Der israelische Historiker und Publizist Moshe Zimmermann spricht am Dienstag (22.02.2011) in Erfurt während einer Pressekonferenz. Zimmermann ist einer der vier Autoren und Herausgeber des Buchs "Das Amt und die Vergangenheit" über die NS-Verstrickungen des Auswärtigen Amtes. Am gleichen Tag will Moshe Zimmermann aus diesem Buch lesen. Foto: Martin Schutt dpa/lth
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23.12.2011 | Von:
Andreas Wirsching

Vom "Lehrstück Weimar" zum Lehrstück Holocaust?

Das "Lehrstück Weimar" verblasst, während der Holocaust, als Resultat der NS-Diktatur und ihrer "Volksgemeinschaft", zum wichtigsten Lehrstück des 20. Jahrhunderts geworden ist.

Einleitung

Gestern wie heute bildet der Zeitraum der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus eine Schlüsselepoche der deutschen und europäischen Zeitgeschichte. Allerdings verändern sich die Perspektiven und Rahmenbedingungen der Forschung. Mit dem Voranschreiten der Zeit drängen neue Gegenstände und Fragestellungen in den Vordergrund, während der Begriff der Zeitgeschichte selbst unscharf geworden ist. Folgt man Hans Rothfels' klassischer Definition, so hat sich die "Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung"[1] weit nach vorne verschoben und die zeithistorische Forschung sich längst neueren Themen zugewandt. Pragmatische Erwägungen legen eine Neuakzentuierung des Untersuchungszeitraums nahe, etwa im Sinne einer "europäischen Zeitgeschichte seit 1945".[2] Andererseits würde damit die formative Epoche des 20. Jahrhunderts, deren Fernwirkungen wir auch heute unterliegen, gekappt. Demgegenüber muss die Genese der kulturellen Moderne, die Diktaturen des 20. Jahrhunderts, aber auch deren Vorgeschichte nach wie vor in jede zeitgeschichtliche Betrachtung systematisch einbezogen werden.

Nach dem Umbruch von 1989/90 bestand kurzzeitig die Befürchtung, nun werde die Erforschung des Nationalsozialismus gegenüber dem aktuellen Interesse an der DDR-Geschichte in den Hintergrund treten. Solche Sorgen waren indes kaum begründet. Zumindest quantitativ hat sich die Forschung über den Nationalsozialismus ebenso wenig vermindert wie jene über die Weimarer Republik. Auch der Spezialist steht vor einer überwältigenden Fülle an Neuerscheinungen, die eine strenge Auswahl erfordert. Die folgenden Bemerkungen erheben daher keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, sondern greifen drei aktuelle Forschungstrends heraus, die das gegenwärtige Bild Weimars und des Nationalsozialismus maßgeblich prägen.

Weimar ist kein Lehrstück mehr

Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie ist mittlerweile zu einem herausragenden Beispiel für den grundlegenden zeit- und generationenbedingten Perspektivenwechsel geworden, dem jede historische Forschung unterliegt. Lange Zeit nämlich stand die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Weimarer Republik unter der Frage nach den Gründen ihres Scheiterns. Das gilt für die politische Geschichte, die etwa nach den Schwächen der Verfassung und des Parteiensystems fragte, ebenso wie für die Sozialgeschichte in der Bielefelder Tradition einer "Historischen Sozialwissenschaft".[3] Inzwischen freilich spielt die Weimarer Republik längst nicht mehr ihre paradigmatische Rolle als politisches Lehrstück für Machtverlust und "Selbstpreisgabe" der Demokratie. Voraussetzung hierfür war der Forschungsprozess selbst: Die entscheidenden Probleme und Ursachen für die politische Labilität und den Zusammenbruch der Republik sind durch die bahnbrechenden Arbeiten der älteren Forschung in gültiger Weise aufgehellt worden, und ihre Ergebnisse haben nach wie vor Bestand.[4]

Erst auf diesem Fundament lässt sich plausibel argumentieren, dass die historisch-pädagogische Funktion Weimars an ihr Ende gekommen sei. Tatsächlich droht Berlin nicht Weimar zu werden. Angesichts gereifter Traditionen, gefestigter zivilgesellschaftlicher Fundamente, aber auch gänzlich neuer Herausforderungen benötigt die Bundesrepublik heute die Weimarer Republik nicht mehr als Negativfolie zur politischen Legitimation. Ihre Bedeutung als historisch-politisches "Argument" hat sich, wenn nicht verflüchtigt, so doch stark abgeschwächt.[5] Wenn also früher ein überwiegend binäres Grundverständnis der Weimarer Republik vorherrschte, das in den Kategorien "pro" und "contra", republikfreundlich und -feindlich, demokratisch und antidemokratisch argumentierte, so ist dieses Muster inzwischen weitgehend überwunden oder zumindest stark erweitert worden. Vielfältige Forschungen haben die dynamische Zukunftsoffenheit und Polyvalenz der Weimarer Kultur, Politik und Gesellschaft betont sowie die uneindeutige Reichhaltigkeit des intellektuellen Diskurses hervorgehoben.[6] Darüber hinaus ist ganz generell der Konstruktcharakter der Weimarer Krise in den Mittelpunkt gestellt worden. Krise und Krisenbewusstsein der Weimarer Republik erscheinen aus dieser Perspektive weniger als Resultat "realer" politischer und sozialökonomischer Faktoren denn als Folge eines übergreifenden und sich verselbständigenden Diskurses über die Krise.[7]

Vor diesem Hintergrund hat sich die Historiografie der Weimarer Republik in den vergangenen beiden Dekaden zunehmend dem cultural turn geöffnet. Die Frage, wie die Akteure ihre eigene Zeit und Umwelt wahrnahmen, sich aneigneten und deuteten, strukturiert einen großen Teil der gegenwärtigen Weimar-Forschung. Das Forschungsinteresse hat sich von den Ursachen des Scheiterns zu den Erfahrungen der kulturellen Moderne verlagert. So kommt zum Beispiel ein kulturgeschichtliches Panorama des Jahres 1926 weitgehend ohne Kontext und Bezug auf das Jahr 1933 aus.[8] Unverkennbar spiegeln sich in dieser Verlagerung ganz gegenwärtige Erfahrungen mit einer beschleunigten Modernisierung, einer überbordenden Flut von Medien und Bildern und nicht zuletzt auch die Unsicherheit über den eigenen, heutigen Ort in der Geschichte. Der Blick richtet sich auf das sinnlich Erfahrbare und medial Vermittelte, was jenseits von Hochkultur, Ökonomie und Politik die massenkulturelle Alltagswelt der Weimarer Republik bestimmte, aber auch in Form der visualisierten Propaganda der politischen Parteien begegnete.[9] Indes liegt es in der Natur eines solchen Zugriffs, dass manche der neueren Forschungen in hohem Maße Berlin-lastig sind. Nicht selten lebt die Darstellung von der Liebe zum Detail und der Vergegenwärtigung einer in dieser Form nicht mehr existenten Großstadtkultur.[10]

Auch wenn über Möglichkeiten und Grenzen kulturhistorischer Ansätze unterschiedliche Auffassungen bestehen mögen, so duldet es doch keinen Zweifel, dass die Weimar-Forschung durch entsprechende Fragestellungen und Methoden enorm an Tiefenschärfe gewonnen hat. Wir wissen heute weitaus mehr als noch vor zwei Jahrzehnten über Mentalitäten, langfristige Deutungsmuster, erfahrungsgeschichtlich gesättigte Orientierungen und intellektuelle Herausforderungen während der Zwischenkriegszeit. Und in dem Maße, in dem Geschichte und Scheitern der Weimarer Republik von ihrer Funktion als Lehrstück für die Bundesrepublik befreit werden, tut sich die Forschung auch leichter, neue Fragen an den Nationalsozialismus zu stellen. Insofern sie den Deutungskulturen zwischen Weimar und NS-Regime nachspüren, tendieren sie dazu, das Datum von 1933 zu überwölben und Kontinuitäten zu ermitteln.[11] In diesem Kontext fragt ein Gutteil der neueren Forschung nach den akteurs- und gruppenspezifischen Dispositionen der Deutschen gegenüber den Verheißungen und den Verbrechen des Nationalsozialismus.

"Volksgemeinschaft" als Forschungsparadigma

Insbesondere gilt dies für das gegenwärtig vielleicht aktuellste, wenngleich umstrittene Paradigma der NS-Forschung: das Konzept der "Volksgemeinschaft". Während die nationalsozialistische Volksgemeinschaft früher meist als bloße Propagandaformel betrachtet wurde, ist in letzter Zeit die tatsächliche, sozial integrierende und mobilisierende Kraft des Konzepts hervorgehoben worden.[12] Vor dem Hintergrund der Kriegserfahrung spielte der Begriff der "Volksgemeinschaft" schon in der Weimarer Republik eine wichtige Rolle. Quer durch fast alle Parteien bis hin zur Sozialdemokratie verlieh er der Sehnsucht nach Überwindung der inneren Zerrissenheit Ausdruck. Entscheidend war daher sein in die Zukunft gerichteter Verheißungscharakter. Je mehr Menschen vor allem gegen Ende der Weimarer Republik den Eindruck erhielten, sie versäumten ihre Lebenschance, desto mehr stieg die Versuchung, utopischen Deutungsangeboten zu folgen und desto stärker wurde die Anziehungskraft eines politischen Dezisionismus. Diese Mentalität privilegierte eine Form der politischen Kommunikation, die beständig Messianismus, Führertum und Erlösungsrhetorik evozierte. Sie brachte einen "Modus der Verheißung" hervor, der für große Teile der politischen Kultur der Weimarer Republik typisch war.[13]

Um zu verstehen, welche Dynamik diese Verheißungskultur entwickelte und warum es den Nationalsozialisten gelang, sie für ihre rassistischen Ziele umzudeuten und einzusetzen, hilft eine erfahrungsgeschichtliche Perspektive. Ein Teil des verheißenen Landes hieß nämlich eine gleichsam "normale", private Existenz. Tatsächlich waren die Sehnsucht nach einem sicheren Arbeitsplatz und nach einem bescheidenen Heim, der Wunsch, eine Familie zu gründen und einen gewissen Zugang zu dem wachsenden Angebot an Konsumgütern zu haben, eine zentrale, häufig aber unterschätzte Antriebskraft im politischen Verhalten der Deutschen zwischen Weimar und Hitler. Und es war entscheidend für das Schicksal der Weimarer Republik, dass sie so viele Hoffnungen auf ein kleines Stück privaten Glücks enttäuschte. So erweiterte die mediale Etablierung einer weithin sichtbaren Konsumkultur die diesbezüglichen Erwartungshorizonte; zugleich aber blieben weite Teile der deutschen Bevölkerung mehr oder weniger vollständig von dieser emporwachsenden Konsumkultur ausgeschlossen.[14]

Hitler gelang es, seine eigene Biografie als repräsentativ für Millionen anonymer Lebensläufe zu inszenieren: für die sozial Benachteiligten, die materiell Gedemütigten und die politisch Enttäuschten. Der Nationalsozialismus hatte darin Erfolg, alle diese Dispositionen zusammenzubringen mittels eines Bildes der Volksgemeinschaft, das versprach, das Unglück der Gegenwart zu beenden und in der Zukunft Gerechtigkeit, Wohlergehen und Anerkennung zu erreichen. Die Inszenierung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft nach der Machteroberung 1933 erfolgte in doppelter, in sich paradoxer Weise: Einerseits präsentierte sich Deutschland als eine junge, sozial homogene, kraftvolle Nation, die bereit war, ihren neuen Platz in der Welt einzunehmen und, wenn nötig, für ihn zu kämpfen. Aus der Opfergemeinschaft der Weimarer Republik war die nationalsozialistische Kampfgemeinschaft geworden. Andererseits aber förderte das Regime mit allen Kräften die Privatsphäre, um die öffentliche und politische Leistung der Volksgemeinschaft zu steigern. Die inklusiven Elemente der kämpfenden Volksgemeinschaft lauteten: harte Arbeit, eine klar geformte Geschlechterordnung und das Versprechen eines deutlich erweiterten Konsums.

Während der 1930er Jahre richtete sich ein Großteil der nationalsozialistischen Propaganda auf eben diese drei Aspekte und hob Arbeit, Geschlechterordnung und Konsum hervor. Und dies passte exakt zu dem, was sich Millionen von Deutschen längst für ihr Privatleben ersehnt hatten, nämlich: bezahlte Erwerbstätigkeit, Heim und Familie, materielles Wohlergehen. Mithin rief das Regime zum Kampf auf, versprach aber Normalität. Diese Interaktion zwischen öffentlicher Propaganda und privatem pursuit of happiness lag an der Wurzel dessen, was man den "Erfolg", die "Realität" oder auch nur die "soziale Praxis" der Volksgemeinschaft nennen kann. Trotz aller fortbestehenden ideologischen Distanz begann auch die Mehrheit der Arbeiter die Anforderungen und Zumutungen der NS-Volksgemeinschaft zu akzeptieren, um ihre privaten Prioritäten zu verfolgen. "Das Interesse am Klassenschicksal ist zum großen Teil völlig verschwunden", klagte ein Sopade-Bericht 1936, "an seine Stelle ist der kleinlichste Einzel- und Familienegoismus getreten."[15]

Die Resultate blieben freilich ambivalent und verstärkten die Antinomien des Regimes. Vieles ist zum Beispiel über die widersprüchliche Politik des Regimes gegenüber Frauen gesagt worden.[16] Einerseits verstärkte und ideologisierte die NS-Propaganda massiv das Modell der getrennten geschlechtsspezifischen Sphären und fixierte das Frauenbild auf Mutterschaft und traditionelle Geschlechterrollen. Andererseits ließ die sich stetig zuspitzende Knappheit an Arbeitskräften seit Mitte der 1930er Jahre die weibliche Erwerbsquote kontinuierlich ansteigen. Sofern sie den rassistischen Maßstäben des Regimes entsprachen, verfügten Frauen in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft der 1930er Jahre über einen erweiterten Handlungsspielraum. Ferner versuchten die Nationalsozialisten, eine spezifische Form einer "völkischen Konsumgesellschaft" zu etablieren. Es war Hitlers Ziel, die Mitglieder der rassisch homogenen Volksgemeinschaft nicht nur mit mehr Lebensraum, sondern auch mit einem höheren Lebensstandard auszustatten. Mit den USA als ambivalentem Vorbild sollte die Volksgemeinschaft mit erschwinglichen Autos motorisiert, fortgeschrittene und langlebige Konsumgüter sollten in der Breite verfügbar werden.

Wenngleich diese Pläne, vielleicht mit Ausnahme des "Volksempfängers", scheiterten, so ist doch nicht zu bezweifeln, dass sich der Lebensstandard der deutschen Bevölkerung während der 1930er Jahre insgesamt verbesserte und das Alltagsleben unter dem Nationalsozialismus durchaus Elemente der Freude und des Vergnügens kannte.[17] Insbesondere mit dem Abbau der Arbeitslosigkeit schien für viele Deutsche in dieser Zeit erstmals seit dem Ersten Weltkrieg ein kleines Stück Prosperität und ein bescheidenes Wohlergehen in Reichweite zu rücken. Die Propaganda der virtuellen völkischen Konsumgesellschaft trug zu dieser Hoffnung zweifellos bei. Dies mag auch der Grund sein, warum nach 1945 die Periode zwischen 1933 und 1939 lange Zeit noch positiv im kollektiven Gedächtnis der Deutschen haften blieb.[18] Denn dies waren die Jahre, die für viele Deutsche jener privaten Normalität am nächsten kamen, nach der sie sich so lange gesehnt hatten. Übersehen wurde dabei freilich, dass diese "Normalität" Hand in Hand ging mit Terror und gewaltsamer Exklusion. Die alltägliche Geschichte des Rassismus, die in den 1930er Jahren doch so präsent war, wurde nach 1945 zunächst aus dem Gedächtnis verbannt.[19]

Überdies war die "Normalität" der Privatsphäre zu keinem Zeitpunkt des NS-Regimes ein unpolitischer, geschützter Bereich. Die Förderung des Privaten durch das Regime folgte stets einer instrumentellen Logik und diente der effizienteren Mobilisierung der Gesellschaft für den Krieg. Privatheit war in erster Linie der Erholungsraum der Kampfgemeinschaft. Insoweit war und blieb das Private unter der nationalsozialistischen Herrschaft immer politisch. Die Hoffnung auf echte Privatheit, die ein "normales" ziviles Leben ermöglicht hätte, blieb Illusion. Erst nach Ende des Krieges, als die durch Propaganda und Verheißung konstruierte nationalsozialistische Volksgemeinschaft zusammengebrochen war, wurde Privatheit als geschützter Raum tatsächlich wieder - wenngleich in den zeitbedingten Grenzen - möglich.[20]

Volksgemeinschaft und Holocaust

Irreführend wäre jede Analyse des nationalsozialistischen Konzepts der Volksgemeinschaft, die nicht zugleich deren exklusiven, rassistischen und gewaltsamen Charakter systematisch einbezöge. Der Volksgemeinschaft anzugehören meinte stets auch, den gewaltsamen Ausschluss, die Entrechtung und Verfolgung, schließlich auch die Ermordung der Juden, der Sinti und Roma, der Behinderten, der Homosexuellen, der politischen Opponenten und all jener, die das Regime als antisozial brandmarkte, zu unterstützen oder zumindest hinzunehmen. Zugehörigkeit zur Volksgemeinschaft hieß also immer auch, sich nolens volens auf die Seite der Täter zu stellen. Überdies fungierte der Antisemitismus, im Kontext einer neuen nationalsozialistischen "Moral", durchaus als mobilisierender Motivationsfaktor für die Konstruktion der Volksgemeinschaft "von unten".[21] Hinzu traten materielle Anreize. Für Profiteure, Parteimitglieder, im Krieg phasenweise auch für einfache Wehrmachtssoldaten und ihre Familien eröffnete die nationalsozialistische Volksgemeinschaft einen breiten Raum zur individuellen Bereicherung. Korruption und "Arisierung", Kunstraub und die Ausplünderung der unterjochten Gebiete - nicht zuletzt übrigens unter aktiver Beteiligung der deutschen Kreditinstitute - lauteten die Modi der Vorteilsnahme.[22]

Mithin zeigt die neuere Forschung eindrücklich, wie tief die exklusiv-gewaltsamen, auf Vernichtung hin orientierten Zielperspektiven des Nationalsozialismus in die deutsche Gesellschaft hineinreichten. Letztlich bleibt jedes Bild der NS-Diktatur durch die Geschichte des Holocaust grundiert. Dies dokumentieren auch die bisher erschienenen Bände des großen Editionsprojektes "Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945".[23] Zwar erfolgten die Hinnahme der nationalsozialistischen Verbrechen oder auch die Zustimmung zu ihnen längst nicht immer aufgrund ideologisch überzeugter Mittäterschaft. Die Motivlagen der Einzelnen waren viel zu vielfältig, als dass sie auf einen Nenner gebracht werden könnten. Aber es gilt die unmittelbar von 1933 an feststellbare Regimeakzeptanz der deutschen Mehrheitsgesellschaft hervorzuheben.[24]

Die konstitutive Bedeutung des Holocaust für die NS-Forschung muss auch angesichts einer doppelten Problematik betont werden, deren Gefahren gegenwärtig klar erkennbar sind. Zum einen nämlich sind der Massenmord an den Juden und das Gedenken an ihn inzwischen weitgehend entkoppelt von den Zeitzeugen, das heißt, er geht bereits seit längerer Zeit in das kulturelle Gedächtnis ein. Teil dieses kulturellen Gedächtnisses ist der Prozess der sogenannten "Universalisierung" des Holocausts: Über das konkrete Geschehen hinaus wird der Holocaust zu einem Gedenkzeichen für die Unmenschlichkeit in der Geschichte des 20. Jahrhunderts.[25] Für die Deutschen birgt dieser für sich genommen unaufhaltsame Prozess bestimmte Gefahren. Denn die Universalisierung bietet ihnen letztendlich die Möglichkeit, der schmerzhaften quellenbasierten Konkretisierung des Erinnerns auszuweichen und gleichsam den direkten Anschluss an eine allgemeine und transnational gewordene westliche Erinnerungskultur zu gewinnen.

Zum anderen ist die Holocaustforschung im engeren Sinne, die in Deutschland ohnehin nie besonders stark verwurzelt war, seit geraumer Zeit zu einer Art Spezialwissenschaft geworden. Sie droht zu einer "Insel" zu werden, deren Feinstruktur nur noch den entsprechenden Spezialisten zugänglich ist. Die Zeit der großen erkenntnisleitenden Debatten, die zum Beispiel danach fragten, ob der Holocaust als ein "Zivilisationsbruch" oder doch eher als eine extreme Möglichkeit der Moderne selbst betrachtet werden sollte, scheint vorbei zu sein. Faktisch beobachten wir daher eine gewisse Entkoppelung zwischen "allgemeiner" NS-Forschung und der empirischen, quellenbezogenen Erforschung des Holocaust. Beiden Tendenzen, der Universalisierung des kulturellen Gedächtnisses wie der "Verinselung" der Holocaust-Forschung, muss entgegengewirkt werden. Andernfalls droht das gesellschaftliche und historische Bewusstsein für die Tiefenwirkung des NS-Regimes zu schwinden. Möglich ist dies letztlich nur durch die Förderung der empirischen Forschung und die Entwicklung übergreifender Fragestellungen.

Fazit

Es ist deutlich geworden, dass die Geschichtsschreibung der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus Veränderungen unterliegt. Ältere Fragestellungen, die sich etwa der deutschen Trias vom Scheitern der Demokratie, nationalsozialistischer Diktatur und demokratischem Neuanfang verpflichtet wussten, treten in den Hintergrund. Kultur- und erfahrungsgeschichtliche Fragestellungen, die sich von den politischen Daten lösen, sind wichtiger geworden.

Im Hinblick auf das NS-Regime verlieren dagegen traditionelle Fragen nach seinen Antriebskräften, nach Ausmaß und Grenzen der gesellschaftlichen Zustimmung und nach dem Gesicht der Täter wie der Opfer ihren Stachel nicht. Tatsächlich bleibt die fatale Verschränkung von ideologisch begründeter und auch nicht weiter ableitbarer Vorgabe und der technokratischen und bürokratischen Effizienz, mit der diese Vorgabe in die Tat umgesetzt wurde, ein entscheidendes Lehrstück der Menschheitsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Seine genaue Kenntnis ist ohne die systematische Einblendung der Vorgeschichte sowie des dezidierten Vernichtungscharakters des Nationalsozialismus nicht möglich.
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Fußnoten

1.
Hans Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte (VfZ), 1 (1953) 1, S. 1-8, hier: S. 2. Vgl. Andreas Wirsching, "Epoche der Mitlebenden" - Kritik der Epoche, in: Zeithistorische Forschungen, 8 (2011) 1, online: www.zeithistorische-forschungen.de/site/40209116/default.aspx (5.12.2011).
2.
Constantin Goschler/Rüdiger Graf, Europäische Zeitgeschichte seit 1945, Berlin 2010.
3.
Auch für Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. IV: Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914-1949, München 2003, bleibt das Scheitern der Weimarer Republik der entscheidende Stachel.
4.
Als neueste Summe der Forschung siehe Ursula Büttner, Weimar. Die überforderte Republik, 1918-1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur, Stuttgart 2008.
5.
Zur langfristigen Bedeutung Weimars nach 1945 siehe Christoph Gusy (Hrsg.), Weimars lange Schatten - "Weimar" als Argument nach 1945, Baden-Baden 2003, und v.a. Sebastian Ullrich, Der Weimar-Komplex: Das Scheitern der ersten deutschen Demokratie und die politische Kultur der frühen Bundesrepublik. 1945-1959, Göttingen 2009.
6.
Siehe insbes. Rüdiger Graf, Die Zukunft der Weimarer Republik. Krisen und Zukunftsaneignungen in Deutschland 1918-1933, München 2008.
7.
Vgl. Moritz Föllmer/Rüdiger Graf (Hrsg.), Die "Krise" der Weimarer Republik. Zur Kritik eines Deutungsmusters, Frankfurt/M.-New York 2005, S. 9-41 (Einleitung der Hrsg.).
8.
Vgl. Hans Ulrich Gumbrecht, 1926: Ein Jahr am Rand der Zeit, Frankfurt/M. 2003.
9.
Vgl. Thomas Mergel, Propaganda in der Kultur des Schauens. Visuelle Politik in der Weimarer Republik, in: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Ordnungen in der Krise. Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1933, München 2007, S. 531-559; Janet Ward, Weimar Surfaces. Urban Visual Culture in 1920s Germany, Berkeley 2001.
10.
So besonders bei Eric Weitz, Weimar Germany. Promise and Tragedy, Princeton/N.J. 2007.
11.
Siehe etwa Wolfgang Hardtwig (Hrsg.), Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918-1939, Göttingen 2005.
12.
Siehe insbesondere Frank Bajohr/Michael Wildt (Hrsg.), Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2009. Kritisch resümierend: Ian Kershaw, "Volksgemeinschaft". Potenzial und Grenzen eines neuen Forschungskonzepts, in: VfZ, 59 (2011) 1, S. 1-17, sowie die Replik von Michael Wildt, "Volksgemeinschaft". Eine Antwort auf Ian Kershaw, in: Zeithistorische Forschungen, 8 (2011) 1, online: www.zeithistorische-forschungen.de/site/40209111/default.aspx (5.12.2011).
13.
Vgl. Bernd Weisbrod, Die Politik der Repräsentation. Das Erbe des Ersten Weltkrieges und der Formwandel der Politik in Europa, in: Hans Mommsen (Hrsg.), Der Erste Weltkrieg und die europäische Nachkriegsordnung. Sozialer Wandel und die Formveränderung der Politik, Köln u.a. 2000, S. 13-41, hier: S. 31; Thomas Mergel, Führer, Volksgemeinschaft und Maschine. Politische Erwartungsstrukturen in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus 1918-1936, in: W. Hardtwig (Anm. 11), S. 98-127; Michael Wildt, Volksgemeinschaft und Führererwartung in der Weimarer Republik, in: Ute Daniel et al. (Hrsg.), Politische Kultur und Medienwirklichkeiten in den 1920er Jahren, München 2010, S. 181-204.
14.
Vgl. Claudius Torp, Das Janusgesicht der Weimarer Konsumpolitik, in: Heinz-Gerhard Haupt/ders. (Hrsg.), Die Konsumgesellschaft in Deutschland 1890-1990. Ein Handbuch, Frankfurt/M. 2009, S. 250-267; ders., Konsum und Politik in der Weimarer Republik, Göttingen 2011.
15.
Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934-1940, 3 (1936), hrsg. v. Klaus Behnken, Frankfurt/M. 1980, S. 836.
16.
Siehe etwa Adelheid von Saldern, Innovative Trends in Women's and Gender Studies of the National Socialist Era, in: German History, 27 (2009), S. 84-112; Jill Stephenson, Women in Nazi Germany, Harlow 2001; Sybille Steinbacher (Hrsg.), Volksgenossinnen. Frauen in der NS-Volksgemeinschaft, Göttingen 2007.
17.
Siehe Wolfgang König, Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft. "Volksprodukte" im Dritten Reich. Vom Scheitern einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft, Paderborn 2004; Jonathan Wiesen, Creating the Nazi Marketplace. Commerce and Consumption in the Third Reich, Cambridge 2011; Pamela Swett et al. (eds.), Pleasure and Power in Nazi Germany, Houndmills 2011.
18.
Vgl. Karl-Heinz Reuband, Das NS-Regime zwischen Akzeptanz und Ablehnung. Eine retrospektive Analyse von Bevölkerungseinstellungen im Dritten Reich auf der Basis von Umfragedaten, in: Geschichte und Gesellschaft, 32 (2006), S. 315-343.
19.
Vgl. Harald Welzer, "Opa war kein Nazi." Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt/M. 2002.
20.
Vgl. Daniel Fulda u.a. (Hrsg.), Demokratie im Schatten der Gewalt. Geschichten des Privaten im deutschen Nachkrieg, Göttingen 2010.
21.
Siehe v.a. Michael Wildt, Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919-1939, Hamburg 2007; Raphael Gross, Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, Frankfurt/M. 2010.
22.
Vgl. insbes. Frank Bajohr, Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-Zeit, Frankfurt/M. 2001. Mit zum Teil umstrittenen Thesen: Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt/M. 2005; vgl. auch Ingo Loose, Kredite für NS-Verbrechen. Die deutschen Kreditinstitute in Polen und die Ausraubung der polnischen und jüdischen Bevölkerung 1939-1945, München 2007.
23.
Über die Edition online: www.edition-judenverfolgung.de/neu (5.12.2011). Bisher erschienen sind die Bände 1 (Deutsches Reich 1933-1937), 2 (Deutsches Reich 1938-August 1939), 4 (Polen September 1939 - Juli 1941) und 7 (Sowjetunion und annektierte Gebiete I), München 2008-2011.
24.
Vgl. Andreas Wirsching, Die deutsche "Mehrheitsgesellschaft" und die Etablierung des NS-Regimes im Jahre 1933, in: ders. (Hrsg.), Das Jahr 1933. Die nationalsozialistische Machteroberung und die deutsche Gesellschaft, Göttingen 2009, S. 9-29.
25.
Siehe Daniel Levy/Natan Sznaider, Erinnerung im globalen Zeitalter. Der Holocaust, Frankfurt/M. 2001; Jan Eckel/Claudia Moisel (Hrsg.), Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive, Göttingen 2008.