Vorurteile

13.1.2006 | Von:

Antisemitismus

Soziale Stereotype

Die geschilderte Entwicklung seit dem 13. Jahrhundert führte zu einer deutlichen Verschlechterung der gesellschaftlichen Stellung der Juden. Kirchlicherseits wurden sie durch die Bestimmungen des IV. Laterankonzils von 1215 zu einer sozial ausgegrenzten Gruppe (Kennzeichnung der Kleidung, Ausschluss von öffentlichen Ämtern). Ihnen wurde die Zulassung zu den sich als christliche Bruderschaften verstehenden Zünften versperrt. Dies zwang die Juden zu einer ökonomischen Spezialisierung auf Handel und Geldleihe, die den Christen aus religiösen Gründen verboten war. Als Finanziers der Feudalherren und der Städte sowie als Großkaufleute galten sie als "reiche Wucherer", was sie zu einer lohnenden Beute in politischen Konflikten und zum Ziel von Übergriffen vor allem seitens ihrer Schuldner machte. Mit der Lockerung des kirchlichen Zinsverbots (das heißt, für die Bereitstellung von Kapital Zinsen zu nehmen) wurden Juden durch ihre christlichen Konkurrenten auf die Geldleihe fürdie ärmeren Schichten und die Hehlerei abgedrängt und damit zu verarmten Außenseitern. Auch wenn also keineswegs alle Juden zur reichen Schicht der Finanziers gehörten und die Juden später überwiegend eine verarmte Gruppe darstellten, blieb das Bild des "reichen Juden" als Stereotyp haften. Die berufliche Spezialisierung hielt sich teilweise bis ins 20. Jahrhundert hinein, sodass sich das Vorurteil festigte, das die Juden mit Geld(-gier), Kapitalismus und Ausbeutung verband. Man sprach Ende des 19. Jahrhunderts von der "Goldenen Internationale" und verknüpfte dabei die Vorstellung einer großen Finanzmacht der Juden mit dem altbekannten Vorwurf, sie hätten sich gegen die Christen verschworen und strebten die Weltherrschaft an.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein bildeten die Juden eine von der Mehrheitsgesellschaft verachtete, randständige Gruppe mit einem hohen Grad an Selbstverwaltung und einer sehr kleinen reichen Oberschicht von Hofjuden, die von den Fürsten in erster Linie mit finanzpolitischen Aufgaben betraut waren (etwa als Hofbankiers).

Mit der Judenemanzipation im Zuge der Aufklärungsbewegung wurden Juden allmählich rechtlich und sozial in die christliche Gesellschaft integriert. Sie engagierten sich besonders in den politisch fortschrittlichen Bewegungen und Parteien (Liberalismus, später Sozialismus und Kommunismus), die sich für die Gleichstellung der Juden einsetzten und weniger antijüdisch waren als christlich-konservative oder völkisch-nationalistische Parteien und Organisationen. Aus diesem politischen Engagement einer intellektuellen Minderheit entwickelte sich das Stereotyp des zu Radikalismus und Umsturz neigenden Juden. Dieser Vorwurf traf die linken und liberalen Parteien der Weimarer Republik, die von ihren Gegnern als "Judenrepublik" verunglimpft wurde. Die Nationalsozialisten sprachen dann vom "jüdischen Bolschewismus", um damit nach der russischen Oktoberrevolution die in der deutschen Bevölkerung verbreitete Furcht vor einem kommunistischen Umsturz für ihren Antisemitismus zu instrumentalisieren.

Rassebegriff

Der Begriff "Rasse" wurde in der Anthropologie seit Ende des 17. Jahrhunderts beschreibend als naturgeschichtlicher Begriff verwendet, um Gruppen von Tieren und Menschen mit gemeinsamen äußeren Merkmalen zu kategorisieren. Doch stuften bereits die frühen Klassifikationsschemata Menschen in höhere und niedere Arten ein. An diese Rassentypologien knüpfte der französische Graf Joseph Arthur de Gobineau (1816-1882) in seinem geschichtsphilosophischen Essai sur l´inégalite des races humaines (1853/55) an, in dem er von der Ungleichheit der Menschenrassen ausging. Die "arische weiße Rasse" verkörperte für ihn den Gipfel kultureller und moralischer Entwicklung, doch sah er ihre Überlegenheit durch "Rassenmischung" bedroht. Mit diesem Ariermythos, der Betonung des Blutes und der Unterscheidung von niederen und edleren Rassen, hatte Gobineau ein Denkmodell für den rassistischen Antisemitismus vorgegeben.

Einen neuen Gedanken führte der Sozialdarwinismus ein - eine im Anschluss an Charles Darwin (1809-1882) entstandene sozialphilosophische Strömung. Er übertrug Darwins Entwicklungstheorie, die von einer natürlichen Auslese in der Pflanzen- und Tierwelt ausging, auf die menschliche Gesellschaft. Die Darwinsche Anpassungstheorie vom "Überleben der Tauglichsten" (survival of the fittest) wurde zum "Kampf ums Dasein" zwischen "höheren" und "niederen" Rassen umgedeutet. Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) verband in seinem weit verbreiteten Buch "Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts" (1899) den Mythos vom reinrassigen "Arier" als Kulturträger mit dem Gedanken des Rassenkampfes. Danach stünden die "Arier" der minderwertigen "Mischlingsrasse" der Juden in einem historischen Endkampf gegenüber, in dem es nur Sieg oder Vernichtung geben könne. Seit den 1880er Jahren wurde so der vorher religiös oder ökonomisch begründete Antisemitismus nun als "Rassenfrage" formuliert.

Die nationalsozialistische Rassentheorie setzte diese Tradition fort und lehnte eine Vermischung der Rassen ab. Entsprechend wurden sexuelle Kontakte von "Ariern" und Juden ab 1935 als "Blutschande" strafrechtlich verfolgt. Das vulgär-antisemitische NS-Blatt "Der Stürmer" charakterisierte die Juden als "zersetzende Elemente" und sexuelle Bedrohung und stufte sie rassentypologisch als "niedere Rasse" ein. Andererseits galten die Juden als gefährlichster Gegner im weltgeschichtlichen Endkampf ("Gegenrasse"), wurden sie doch - unlogischerweise - als die "Drahtzieher" sowohl hinter dem amerikanischen Kapitalismus ("Wall Street") wie auch hinter dem sowjetischen Kommunismus ("jüdischer Bolschewismus") vermutet.

In der Geschichte sind also negative Einstellungen zu Juden aus ganz unterschiedlichen Gründen entstanden: Die früheste Schicht bildet die religiöse Feindschaft des Christentums gegenüber dem Judentum. Die von der christlichen Gesellschaft erzwungene besondere Berufsstruktur der Juden seit dem Mittelalter führt auf eine zweite Schicht: Die ökonomisch begründete Judenfeindschaft, in der die Juden als Wucherer, Betrüger, später als ausbeuterische Kapitalisten und Spekulanten gebrandmarkt wurden. Damit eng verbunden ist die Vorstellung von den Juden als einer mächtigen Gruppe, die mit ihrem Geld weltweit die Politik bestimmt. Hierher gehört das Stereotyp des "Drahtziehers", der Glaube an eine jüdische Weltverschwörung. Eine weitere Schicht bilden rassistische Vorstellungen über den jüdischen Körper, also die vom schwachen, unsoldatischen (Stereotyp des "Drückebergers"), hässlichen, gebückten und hakennasigen Juden (was die jüdischen Frauen angeht, so dominiert das exotische Bild der "schönen Jüdin"), zum anderen die Fantasien vom sexuell bedrohlichen Juden. Alle diese Dimensionen des antijüdischen Vorurteils sind bis in die Gegenwart mehr oder weniger wirksam geblieben und finden sich in heute aktualisierter Form wieder.

In einer repräsentativen Meinungsumfrage wurde im Jahre 1987 (wiederholt 1993) anhand einer Eigenschaftsliste (mittels des Verfahrens der Faktorenanalyse) das bis heute vorherrschende "Judenbild" ermittelt. In ihm sind sowohl Konstanz wie Veränderungen gegenüber dem historischen Bild erkennbar, die sich in sechs Dimensionen bündeln lassen:
  • In dem Vorstellungskomplex der "jüdischen Weltverschwörung" wurden die Juden als "machthungrig, verschwörerisch, unheimlich, rücksichtslos, hinterhältig und politisch radikal" betrachtet. Im Durchschnitt schrieben etwa 15 Prozent den Juden diese Eigenschaften zu. Diese Verschwörungstheorie ist bereits in den berüchtigten und wieder viel zitierten "Protokollen der Weisen von Zion" ausformuliert - einer Fälschung des zaristischen Geheimdienstes. Die erfundenen Protokolle sind angeblich Aufzeichnungen von Reden, in denen ein Mitglied der jüdischen Geheimregierung - ein "Weiser von Zion" - einen Plan zur Übernahme der Weltherrschaft darlegt, an der seit Jahrhunderten planmäßig gearbeitet werde. Der Glaube an eine "jüdische Weltverschwörung" ist heute vor allem in der arabischen Welt verbreitet. Er bildet jedoch nach wie vor auch den Kern der rechtsradikalen Ideologie - etwa in der Vorstellung vom Zionist Occupied Government (ZOG), wonach die westlichen Regierungen von einer zionistischen-jüdischen Macht gelenkt würden. Die Antisemiten in Deutschland machen "jüdischen Einfluss" dafür verantwortlich, dass es nicht gelingt, "einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen". Hier werden gesellschaftlich nicht zu steuernde Prozesse öffentlicher Diskussion und Erinnerung auf die vermeintliche (Presse-)Macht einer Gruppe zurückgeführt. Dies gilt auch für andere, schwer erklärbare und bedrohliche Phänomene wie Terrorismus, Kriege (wie im Irak) oder Globalisierung. Diese Personalisierung von sozialen Prozessen ist typisch für vorurteilshaftes Denken.
Vorurteile gegenüber JudenVorurteile gegenüber Juden
  • In der deutschen Bevölkerung werden die Juden am häufigsten als fest zusammenhaltende religiöse Gruppe gesehen (70 Prozent). Dieses Festhalten an Tradition und Religion wird nicht (mehr) negativ bewertet, der alte christlich-jüdische Gegensatz scheint an Bedeutung verloren zu haben. Dies liegt an dem gewissen Bedeutungsverlust von Religion (Säkularisierung), an der veränderten Haltung der Kirchen zum Judentum sowie daran, dass mit dem Islam (in seiner fundamentalistischen Variante) ein neues Feindbild entstanden ist (Islamophobie).
  • Sozialethische Verhaltensstandards wie "Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Treue" und so genannte Sekundärtugenden wie "Ordnung, Sauberkeit, Fleiß" bewerten im Durchschnitt nur 20 Prozent der Deutschen als typische Eigenschaften von Juden. Vor allem Ehrlichkeit und Treue werden mit elf Prozent nur selten zugeschrieben. Dies reflektiert das alte ökonomische und religiöse Bild des "unehrlichen" und "treulosen" Juden. Auch das Bild vom Verräter Judas gehört hierher.
  • Das traditionelle Bild vom "hässlichen und feigen" Juden, der "schwächlich und unsoldatisch" ist, hat sich hingegen fast völlig verloren: Nur vier Prozent schreiben Juden diese Eigenschaften zu. Es gibt also durchaus Veränderungen von Vorurteilen, wenn das Urteil seine soziale Diskriminierungsfunktion nicht mehr erfüllt (die Eigenschaften "schwächlich" und "unsoldatisch" sind heute weniger negativ besetzt) oder es der Wahrnehmung zu krass widerspricht. Das Bild der israelischen Kibbuzim und der erfolgreichen israelischen Armee dürfte das alte Bild überlagert haben.
  • Das traditionell dominante ökonomische Stereotyp des geschäftstüchtigen Juden bildet bis heute den Kern des antjüdischen Vorurteils: 43 Prozent stimmen diesem negativen Bild zu. Der Grund dürfte darin liegen, dass gerade in den deutsch-jüdischen Beziehungen nach 1945 die Frage der Entschädigung für verfolgungsbedingte gesundheitliche Schäden und materielle Verluste (so genannte Wiedergutmachung) eine zentrale Rolle gespielt hat und, wie die öffentliche Auseinandersetzung 1999/2000 über die Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter gezeigt hat, noch immer spielt. Dies hat bei nicht wenigen Deutschen das Vorurteil "bestätigt", es ginge den Juden bei der Erinnerung an den Holocaust vorrangig um ökonomische Vorteile.
  • Neu ist das Vorurteil vom nachtragenden Juden. Es spiegelt eine wichtige Facette im deutsch-jüdischen Verhältnis wider, nämlich die Tatsache, dass die Juden als Mahner an die Verbrechen der NS-Vergangenheit gesehen werden, die angeblich nicht vergessen und vergeben wollen. Fast ein Drittel der befragten Deutschen (29 Prozent) hielt die Juden für "empfindlich, nachtragend und unversöhnlich". Dieses neue Bild kann allerdings auf einem älteren und immer noch wirksamen religiösen Stereotyp aufbauen, nämlich das des "rachsüchtigen" jüdischen Gottes ( "Rache bis ins siebte Glied"), dem der christliche Gott der Liebe und Vergebung entgegengesetzt wird.