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5.6.2009 | Von:
Susanne Frank

Architekturen: Mehr als ein "Spiegel der Gesellschaft"

Fordistische Wohnstrukturen als "Anzeiger" patriarchaler Vergesellschaftung

Aus architektursoziologischer Perspektive wird Wohnen als "das gesamtgesellschaftlich verbreitetste Verhalten im Umgang mit Architektur" bezeichnet und gilt "von den Arten der Benutzung der Architektur" als "die gesellschaftlich bedeutsamste, weil sie die meisten Menschen während ihres Lebens einbezieht".[2] Mit Norbert Elias sind "Wohnstrukturen als Anzeiger gesellschaftlicher Strukturen" interpretiert worden.[3]

Es überrascht daher kaum, dass die Wohnstrukturen der fordistischen Epoche einer der Schwerpunkte der feministischen Stadt- und Planungskritik waren, die sich Ende der 1970er Jahre in enger Verbindung zur Zweiten Frauenbewegung formierte. Im Elias'schen Sinne wurden diese als präziser "Anzeiger" nicht nur der bürgerlich-kapitalistischen, sondern auch der patriarchalen Verfasstheit der westlich-modernen Industriegesellschaften gedeutet: "als materialisierter Ausdruck eines hierarchischen Geschlechterverhältnisses",[4] das sich vor allem durch die systematische Marginalisierung von Haus- und Reproduktionsarbeit auszeichnete. Während der "Malestream" der Stadtforschung die räumliche Organisation westlich-moderner Städte mit ihrer charakteristischen funktionalen Zonierung (,Wohnen, ,Arbeiten, ,Freizeit/Erholung, ,Fortbewegung/Verkehr) allein auf industriekapitalistische Strukturprinzipien zurückführte,[5] konnte die feministische Kritik zeigen, dass in diebaulich-räumliche Ausdifferenzierung der modernen Stadt von Anfang an die geschlechtsspezifische Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit eingelassen war: Der Bereich der nicht entlohnten Versorgungsarbeit wurde an Frauen delegiert, in die "Privatsphäre" der Wohnungen und Wohnviertel eingeschlossen ("Haus-Frau") und dann auch räumlich ausgelagert und isoliert. Zwei die fordistische Phase international prägende Wohnformen drückten diese Entwicklung besonders deutlich aus: die Eigenheim-Suburbanisierung und die peripheren Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus.

Wohnsuburbanisierung bedeutete die Schaffung und Abgrenzung reiner Reproduktionsräume. Insofern diese auf der Durchsetzung des typischen Lebensmodells der bürgerlichen Kleinfamilie mit vollerwerbstätigem männlichen Haushaltsvorstand einerseits und Vollzeit-Hausfrau und Mutter andererseits beruhte, stand der Begriff "Suburbia" in der geschlechterbezogenen Stadtforschung lange für den patriarchal geprägten Raum schlechthin.[6]

Die strukturelle Nichtbeachtung von Reproduktions- und damit "Frauenarbeit" zeigte sich auch in der Größe, Gestaltung und im Zuschnitt der Wohnungen selbst. Insbesondere die normierten Grundrisse des Großsiedlungsbaus zeichneten sich durch die hierarchische Aufgliederung der überdies sehr engen Räume für eine standardisierte Vater-, Mutter- und Zwei-Kinder-Familie aus. Im Zuge der Rationalisierung der Hausarbeit wurde der einzige "Frauenraum", die Küche, vom zentralen Ort der Wohnung, der "Wohnküche", auf einen minimal ausgestatteten, meist schlecht besonnten Arbeitsraum reduziert. In diesem konnte sich außer der arbeitenden Person niemand anderes mehr aufhalten. So wurde Hausarbeit auch innerhalb der Wohnungen mehr und mehr isoliert und unsichtbar gemacht. In Bezug auf das Wohn- und Quartiersumfeld der monofunktionalen Siedlungen wurden vor allem schlechte öffentliche Personennahverkehrsanbindungen, fehlende Einrichtungen zur Deckung des täglichen und speziellen Bedarfs (zum Beispiel Kinder- und Frauenärzte) sowie die mangelnde Ausstattung mit Kultur- und Freizeiteinrichtungen, Sport- und Spielstätten beanstandet.[7]

Fußnoten

2.
Hans P. Thurn, Architektursoziologie. Zur Situation einer interdisziplinären Forschungsrichtung in der BRD, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, (1972) 2, S. 301 - 341, hier: S. 321.
3.
Norbert Elias, Die höfische Gesellschaft. Untersuchungen zur Soziologie des Königtums und der höfischen Aristokratie, Frankfurt/M. 1969, S. 68ff.; s. a. Herbert Schubert, Empirische Architektursoziologie, in: Die Alte Stadt, 32 (2005) 1, S. 1 - 27.
4.
Ruth Becker, Raum: Feministische Kritik an Stadt und Raum, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie. Wiesbaden 2004, S. 652 - 664, hier: S. 654.
5.
Schon diese Bestimmung der zu trennenden städtischen Funktionen, insbesondere die Trennung von Wohnen und Arbeiten, beruhte auf einem Androzentrismus, denn sie unterstellte: wer wohnt, arbeitet nicht. Diese Nichtanerkennung von Reproduktionsarbeit als Arbeit liegt auch der berüchtigten Bezeichnung randstädtischer Großsiedlungen als "Schlafstädte" zugrunde.
6.
Zur geschlechterbezogenen Diskussion um Suburbia siehe ausführlich: Susanne Frank, Stadtplanung im Geschlechterkampf, Opladen 2003.
7.
Vgl. Kerstin Dörhöfer/Jenny Naumann, Zur Lage der Frauen in städtischen Wohngebieten, in: Marielouise Janssen-Jurreit (Hrsg.), Frauenprogramm - gegen Diskriminierung, Reinbek bei Hamburg 1979; Ursula Paravicini, habitat au féminin, Lausanne 1990.