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24.11.2008 | Von:
Klaus Mackscheidt
Norbert Heinen

Jugendarbeitslosigkeit und die Not und Leidenschaft des Lernens

Die Verhinderung von Jugendarbeitslosigkeit

Wie oben erwähnt, sehen wir prinzipiell zwei Wege, dem Problem der Arbeitslosigkeit von Jugendlichen ohne Schulabschluss zu begegnen:

(1) Die Schule vermittelt durch Förderkurse doch noch den richtigen Weg zum erfolgreichen Schulabschluss.

(2) Im Betrieb und in berufsbildenden Schulen (Berufskollegs) wird nachgeholt, was an Voraussetzungen fehlt, um am beruflichen Lernen aussichtsreich teilnehmen zu können.

Den ersten Weg gibt es sicherlich an manchen Schulen,[4] aber die hohe Zahl von Jugendlichen mit Schulabgang ohne geglücktes Abschlusszeugnis (2006 waren es 90 000) beweist, dass noch viel zu tun ist. Die Einrichtung der Berufskollegs und die mit ihnen gebotene Möglichkeit, Schulabschlüsse nachzuholen, bedeuten immerhin einen Schritt in die richtige Richtung.

Der zweite Weg ist die Nachbesserung in den Betrieben. Mit dem Start in die Berufskarriere beginnt für die Jugendlichen auch ein neuer Ausbildungsgang. Ein solcher Neubeginn bietet immer auch die Chance zu neuem Verhalten. Die Unternehmer, die Jugendliche ohne gelungene Schulausbildung zur Arbeit erziehen sollen, werden meist vor dem selben Problem stehen, wie die Lehrer. Den Schülern mangelt es an Aufmerksamkeit, Disziplin, Pünktlichkeit und Durchhaltevermögen. Doch während es in der Schule gewohnte Verweigerung gegenüber allen diesen Dingen war, wäre es im Berufsstart eine neue Verweigerung, die aber noch nicht zur Gewohnheit geworden ist. Hier liegt die Chance für den Arbeitgeber, den Jugendlichen einen Vertrauensvorschuss zu geben, gewissermaßen die Hand zur Zusammenarbeit auszustrecken. Das bedeutet für den Arbeitgeber allerdings eine erhebliche Anstrengung; er muss sich beispielsweise dessen bewusst sein, dass er insbesondere am Anfang weniger fordern darf, und dass er mehr Fehler hinnehmen muss, als üblicherweise geduldet werden kann. Deshalb wird es auch vor allem zu Beginn zwangsläufig dazu kommen, dass die Kosten für ihn höher sind als der Ertrag aus dieser zusätzlichen Arbeitskraft. All dieses dürfte sich negativ auf die Motivation der Arbeitgeber auswirken, Jugendliche ohne Schulabschluss einzustellen.

Damit das nicht passiert und weil die Arbeitgeber, die lernunerfahrene Lehrlinge einstellen, im Wettbewerb mit Arbeitgebern stehen, die solche Jugendliche nicht ausbilden, müssen sie Unterstützung für die erste Phase der Ausbildung bekommen. Im Gegensatz zu der in der Arbeitsmarktpolitik vielfach vertretenen Ansicht, man müsse eine Ausbildungszwangsabgabe einführen, kommen wir deshalb zur Forderung, in einem begrenzten Zeitraum eine Ausbildungsförderung einzusetzen.[5] Das ist keineswegs eine willkürliche Umkehrung der kursierenden Idee einer Ausbildungszwangsabgabe, sondern gut begründet: Erstens ist hier an einen viel kleineren Kreis von förderungswürdigen Arbeitgebern gedacht worden - an diejenigen nämlich, die diese Jugendlichen einstellen -, zweitens bekämen sie die Förderung nur deshalb, weil sie eine besondere Verantwortung übernehmen, und drittens würden sie die Förderung als Gegenleistung für ein "öffentliches Gut" erhalten, das sie der Gesellschaft zur Verfügung stellen. Das "öffentliche Gut" wäre in diesem Fall, dass es weniger arbeitslose Jugendliche ohne Aussicht auf einen Arbeitsplatz gäbe. Wenn und solange wir keine anderen Einrichtungen haben, in denen diese jungen Menschen eine Anleitung zum fremdgesteuerten Lernen und zum Ausüben eines Berufes bekommen, sind sie dauerhaft arbeitslos und vermehren die Zahl der Langzeitarbeitslosen. Bei einer Ausbildung im Unternehmen könnte das ersparte Arbeitslosengeld II getrost an den Arbeitgeber weitergereicht werden. Für die Gesellschaft bliebe trotzdem ein Nutzenüberschuss, denn für einen Langzeitarbeitslosen müsste sie dauerhaft Arbeitslosengeld II zahlen, für die Förderung im Unternehmen nur eine Zahlung für die limitierte Zeit der Ausbildung. Viel tiefer als die vordergründigen ökonomischen Überlegungen reicht jedoch das Argument, dass junge Menschen auf diese Weise aus dem Leid der Arbeitslosigkeit herausgeführt werden könnten. Unternehmern, denen dies mit staatlicher Hilfe gelänge, würden so zur Erhöhung der Bildungsgerechtigkeit beitragen.

Gegenüber dem Lernen in der Schule hat das nachgeholte Lernen im Unternehmen für die betroffenen Jugendlichen noch einen weiteren Vorteil. Im Beruf kann gezielt im Hinblick auf die jeweilige Tätigkeit gelehrt werden. Ein zukünftiger Maler und Anstreicher braucht zum Beispiel kein Physikunterricht, ein zukünftiger Elektriker aber sehr wohl. Das Ziel des Lernens im Betrieb ist zwar auch ein allgemein pädagogisches, aber im Besonderen dient es der Verhinderung des Entstehens von Langzeitarbeitslosigkeit. Um aus jugendlichen Langzeitarbeitslosen erfolgreiche Lehrlinge und Gesellen zu machen, ist ein Lernen gefordert, das zugleich die Fähigkeit herausbildet, in eine spezifische Berufsausbildung und den entsprechenden Beruf zu gelangen.

Es besteht allerdings die Gefahr, dass es Unternehmer geben wird, die sich als schlechte Ausbilder erweisen; denn selbst bei der Annahme, dass nur diejenigen sich eine solche Aufgabe zutrauen und zumuten, die ein gewisses Maß an pädagogischer Begabung haben - was bei einem Transfer von finanzieller Förderung nicht unbesehen vorausgesetzt werden kann -, kann sich die erzieherische und didaktische Herausforderung als zu groß erweisen. Ein kostenloses Coaching der betreffenden Unternehmer sollte deshalb von vornherein mit eingeplant sein. Die Unternehmer an sich sollten ja daran interessiert sein, das Ausbildungsprogramm so mitzubestimmen, dass die Jugendlichen letztlich dazu in der Lage sind, durch ihre Arbeitsleistung nach Ablauf der Förderung mindestens soviel Ertrag zu bringen, wie sie Kosten verursachen (Lohn und Lohnnebenkosten). Der Anreiz und das Ziel sind kompatibel, aber eine Garantie, dass die Rechnung aufgeht, gibt es nicht - weder für den Unternehmer, noch für die fördernde Arbeitsagentur. Ein zu 100 Prozent positiv wirkendes Instrument der Arbeitsmarktpolitik ist unser Vorschlag also nicht. Aber aus diesem Grund von der Idee Abstand zu nehmen und sie seitens der Politik nicht einmal prüfen zu lassen, wäre angesichts der Gefahr der Langzeitarbeitslosigkeit für viele Jugendliche (und spätere Erwachsene) nicht akzeptabel.

Fußnoten

4.
Dazu ist in der Tat in der jüngsten Zeit Neues erdacht und stellenweise auch schon erprobt worden (siehe zum Beispiel einige Maßnahmen des Bundeslandes Hessen).
5.
In einer Stellungnahme zum "Ausbildungsbonus", den CDU und SPD gemeinsam befürworten, wandten sich ausgerechnet die jungen Unternehmer gegen den Bonus: nicht generell, aber in der von der Koalition vorgeschlagenen Form. Sie meinten, dass mit diesem Bonus das Bild eines Unternehmers gezeichnet werde, "der nur ausbildet, wenn er dafür Geld bekommt". Der hier vorgeschlagene Bonus ist freilich anders konstruiert, weil er nur diejenigen Unternehmer belohnt, die eine besonders hohe Bürde mit dieser Ausbildung auf sich nehmen. Auch Die Linke wandte sich gegen den von der Koalition konzipierten Ausbildungsbonus mit dem Argument, "das würde nur zur Rosinenpickerei führen". Der von uns vorgeschlagene Ausbildungsbonus führt dagegen zum Gegenteil, denn nur wer die "Nicht-Rosinen" nimmt, wird belohnt.