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8.2.2010 | Von:
Klaus Laubenthal

Gefangenensubkulturen

Vollzugliches Drogenmilieu

Die Anstaltssubkultur wird nachhaltig durch die mit dem Einschmuggeln, dem Handel und dem Konsum von illegalen - d.h. nach dem Betäubungsmittelgesetz unerlaubten - Betäubungsmitteln verbundenen Aktivitäten bestimmt. Der Umgang mit drogenabhängigen Strafgefangenen und deren Therapie gehören zu den drängendsten Problemen der aktuellen Vollzugsgestaltung. So wie in Freiheit die Versorgung mit derartigen Stoffen auf keine nennenswerten faktischen Schwierigkeiten stößt, gilt dies auch in JVAen.

Von den am 31. März 2008 in Deutschland eine Freiheitsstrafe verbüßenden 55 343 Inhaftieren befanden sich 9 540 (= 17,2 Prozent) wegen eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz im Vollzug; bei den weiblichen Strafgefangenen lag der Anteil bei 16,1 Prozent.[16] Sind zwar nicht alle von ihnen selbst Konsumenten, so ist dennoch davon auszugehen, dass die Anzahl der tatsächlich drogenabhängigen bzw. -gefährdeten Inhaftierten sogar deutlich höher liegt und ein Teil von ihnen wegen anderer deliktischer Handlungen - vor allem im Rahmen der suchtbedingten Beschaffungskriminalität - abgeurteilt wurde. Angenommen wird, dass sich insbesondere bei den wegen Diebstahlsdelikten und Raub- bzw. Erpressungsstraftaten Inhaftierten eine große Anzahl von Drogenkonsumenten wiederfindet. Obwohl Kriterien und Verfahren der Feststellung entsprechend belasteter Gefangener von der Wissenschaft teilweise kritisch betrachtet werden (partiell basiert die Zuordnung nur auf den Feststellungen des Strafurteils), muss heute als sicher gelten: Der Vollzugsalltag wird in hohem Maße von der Suchtproblematik der Inhaftierten geprägt.

Eine in neun JVAen von Nordrhein-Westfalen durchgeführte empirische Untersuchung ergab, dass etwa die Hälfte der Gefangenen bereits vor der Inhaftierung als drogengefährdet galt. Ein Drittel zeigte bei Haftantritt Symptome akuter Drogenabhängigkeit. Das Ausmaß der Abhängigkeit ist bei Heranwachsenden und Jungerwachsenen, vor allem aber bei weiblichen Inhaftierten sehr groß.[17] Sowohl im Jugend- als auch im Erwachsenenstrafvollzug befinden sich besonders viele therapiebedürftige Rauschgiftkonsumenten in der Gruppe der russlanddeutschen Gefangenen. Nach einer in bayerischen JVAen vorgenommenen Erhebung lag der Anteil der russlanddeutschen Gefangenen mit Kontakten zur Drogenszene bei 60,3 Prozent, während die Quote unter der Gesamtzahl der Inhaftierten 35,6 Prozent betrug. Dass diese überwiegend selbst Drogenkonsumenten waren, zeigt die ermittelte Quote der Ausbreitung des Hepatitis-Virus unter den Spätaussiedlern. Der Vermerk "Blutkontakt meiden" in der Gefangenenakte tauchte bei 38,2 Prozent der inhaftierten Russlanddeutschen auf - gegenüber 14,3 Prozent bei der untersuchten Gesamtpopulation.[18]

In den Vollzugseinrichtungen, die auch die Aufgabe zu erfüllen haben, Straftaten während der Inhaftierung zu verhindern, kommt es mit steigender Tendenz auf der subkulturellen Ebene - und im Dunkelfeld verbleibend - zu Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz ebenso wie zu anderen strafbaren Handlungen im Zusammenhang mit dem Konsum illegaler Drogen durch die Gefangenen. Die Drogenkonsumenten sind zum einen solche, die in der Vollzugseinrichtung ihren schon in Freiheit begonnenen Betäubungsmittelmissbrauch aufgrund der vorhandenen Abhängigkeit fortsetzen. Zum anderen kann bei zahlreichen Gefangenen, die in Freiheit nur gelegentlich oder gar nicht Drogen konsumierten, bei einer wenig betreuungs- und ereignisintensiven Vollzugsgestaltung die Droge zum strukturierenden Element des Alltags werden.[19] Konstante Bemühungen zur Drogenbeschaffung sowie der Betäubungsmittelmissbrauch selbst werden zu Strategien, um die Langeweile in der Haft zu ertragen, persönliche Grenzen zu überwinden und einer allgemeinen Lebensangst oder der anstaltsbedingten Furcht vor körperlichen Angriffen durch Mitgefangene zu entfliehen.

In der Alltagsrealität des Strafvollzugs spiegeln sich beim Drogenmissbrauch die gleichen individuellen Notlagen und sozialen Problemfelder Drogenabhängiger wie außerhalb der Einrichtungen wider. Hinzu kommen zum anderen vollzugsspezifische Probleme. Drogen sind in den Hafteinrichtungen knapper als außerhalb der Anstaltsmauern. Teilweise bleiben sie minderwertiger, was zum Konsum gestreckter und verunreinigter Stoffe mit den damit verbundenen gesundheitlichen Risiken und Folgen führt. Da die Droge der Wahl nicht immer zur Verfügung steht, kommt es entweder zu einem starken Wechsel von Konsum- und Entzugsphasen, oder es erfolgt die Einnahme von Substanzen mit mehreren Wirkgruppen nebeneinander. Dabei sind sich die Inhaftierten der zum Teil riskanten gesundheitlichen Folgen des Mischkonsums von sich wechselseitig beeinflussenden Substanzen ganz überwiegend nicht bewusst.

Die Finanzierung der Sucht kann in den Justizvollzugseinrichtungen vom geringen Arbeitsverdienst oder Taschengeld nicht erfolgen. Dies begünstigt die Ausbildung subkultureller Abhängigkeiten. Die Suchtkranken nehmen Wucherdarlehen auf, oder es müssen Dienstleistungen gegenüber Mitinhaftierten erbracht werden. Solche Tätigkeiten können insbesondere wiederum im Einschmuggeln von Drogen in die Anstalt oder in deren Verteilung an die Konsumenten bestehen. Es kommt zu Erpressungen nicht zahlungsfähiger Schuldner und zur Anwendung von Gewalt. Verfügt eine Anstalt sowohl über geschlossene als auch über offene Abteilungen, werden Freigänger, die tagsüber den Vollzug verlassen dürfen, genötigt, bei der Rückkehr Drogen einzuschmuggeln. Ferner kommt es zu Gewaltandrohung oder -anwendung gegen Mitgefangene, damit diese Familienangehörige und andere Kontaktpersonen veranlassen, bei Anstaltsbesuchen Betäubungsmittel mitzubringen. Vereinzelt existieren in den Anstalten sogar sogenannte Schuldenburgen, das heißt von den übrigen Inhaftierten abgetrennte Stationen zum Schutz solcher Gefangener, die bei ihren anstaltsinternen Gläubigern die Schulden nicht mehr begleichen können und deshalb mit gesundheits- oder lebensgefährdenden Angriffen zu rechnen haben.[20] Die Entwicklung subkultureller Strukturen wird allerdings auch dadurch indirekt verstärkt, dass in den meisten Anstalten keine besonderen Abteilungen für drogenabhängige Gefangene existieren.

Ein drogenbezogener Auslösefaktor von Gewalthandlungen in den JVAen sind zudem Macht- und Verteilungskämpfe unter den Beteiligten des Drogenhandels. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn ein maßgeblicher Dealer aus dem Vollzug entlassen oder in eine andere Einrichtung verlegt wird. Der illegale Drogenhandel liegt in den Haftanstalten vor allem in der Hand inhaftierter Ausländer bzw. von anderen Gefangenen mit Migrationshintergrund. Eine besondere Stellung nehmen dabei wiederum die russlanddeutschen Inhaftierten ein. Sowohl hinsichtlich der Beschaffung als auch des Konsums sind sie bereit, jedes Risiko einzugehen. Bei ihnen kommt der Gruppe bei der Organisation der erforderlichen finanziellen Mittel, der Aufteilung der Drogen und dem gemeinsamen Konsum große Bedeutung zu. Bezüglich der Beschaffung von Betäubungsmitteln für die Insassen in den Vollzugseinrichtungen muss heute von einer Vernetzung der verschiedenen Strafanstalten ausgegangen werden.[21]

Fußnoten

16.
Statistisches Bundesamt (Anm. 11), S. 22.
17.
Vgl. Wolfgang Wirth, Das Drogenproblem im Justizvollzug, in: Bewährungshilfe, 49 (2002) 1, S. 104-122.
18.
Vgl. Bericht der Arbeitsgruppe Bayerischer Justizvollzugsanstalten, Handlungsstrategien im Umgang mit russlanddeutschen Gefangenen, Kaisheim 2004, S. 18.
19.
Vgl. Eduard Boetticher/Heino Stöver, in: Johannes Feest (Hrsg.), Strafvollzugsgesetz, Neuwied 20065, S. 320.
20.
Vgl. Klaus Laubenthal, Strafvollzug, Berlin-Heidelberg 20085, S. 110.
21.
Vgl. S. Kleespies (Anm. 13), S. 169; H.-D. Schwind (Anm. 14), S. 536f.

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