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19.3.2007 | Von:
Heinz-J. Bontrup

Wettbewerb und Markt sind zu wenig

Wettbewerb soll Gewinn eliminieren

Wettbewerb, wenn er denn funktioniert, entsteht auf der Marktnebenseite der miteinander konkurrierenden Unternehmen um die Nachfrage der Marktgegenseite. Idealtypisch sollen die Unternehmen hier entweder durch Innovationen neue (verbesserte) Produkte herstellen oder durch Prozessinnovationen die Produktionskosten senken und die Kostensenkungen über Preissenkungen in den Markt bringen. Gewinne sind hierbei im Marktgleichgewicht nicht vorgesehen, sieht man vom kalkulatorischen Unternehmerlohn ab, der für den Einsatz der unternehmerischen Arbeitskraft gezahlt wird. Allenfalls entstehen temporäre Vorsprungsgewinne für besondere Innovationen, die immer wieder durch einen adaptiven Wettbewerb aufgezehrt werden. Unternehmen wollen aber die Bevölkerung nicht besser mit hochqualitativen Produkten zu niedrigsten Preisen versorgen. Dies ist allenfalls eine naive ökonomische Vorstellung, genauso wie die Mär von einer "Konsumentensouveränität", bei der als "oberster Herrscher" auf den Märkten der Nachfrager entscheidet, welche Waren produziert, angeboten und verkauft werden und sich das produzierende Unternehmen dem zu unterwerfen habe. "In Wirklichkeit setzen die Unternehmen alles daran, Preise nach eigenem Belieben festzusetzen und künstlich Nachfrage nach ihren Gütern zu schaffen. Zu diesem Zweck nutzen sie das gesamte Instrumentarium der Monopol- und Oligopolbildung, der Produktgestaltung und -differenzierung, der Werbung und sonstiger Methoden der Verkaufs- und Handelsförderung."[13] Kommt es so bei Unternehmen zu langfristigen Gewinnrealisierungen und womöglich noch zu hohen Gewinnen, so ist dies nichts anderes als ein Indikator für eine bereits vorliegende Marktmacht und ihre Ausnutzung. Heute klagen dagegen Unternehmer schon dann, wenn die Gewinne nur rückläufig sind. Dies hat vom Grundverständnis mit einer marktwirtschaftlichen Ordnung nur wenig gemein.

Damit aber nicht genug: Gewinn stellt unter dem heute vorherrschenden Regime des Neoliberalismus sogar das vorab festgelegte und geplante Kontrakteinkommen dar, und das Lohneinkommen ist nur noch das zur Restgröße degradierte Residuumeinkommen, das jederzeit verhandelbar geworden ist. Dem Ganzen liegt seit Jahren ein Shareholder-Value-Denken zugrunde, das zu einer Verkehrung kapitalistischer Logik und Verhältnisse geführt hat. Die abhängig Beschäftigten bekommen heute nur noch, was übrigbleibt, nachdem die Kapitaleigentümer ihre Gewinnansprüche befriedigt haben. Unternehmensleitungen verlangen Eigenkapitalrenditen von bis zu 25 Prozent und manchmal noch mehr. Derartige Höhen lassen sich aber mit betriebswirtschaftlich traditionellen Methoden wie der Generierung von Innovationen, der Schaffung von Investitionen und über einen realwirtschaftlichen Produktivitätsfortschritt nicht herbeiführen. Deshalb setzt das Shareholder-Value-Denken auch auf eine Doppelstrategie: einerseits im Innenverhältnis auf eine "Knechtung der abhängig Beschäftigten" mit Maßnahmen wie Lohnsenkungen und Arbeitszeitverlängerungen ohne Lohnausgleich durch ein verschärftes Kostenmanagement und andererseits auf Unternehmensübernahmen (Fusionen). Durch den Aufkauf von Unternehmen wird dabei in der Regel eine Konzentration auf das so genannte unternehmerische "Kerngeschäft" angestrebt, das auch bei Konzernen den Verkauf von Tochterunternehmen oder den Verkauf von Unternehmensteilen (Outsourcing) nach sich ziehen kann. Letztlich wird hier eine Steigerung der Marktmacht durch Konzentration in zwei Richtungen angestrebt: Bei den Lieferanten werden rigorose Einkaufsbedingungen per Machtdiktat an den Beschaffungsmärkten durchgesetzt. Großunternehmen und Konzerne wenden ihre Nachfragemacht an, so dass den meist mittelständischen Zulieferern durch das Verlangen niedrigster Einkaufspreise bei höchster Produktqualität und langen Zahlungszielen häufig nicht einmal mehr eineVollkostendeckung verbleibt. Dadurch kommt es zu enormen nicht leistungsdeterminierten Gewinnumverteilungen innerhalb des Unternehmenssektors, von den marktbeherrschenden (ausbeutenden) zu den marktohnmächtigen (ausgebeuteten) Unternehmen.

Die Insolvenzstatistiken geben darüber hinreichend Auskunft. Außerdem zahlen die Endverbraucher an den Absatzmärkten der marktmächtigen Unternehmen durch verschlechterte Produktqualitäten und Verfügbarkeiten (Service) zu erhöhten Preisen die Zeche. Dass es dabei temporär zu Phasen erhöhter Wettbewerbsintensität, sogar zu einer ruinösen Konkurrenz mit fallenden Preisen kommt, ist kein Widerspruch, sondern systemisch angelegt. Dies hat mit der Marktgegenseite, der Nachfrageseite, zu tun. Bei nur schwachen Wachstumsraten der Wirtschaft entsteht nicht selten ein solcher ruinöser Wettbewerb, der zu einer gesamtwirtschaftlich gefährlichen Deflation führen kann. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn zu wenige wachstumsfördernde Innovationen gegeben sind und sich die "Intelligenz" der angeblich "schöpferischen Pionierunternehmer" (Joseph A. Schumpeter, 1883 - 1950) auf repetitive Produktions- und Verwertungsprozesse beschränkt.

Wettbewerb schafft demnach nicht nur Vorteile wie Effizienz und Innovationen, sondern der "Stachel der Konkurrenz" fordert immer auch Verlierer und Opfer. Der Markt produziert nicht per se nur Leistungseinkommen, sondern auch kontraproduktive Machteinkommen und sorgt damit für eine nicht akzeptable gesellschaftliche Verteilung der arbeitsteilig generierten Wertschöpfung. Das sich selbst überlassene Marktsystem, so Keynes, steht dafür, "dass die erfolgreichsten Profitmacher durch einen unbarmherzigen Kampf ums Dasein nach oben kommen, einen Kampf, der mit einer Auslese der Tüchtigen durch den Bankrott der minder Tüchtigen endet. Diese Methode stellt die Kosten des Kampfes selbst nicht in Rechnung, sondern hat nur die Vorteile des Endresultates im Auge, die man für dauernde hält."[14] Dieser Grundtatbestand einer Wettbewerbsordnung wiegt insbesondere in einer kaum noch wachsenden Wirtschaft schwer. Hier kommt es nur noch zu einem Verdrängungswettbewerb mit einem reinen Vernichtungscharakter, weil die nicht mehr benötigten Ressourcen (Kapital und Arbeitskräfte) an anderer Stelle auch nicht mehr benötigt werden.

Fußnoten

13.
J. K. Galbraith (Anm. 1), S. 28.
14.
John Maynard Keynes, The End of Laissez Faire, London 1926: zit. in: Das Ende des Laissez Faire, abgedruckt in: Herbert Schui/Holger Paetwo (Hrsg.), Keynes heute. Festschrift für Harald Mattfeldt, Hamburg 2003, S. 23.