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10.1.2008 | Von:
Detlef Virchow

Die Erhaltung der Agrobiodiversität

Verlust der Agrobiodiversität

Die Modernisierung der Landwirtschaft seit dem letzten Jahrhundert führte zu einer Züchtung, die nach den modernsten Methoden bis heute Kulturpflanzen sowie Haustierrassen mit Blick auf höhere Produktivität, Toleranzen gegen abiotische und Resistenzen gegen biotische Stressfaktoren, erhöhten Nährstoffreichtum und konsumerorientierte Eigenschaften züchtet. Dieses führte einerseits zu einer weiteren Entfaltung der Agrobiodiversität; durch die gezielte Züchtungsowie durch den generellen technischen Fortschritt in der Landwirtschaft ersetzten die Landwirte andererseits immer mehr unterschiedliche traditionelle Sorten durch immer weniger neue "Hochertragssorten".[2] Dies führte zu einer Verengung des Genpools von Nutzpflanzen sowie -tieren. So dominieren beispielsweise in Indien zehn Reissorten 75 Prozent des Reisanbaugebietes, in welchem früher bis zu 30 000 verschiedene Reissorten angebaut wurden.[3] In den ökologisch und ökonomisch marginalisierten Standorten Indiens werden jedoch immer noch über 16 000 Reissorten angebaut.[4]

Dieses trifft im selben Maße für die Diversität unter den Haustierrassen zu. Von den 7 616 identifizierten domestizierten Nutztierrassen gelten 20 Prozent als vom Aussterben bedroht, und im Laufe der vergangenen sechs Jahre sind 62 Rassen ausgestorben.[5] Dabei verzeichnet Europa den höchsten Prozentsatz von Rassen, die ausgestorben oder bedroht sind (55 Prozent der Säugetiere und 69 Prozent der Geflügelrassen).

Neben den individuellen Entscheidungen auf landwirtschaftlicher Betriebsebene, der Marktentwicklung und den politischen und institutionellen Weichenstellungen werden die genetischen Ressourcen für die Ernährung und Landwirtschaft (GREL) durch Naturkatastrophen, Kriege und Bürgerkriege bedroht, in denen die Ernte einer Region (und damit auch das Saatgut für die nächste Anbausaison) zerstört werden kann und damit die spezifischen genetischen Ressourcen einer Region ausgelöscht werden können.[6] Falls traditionelle Nutztier- und -pflanzenarten nicht mehr genutzt werden, gerät das Wissen über die spezifischen Anbau- und Haltungsmethoden in Vergessenheit, und so geht nicht nur das genetische Material, sondern auch das traditionelle Wissen verloren.

Fußnoten

2.
Food and Agriculture Organization (FAO), The state of the world's plant genetic resources for food and agriculture, FAO, Rome 1998.
3.
Vgl. FAO, Harvesting Nature's Diversity, FAO, Rome 1993.
4.
Vgl. ICR (Indian Country Report), Country Report on Status of Plant Genetic Resources India, Submitted to FAO in the preparatory process for the International Technical Conference on Plant Genetic Resources, New Delhi 1995.
5.
Vgl. FAO, The State ot the World's Animal Genetic Resources for Food and Agriculture, Barbara Rischkowsky/Dafydd Pilling (eds.), Rome 2007.
6.
Vgl. Detlef Virchow, Conservation of Genetic Resources: Costs and Implications for a Sustainable Utilization of Plant Genetic Resources for Food and Agriculture, Berlin-Heidelberg 1999.