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5.9.2005 | Von:
Petra Böhnke

Teilhabechancen und Ausgrenzungsrisiken in Deutschland

Verunsicherungen

Ungeachtet der Bestätigung, dass vertikale Ungleichheiten hartnäckig fortbestehen und Bildung bzw. Ausbildung nach wie vor ein zentrales Merkmal der Chancenzuweisung sind, werden geringe Einschränkungen von Teilhabechancen auch von Bevölkerungsgruppen wahrgenommen, die der gesellschaftlichen Mitte zuzurechnen sind. Zwar bleiben Angestellte, Beamte und Personen, die sich selbst als Angehörige der Mittelschicht klassifizieren, weitgehend von Erfahrungen der Marginalisierung verschont. Im Zusammenhang mit unsicherer Beschäftigung sowie Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Abstieg berichten allerdings auch Angehörige dieser Personengruppe in geringem Ausmaß von eingeschränkter Teilhabe. Die zu klärende Frage ist, ob es sich dabei um ein neues Phänomen handelt, das die Diversifizierung sozialer Risiken unabhängig von der Schichtzugehörigkeit anzeigt.

Die Angst vor Arbeitslosigkeit gilt als wichtiger Indikator für ein Klima der Verunsicherung und für die Antizipation sozialer Risiken. Abbildung 2 der PDF-Version zeigt, wie weit verbreitet die Sorge um den Arbeitsplatz in verschiedenen Bevölkerungsschichten Westdeutschlands ist, denen sich die Befragten selbst zugeordnet haben: Zu allen drei Erhebungszeitpunkten ist die Angst vor Arbeitslosigkeit in der Arbeiterschicht am weitesten verbreitet. In der Mittelschicht ist sie nur etwa halb so groß. Die obere Mitte bzw. Oberschicht berichtet am seltensten von der Sorge um den Stellenverlust. Trotz dieser Niveauunterschiede hat bei allen drei Bevölkerungsgruppen die Angst im Laufe der Jahre zugenommen: 1988 hatte etwa jeder Zehnte derjenigen, die sich der Arbeiterschicht zuordnen, Sorge um seinen Arbeitsplatz. Gegenwärtig ist es nahezu jeder Vierte. Der relative Anstieg der Angst vor Arbeitslosigkeit in Mittel- und Oberschicht ist noch gravierender. Es sind aber insgesamt nur etwa zehn bzw. acht Prozent der jeweiligen Bevölkerung im Jahr 2004 davon betroffen.

Als weiterer Indikator für Tendenzen der Desintegration und eine generelle Verunsicherung kann die Zustimmung zu der Aussage gelten, dass das Leben kompliziert geworden sei und man sich kaum noch zurechtfände (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version). Die Zeitreihe für Westdeutschland zeigt eine deutliche Zunahme von Orientierungslosigkeit im Laufe der neunziger Jahre vor allem in der schwächsten Einkommensgruppe. In den höheren Einkommenspositionen fällt diese hingegen eher moderat aus. Bei Personen mit dem höchsten Einkommen zeigt sich sogar eine geringfügige Abnahme von Symptomen der Desintegration. Im Jahr 2001 äußerten sich insbesondere Angehörige niedriger und mittlerer Wohlstandslagen zunehmend besorgt. Nach wie vor sind derartige Verunsicherungen zwar am stärksten bei sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen verbreitet. Deren Zunahme im Laufe der letzten Jahre zeigt sich aber auch deutlich bei den Mittelschichten. Ausgenommen von dieser Entwicklung sind die privilegierten Bevölkerungsschichten.