IzpB: Israel Cover

28.5.2018 | Von:
Michael Brenner

Eine Bewegung schafft sich ihren Staat: der Zionismus

Diplomatischer Durchbruch: die Balfour-Deklaration von 1917

Erst dreizehn Jahre nach Herzls Tod erhielt der Zionismus die Anerkennung, von der sein Gründer geträumt hatte: Im Zuge des Ersten Weltkriegs standen die Briten kurz davor, dem Osmanischen Reich die Herrschaft über Palästina zu entreißen. Auf der Suche nach Verbündeten machten sie den Arabern politische Versprechungen und stellten gleichzeitig den Zionisten eine nationale Heimstätte in Palästina in Aussicht. In einem von der britischen Regierung abgesegneten und für die Öffentlichkeit bestimmten Brief an den prominenten britischen Zionisten Lord Lionel Walter Rothschild schrieb der damalige britische Außenminister Lord Arthur Balfour im November 1917:

"Die Regierung Seiner Majestät betrachtet mit Wohlwollen die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina und wird ihr Bestes tun, die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei, wohlverstanden, nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht jüdischen Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status der Juden in anderen Ländern infrage stellen könnte."

Vieles in diesem Dokument blieb offen: Was bedeutete eine nationale Heimstätte in rechtlicher Hinsicht? In welchem Gebiet "in Palästina" sollte sie errichtet werden? Welche Rechte hatten die Araber, falls sie diese Heimstätte nicht hinnehmen wollten? Ungeachtet dieser und anderer ungeklärter Fragen war die Balfour-Deklaration das erste offizielle Dokument einer für Palästina zuständigen Regierung, das einen Rechtsanspruch der Juden auf mindestens einen Teil des von den Zionisten beanspruchten Landes begründete. Zwar war der Weg zur Staatsgründung noch weit, aber die Erklärung trug dazu bei, der zionistischen Bewegung größeres Ansehen auch innerhalb derjenigen Teile des Judentums zu verschaffen, die ihr vor dem Ersten Weltkrieg gleichgültig oder sogar feindlich gegenübergestanden hatten.

In den folgenden zwei Jahrzehnten wurde die Umsetzung der Balfour-Deklaration zur Hauptaufgabe der zionistischen Führung. Bei der Konferenz von San Remo 1920 übertrug der neu gegründete Völkerbund Großbritannien ein Mandat über Palästina; dies bedeutete den Auftrag, in einer Art Vormundschaft, die staats- und völkerrechtlichen Interessen eines fremden Gebiets zu vertreten, das sich nicht selbst verwalten kann. Die Briten behandelten Palästina allerdings nicht viel anders als ihre Kolonien. Unter steigendem Druck der arabischen Bevölkerung gegen die Einwanderung von Juden und die Autonomie der jüdischen Bevölkerung schränkten sie die in der Balfour-Deklaration gegebenen Versprechen zunehmend ein.

Der Jischuw: die jüdische Bevölkerung in Palästina

Jüdische Einwanderung nach PalästinaJüdische Einwanderung nach Palästina (© Angelika Timm, Israel. Die Geschichte des Staates seit seiner Gründung, Bouvier Verlag Bonn 1998, S.348 (Auszug))
Vor Beginn der Einwanderungsbewegung, die Anfang der 1880er-Jahre aus Osteuropa einsetzte, lebten circa 25.000 Juden unter etwa einer halben Million zumeist muslimischer, aber zu einem kleinen Teil auch christlicher Araber in Palästina. Über Jahrhunderte war diese kleine jüdische Bevölkerung, der sogenannte Alte Jischuw, in Palästina ansässig gewesen und hatte sich auf die vier Städte Jerusalem, Hebron, Tiberias und Zefat (Safed) konzentriert. Sie lebte vor allem von dem in der jüdischen Diaspora für sie gesammelten Geld. Die neuen Einwanderer wollten die Abhängigkeit von der Diaspora beenden und ihre Gemeinden wirtschaftlich eigenständig machen. Die erste Phase der landwirtschaftlichen Ansiedlungen in Palästina begann 1870 mit der Gründung von "Mikwe Israel" südöstlich von Jaffa. Weitere Siedlungsgründungen folgten. Finanziell gesichert durch Initiativen der Rothschilds und des Baron Hirsch hatten die Siedler dabei, genau wie ihre Finanziers, zunächst nicht notwendigerweise das politische Ideal eines eigenen jüdischen Staates im Sinn.

Die jüdische Bevölkerung Palästinas wuchs bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs auf etwa 80.000 Personen an. In dieser Zeit wurden auch die beiden Lebensformen geschaffen, die den Grundstein für die spätere jüdische Gesellschaft Palästinas bilden sollten: der Kibbuz (hebr.: Versammlung, Gemeinschaft) als kollektive Lebensform auf lokaler Basis und die Gründung der ersten groß angelegten jüdischen Stadt, Tel Aviv, im Jahre 1909. Der erste Kibbuz, damals noch Kvutzah genannt, wurde 1910 in Degania gegründet, als zehn Männer und zwei Frauen ihr Wirtschaftsideal einer Kollektivgemeinschaft am Rande des Sees Genezareth verwirklichten. Ohne Aufsicht und Verwaltung von außen regelten die Kibbuzmitglieder ihre eigenen Angelegenheiten selbst. Kinder wuchsen in einem kollektiven Kinderhaus auf, Frauen sollten ebenso wie die Männer arbeiten, und der Kibbuz sollte für seine eigenen essenziellen Bedürfnisse sorgen.

Neben der landwirtschaftlichen Betätigung verschrieb sich diese Generation der Einwanderer vor allem dem Ideal, die hebräische Sprache wiederzubeleben. Das Hebräische war zwar als Gebetssprache, aber seit vielen Jahrhunderten nicht mehr als Umgangssprache verwendet worden. Seine Wiederbelebung verdankte sich vor allem nun dem russischen Zionisten Eliezer Ben-Yehuda, der ein neues Wörterbuch erarbeitete.

1909 wurde mit Tel Aviv "die erste hebräische Stadt" gegründet. Benannt nach der Übersetzung von Herzls Roman "Altneuland" und zunächst als Gartenstadt konzipiert, wuchs der Vorort von Jaffa schnell zu einer eigenständigen Metropole und der größten Stadt des Landes heran, die 1935 bereits 120.000 Einwohner zählte. In Jerusalem wurde mit der Hebräischen Universität 1925 der Grundstein eines akademischen Studiums in der hebräischen Sprache gelegt.

Variationen des Zionismus

Obwohl sie von den sozialistischen Traditionen in Russland geprägt waren und wenig Erfahrung mit demokratischen Traditionen hatten, entwickelten die jüdischen Einwanderer in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg ein Demokratieverständnis, das durchaus andere Richtungen tolerierte und ein offenes Parteiensystem anstrebte.

Im Zentrum der sich herausbildenden Parteienlandschaft vertraten die Allgemeinen Zionisten um Chaim Weizmann (1874–1952), den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, wirtschaftlichen Liberalismus und gemäßigte politische Ansichten. Schon bald allerdings identifizierten sich die meisten Zionisten, vor allem in Palästina, mit einem staatsbildenden Sozialismus und arbeiteten auf eine klassenlose Gesellschaft hin. Unter der Führung von David Ben Gurion (1886–1973) schlossen sich die wichtigsten Strömungen der zionistischen Linken 1930 zur Arbeitspartei Mapai zusammen. Viele Jahrzehnte sollte die sozialistische Leitung von nun an die zionistische Organisation und den Staat Israel dominieren.

Als letzte größere Strömung des Zionismus betrat der Revisionismus die Szene. Innerhalb der Bewegung stand er für antisozialistische und nationalistische Haltungen. Die bestimmende Persönlichkeit des Revisionismus war bis zu seinem Tod Wladimir Ze’ev Jabotinsky (1880–1940). In Russland hatte er sich einen Namen als Journalist, Schriftsteller und Übersetzer gemacht. Dank seiner brillanten Rhetorik zog er vor allem die bürgerlichen Mittelschichten im Polen der Zwischenkriegszeit an. Er legte sein Augenmerk auf die Notwendigkeit des militärischen Kampfes und konnte im Ersten Weltkrieg die Aufstellung der "Jüdischen Legion" in der britischen Armee durchsetzen. Auch seine Jugendorganisation Betar war im Grunde eine paramilitärische Gruppe.

Die religiösen Zionisten sammelten sich bereits seit 1902 um die relativ kleine Partei Misrachi. Sie musste sich gegen die nicht zionistischen Charedim (Ultraorthodoxe) durchsetzen. Die Bemühungen, die orthodoxen Juden zu einigen, scheiterten auf ganzer Linie. Die britischen Behörden zwangen der Gemeinschaft – in der eine große Anzahl von Charedim die Zusammenarbeit verweigerte – ein Oberrabbinat mit je einem aschkenasischen und einem sephardischen Oberrabbiner auf. Das neue Amt verdankte seine Anerkennung weitgehend der Autorität des ersten Oberrabbiners von Palästina, Rabbi Abraham Isaak Kook. In seinen Augen war die Gründung eines jüdischen Staates wesentlich für den messianischen Prozess und für die Erlösung des jüdischen Volkes.