Deutschland in den 50er Jahren

27.12.2002 | Von:

Kultur im Wiederaufbau (Teil 2)

Bildung und Kultur in der DDR

Bitterfelder Konferenzen

Für die Entwicklung des geistig-kulturellen Lebens und der Künste spielte die Tatsache, daß eine bedeutende Anzahl von Emigrantinnen und Emigranten in die DDR gekommen war, eine wichtige Rolle. Sie bestimmten zusammen mit anderen Künstlern das auch international zur Kenntnis genommene Niveau im Theater (Bertolt Brechts und Helene Weigels "Berliner Ensemble"), das Musik- und Konzert-Leben (Paul Dessau, Hanns Eisler und im DEFA-Film (Slatan Dudow, Kurt Maetzig). Die Deutsche Film AG(DEFA) besaß in der DDR das Monopol zur Herstellung von Filmen.

Die staatliche Subventionierung kultureller und künstlerischer Einrichtungen und eine damit verbundene Preisgestaltung für Eintrittskarten bewirkte eine breite Inanspruchnahme von Theatern, Konzertsälen, Museen, Kinos. Für das gesamte kulturelle Leben gab es eine kulturpolitische Steuerung durch Jubiläen und Kampagnen wie die "Wochen der sowjetischen Kultur und Kunst", Freundschaftswochen mit den "Bruderländern", Musik- und Theaterfestspiele mit ausländischen Gästen, öffentliche Unterhaltungsgroßveranstaltungen. Die wichtigste periodische Kunstausstellung war die in Dresden seit 1946 alle vier Jahre stattfindende Deutsche Kunstausstellung. Sie präsentierte alle Genres der Bildenden Kunst, deren Exponate über Bezirksausstellungen von einer zentralen Jury nach den Kriterien des Sozialistischen Realismus ausgewählt wurden. In dem Maße, wie über "Auftragswerke" hinaus von der Norm abweichende, interessantere Werke ausgestellt wurden, gewannen diese Kunstausstellungen zunehmend an öffentlicher Resonanz. Die Besuchszahlen betrugen in den Jahren 1953 zur III. Ausstellung 200000, zur IV. Ausstellung 1958/59 120000, um in den siebziger Jahren die Millionengrenze zu überschreiten.

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre unternahm die SED mit Kulturkonferenzen (1957 und 1960) sowie mit der I. und II. Bitterfelder Konferenz (1959 und 1964) energische Anstrengungen, gegen einen angeblichen "Dogmatismus der Moderne" in den Künsten eine sozialistische Kultur und Kunst mit Hilfe der "Arbeiterklasse selbst" zu organisieren. "Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische Nationalkultur braucht dich!" hieß die Losung, mit der auf der I. Bitterfelder Konferenz, an der etwa 300 schreibende Arbeiter im Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld teilnahmen, die Bewegung "schreibender Arbeiter" aktiviert wurde.

Die seit 1959 alljährlich stattfindenden Arbeiterfestspiele, vor allem vom FDGB und dem Ministerium für Kultur verantwortet, dienten dazu, die besten Laienproduktionen von etwa 80 Ensembles und die literarischen Ergebnisse der etwa 100 Zirkel schreibender Arbeiter vorzustellen. Dabei praktizierte man die Zusammenarbeit von Berufs- und Laienkünstlern. Trotz dieser Anstrengungen zeigte sich bald, daß auf diesem Wege nur im Ausnahmefall wirklich talentierte Autoren rekrutiert werden konnten. Was als Gewinn für die Laienkünstler herauskam, war ein souveränerer Umgang mit Kunst und Literatur.

Der propagierte "neue Lebensstil" war auch gegen die "westliche Unkultur" gerichtet, als deren Inbegriff die amerikanische Tanzmusik und die beliebten, aber noch verpönten Jeans galten. Seit 1958 brachte die ministerielle Anordnung, auf Tanzveranstaltungen 60 Prozent der Musik von Komponisten aus der DDR und den "befreundeten Bruderländern" zu spielen, bei den Jugendlichen großen Unmut hervor, und die obligaten 40 Prozent Musik aus den übrigen Ländern der Welt wurden mit allerlei Tricks vergrößert.

Die zweite Dimension des Bitterfelder Weges, die auf eine engere Verbindung von Kunst und Leben gerichtet war, führte zahlreiche Autoren in die Kombinate und Betriebe. Ihre (zeitweilige) Ansiedelung auf den "Großbaustellen des Sozialismus" oder auf dem Lande bewirkte, daß sich der Realitätsgehalt der Literatur erhöhte. Auf der Suche nach dem "Antlitz der herrschenden Klasse", den "Helden unserer Tage" fanden die in den Betrieben bestehenden gesellschaftlichen und persönlichen Konflikte oft auf offiziell unerwünschte und allzu realistische Weise ihren Niederschlag. Es kam hinzu, daß diese Art von Literatur vom Publikum weitgehend als "langweilig" empfunden und nicht gekauft wurde, was die kulturpolitisch engagierten Verlage in ökonomische Schwierigkeiten brachte.

In der Folgezeit oft als "Bitterer Feldweg" oder auch als "Bitterfelder Sackgasse" bespöttelt, von außen als "DDR-eigene Absurdität" betrachtet, stellte dieses Konzept die letzte große kulturpolitische Anstrengung der Ulbricht-Ära dar. Die direkte Bindung von Kunst und Literatur an politische und ökonomische Aufgaben (oft kampagnenhaft angekurbelt durch sozialistische Losungen wie "Kunst hilft Kohle", "Chemie gibt Brot, Wohlstand und Schönheit") wurde von vielen Künstlern zunehmend abgelehnt. In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre war das Ende der Übergangszeit erreicht, viele ältere Künstler wie etwa Brecht und Becher bereits verstorben und eine neue Generation bereitete die "Geburtsstunde" der eigentlichen DDR-Literatur vor.