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1.10.2008 | Von:
Günther Maihold

Prominenten-Diplomatie

Haben medienwirksame Auftritte von "Stars" mit Staats- und Regierungschefs Einfluss auf die internationale Politik, oder nutzen Politiker nur gerne das Rampenlicht, das sich aus dem Medienrummel ergibt?

Einleitung

Neue Protagonisten mit der Fähigkeit zur direkten, emotionalen und moralischen Ansprache eines großen Publikums drängen in die internationale Politik: Prominente aus dem Unterhaltungsbusiness, dem Sport und den Medien beanspruchen Mitwirkung am diplomatischen Geschäft. Dieser Prominenten-Diplomatie[1] gelingt es, Ressourcen zu mobilisieren, derer die staatliche Diplomatie oft entbehrt: Unterstützung und Begeisterung, um das Interesse der Politik zu gewinnen, nicht zuletzt aufgrund wachsender Konkurrenz staatlicher und nichtstaatlicher Protagonisten um öffentliche Aufmerksamkeit.[2]




Der politische Aktivismus von Prominenten ist Teil der Entstaatlichung der Diplomatie und direkter Aktivität privater Akteure im Bereich der zwischenstaatlichen Beziehungen.[3] Der Begriff "Diplomatie" muss hier mit Vorsicht benutzt werden, unterscheiden sich die "Promi"-Aktivitäten doch in Stil und Vokabular fundamental von der diskreten, auf Vertraulichkeit basierenden klassischen Diplomatie. Allerdings sind auch Formen von Prominenten-Diplomatie wirksam geworden, die weniger mit dem etablierten Muster unumstrittener Moral- und Gerechtigkeitsvorstellungen von Prominenten-Diplomatie harmonieren: Als Anwalt für die Scientology-Sekte gelang es beispielsweise dem Schauspieler Tom Cruise, weitere Prominente zu gewinnen und eine Auseinandersetzung zwischen den USA und Europa über die angeblich gefährdete Religionsfreiheit auf dem europäischen Kontinent geschickt in die amerikanische Regierung zu tragen.[4]

Auf internationaler Ebene werden Auftritte von UNICEF-Botschaftern wie Audrey Hepburn und Peter Ustinov seit den 1960er Jahren eingesetzt. Allerdings scheint sich die traditionell starke Verknüpfung von celebrity politics und charity zu verändern,[5] insofern sich Prominente kaum noch passiv in den Dienst einer "guten Sache" stellen lassen. Sie versuchen, mit eigenen Initiativen durch mediale Mobilisierung Druck auszuüben: Erwähnt seien hier das Eintreten des Schauspielers George Clooney für ein Engagement der Weltgemeinschaft in der Darfur-Krise oder die öffentliche Kritik der Schauspielerin Mia Farrow an Regisseur Steven Spielberg, der sich anfangs ungeachtet der Rolle Chinas im Sudan an der Gestaltung der Olympischen Spiele in China beteilige wollte.[6]

Prominente des Unterhaltungsbusiness bilden als "Freizeithelden" (H. P. Dreitzel) einen wichtigen Bezugspunkt für breite Kreise der Bevölkerung. Gleichzeitig sind sie als "Stars"[7] durch eine stark individuelle Projektion gekennzeichnet, sodass mögliche Fehltritte unmittelbare Rückwirkungen auf jene Institution zeitigen, die sich bis dahin mit dem jeweiligen Künstler schmückte. Gerade für eine internationale Organisation wie die UNO bedeutet dies ein großes Risiko, da die Beteiligung Prominenter an der Förderung des öffentlichen Ansehens der Weltorganisation während der Amtszeit von Generalsekretär Kofi Annan deutlich ausgeweitet worden ist. Er förderte die Bestellung von Goodwill-Botschaftern und Friedensboten (messengers of peace) und scheint sich der Hollywood-Stars bedient zu haben, um der Ablehnung der UNO seitens der Regierung und des Kongresses der USA durch Public-diplomacy-Aktivitäten mit Prominenten aus dem eigenen Land zu begegnen.[8] Daher hat sich die UNO besonders bemüht, einheitliche Rahmenbedingungen für das Engagement ihrer 80 internationalen Goodwill-Botschafter zu formulieren, die insbesondere auf das positive Image der Stars und deren Einsatz für die Ziele der UNO abheben.[9]

Fußnoten

1.
Vgl. Andrew Cooper, Celebrity Diplomacy, Boulder 2008, dem dieser Beitrag viele Anregungen verdankt.
2.
So Mark Leonhard, Diplomacy by Other Means, in: Foreign Policy, (2002) Sept./Oct., S. 48.
3.
Diesen Prozess beschreibt Alan K. Henrikson als "disintermediation", weil viele Akteure auf staatliche Intermediation verzichten; vgl. Alan K. Henrikson, The Future of Diplomacy? Five Projective Visions, in: Clingendael Discussion Paper on Diplomacy, 96 (Januar 2002), S. 4.
4.
Vgl. hierzu Stephen A. Kent, Hollywood's Celebrity-Lobbyists and the Clinton Administration's American Foreign Policy toward German Scientology, in: Journal of Religion and Popular Culture, 1 (2002) Spring, in: www.usask.ca/relst/jrpc/article-scientology.html (18.8. 2008).
5.
Außerhalb der USA und Großbritanniens sind z.B. zu erwähnen: der senegalesische Sänger Youssou N'Dour, der liberianische Fußballstar George Weah und aus der indischen Bollywood-Filmindustrie der Schauspieler Amitabh Bachchan.
6.
Vgl. Mia Farrow, The "Genocide Olympics", in: The Wall Street Journal vom 28.3. 2007, www.miafar row.org/ed_032807.html (18.8. 2008), sowie dies., China can do more on Darfur, in: The Wall Street Journal vom 5.10. 2007, www.miafarrow.org/ed_100507.html (18.8. 2008).
7.
Zu den vielfältigen Dimensionen des Starkults vgl. Richard Dyer, Stars, London 1994.
8.
So Mark D. Alleyne, The United Nations' Celebrity Diplomacy, in: SAIS Review, 25 (2005) 1, S. 175.
9.
Vgl. Secretary General, Guidelines for the Designation of Goodwill Ambassadors and Messengers of Peace, www.un.org.ua/files/guidelines_gwa.pdf (18.8. 2008).