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30.6.2005 | Von:
Karin Weiss

Vietnam: Netzwerke zwischen Sozialismus und Kapitalismus

Der Nutzen der Netzwerke

Die Netzwerke der ehemaligen Studenten und Schüler wie auch die der Vertragsarbeiter basieren dabei auf einer positiven emotionalen Bindung an Deutschland, die nahtlos von der DDR auf die Bundesrepublik Deutschland übertragen wurde. Sie können als stabile Basis für positive Beziehungen auch zum vereinten Deutschland gesehen werden. Die Netzwerke waren bei der individuellen, sozialen und wirtschaftlichen Reintegration sehr hilfreich und fungieren bis heute als ökonomische Stütze. Sie haben bei Existenzgründungen geholfen und nicht zuletzt durch deutsche Kredite Arbeitsplätze in Vietnam geschaffen. In der bereits zitierten Studie des Sozialministeriums in Vietnam (1996) werden alleine ca. 14 000 Arbeitsplätze erwähnt, die durch das Rückkehrerprogramm der Bundesrepublik Deutschland in Vietnam entstanden seien.[31] Einer der Rückkehrer begann beispielsweise damit, in Hanoi sehr erfolgreich Thüringer Bratwurst zu produzieren; er beschäftigt heute eine Vielzahl von Arbeitskräften.

Gleichzeitig dienen die Netzwerke auch den sich inzwischen in Deutschland etablierenden vietnamesischen Unternehmern als Basis etwa beim Aufbau deutsch-vietnamesischer wirtschaftlicher Beziehungen.[32] Auch deutsche Investoren nutzen die Netzwerke und die Kompetenzen der ehemaligen Vertragsarbeiter. Die Rückkehrer, durch die zu DDR-Zeiten Devisen nach Vietnam flossen, sind auch heute von wirtschaftlichem Nutzen für ihr Land: Sie treiben die Entwicklung voran und unterstützen die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zur Bundesrepublik. Nicht wenige der ehemaligen Vertragsarbeiter versuchen heute, ihre Kinder zur Ausbildung nach Deutschland zu schicken, wofür sie teilweise erhebliche finanzielle Mittel aufwenden.

Auch in anderer Form wird Entwicklung unterstützt. Als Beispiel sei ein vietnamesischer Unternehmer in Deutschland genannt, der 1986 ohne eigene finanzielle Mittel von seiner Dorfgemeinschaft zum Studium in die DDR geschickt worden war. Er brachte es nach der Wende im Herbst 1998 zu einem erfolgreichen Unternehmer und Mediator zwischen Deutschland und Vietnam. Er sieht es heute als seine Pflicht an, seinerseits begabte Schülerinnen und Schüler seines Heimatdorfes ebenso wie soziale Einrichtungen durch Spenden zu unterstützen. Von der Dorfgemeinschaft, die ihm den Weg in die DDR ermöglicht hatte, wird dies auch erwartet. Dies ist sicherlich kein Einzelfall, sondern Ausdruck der Verbindung traditioneller vietnamesischer sozialer Stützungsstrukturen mit westlicher Qualifizierung.

Die Netzwerke der Rückkehrer haben noch eine weitere Funktion: Sie bilden ein nicht zu unterschätzendes Reformpotenzial. So sind etwa die ehemaligen "Moritzburger" fast alle in mittleren bis leitenden Positionen tätig und nehmen damit Einfluss auf die Entwicklung des Landes. Mehrere Minister und Vizeminister haben ihr Studium in der DDR absolviert, ihr Wissen fließt in ihre Arbeit mit ein; ihre in der DDR geknüpften Verbindungen sind ihnen heute nützlich. Auch die Vertragsarbeiter hatten bei ihrer Rückkehr europäisches Know-how und die Kenntnis westlicher Mentalität im Gepäck, was ihnen und ihrem Heimatland nützlich ist: Vietnam ist heute aufnahmebereit für diese Einflüsse. Waren die Kompetenzen, welche die Absolventen der DDR-Universitäten mitbrachten, Mitte der siebziger Jahre im Land oft nicht nutzbar, so werden solche Kenntnisse heute - infolge des Aufbaus und der Öffnung des Landes nach Westen - dringend gesucht und genutzt. Die vietnamesische Regierung hat die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich durch die Rückkehr der Schüler und Schülerinnen, Studierenden und Arbeitskräfte bieten, frühzeitig erkannt. So formulierte das Sozialministerium bereits 1993: "Die Gemeinschaft der Vietnamesen, die im Ausland eingesetzt waren, speziell in Deutschland, sind soziale Arbeitskräfte mit hoher Qualität, besitzen technisch-fachliches Können in vielen ökonomischen Branchen. Das sind Arbeitskräfte, die sehr wichtig für die sozial-ökonomische Entwicklung in den lokalen Orten und Entwicklungen sind."[33]

Auch politisch werden die Beziehungen Vietnams zu den im Ausland lebenden Vietnamesen heute als bedeutsam eingeschätzt und von der Regierung bewusst gefördert. Nach einem Bericht der Viêt Nam News von 2005 wird dem Ausbau der Beziehungen zu im Ausland lebenden vietnamesischen Wissenschaftlern, Künstlern, Wirtschaftsleuten und Akademikern für die wirtschaftliche Entwicklung Vietnams eine hohe Bedeutung zugemessen, sie soll in der Zukunft stärker gefördert werden. Es gibt dem Bericht zufolge sogar Überlegungen, die doppelte Staatsangehörigkeit zu ermöglichen, um diese Beziehungen flexibler gestalten zu können. Der Bericht benennt private Geldtransfers von Auslandsvietnamesen im Wert von derzeit mehr als drei Milliarden US-Dollar jährlich, die nicht nur den Familienangehörigen zugute kommen, sondern auch die Entwicklung der Ökonomie und der Gesellschaft in Vietnam vorantreiben. Und der stellvertretende Außenminister Nguyên Phú Bình formuliert abschließend: "We highly value the overseas Vietnamese community's contribution to their fatherland."[34]


Fußnoten

31.
Vgl. Sozialministerium Vietnam (Anm. 21).
32.
Vgl. auch Dao Minh Quang, Wirtschaftliche Strukturen der ehemaligen Vertragsarbeiter/innen in Deutschland, in: K. Weiss/M. Dennis (Anm. 8), S. 119 - 128.
33.
Ministerium für Arbeit, Invaliden und Soziales, Zusammenfassender Bericht über die Studie der vietnamesischen Rückkehrer aus Deutschland, Hanoi 1993, S. 20.
34.
Zitiert nach Viêt Nam News, 2. April 2005, S. 5.