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18.10.2011 | Von:
Haci-Halil Uslucan

Wie fremd sind uns "die Türken"? - Essay

Problematik des "Fremden"

Allen Überlegungen zu Konstruktionen von Fremdheit geht zunächst voraus, dass dem Fremden etwas Negatives, Problematisches, ja manchmal auch Beängstigendes anhaftet, gleichwohl der Fremde als Exot natürlich auch Gegenstand unserer Neugier ist. Doch interessant ist er immer nur solange, wie wir eine Distanz, einen Schutzraum um uns herum haben.

Dabei ist Fremdheit keine Eigenschaft, die man mit sich trägt und die jedem Nichtfremden zur Schau gestellt wird. Vielmehr verweist sie auf den Standpunkt derjenigen, die den Diskurs steuern, aus deren Perspektiven die soziale Wirklichkeit konstruiert wird, die bei der Definition der Beziehungen die Deutungshoheit innehaben und das Eigene klammheimlich als Standard voraussetzen. Wer über den Fremden spricht, spricht insofern natürlich auch immer über sich selbst.

Aus dieser Perspektive werden nicht nur das Andere, sondern auch das Eigene (das mir Zugehörige) und das Fremde (das mir Ferne) abgesteckt. Denn das Fremde ist in der Regel mehr als nur das Andere: Anders kann vieles bedeuten (wie Geschlecht, Haarfarbe, Größe), was wir nicht unbedingt als "abstoßend" empfinden; doch beim Fremden spüren wir auch immer einen Hauch von Abwehr; etwas, das uns nicht allzu nah kommen sollte.

Der populistisch geführte sozialpolitische Diskurs folgt derzeit noch weitestgehend folgender Litanei: "Es gibt eine unüberbrückbare kulturelle Distanz zwischen Deutschen und Türken; und da Kultur sich nicht innerhalb von 50 Jahren dramatisch ändert, kann es weder eine Annäherung noch eine Integration geben." Das ist eines der zentralen "Argumente" bei der Konstruktion der Fremdheit von türkeistämmigen Menschen in Deutschland. Doch wie berechtigt ist diese These, wenn sie wirklich als ein Argument verstanden wird und nicht als intellektuell verkleideter Ausdruck einer Lust am "Türken-Bashing"?

Zunächst sollten wir uns bewusst machen, welche Formen der Beziehungen hier hergestellt werden: Bei Fragen der kulturellen Identifikation greifen wir gern auf ein Topos zurück, das seit Norbert Elias berühmter Studie über "Etablierte und Außenseiter"[1] zum Klassiker über die Beziehung von Alteingesessenen und Neubürgern geworden ist. Die etablierte Mehrheitsgesellschaft identifiziert sich mit den besten ihrer Vertreter, die (neue) Minderheit wird aber mit den negativsten "Exemplaren" ihres kulturellen oder ethnischen Hintergrunds identifiziert. So sehen wir am Ende in jedem Deutschen einen verkappten Goethe, in jedem Polen aber einen potenziellen Autoknacker und in jedem Türken einen Gewalttäter.

Wer darüber hinaus lediglich kulturelle Distanz als Ursache der Fremdheit ins Feld führt, verkennt, dass ein Verständnis des Alltagshandelns der Fremden nicht nur ein äußerst konservatives Argument ist, sondern kaum etwas erklärt. Denn damit werden die faktische Prozesshaftigkeit sowie die Veränderbarkeit von Kultur in Abrede gestellt. Seine Kultur ist dem Menschen nicht einfach "gegeben" worden: Zwar eignen wir uns in unserer Sozialisation überlieferte kulturelle Praxen an - denn keine Tradition hält sich von selbst aufrecht, wenn nicht an sie angeknüpft wird -, jedoch deuten wir diese im Alltag auch stets subjektiv um. Wir gleichen sie in unseren täglichen Interaktionen mit den beteiligten Menschen ab und entwickeln dabei für neue Situationen veränderte Handlungsstrategien. In diesem Prozess verändern wir auch diese kulturellen Vorgaben, gleichwohl dies den Einzelnen nicht immer bewusst ist.

Das Argument der kulturellen Distanz hingegen operiert mit der Vorstellung, Menschen würden stets kulturkonform handeln, sie seien von kulturellen Vorschriften "programmiert" und könnten nicht anders agieren. Wenn es tatsächlich so wäre, würde sich ein Deutscher von einem anderen Deutschen genauso wenig unterscheiden wie ein Türke von einem anderen Türken.

Genau das jedoch ist die Agenda derjenigen, die uns glauben machen wollen, "die Türken" (manchmal auch "die Muslime") könnten ja gar nicht anders handeln, weil ihr Nationalbewusstsein (beziehungsweise ihr Koran) ihnen ein bestimmtes Verhalten vorschreibe, und sie in diesem Korsett gefangen seien. Das Argument der kulturellen Distanz suggeriert auch, dass diese Distanz von den "Fremden" verursacht und kommunikativ nicht überbrückbar sei.

Doch werfen wir beispielsweise einen Blick auf jüngste Daten der Integrationsorientierung türkeistämmiger Menschen in Nordrhein-Westfalen, so sehen wir, dass die Rate der freiwillig segregierten, die also von sich aus keine Kontakte mit alteingesessenen Deutschen haben wollen, mit zwei Prozent äußerst gering ist.[2] Dennoch wird in manchen Kreisen die Mär von den "Integrationsverweigerern", den ewig Fremden, fortgeschrieben. An dieser Fortschreibung wirken nicht nur die krypto-rassistischen Diskurse der vergangenen Jahre mit, sondern auch eine ganze Armada sogenannter Aufklärer oder Aufklärerinnen, oftmals selbst mit Migrationshintergrund.

Wie lässt sich gerade Letzteres erklären, wo wir doch zunächst annehmen müssten, dass es ein spontanes Bedürfnis gibt, das Eigene als wertvoll zu betrachten? Im Folgenden werden einige psychologische Ansätze skizziert, die vor allem zur Erklärung des teils polemischen Diskurses gegenüber Türkeistämmigen, der zum Teil von Türkeistämmigen selbst geführt wird, beitragen könnten.

Fußnoten

1.
Vgl. Norbert Elias/John L. Scotson, Etablierte und Außenseiter, Frankfurt/M. 1993.
2.
Vgl. Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (Hrsg.), Partizipation und Engagement türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen. Mehrthemenbefragung 2010, Essen 2011, online: www.deutsch.zfti.de/
downloads/down_mehrthemenbefragung-2010_langfassung.pdf (29.9.2011).

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