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Weltjudentum (jüdische Weltverschwörung) | bpb.de

Weltjudentum (jüdische Weltverschwörung)

Judenfeindliche Fantasien, nach denen sich die Mitglieder der jüdischen Religionsgemeinschaft über alle Grenzen hinweg zum Kampf gegen die Christen verschworen hätten und nach der Weltherrschaft strebten, gehen bis ins Mittelalter zurück. Im 12. Jahrhundert findet sich zum Beispiel bei Thomas von Monmouth die Vorstellung, alljährlich bestimmten Rabbiner durch das Los den Tod von Christen. Die Legenden von Ritualmorden, Brunnenvergiftung, Hostienfrevel, die immer wieder zum Anlass von Judenverfolgungen wurden, gehen auf Verschwörungsmythen zurück. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts behauptete ein französischer Jesuit, Augustin Barruel, "die Juden" erstrebten die Weltherrschaft. Die "Protokolle der Weisen von Zion", eine Fälschung der zaristischen Geheimpolizei am Ende des 19. Jahrhunderts, begründeten eine immer noch lebendige Verschwörungstheorie, an die Hitler und die Nationalsozialisten glaubten, obwohl ein Prozess in der Schweiz 1934/35 die Fälschung in allen Einzelheiten nachgewiesen hatte. Die "Protokolle" kursieren als ein Schlüsseldokument des Antisemitismus, in viele Sprachen übersetzt, ihre Botschaft wird als scheinbare Welterklärung immer neu geglaubt, weil sie sich gut dazu eignet, von realen Schwierigkeiten und Problemen (wie zum Beispiel im heutigen Russland) abzulenken. Sie gelten als Geheimplan des "Weltjudentums", nach dem "die Juden" in Gestalt der Demokratie und moderner Errungenschaften die Völker der Welt ihrer Herrschaft zu unterwerfen trachten. In der nationalsozialistischen Ideologie wurde die Wahnvorstellung vom Kampf des Judentums gegen Deutschland und die germanische "Rasse" propagiert und von vielen geglaubt.

Wie unsinnig die Konstrukte vom "Weltjudentum" und von "jüdischer Weltverschwörung" sind, geht schon daraus hervor, dass antisemitische Propaganda sowohl die angebliche Erfindung und Durchsetzung des Bolschewismus als auch den Kapitalismus, die Beherrschung der Börsen und Banken, als jüdische Machenschaften anprangert, um das jeweilige Zerrbild des Juden als Bolschewisten bzw. als Plutokraten oder Finanzmagnaten zur Hetze gegen die Juden zu instrumentalisieren.

Die jahrhundertelange Diasporaexistenz der Juden in vielen Ländern, die Bewahrung ihrer kulturellen und religiösen Eigenart haben sicherlich die Bereitschaft, die Juden zu Fremden, zu Feinden und Schuldigen zu stempeln, gefördert. Tatsächlich gibt es keine Organisation, die alle Juden weltumspannend vereinigt und dazu berechtigen würde, von einem "Weltjudentum" zu sprechen. Auch der World Jewish Congress (Jüdischer Weltkongress), dem diese Funktion immer wieder zugeschrieben wird, wenn seine Repräsentanten sich zu Wort melden, hat keine solche Kompetenz. Er entstand im August 1936 in Genf als Dachorganisation jüdischer Vereinigungen, die lediglich die Interessen der Juden gegenüber der Weltöffentlichkeit angesichts der nationalsozialistischen Verfolgung wahrnehmen sollte. Ziel der Organisation sollte es sein, "das Überleben und die Einheit des jüdischen Volkes" zu sichern.

Das Misstrauen gegenüber nichtstaatlichen übernationalen Organisationen, das im Zeitalter nationalstaatlicher Enge beispielsweise auch Freimaurer, Zeugen Jehovas, Jesuiten und andere traf, galt und gilt jüdischen Vereinigungen in besonderem Maße. Der 1843 in den USA gegründete humanitäre Bund B'nai B'rith, die Alliance Israelite Universelle (1860 in Paris als Wohltätigkeitsverein gegründet), die Zionistische Weltorganisation (1897 als Jüdische Nationalbewegung gegründet) oder nach dem Zweiten Weltkrieg die Jewish Claims Conference, die Ansprüche von Holocaust-Opfern auf Entschädigung und Wiedergutmachung vertritt, werden genannt, wenn das Konstrukt des "Weltjudentums" beschworen wird, obwohl die genannten Organisationen ausschließlich humanitäre Ziele verfolgen, die mit Verschwörungslegenden nicht das geringste zu tun haben.

Literatur

  • Cohn, Norman: Die Protokolle der Weisen von Zion. Der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung, Baden-Baden 1998.

  • Sammons, Jeffrey L.: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus – eine Fälschung, Göttingen 1998.

Fussnoten