehlte eine namentliche Kennzeichnung. Die Grabstellen wurden mit fortlaufend nummerierten Betonpflöcken markiert. Am Karfreitag, den 30. März 1945, befreiten Einheiten der 3. US-Armee das STALAG IX A Ziegenhain.

1945-1951 Umnutzung des STALAG IX A - Civil-Internment Camp 95, Displaced-Persons-Lager 95-443 und Flüchtlingssiedlung

Bereits ab dem 16. April 1945 bis zum Sommer 1946 nutzte die amerikanische Militärverwaltung das Lager als Civil-Internment Camp 95 (CIC 95) zur Unterbringung internierter Funktionäre der NSDAP, der SA, von Wehrmachtssoldaten und SS-Angehörigen.[3] Im Schnitt war das Lager mit 6000 deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten belegt. Im März 1946 wurde ein Teil der deutschen Gefangenen entlassen oder in das Lager CIC 91 nach Darmstadt verlegt.

Die ersten jüdischen Displaced Persons wurden von der amerikanischen Militärverwaltung ab August 1946 in den völlig heruntergekommenen Baracken untergebracht.[4] Es waren vor allem osteuropäische beziehungsweise polnische Juden, die nach wiederholten antijüdischen Ausschreitungen in Polen zwischen 1945 und 1946 ihr Heimatland verließen. Das ehemalige Kriegsgefangenenlager wurde zu einem "Durchgangslager", in dem im Schnitt 2000 Personen untergebracht waren, um auf ihre gewünschte Ausreise nach Palästina, in die USA oder in andere Staaten zu warten. Am 30. November 1947 wurde das DP-Camp Trutzhain geschlossen. Die DPs wurden in das DP-Lager Jägerkaserne nach Kassel verlegt.

Als Folge des Zweiten Weltkriegs nahm das Land Hessen bis Juni 1949 etwa 700.000 Flüchtlinge und Heimatvertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und dem Sudetenland auf. Ab dem 1. März 1948 wurde die Barackensiedlung als Wohnraum für die Flüchtlingsfamilien herangezogen. Sie glich noch immer dem Kriegsgefangenenlager: Zwei Reihen Stacheldrahtzaun umgaben das Areal und zeugten neben den Wachhäusern und Wachtürmen vom ehemaligen Gefangenenlager.[5] Es wurden Arbeitsgruppen gebildet, um Aufräumungsarbeiten durchzuführen, die Baracken herzurichten und den Stacheldraht zu entfernen, so begann sich nach und nach eine Flüchtlingsgemeinschaft zu formieren.

Fußnoten

1.
Unbekannter Verfasser, Festschrift zur Einweihung des Gemeinschaftshauses der Gemeinde Trutzhain, Trutzhain 06.06.1955, in: Stadt Schwalmstadt, Trutzhain-Chronik 1951-2001, S.96.
2.
Vgl. Waltraud Burger, Gedenkstätte und Museum Trutzhain, in: Gedenkstätte und Museum Trutzhain, Die Dauerausstellung, Schwalmstadt 2010, S.7-29.
3.
Vgl. Waltraud Burger, Raum 3 Das Leben der Kriegsgefangenen in den Arbeitskommandos, in: Gedenkstätte und Museum Trutzhain, Die Dauerausstellung, Schwalmstadt 2010, S. 30-31.
4.
Vgl. Waltraud Burger, Raum 4 Jüdisches DP-Lager und Ansiedlung Heimatvertriebener, in: Gedenkstätte und Museum Trutzhain, Die Dauerausstellung, Schwalmstadt 2010, S. 32-38.
5.
Vgl. Horst Munk/ Wolfgang Scholz, Aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager wird eine Siedlung für Flüchtlinge und Vertriebene von 1948 bis 1951, in: Stadt Schwalmstadt, Trutzhain-Chronik 1951-2001, S. 85.
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