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19.3.2007 | Von:
Bodo Gemper

Ludwig Erhard revisited

Nachdenken und Neubewertung

Lässt sich eine Erfolgsgeschichte wiederholen, die aus einer historisch einmaligen Konstellation von Komponenten erwachsen ist, die in dieser idealen Zusammensetzung nicht wiederkehren kann? Diese optimale Kombination Erhard-Adenauer, zwischen einem "noblen Idealisten" und einem "kühl kalkulierenden, präzisen Rationalisten";[53] einem "Gegensatzpaar", das bei und wegen aller Gegensätzlichkeit eine schöpferische politische Symbiose eingegangen war: "Das Werk und die Leistungen der beiden Gründungsväter Konrad Adenauer und Ludwig Erhard gehörten untrennbar zusammen - die Ära Adenauer war auch eine Ära Erhard";[54] die verständnisvolle Symbiose zwischen diesen beiden Staatsmännern mit den Westalliierten, insbesondere den anglo-amerikanischen, die bereit waren, auch einmal den konstruktiven Wert eigenmächtiger Entscheidungen erkennend, zu tolerieren oder Vernunft zu verordnen; die Überzeugungskraft Erhards, "kühle Köpfe und starke Herzen" zu gewinnen und die für den Einzelnen erkennbaren, vor allem erlebbaren Fortschritte; das so entstandene Einvernehmen zwischen Ludwig Erhard und der deutschen Bevölkerung, das es ihm gestattete, nicht bloß Adenauers Misstrauen mit wissenschaftlichem Beistand von Wilhelm Röpke[55] zu neutralisieren, sondern auch die Angriffe seiner "sozialistischen Widersacher", gar einen "Generalstreik gegen die Marktwirtschaft" (12. November 1948) erfolgreich auszubremsen; die Motivation der 'Trümmerfrauen', der Kriegsheimkehrer, der Vertriebenen und Flüchtlinge aus den Ostgebieten sowie aus der sowjetischen Zone Deutschlands, die zusammen mit den Westdeutschen am Wiederaufbau beteiligt waren, sowie der Lastenausgleich;[56] der beginnende Kalte Krieg, die Korea-Krise, die Marshallplanhilfe oder die Überbewertung des US-Dollars: So bedeutete zwar "die Fixierung der D-Mark in Höhe von DM 4.20 für den US-Dollar (...) zweifellos eine zu hohe Bewertung", belebte aber doch die Exporte.

Könnte sich Erhards Modell auch für Deutschland als ein Solitär erweisen, weil dem Land die Stabilitätskultur abhanden gekommen ist, sich die Gesellschaft sehr stark pluralisiert hat, echter Streit um bessere Alternativen mangels klarer konzeptioneller Konturen und personaler Profile selten ist und die Flucht in Formelkompromisse bequemer scheint? Es bleibt das historische Vorbild, zumal "die Grundgedanken der sozialen Marktwirtschaft auf jenen gleichen Maximen beruhen, die moderne soziale und freiheitliche Demokratie tragen sollen". Es war die eindeutige politische Absage Erhards an "Planwirtschaft" und "einen neuen Dirigismus" und die klare Ansage "für die Wahrung der menschlichen Freiheit", für "soziale Gerechtigkeit" im "Vertrauen in unseren Rechtsstaat" zur Verwirklichung der "Ordnungsgrundsätze", "die freiheitliche und echte menschliche Beziehungen sicherstellen sowohl auf dem menschlichen Felde als auch im Bereich des politischen Lebens".

Fußnoten

53.
Daniel Koerfer, Kampf ums Kanzleramt. Erhard und Adenauer, Stuttgart 1987, S. 8.
54.
Ebd., S. 759.
55.
Vgl. Wilhelm Röpke, Ist die deutsche Wirtschaftspolitik richtig? Analyse und Kritik, Stuttgart-Köln 1950.
56.
Gesetz über den Lastenausgleich vom 14.8. 1952.