APUZ Dossier Bild

7.7.2008 | Von:
Jutta Braun

Sportler zwischen Ost und West

"War minus the shooting"

Der visionäre Schriftsteller George Orwell, der in seinem Roman "1984" wie kein anderer die Schrecken eines modernen Überwachungsstaates vorwegnahm, zeigte sich auch in anderer Hinsicht prophetisch. Mit seiner Sentenz, Leistungssport sei nichts anderes als "war minus the shooting",[30] nahm er im Epochenjahr 1945 eine maßgebliche Konstellation der kommenden Jahrzehnte vorweg: Hochleistungssport als Stellvertreter-Schauplatz des politischen Systemkonflikts. Schüsse fielen in der Tat nicht im Verlauf des deutsch-deutschen Konflikts im Sport, doch gab es viele Opfer, zu denen nicht zuletzt die Sportler selbst gehörten.

Als im Jahr 1989 die Mauer fiel, die SED ihren Machtzugriff verlor und sich zahlreiche Verfolgte des Regimes öffentlich zu Wort melden konnten, waren es nicht die DDR-Sportler, die zunächst als Opfergruppe ins Blickfeld gerieten. Es artikulierten und organisierten sich erstmals zahlreiche politisch oder konfessionell Verfolgte, die lange Jahre in Bautzen oder ähnlichen Hafteinrichtungen durchleben mussten, Opfer der Enteignungspolitik, politische Oppositionelle, und viele, die auf eine Karriere im realsozialistischen System verzichtet hatten, um sich durch die Machtverhältnisse nicht korrumpieren zu lassen. Fast allen war gemein, dass sie entweder aus intellektueller Überzeugung oder durch einschneidende Erlebnisse bereits zu DDR-Zeiten zu Gegnern des Regimes geworden waren. Im Unterschied zu ihnen hatten ostdeutsche Athleten nicht nur zu den funktionierenden Bausteinen des DDR-Systems gehört, sondern vielmehr als werbewirksame Aushängeschilder fungiert.

Als Opfer wurden einzelne DDR-Sportler erst vergleichsweise spät wahrgenommen, und hier vor allem im Zuge der Diskussion um das staatlich angeleitete Zwangsdoping. Die Würdigung des Leids der Betroffenen wurde durch verschiedene Faktoren erschwert: Zum einen durch ihre späte organisatorische Formierung,[31] zum anderen durch die Tatsache, dass schwerwiegende Gesundheitsschäden als Folge des Dopingkonsums bei vielen erst lange nach Karriereende eintraten. Gegenüber anderen Formen des SED-Unrechts wurde das Zwangsdoping erst Ende der 1990er Jahre umfassend historisch beschrieben.[32] Der mangelnde Gesprächswille des bundesdeutschen organisierten Sports gegenüber den Geschädigten blockierte zusätzlich die öffentliche Akzeptanz und Wahrnehmung der Problematik. Daneben fehlte häufig auch die Bereitschaft der Athleten, sich als Betroffene überhaupt erkennen zu geben, um nicht im Milieu ehemaliger Protagonisten des DDR-Sports als "Sportverräter" zu gelten.[33]

Im Unterschied zur Dopingproblematik ist die Geschichte der "Republikflucht" von Sportlern, ihrer Motive und ihrer Konsequenzen, bislang kaum beachtet worden. Die öffentliche Aufmerksamkeit konzentrierte sich bislang vorwiegend auf einige Fälle im Fußballsport in den 1970er und 1980er Jahren, wie etwa das Schicksal von Lutz Eigendorf.[34] Demgegenüber sind die Biographien hunderter anderer Leistungssportler, die aus persönlichen, politischen oder sportlichen Gründen aus der DDR flohen, nahezu vergessen. Ihre historische Würdigung ist überfällig, zumal einzelne Fluchten immer wieder gravierende Folgen für die Sportpolitik der DDR hatten. So wurde nach dem Schock von Pöhlands Flucht der Athletenkader für Grenoble schlagartig von 95 auf 57 Wintersportler reduziert, nur die politisch zuverlässigsten durften die Reise nach Frankreich antreten. Und noch ein weiterer Aspekt ist ein drängendes Desiderat der Forschung, insbesondere derjenigen über die Phase der gesamtdeutschen Mannschaften: Justitielle Willkür, vor allem Schauprozesse gegen Sportler und Sportfunktionäre in der DDR. Der erste Präsident des ostdeutschen NOK, Kurt Edel, war persönlich in die Vorbereitung politischer Gerichtsurteile verstrickt.[35] Dieses Faktum ist bislang weder von der ansonsten sehr ausführlichen juristischen DDR-Forschung noch von der Sportgeschichte analysiert worden.[36] Der Sport zur Zeit des Kalten Krieges ist nicht nur wichtiger Bestandteil der Geschichte der geteilten Nation, sondern ebenso wesentliches Element der Herrschaft der SED-Diktatur.

Fußnoten

30.
George Orwell, The Sporting Spirit, in: Tribune, Dezember 1945.
31.
Im März 1999 wurde der Doping-Opfer-Hilfeverein gegründet.
32.
Vgl. Giselher Spitzer, Doping in der DDR. Ein historischer Überblick zu einer konspirativen Praxis, Genese, Verantwortung, Gefahren, Köln 1998.
33.
So erklärte der Potsdamer Schwimmer Jörg Hoffmann, der sich nach sieben Jahren zum Dopingkonsum bekannte: "Wer bisher darüber geredet hat, der wurde sofort als Verräter gebrandmarkt." Berliner Zeitung vom 16. 10. 1997. Der Mikrobiologe und Anti-Doping-Aktivist Werner Franke benannte "Scham" sowie "Furcht vor dem Zorn alter Sportkameraden" als wesentliche Faktoren eines Schweigens der Geschädigten. Einigung mit Jenapharm, in: Berliner Zeitung vom 18. 12. 2006.
34.
Vgl. Heribert Schwan, Tod dem Verräter! Der lange Arm der Stasi und der Fall Lutz Eigendorf, München 2000.
35.
Edel war als Inoffizieller Mitarbeiter für das MfS tätig. Vgl. BStU, MfS 9381/70.
36.
Hierzu werden im Rahmen der vom DOSB in Auftrag gegebenen Studie über die "Rolle des NOK der DDR" demnächst neue Forschungsergebnisse von der Autorin vorgelegt.