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15.6.2009 | Von:
Werner Sesselmeier
Gabriele Somaggio

Funktionswandel der Arbeitsmarktpolitik

Rolle unterschiedlicher Politikbereiche

Trotz der Annäherung durch ähnliche politische Rahmenbedingungen sind weiterhin nationale wirtschaftspolitische Strategien mit unterschiedlichen Interaktionen zwischen den Politikbereichen zu erkennen.[7] Koordinationsprobleme, die sich aus dieser Komplementarität ergeben, müssen bei Reformvorhaben berücksichtigt werden.[8] Dies wird bei der Betrachtung der verschiedenen Flexibilitätsarten ersichtlich, deren Ausprägungen unterschiedlicher Abstimmung zwischen den Politikbereichen bedürfen. Die externe Flexibilität spiegelt sich in der Höhe der Einstellungen beziehungsweise Entlassungen wider. Im Gegensatz hierzu steht die interne Flexibilität, bei der die Arbeitsnachfrage durch Arbeitszeitänderungen angepasst wird (Überstundenauf- bzw. -abbau, Kurzarbeit etc.). Bei funktionaler Flexibilität können die Arbeitskräfte unterschiedliche Aufgaben übernehmen und demnach innerhalb des Unternehmens an verschiedenen Stellen der Arbeitsprozesse flexibel eingesetzt werden. Liegt Lohnflexibilität vor, werden Arbeitsnachfrageschwankungen mit Lohnanpassungen kompensiert.

Das liberale Wohlfahrtsstaatenregime ist durch flexible Märkte charakterisiert. Güter- und Finanzmarkt sind kaum reguliert, der Preismechanismus koordiniert wirtschaftliche Aktivitäten, was eine hohe Lohnflexibilität zur Folge hat. Die externe Flexibilität erfordert "allgemeines Humankapital", um die Arbeitskräfte beliebig einsetzen zu können. Im Gegensatz hierzu prägt die konservativen Wohlfahrtsstaaten ein regulierter Arbeitsmarkt, was auch andere Marktbereiche betrifft. Güter- und Finanzmarkt sind einem koordinierten Wettbewerb unterworfen. Die Produktmarktstrategie verlangt "spezifisches Humankapital", dessen Bildung durch den Staat unterstützt wird und das die externe Flexibilität einschränkt. Zugleich sind interne und funktionale Flexibilität als Reaktion auf sich ändernde Rahmenbedingungen stark ausgeprägt. Eine Mischform stellt der sozialdemokratische Typus dar. Die externe Flexibilität des Arbeitsmarkts steht relativ rigiden Güter- und Finanzmärkten gegenüber, die durch staatliche Institutionen koordiniert werden. Der Wettbewerb wird wegen der hohen sozialen Absicherung dennoch nicht eingeschränkt.

Durch die Integration in die Europäische Währungsunion (EWU) und den damit einhergehenden Wegfall nationaler Geldpolitik sowie wirksam werdender fiskalpolitischer Restriktionen ist die Notwendigkeit entstanden, die damit verbundenen Flexibilitätseinbußen zu kompensieren. Dies hat die Relevanz der Arbeitsmarktpolitik erhöht.

Fußnoten

7.
Vgl. Bruno Amable, The Diversity of Modern Capitalism, New York 2003.
8.
Vgl. Erik Klär/Ulrich Fritsche, Mehr Beschäftigung durch weitere Arbeitsmarktreformen?, in: Wirtschaftsdienst, (2008) 7, S. 451 - 460.