6.11.2017 | Von:
Wolfram Hilpert

Politische Bildung als Aufgabe. Inklusivität als Anspruch

Aufgabe „Inklusion“ und die Konsequenzen für die Gestaltung von Bildungsmaterialien

  • Zielgruppenschemata in Frage stellen
    „Inklusion“ ist als ein menschenrechtlich verstandener Anspruch von Exkludierten zu verstehen. Inklusive Materialien sollten Teilhabe und die Überwindung der traditionellen ausgrenzenden Gruppenzuordnungen zum Ziel haben. Das heißt: Bei der Produktion von Materialien sollte immer auch die traditionellen Gruppenzuordnungen, also auch die Zielgruppenschemata in Frage gestellt, gesprengt oder überwunden werden.

  • Keinen spezifischen Politikbegriff verwenden
    Überwindung von Ausgrenzung heißt auch: Angeboten für Menschen mit Behinderung oder Migrationshintergrund darf weder ein spezifischer Politik- noch ein besonderer Bildungsbegriff zugrunde gelegt werden. Oder wie Ackermann es formulierte: „Eine inklusive Didaktik im Sinne einer neuen Sonderdidaktik wird in der heil-/sonderpädagogischen Diskussion abgewiesen“ (http://www.bpb.de/180603).

  • Inklusive Materialien sind normale Materialien, keine "Übersetzungen"
    Wenn Inklusion Akzeptanz von Heterogenität heißt, dann heißt dies natürlich auch: Es gibt keine „normalen“ Lehrmaterialien und dann ergänzend „für die anderen, die Nicht-normalen“ die Übersetzungen in Leichter Sprache. Für die Zielgruppe des Bildungsbürgers konzipierte Bildungsmaterialien und Lehrprozesse können nicht normsetzend sein. Inklusion ist in der politischen Bildung nicht realisierbar als Übersetzung von in Fachsprache verfassten Inhalten in (auch) für Menschen mit Behinderung entwickelte Sprachen (z.B. Leichte Sprache). Dies ist bei weitem gesellschaftlich noch nicht selbstverständlich.
    Wenn vorhandene Bedienungsanleitungen und Hausordnungen in Leichter Sprache übertragen werden, dann mag dies mit gutem Grund als Übersetzung bezeichnet werden. Warum Übersetzungen in diesem Sinne bei politischen Bildungsmaterialien nicht möglich sind, mag ein Schlaglicht verdeutlichen: In jedem Text werden Begriffe als bekannt vorausgesetzt. Mit diesen Begriffen werden die unbekannten erklärt. Bei Texten in einfacher oder Leichter Sprache, können und müssen weniger Begriffe als bekannt vorausgesetzt werden. Daraus ergeben sich nicht nur mehr Begriffsklärungen, sondern auch die Notwendigkeit, den didaktischen Aufbau eines Bildungsmaterials zu ändern. Wenn zum Beispiel das politische System der Bundesrepublik erklärt werden soll, dann ist es ein grundlegender Unterschied, ob vorausgesetzt werden kann, dass die Begriffe „Staat“ und „Gewaltmonopol des Staates“ bekannt sind oder nicht.

  • Fachbegriffe verwenden und erklären
    Weder bildungsbürgerliche Informations- und Lehrmaterialien, noch die in der Politik gebräuchliche Sprache und Redewendungen sind als normsetzend für einfache Materialien anzusehen. Dies heißt aber nicht, dass eine separate Sprache und die Ignorierung aller Fachbegriffe einem inklusiven Anspruch gerecht werden würden. Inklusive Materialien dürfen vielmehr ihren Anspruch, Partizipation, Teilhabe zu ermöglichen, nicht aufgeben. Im Gegenteil. Teilhabe ist das Ziel von Inklusion.

  • Es ist eine berechtigte Forderung (z.B. an Nachrichtenmedien und Politiker), dass diese durch Verwendung von einfacher Sprache helfen, Barrieren zu überwinden. Auch die Sprachwahl von Medien und Politik kann Exklusionsprozesse verstärken und vermindern.
    Auf der anderen Seite ist es aber auch Aufgabe der politischen Bildung und der mit inklusiven Anspruch erstellten Bildungsmaterialien, die politischen Begriffe, zumindest die Grundbegriffe, die unsere Wirklichkeit prägen und den politischen Diskurs dominieren, auch denen zugänglich zu machen, die mit diesen bisher nichts anfangen konnten. Denn Ziel politischer Bildung ist die Bereitschaft und Fähigkeit zur politischen Mitarbeit zu stärken. Deshalb müssen die entsprechenden Begriffe in Lehrsituationen bzw. in Lehrmaterialien erstens verwendet und zweitens erklärt werden. Ein Beispiel für solch einen Begriff ist „Gewaltenteilung“, dessen Bedeutung für das Verständnis von Nachrichten (leider) immer wichtiger wird. Gemeint sind aber auch so triviale Begriffe wie „Wahlbenachrichtigung“.
    Bettina Zurstrassen (2015) argumentiert in ihrem Artikel zur Leichten Sprache in der Didaktik der inklusiven Bildung, dass es aus Sicht der politischen Bildung problematisch ist, wenn wichtige Fachbegriffe generell vermieden oder nur in vereinfachter Schreibweise verwendet werden. Fachbegriffe wie Gewaltenteilung oder Wahlbenachrichtigung sollten vielmehr verwendet werden und zwar so, wie die Begriffe den Lernenden im Partizipationsalltag begegnen. Deswegen verwendet die Reihe „einfach POLITIK“ Begriffe wie Gewaltenteilung und erklärt sie. Deswegen trennt sie zusammengesetzte Wörter wie zum Beispiel das Wort „Wahlbenachrichtigung“ nicht. In der dem Wähler zugesandten Wahlbenachrichtigung soll der erklärte Begriff wiedererkannt werden.

  • Sprache: Erfahrungen aufgreifen, Ansprüche politischer Bildung nicht aufgeben
    „Die Leichte Sprache ist eine linguistische Welt für sich. Sie hat eigene Regeln, eigene Übersetzer, ein eigenes Schriftgut.“ Ganz zu Beginn des Aufsatzes von Nadine Rüstow in der Didaktik der inklusiven politischen Bildung (S.115) wird mit diesem Zitat auf die „eigene Welt“ der Leichten Sprache verwiesen. Tatsächlich gehören zu dieser „linguistische Welt für sich“ auch Regeln, die mit denen des Dudens inkompatibel sind. Bettina Zurstrassen, stellte in ihrem oben erwähnten Aufsatz (2015, S.130) die Frage, ob Leichte Sprache mit ihrem eigenen Regelwerk nicht sogar die Ausgrenzung von Menschen mit Lernschwierigkeiten fördern kann, wenn diese auf den zunehmend normierten Schreib- und Sprachstil der Leichten Sprache hin sozialisiert werden. Die Diskussion dieser und anderer Fragen hat die bpb beobachtet und gefördert. Die bpb hat außerdem registriert, dass es keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse gibt, die bestätigen, dass durch die Einhaltung eines genau definierten Sprach- und Grammatikkonzeptes Sachverhalte für Menschen mit Lernschwierigkeiten gleichzeitig verständlich und teilhabefördernd werden.
    Dementsprechend müssen anderslautende Postulate abgelehnt werden.

    Soll die Reihe „einfach POLITIK“ in Leichter Sprache, wie das Netzwerk „Leichte Sprache“ sie definiert, erscheinen oder sollen die kritischen Anmerkungen insbesondere aus der Politikdidaktik berücksichtigt werden? Darüber hat die bpb Gespräche mit den am Diskurs beteiligten Wissenschaftlern, aber auch mit Verantwortlichen in inklusiven Projektgruppen geführt. Diese Gespräche bestärkten die bisherigen Überlegungen der bpb: Wesentliche grundlegende Strukturelemente, die für Leichte Sprache typisch sind, werden übernommen und in das Reihenkonzept integriert. Das, was aus der fachlichen Sicht der politischen Bildung an einzelnen Elementen des Konzeptes der Leichten Sprache problematisch ist, wird bedarfsgemäß modifiziert. So wird bei der Erstellung von „einfach POLITIK“ darauf geachtet, dass wertende Aussagen wie „gut ist dieses und jenes“ möglichst vermieden und stattdessen beschreibende Aussagen verwendet werden. Die Verführung es anders zu machen, ist durchaus gegeben. Denn solche wertende Aussagen ermöglichen es, etwas problemlos einfach und im Aktiv auszudrücken.
    Gemäß Reihenkonzept werden grundsätzlich auch andere, hier nicht genannte Abweichungen von den Duden-Regeln vermieden. Denn solche Verstöße können Abgrenzungseffekte hervorrufen, die es, wenn möglich, zu vermeiden gilt.