Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Fremde, Fremdsein - von der Normalität eines scheinbaren Problemzustandes

Mittelalter und frühe Neuzeit

Die Vergangenheit war genauso unübersichtlich wie jene entmythologisierte, vernetzte und doch widersprüchliche Welt der Gegenwart, die kaum mehr sichere Rückzugsräume bietet. Im Vergleich zu heute, wo über Fremdheit oder Zugehörigkeit letztlich noch immer nach den starren Kriterien des (eher jungen) Nationenschemas befunden wird, erscheinen die Verhältnisse in Mittelalter und Frühneuzeit allerdings dynamischer: "Innen" und "außen", "bekannt" und "fremd" lagen eng beisammen, und die Grenzen zwischen ihnen waren fließend. Das, der oder die Fremde waren selbstverständlich und unausweichlich vorhanden: Fremde, die an das Tor der Stadt gelangten, die Bäuerin aus der Umgebung, der weit gereiste Kaufmann, die Verwandtschaft, Kriegsflüchtlinge, Hausierer, ganze Familien von Pilgern, Musikanten, Knechte, Mägde, Handwerker auf Stellungssuche oder Bettler. Ein Begriff vom "Fremden", der all jene Gruppen zusammenfasst, hat sich überhaupt erst in der Neuzeit herausgebildet. Auf die relative Offenheit der vormodernen Gesellschaft folgten Abschließung und Misstrauen - und die Erfindung des Passes.

Aber noch im 18. Jahrhundert fand der Straßburger Jurist Jeremias E. Linck keine klaren Kriterien zur Bezeichnung von "Fremden": "Ankömmlinge, Reisende, Vagabunden sind [...] echte Fremde." Doch was machte den "Reisenden" aus, und was schied ihn vom "Ankömmling" und vom "Vagabunden"? Linck hätte wohl auf den äußeren Anschein verwiesen, eine gänzlich subjektive Kategorie. Auch waren "Reisende" keine irgendwie umrissene Gruppe: Allein schon der Reisezweck von Kaufleuten, Studenten oder Pilgern war verschieden. Kaufleute wiederum unterschieden sich nach Herkunft, Status, Sprache und Warenangebot; sie waren damit unterschiedlich fremd, aber auch unterschiedlich begehrt. Dass Fremde unbedingt nützlich seien, hatte König Stephan von Ungarn zu Beginn des elften Jahrhunderts seinem Sohn eingeschärft: "In Gästen und ankommenden Männern liegt so viel Nützliches. [...] Für uns ist ein Reich mit [nur] einer Sprache und einer Sitte schwach und gebrechlich. Daher befehle ich dir, mein Sohn, dass du mit gutem Willen diese versorgst und ehrenvoll behandelst, damit sie vergnügt bei dir leben" (zit. nach Christian Lübke, in: Demandt, Seite 108, siehe Literaturhinweise).

Natürlich war die damalige Welt "geordnet", kannte "oben" und "unten" und vor allem auch "innen" und "außen". Das war keine bessere Welt, die romantisch verklärt werden könnte. Aber sie kannte mehr Übergänge zwischen "innen" und "außen", als ein heutiger Blick erwarten mag. Die wiederholten Verordnungen zur Abwehr (unerwünschter) Gäste sind ein Beleg für den beschränkten Erfolg von Steuerungsversuchen und für die Selbstverständlichkeit der Anwesenheit von Fremden.

Als Außenstehender - und in diesem Sinn sollte der moderne Begriff des "Fremden" gelesen werden - galt in Städten und Territorien letztlich jeder, der nicht das Bürgerrecht besaß.

Weil seit dem 15. Jahrhundert die finanziellen und sozialen Hürden für den Eintritt ins Bürgerrecht immer höher wurden, waren die Bürger am Ende Mitglieder einer privilegierten Minderheit in der eigenen Stadt. Abseits davon lebten die Nichtbürger als Fremde in verschiedenen Abstufungen - als privilegierte, geduldete oder unerwünschte Fremde. Es versteht sich, dass die Zuordnungen zu den verschiedenen Gruppen je nach Wirtschaftslage und Kräftebedarf schwanken konnten. In rechtlicher Hinsicht lassen sich weitere Gruppen von Ortsansässigen unterscheiden, deren Status beschränkt war (mit Bezeichnungen wie Schutzverwandte, Beisassen, Permissionisten oder Tolerierte), die eigens verfassten Rechtskreisen zugehörten (beispielsweise Ordenszugehörige, Studenten) oder bei denen beides zutraf. Letzteres galt - zumal sie seit dem 14. Jahrhundert nicht mehr in die allgemeinen Bürgerbücher der Städte eingeschrieben waren - für die Juden und ihre Gemeinden. Ihr sozialer und rechtlicher Status wies vielfache Beschränkungen auf, und sie waren Diskriminierungen ausgesetzt. Zugleich bildeten die Gemeinden Kreise autonomen Rechts, etwa hinsichtlich der Kultausübung und der Zivilgerichtsbarkeit. Ferner standen sie, wenigstens nominell, unter kaiserlichem Schutz.

Wo aber schließlich auch der Bürger schon mit dem Verlassen der Stadt als Fremder erscheinen konnte (und sich durch "Geleit"-Briefe Schutz zu verschaffen suchte), wurde die Grenze zwischen innen und außen vollends unscharf.

Die vormoderne Welt war ganz selbstverständlich auf Austausch, Begegnung, Vermittlung, Zuzug und damit auf Fremde angewiesen. Das gemeinsame Interesse, die gemeinsame Stadt ("Kommune") oder auch herrschaftliche Pläne zum Landesausbau verbanden Menschen unterschiedlicher Herkunft und rechtlicher Stellung. Griechen und Syrer nahmen als Fremde im frühmittelalterlichen Rom (nicht Fremde im Rechtssinn, aber nach Herkunft, Sprache und Lebensgewohnheiten) den römischen Lebenswandel an. Die einstmals "anderen" unterschieden sich mit der Zeit nicht mehr von der einheimischen Bevölkerung. In moderner Diktion wird dieser Prozess als Assimilation (Angleichung) oder Akkulturation (kulturelles Zusammenwachsen) bezeichnet. Im mittelalterlichen Prag gruppierten sich Böhmen, Deutsche, Italiener, Juden und andere Bevölkerungsgruppen in eigenständigen Vierteln und vier Kommunen, die sich erst 1784 zu einem einzigen Stadtverband zusammenschlossen. Konstanzer Bürgerlisten des 13. Jahrhunderts bergen Namen, die auf eine Herkunft aus Venedig verweisen, umgekehrt arbeiteten Handwerker aus dem Rheinland im 15. Jahrhundert in italienischen Städten. Muslime in Venedig oder "Abendländer" im Orient waren Fremde und in ihrem Aktionsradius vor Ort beschränkt, aber sie waren nicht recht- und schutzlos.

König Alfons VI. von Kastilien ordnete 1095 an, "dass eine Stadt gegründet werden sollte, in der sich aus allen Teilen der Welt Bürger aus vielen verschiedenen Gewerben versammeln sollten, [...] Gascogner, Bretonen, Deutsche, Engländer, Burgunder, Normannen, Leute aus Toulouse, Provenzalen und Lombarden, und viele andere Kaufleute aus verschiedenen Nationen und mit fremden Sprachen. Und so gründete er und bevölkerte er eine Stadt von nicht geringer Größe", nämlich Logroño (zit. nach Robert Bartlett, Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt, München 1996, S. 218).

Die vormoderne Zeit war deswegen noch lange nicht "tolerant", sie hatte nicht einmal einen Begriff dafür. Freilich gebot die Gottesfurcht Milde gegenüber dem Fremden, und dafür wurden Hospitäler (lat.: hospitalitas, Gastfreundschaft) errichtet. Pilger und andere Wanderer zogen weiter. Über das Ansinnen jener, die bleiben wollten, entschieden die Städte je nach dem Nutzen, den man sich von dem Aufenthalt versprach. Hamburg und Berlin verdankten ihre Blüte im 17. und 18. Jahrhundert nicht zuletzt einer freizügigen, zuweilen ausdrücklich auf Verbürgerlichung von Zuwanderern zielenden Politik. Das einst so florierende, gegenüber Fremden aber zunehmend abwehrend agierende Augsburg hingegen erlebte im 18. Jahrhundert einen steten Bevölkerungs- und damit auch Bedeutungsverlust.