izpb USA

20.3.2014 | Von:
Jörg Nagler

Kalter Krieg von 1945 bis 1989

Zwischen Reform und Protest

Mit John F. Kennedy (1961-1963) zog ein demokratischer Präsident ins Weiße Haus ein, dessen jugendlich anmutender Elan den Zeitgeist und die Erwartungen der amerikanischen Bevölkerung traf. Angesichts einer stagnierenden Wirtschaft, hoher Rüstungsausgaben und eines offenkundigen außenpolitischen Prestigeverlustes der USA in der ausgehenden Eisenhower-Ära zeigte sich bei der Wahl ein Verlangen nach nationaler Erneuerung.
Indem er neue nationale Werte forderte, hatte Kennedy in seinen Wahlreden eine Aufbruchstimmung geschaffen, die durch Idealismus gekennzeichnet war und den Appell an den Einzelnen, seinen persönlichen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Zur Umsetzung seines ehrgeizigen Programms versammelte Kennedy hochkarätige Berater von den besten Universitäten des Landes; zum ersten Mal wurde das Fernsehen im Wahlkampf wirkungsvoll als Massenmedium eingesetzt. Kennedys Wahlsieg fiel mit nur 120 000 Stimmen Mehrheit äußerst knapp aus und dokumentierte eine innenpolitische Spaltung. Der 43-jährige, der als erster Katholik ins Präsidentenamt kam, war hauptsächlich von katholischen und afroamerikanischen Bürgerinnen und Bürgern in Großstädten sowie im Allgemeinen von der jüngeren Generation gewählt worden.

Symptomatisch für Kennedys Willen zum Neubeginn und nationalen Aufbruch war das von ihm entworfene Reformprogramm der New Frontier. Es sollte im Inneren soziale Ungerechtigkeiten korrigieren und nach außen hin durch eine Position der Stärke eine konstruktive Weltpolitik aufbauen. Auch vor dem Weltraum sollte die "Neue Siedlungsgrenze" nicht Halt machen – dank eines ambitionierten Forschungsprogramms, dessen Anfänge Kennedy noch erlebte.
Trotz erheblicher weltweiter Krisen und innerer Probleme kam es während der nur kurzen Amtszeit Kennedys zu einem gesamtgesellschaftlichen liberalen Konsens und einem wieder erstarkten amerikanischen Sendungsgedanken.

Quellentext

John F. Kennedys Antrittsrede am 20. Januar 1961 (Auszüge)

[…] So lasst uns neu beginnen […] Lasst uns auf beiden Seiten herausfinden, welche Probleme uns vereinen, anstatt auf den Problemen herumzureiten, die uns trennen. […]
Lasst uns von beiden Seiten zusammenkommen, um die Wunder der Wissenschaft anstatt ihre Schrecken zu erwecken. Lasst uns gemeinsam die Sterne erforschen, die Wüste erobern, die Krankheiten ausrotten, die Tiefen des Ozeans ausmessen und die Künste und den Handel fördern.

[…] Und wenn in dem Dschungel des Argwohns ein Brückenkopf der Zusammenarbeit errichtet werden kann, dann lasst uns von beiden Seiten zu der nächsten Aufgabe zusammenkommen: der Schaffung nicht eines neuen Gleichgewichts der Kräfte, sondern einer neuen Welt des Rechtes und des Gesetzes, in der die Starken gerecht und die Schwachen sicher sind und der Friede für immer erhalten bleibt. […]
In der langen Geschichte dieser Welt ist es nur wenigen Generationen vergönnt gewesen, die Rolle der Verteidigung der Freiheit in der Stunde ihrer höchsten Gefahr zu spielen. Ich schrecke vor dieser Aufgabe nicht zurück – ich begrüße sie. Ich glaube nicht, dass irgendeiner von uns mit irgendeinem Volk oder irgendeiner anderen Generation tauschen möchte. Die Energie, der Glaube und die Hingabe, die wir diesem Unterfangen entgegenbringen, wird unser Land und alle, die ihm dienen, entzünden und erstrahlen lassen – und der Glanz dieses Feuers kann wahrhaft die Welt erleuchten.

Und so, meine amerikanischen Mitbürger: Fragt nicht, was euer Land für euch tun wird – fragt, was ihr für euer Land tun könnt. Meine Mitbürger in der Welt: Fragt nicht, was Amerika für euch tun wird, sondern fragt, was wir zusammen für die Freiheit des Menschen tun können.
Und schließlich, ob ihr Bürger Amerikas oder der Welt seid, verlangt von uns das gleiche hohe Maß an Stärke und Opferbereitschaft, das wir von euch verlangen werden. Mit einem guten Gewissen als einzigem sicheren Lohn, mit der Geschichte als dem letztlichen Richter unserer Taten lasst uns die Aufgabe in Angriff nehmen, das Land zu führen, das wir lieben, um seinen Segen und um seine Hilfe bitten – in dem Wissen aber, dass hier auf Erden unser Werk wahrhaft Gottes Werk sein muss.

Herbert Schambeck u. a. (Hg.), Dokumente zur Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Duncker & Humblot, 2. erw. Aufl., Berlin 2007, Seite 547 ff.


Bürgerrechtsbewegung

Die täglich an Brisanz gewinnende Rassenproblematik passte nicht in dieses Bild einer freien und gerechten Welt und stellte für kommunistische Propaganda eine Steilvorlage dar. Kennedy reagierte darauf zunächst verhalten. Erst als die Diskriminierung zu gravierenden sozialen Unruhen führte und die Bürgerrechtsbewegung unter der Führung von Martin Luther King zunehmend auch von Weißen unterstützt wurde, schickte er Bundestruppen in Unruheherde der Südstaaten und schlug dem Kongress ein weiteres Bürgerrechtsgesetz vor, das die Rassentrennung nunmehr in allen öffentlichen Einrichtungen verbot. Das Gesetz wurde 1964, nach seinem Tod, verabschiedet.
Auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung im August 1963 – also hundert Jahre nach dem Inkrafttreten der Emanzipationserklärung Abraham Lincolns – nahmen 250 000 Menschen aller Hautfarben an einem Protestmarsch auf die Bundeshauptstadt Washington, D.C. teil und forderten vor der Gedenkstätte Lincolns "Gerechtigkeit für alle" ein. Hier hielt Martin Luther King seine berühmteste Rede, "I have a dream".

Quellentext

"Ich habe einen Traum" (Auszüge)

[…] In gewissem Sinne sind wir in die Hauptstadt unserer Nation gekommen, um einen Scheck einzulösen. Als die Erbauer unserer Republik die herrlichen Worte der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung schrieben, unterzeichneten sie einen Schuldschein, an dem jeder Amerikaner seinen Anteil erben sollte. Dieser Schuldschein war ein Versprechen, dass allen Menschen, ja, schwarzen Menschen ebenso wie weißen, die unveräußerlichen Rechte des Lebens, der Freiheit und des Strebens nach Glück zugesichert werden sollten. […]

Ich sage euch heute, meine Freunde: obwohl wir den Schwierigkeiten von heute und von morgen gegenüberstehen, habe ich immer noch einen Traum, […] dass eines Tages diese Nation aufstehen und nach dem echten Sinn ihres Glaubensbekenntnisses leben wird: "Wir halten es für selbstverständliche Wahrheit, dass alle Menschen gleich geschaffen sind." […]
Ich habe einen Traum, dass eines Tages sogar der Staat Mississippi, ein Staat, der unter der Glut der Ungerechtigkeit schmachtet, […] in eine Oase der Freiheit und der Gerechtigkeit verwandelt wird.

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages inmitten einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt. […]
Ich habe einen Traum, dass eines Tages unten in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen die Worte Einschreiten und Ungültigmachen triefen – dass eines Tages dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüder und Schwestern die Hände reichen können. […]
Das ist unsere Hoffnung. Das ist der Glaube, mit dem ich in den Süden zurückkehre.
Mit diesem Glauben werden wir imstande sein, einen Stein der Hoffnung aus dem Berg der Verzweiflung herauszuhauen. Mit diesem Glauben werden wir imstande sein, die misstönenden Dissonanzen unserer Nation in eine schöne Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln. Mit diesem Glauben werden wir imstande sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, wissend, dass wir eines Tages frei sein werden. […]

Herbert Schambeck u. a. (Hg.), Dokumente zur Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, Duncker & Humblot, 2. erw. Aufl., Berlin 2007, Seite 572 ff.


Kennedys Außenpolitik

Trotz seiner hochgesteckten Pläne zur Verbesserung der sozialen Bedingungen hatte die Außenpolitik für Kennedy Vorrang. Kaum ein anderer Zeitabschnitt der amerikanischen Geschichte war durch eine solche Häufung und Intensität außenpolitischer Krisen gekennzeichnet. So brachte die Kuba-Krise vom Oktober 1962 die Welt an den Rand eines dritten (und atomaren) Weltkrieges. Um das in der letzten Phase der Eisenhower-Ära beschädigte Prestige der USA wiederherzustellen, setzte Kennedy eine entschlossene Rhetorik ein und versprach allen "vom Kommunismus bedrohten Völkern" amerikanische Unterstützung. Diesem Ton entsprach jedoch nicht sein vorsichtiges Taktieren in der Außenpolitik, da er sich des Gefahrenpotenzials der Atomwaffen bewusst war. Mit der Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba im Herbst 1962 ging indes eine unmittelbare Bedrohung der USA einher. Entgegen der Empfehlung etlicher Berater, die Krise umgehend militärisch zu lösen, stellte der Präsident ein Ultimatum für den Abzug der Raketen und verhängte eine Seeblockade um Kuba. Nach Tagen der Spannung erklärte sich der sowjetische Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow am 28. Oktober 1962 unter der Bedingung zum Abzug bereit, dass die Vereinigten Staaten nicht gewaltsam versuchen würden, das kommunistische System auf Kuba abzuschaffen. In einem Geheimabkommen wurde außerdem vereinbart, die US-Raketenbasen in der Türkei zu entfernen.

Das Zustandekommen einer friedlichen Lösung der Kuba-Krise bescherte Kennedy und den USA einen wichtigen Prestigegewinn. Für Kennedy, der nach eigenen Aussagen während der Krise in den "nuklearen Abgrund" geblickt hatte, ergab sich daraus eine außenpolitische Neuorientierung, die in eine Entspannungspolitik mündete. Der erste Schritt war die direkte Kommunikation zwischen Washington und Moskau: Mit Hilfe des "Roten Telefons" sollten die Regierungschefs in Krisenzeiten umgehend persönlich miteinander verhandeln können. Die gefährliche Spirale des atomaren Wettrüstens sollte beendet werden. Ein erster Erfolg zeigte sich im amerikanisch-sowjetisch-britischen Atomteststopp-Abkommen vom 5. August 1963.
Trotz seiner Bemühungen um Entspannung war Kennedy ein entschlossener Befürworter der Eindämmungsstrategie seiner Vorgänger. Um auch unterhalb der Schwelle eines atomaren Krieges militärisch vorbereitet zu sein, unterstützte er den massiven Ausbau des konventionellen Rüstungsapparates. Mit der Strategie der Counterinsurgency, das heißt einer Art geheimer Anti-Guerilla-Taktik in Verbindung mit psychologischer Kriegsführung, wollte er dem Vordringen kommunistischer Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt begegnen.

Dabei sah Kennedy in Südvietnam den "Dominostein" für ganz Südostasien: Falls es kommunistisch würde, fielen seines Erachtens auch weitere Länder der Region in den sowjetischen Machtbereich. Neben den Mitteln seiner Counterinsurgency-Strategie und einer massiven Wirtschafts- und Militärhilfe ging Kennedy in Vietnam noch einen Schritt weiter, indem er dort bis 1963 11 000 US-Soldaten zur Ausbildung von Südvietnamesen stationierte und sogar die Ermordung des südvietnamesischen Präsidenten hinnahm. Die Beziehungen zu Europa wurden durch die dortige Befürchtung getrübt, die USA könnten aufgrund der Betonung der konventionellen Rüstung ihren atomaren Schutzschild von Europa zurückziehen. Kennedys triumphaler Deutschlandbesuch im Juni 1963, der an der Berliner Mauer in seinem legendären Satz "Ich bin ein Berliner" gipfelte, stärkte jedoch erneut das Vertrauen in die Schutzmacht. Nur wenige Monate später, am 22. November 1963, wurde Kennedy auf der Fahrt zu einer Wahlveranstaltung in Dallas, Texas, von dem Attentäter Lee Harvey Oswald erschossen. Für viele Menschen in den USA bedeutete der plötzliche Tod des populären nationalen Hoffnungsträgers den "Verlust der Unschuld".
Gleich nach dem Attentat kamen Verschwörungstheorien auf, die dem Untersuchungsergebnis, Oswald sei ein Einzeltäter gewesen, widersprachen und stattdessen Exilkubaner, die Mafia, die CIA oder auch südstaatliche Gegner Kennedys für seinen Tod verantwortlich machten. Ein 1977 gebildeter Ausschuss konnte keine endgültige Klärung erbringen; die seitdem freigegebenen Akten geben aber keine Hinweise auf eine Verschwörung.

Innenpolitische Reformen

Als Kennedys Nachfolger griff Vizepräsident Lyndon B. Johnson, ein erfahrener Innenpolitiker und langjähriges Mitglied des Senats, die von Kennedy eingeleiteten Sozialreformen auf. Soziale Gerechtigkeit sah er als Grundvoraussetzung für die Realisierung des American Dream an; eine Reduzierung der Armut, Verbesserung der Aufstiegschancen und Abschaffung der Rassendiskriminierung waren die Grundpfeiler seines ehrgeizigen Programms War on Poverty. Durch eine Vielzahl koordinierter Einzelmaßnahmen wie die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und des Analphabetentums suchte es die schlechten sozialen Rahmenbedingungen gerade in Großstädten zu verbessern. Daneben nahm er mit seinem Great Society-Projekt auch Kennedys Pläne zum Ausbau des nationalen Gesundheitswesens in Angriff, insbesondere mit Blick auf Minderbemittelte, Menschen mit Behinderung und Ältere.

Gegen Rassendiskriminierung

Konsequenter und erfolgreicher als sein Vorgänger verfolgte Johnson den Kampf gegen die Rassendiskriminierung: So schaffte der 24. Verfassungszusatz die Wahlsteuer als Voraussetzung zur Teilnahme an den Bundeswahlen ab, die zuvor ein probates Mittel war, um Schwarze von Wahlen auszuschließen; der noch von Kennedy angeschobene Civil Rights Act von 1964 untersagte die Diskriminierung aufgrund von Rasse, Geschlecht oder Zugehörigkeit zu ethnischen oder religiösen Gruppen; entsprechend wurde schließlich die Rassentrennung in allen öffentlichen Einrichtungen verboten. Außerdem gewährte das Wahlrechtsgesetz (Voting Rights Act) vom August 1965 einen zusätzlichen Schutz beim Wählen, was die afroamerikanische Wahlbeteiligung in den Südstaaten schlagartig von 28,6 auf 47,5 Prozent hochschnellen ließ.

Währenddessen fand die Bürgerrechtsbewegung unter der Führung von Martin Luther King, dem im Oktober 1964 der Friedensnobelpreis verliehen worden war, wegen ihres gewaltlosen Widerstandes die Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten. Es gelang ihr sogar, die erbitterte Gegnerschaft konservativer Südstaatler aufzuweichen, gestützt von den Medien, die aggressives Vorgehen gegen Bürgerrechtler dokumentierten und national verbreiteten.
Dennoch wuchs die Spannung in den schwarzen Ghettos der Großstädte. Im Juli 1965 kam es in Watts, einem Stadtteil von Los Angeles, zu blutigen Rassenkrawallen, in deren Verlauf 34 Menschen getötet wurden. Auch in den folgenden Jahren brachen immer wieder Aufstände aus, mit Höhepunkten 1967 in Newark, New Jersey und Detroit. Gleichzeitig radikalisierte sich die Bürgerrechtsbewegung, wie das Beispiel der Black Panther Party for Self-Defense zeigt, die von dem 1965 ermordeten schwarzen Bürgerrechtler Malcolm X beeinflusst war, Gewaltlosigkeit ablehnte und einen schwarzen Nationalismus in Verbindung mit der Rückkehr zu den afrikanischen Wurzeln propagierte.

Am 4. April 1968 fiel Martin Luther King in Memphis, Tennessee einem Attentat durch einen Weißen zum Opfer. Seine Ermordung hatte in über hundert Städten erhebliche Ausschreitungen zur Folge. Die Bürgerrechtler konnten dennoch weitere Erfolge verbuchen; so zum Beispiel die Programme der Affirmative Action, die unterprivilegierte Gruppen bei Stellenbesetzungen bevorzugten, um die Diskriminierung auszugleichen, sowie das busing der frühen 1970er-Jahre, das afroamerikanische Schulkinder aus überwiegend schwarzen Wohngegenden mit Schulbussen zu vorwiegend von Weißen besuchten Schulen transportieren ließ, um eine gemeinsame Bildung zu erreichen.