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17.6.2003 | Von:
Rainer Geißler

Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland?

VI. Modell für Deutschland?

Hat der kanadische Multikulturalismus Modellcharakter für Deutschland? Meine Antwort auf diese Frage besteht aus drei Teilen: im Prinzip ja, aber in der Realität nein - dennoch ist ein Blick nach Kanada sinnvoll, denn wir können von diesem Land lernen.

Im Prinzip ja, weil Philosophie und Politik des kanadischen Multikulturalismus erheblich besser als die bisherige deutsche "Ausländerpolitik" zu einem abendländischen Wertehorizont passen, der von Leitwerten wie Humanität, Toleranz und Gleichheit bestimmt wird. Der Umgang mit ethnischen Minderheiten ist in Kanada toleranter und humaner; der Assimilationsdruck der dominanten Kultur ist geringer; ethnische Minderheiten sind willkommen, sie werden als nützliche Teile der Gesellschaft angesehen und relativ schnell mit gleichen Rechten ausgestattet; die Forderung nach Chancengleichheit wird staatlich unterstützt.

Aber - und damit komme ich zum zweiten Teil meiner Antwort - dieses sympathische Modell ist nicht von heute auf morgen auf die deutsche Realität übertragbar. Denn es ist in einem spezifischen historischen, sozialstrukturellen, kulturellen und politischen Kontext entstanden. Der Versuch, den kanadischen Multikulturalismus aus diesen Zusammenhängen zu lösen und in völlig andere Kontexte zu verpflanzen, wäre ein utopisches Unterfangen.

Auf den ersten Blick gibt es durchaus gewisse Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Kanada: Beide Länder sind aus humanitären Gründen zur Aufnahme von Flüchtlingen verpflichtet; beide Länder haben auch einen ökonomisch-demographischen Bedarf an Einwanderern, und beide können diesen Bedarf ohne Probleme befriedigen, weil sie wegen der sehr guten Lebensbedingungen eine große Anziehungskraft auf Wanderungswillige in aller Welt ausüben. Aber die Unterschiede zwischen beiden Gesellschaften, von denen ich vier kurz skizzieren möchte, sind doch massiv. Sie machen eine Übertragung des kanadischen Konzepts auf Deutschland problematisch.

1. Sieht man einmal von dem Spezialfall der Ureinwohner ab, dann war Kanada von Anfang aneine Gesellschaft von Einwanderern. Die Geschichte Kanadas ist die Geschichte einer kontinuierlichen Zuwanderung von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Systemen. Deutschland dagegen ist von Beginn an eine Gesellschaft von Einheimischen, das Land der Deutschen; die Bezeichnung "Deutschland" bringt dies unmissverständlich zum Ausdruck. Kontinuierliche multiethnische Einwanderung ist ein relativ neues Phänomen und hat auch nicht die kanadischen Dimensionen: Die Zahl der Einwanderer war und ist in Kanada relativ gesehen (pro Kopf der Bevölkerung) etwa viermal so hoch wie in Deutschland; außerdem ist die Fluktuation unter den Migranten Kanadas gering; es gibt kaum "Gastarbeiter", sondern in erster Linie "echte" Einwanderer.

2. Diese Unterschiede in der Migrationsgeschichte haben Folgen für die Sozialstruktur, die Kultur und das Staatsverständnis der beiden Länder. Kanada war von Anfang an bi-ethnisch; dazu kommen die vielen verschiedenen Ethnien der "Ersten Nationen". Im Verlauf des letzten Jahrhunderts hat sich Kanada dann zu einer dynamischen multiethnischen Gesellschaft entwickelt, deren Muster sich ständig verändert. Die ethno-kulturelle Heterogenität ließ keinen Nationalstaat im Sinne einer Kulturnation zu, sondern das kanadische Staatsverständnis orientierte sich an der angelsächsischen Idee der Staatsnation. Dieses Konzept ist inklusiv. Es beruht nicht auf der Abstammung oder einer bestimmten Kultur, sondern auf dem individuellen Loyalitätsbekenntnis seiner Bürger; daher kann es verschiedene ethno-kulturelle Gruppen unter seinem Dach vereinen.

Deutschland dagegen ist seit seiner Gründung eine im Wesentlichen monoethnische Gesellschaft, die Zugehörigkeit zur deutschen Kultur war und ist das einigende Band. Das deutsche Staatsverständnis wird durch das Konzept der Kulturnation geprägt, die Zugehörigkeit als Staatsbürger beruht auf dem exklusiven Prinzip der Abstammung.[15] Das multiethnische Segment ist in Deutschland relativ neu und relativ klein; es sieht sich einer bodenständig gewachsenen, mächtigen Mehrheitskultur ausgesetzt, die einen starken Assimilationsdruck ausübt.

3. Dieser Assimilationsdruck ist auch deshalb besonders ausgeprägt, weil das multiethnische Segment in Deutschland strukturell ausgesprochen schwach blieb. Das Land ist durch ethnische Minderheiten weitgehend "unterschichtet", und diese sind - u.a. wegen einer restriktiven Einbürgerungspraxis und fehlender politischer Rechte - politisch weitgehend ohnmächtig. Zu einer wirklichen "zweiten Kraft" im sozialen und politischen Kräftefeld konnten sie sich bisher nicht entwickeln. Langfristig wird das politische Gewicht der ethnischen Minderheiten durch die Erleichterung der Einbürgerung aber zunehmen, weil damit die Zahl der "ethnischen Wähler" steigt.

In Kanada dagegen sind die ethnischen Minderheiten - sieht man einmal von den extrem marginalisierten "Ersten Nationen" ab - strukturell deutlich besser platziert. Die Aufstiegs- und Einkommenschancen der europäischen Minderheiten sind teils genauso gut, teils sogar besser als die der beiden Gründernationen.[16] Die Einwanderer aus China sind überdurchschnittlich qualifiziert, und die Bildungschancen ihrer Kinder sind besonders gut. Die UBC (University of British Columbia) in Vancouver wird manchmal schelmisch zur "University of Better China" deklariert, weil schätzungsweise die Hälfte der Studierenden asiatischer Herkunft ist, während der Anteil der Minderheiten aus Asien im Einzugsgebiet der Universität deutlich niedriger liegt. Und in Vancouver weisen sowohl die armen als auch die wohlhabenden Stadtviertel überdurchschnittliche Anteile an Chinokanadiern auf. Symbol chinokanadischen Reichtums sind die Prunkvillen der "Hongkong-Millionäre", die in den neunziger Jahren zahlreich in die kanadische Pazifikprovinz einwanderten und neben ihren guten Kontakten in die internationale Wirtschafts- und Handelswelt auch viel Geld und Kapital ins Land brachten. Kanada ist also durch ethnische Minderheiten nicht nur "unterschichtet", sondern zum Teil auch "überschichtet". Das Wahlrecht sowie die Vertretung der Minderheiten in Parlamenten und Regierungen - und auch in anderen wichtigen Institutionen wie den Massenmedien - verleihen den Minoritäten politisches Gewicht.

Fasst man die bisherigen drei Punkte zusammen, dann kann man sagen: Kanada ist wie die USA oder Australien ein Einwanderungsland klassischen Typs - mit einer langen Einwanderungsgeschichte, einer langen multiethnischen Tradition, einem Selbstverständnis als inklusive Staatsnation und strukturell vergleichsweise gut platzierten ethnischen Minderheiten. Deutschland ist dagegen ein Einwanderungsland modernen Typs, dem diese vier Elemente fehlen.

4. Hinzu kommt noch ein vierter wichtiger Unterschied: Der kanadische Multikulturalismus ist aus einer spezifischen historischen Herausforderung des bi-kulturellen Kanada entstanden, bei der die europäischen Minderheiten als "dritte Kraft" auftraten. In Deutschland gibt es keine entsprechende historische Herausforderung, und es fehlt den Einwanderern bisher, wie erwähnt, an politischem Gewicht. Zudem existiert im politischen System Deutschlands keine liberale Kraft, die der Liberalen Partei Kanadas vergleichbar wäre. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Kanada insgesamt vier Jahrzehnte lang von den Liberalen regiert. Und der Multikulturalismus ist in zentralen Punkten -wie Akzeptanz der "diversity", Recht auf kulturelle Differenz, Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit und gegenseitigen Toleranz - ein liberales Konzept.

Die Vorstellung, den kanadischen Multikulturalismus auf Deutschland zu übertragen, ist also utopisch. Dennoch können die Deutschen von Kanada lernen. Gemäß dem Motto von Max Weber "Man muss das Utopische denken, um das Mögliche zu erkennen" kann der kanadische Multikulturalismus eine Orientierungsmarke sein - ein Leuchtturm, der vage und grob die Richtung angibt, in die Überlegungen zu Migration und Integration gehen können. Ich möchte auch dazu drei Gedanken skizzieren.

1. Migration und Integration sollten nicht sich selbst überlassen bleiben; sie bedürfen eines durchdachten politischen Managements - unter anderem deshalb, weil eine ungesteuerte Zuwanderung Ängste und Befürchtungen auslösen kann. Auch in Kanada kam es bei geringfügigen unvorhergesehenen Zwischenfällen, die von den Planungen der Einwanderungspolitik abwichen (z.B. bei der Ankunft von Tamilen und Sikh in Flüchtlingsbooten), zu Angstreaktionen mit rassistischen Untertönen.

2. Der öffentliche Diskurs über Migration und Integration bedarf in Deutschland einer grundlegenden Akzentverschiebung hin zu einem eindeutigen und klaren Ja zur Einwanderung. Einwanderung muss als Notwendigkeit und Chance begriffen werden, nicht als Bedrohung. Probleme sollten dabei nicht tabuisiert werden, aber sie dürfen den Diskurs nicht beherrschen - wie es bisher in der Regel der Fall war.[17] Behutsam geführte öffentliche Diskussionen über Quoten und Kriterien der Einwanderung sowie über Konzepte und Programme zur Integration könnten dem politischen Management von Migration und Integration die notwendige demokratische Legitimität verleihen. In Kanada werden Migrations- und Multikulturalismusprobleme aus der Wahlkampfpolemik und hitzigem Parteienstreit herausgehalten.

3. Aus der komplexen und komplizierten Problematik der Integration möchte ich nur einen zentralen Gedanken des kanadischen Multikulturalismus herausgreifen: das Konzept der "multikulturellen Integration" mit seinem dualistischen Prinzip "Einheit-in-Verschiedenheit". Es ist erheblich besser geeignet, die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen in einer multiethnischen Gesellschaft angemessen zu erfassen, als tendenziell monokulturelle Assimilationsvorstellungen, die unter deutschen Wissenschaftlern[18] und Politikern weit verbreitet sind (dazu gehört z.B. die Idee der "deutschen Leitkultur"). Eingliederung in Form von Assimilation wird den Befindlichkeiten vieler Migranten nicht gerecht, weil sie den Verzicht auf die Herkunftskultur verlangt. Das Assimilationskonzept ist daher kein geeignetes Instrument, um die interethnischen Beziehungen in einer multiethnischen Gesellschaft angemessen zu erfassen. Die zweipolige flexible Formel von der "Einheit-in-Verschiedenheit" trägt dagegen nicht nur den Bedürfnissen der Minderheiten nach Differenz, sondern auch den Ansprüchen der Mehrheit auf Achtung ihrer Grundwerte und Grundregeln Rechnung. Durch die Suche nach der "richtigen Balance zwischen Einheit und Verschiedenheit" sensibilisiert sie sowohl für übermäßigen hegemonialen Assimilationsdruck als auch für die Gefahren ethnischer Abschottung und Segregation. Mit der Frage nach der Grenzlinie zwischen notwendiger Einheit und möglicher Verschiedenheit lassen sich viele Probleme multiethnischer Gesellschaften - z.B. im Bereich von Bildung und Sozialisation, bei der Relevanz der ethnic communities, im Bereich von Öffentlichkeit und Medien, der doppelten Staatsbürgerschaft - in einer Weise analysieren, welche die Interessen von Minderheiten und Mehrheit gleichzeitig im Blick hat.


Fußnoten

15.
Heribert Adam hat wiederholt auf diese unterschiedlichen Staatskonzeptionen hingewiesen, zuletzt in H.Adam (Anm. 12), S. 341.
16.
Vgl. L. Driedger (Anm. 4), S. 198ff.
17.
Zur Darstellung der Migranten in deutschen Massenmedien vgl. Rainer Geißler, Der bedrohliche Ausländer. Zum Zerrbild ethnischer Minderheiten in Medien und Öffentlichkeit, in: Markus Ottersbach/Sebastian K. Trautmann (Hrsg.), Integration durch soziale Kontrolle, Köln 1999, S. 23 - 38; ders., Bessere Präsentation durch bessere Repräsentation. Anmerkungen zur medialen Integration von ethnischen Minderheiten, in: Heribert Schatz/Christina Holtz-Bacha/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.), Migranten und Medien, Wiesbaden 2000, S. 129 - 146; Georg Ruhrmann/Songül Demren, Wie Medien über Migranten berichten, in: ebd., S. 69 - 81.
18.
Vgl. Hartmut Esser, Aspekte der Wanderungssoziologie, Neuwied 1980; Annette Treibel, Migration in modernen Gesellschaften, Weinheim-München 19992, S. 140ff.