Dossierbild Afrika - Schwerpunktthemen

18.9.2009 | Von:
Christof Hartmann
Sven Grimm
Tobias Koepf
Stefan Mair
Siegmar Schmidt
Tobias Schumacher
Denis M. Tull
Isabelle Werenfels

Afrika in der internationalen Politik

Auf der Suche nach einer neuen Rolle

Noch Mitte der 1990er Jahre stellten Afrikapolitiker wie Repräsentanten des Kontinents häufig fest, wenn Afrika morgen im Ozean versänke, nähme kaum jemand Notiz davon. Sie spielten damit auf den Bedeutungsverlust an, den Afrika südlich der Sahara nach dem Ende des Ost-West-Konflikts erlitten hatte.

Die Wahrnehmung der Rolle Afrikas in der internationalen Politik änderte sich mit dem Jahrtausendwechsel. Sie hat im Wesentlichen drei Ursachen. Erstens versuchte der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki mit seiner Initiative New Partnership for Africa's Development (NEPAD) und mit Unterstützung der Präsidenten Nigerias, Senegals, Algeriens und Ägyptens, Afrika zurück auf die internationale Agenda zu bringen. Dies gelang ihm mit seinem Auftritt beim G8-Gipfel 2001 in Genua, der wiederum Auftakt für die G8 war, sich langjährig mit dem Kontinent zu befassen.

Entscheidender waren jedoch die Auswirkungen der Terroranschläge vom 11. September 2001 auf die USA. Sie veränderten den Sicherheitsdiskurs in Europa und den USA. Schlagartig wurde den Sicherheitspolitikern klar, dass langjährige Konflikte, Anarchie und Staatszerfall, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und soziale Verelendung sowie permanente Gewalterfahrung selbst dann Folgen für die Sicherheit der westlichen Welt zeitigen können, wenn sie sich in peripheren Weltregionen abspielen.

Drittens trat mit China ein neuer Akteur auf, der zum einen demonstrierte, dass sich selbst auf den schwierigen Märkten Afrikas ausgezeichnete Geschäfte machen ließen, und der sich zum anderen sehr strategisch Zugänge zu wichtigen Rohstoffen, insbesondere Erdöl und Eisenerzen, verschaffte. Gleichzeitig kündigte sich ab der Jahrtausendwende in Nordafrika die Rückkehr Russlands an. Es sorgte für die Aufrüstung der finanzkräftigen erdölreichen Staaten und schloss wichtige Allianzen im Erdgas- und Erdölsektor. Europa und die USA besannen sich nunmehr auch wieder auf das relativ große Stimmengewicht des Kontinents in den internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen.

Afrika selbst scheint sich auf den neuen Bedeutungszuwachs erst noch einstellen zu müssen. Es fällt afrikanischen Staaten nach wie vor schwer, das neue internationale Gewicht kon­struktiv zu nutzen. Dies wurde vor allem in zwei Belangen deutlich: Bei der Diskussion der Reform des UN-Sicherheitsrates gelang es den viel umworbenen afrikanischen Staaten lange nicht, eine plausible oder gar mehrheitsfähige afrikanische Position zu definieren. Hauptursache hierfür war, dass der aussichtsreichste Reformvorschlag Afrika nur zwei permanente Sitze anbot, für die es aber drei Bewerber gab: Ägypten, Nigeria und Südafrika. Die afrikanischen Staaten konnten oder wollten sich nicht für zwei von diesen dreien entscheiden, weshalb sie nach langem Hin und Her einen eigenen Reformvorschlag vorlegten, dem jegliche Aussicht auf eine Mehrheit fehlte und der dazu beitrug, dass die Reformdiskussion zu Fall kam. Beim Scheitern der Doha-Runde der WTO-Verhandlungen, die die weltweite Liberalisierung des Agrarsektors zum Ziel hatten, ließen sich die afrikanischen Staaten allzu sehr für die Interessen Indiens, Chinas und einiger lateinamerikanischer Staaten einspannen, obwohl ihre eigenen nur bedingt mit diesen vereinbar waren.

Quellentext

Entwicklung braucht Zeit

[...] Frankfurter Rundschau: Sie haben die Entwicklung Südafrikas bislang immer sehr positiv beurteilt. Sie sprachen vom "Wunder" am Kap der Guten Hoffnung und prägten den Begriff der Regenbogen-Nation. Müssen wir jetzt eher von der Gewitterwolken-Nation reden?

Desmond Tutu: Es gibt diese Wolken. Aber wir müssen uns auch vergegenwärtigen, dass wir erst seit 15 Jahren frei sind. Schauen Sie sich Deutschland an: Ihr habt den Holocaust hervorgebracht und habt heute doch noch Neonazis. [...] Oder nehmen wir die USA: Sie sind seit dem 18. Jahrhun­dert frei. Aber schauen Sie sich die Un­gleichheiten an, die der Wirbelsturm Katrina zum Vorschein brachte. [...] Und nun zu den Südafrikanern: Sie mussten mit dem Kolonialismus und der Apartheid fertig werden und sollten gleichzeitig einen modernen Staat aufbauen. Ihr müsst auch uns eine Chance geben.
FR: Aber Südafrika scheint nicht auf dem rechten Weg zu sein, es hat die Richtung verloren.
Tutu: Was hätten Sie den Deutschen 1936 gesagt?
FR: Deutschland hatte damals völlig die Richtung verloren ...
Tutu: Inzwischen seid ihr wieder zurückgekommen. Und man hat euch, etwa mit dem Marshallplan, unglaublich dabei geholfen. Wir mussten übrigens die Schulden der Apartheids-Regierung alle selbst bezahlen. Es stimmt, dass wir etwas vom Pfad abgekommen sind, den wir Anfang der 1990er Jahre mit Nelson Mandela eingeschlagen haben. Das ist traurig. Aber wir sollten nicht unrealistisch sein. Denken Sie etwa daran, dass sehr viele Leute, die hier an die Macht gelangt sind, aus äußerst armen Verhältnissen kommen. Viele von ihnen hatten nicht einmal ein Bankkonto und wurden plötzlich sehr reich. Es ist schon fast wieder erstaunlich, dass nicht mehr von ihnen korrupt geworden sind. [...]
FR: Wir erleben zur Zeit, wie Entwicklungsländer die völlig unverantwortlichen Handlungen von Bankern und Finanzspekulanten in der Ersten Welt ausbaden müssen. Zahllose Afrikaner werden von der Weltwirtschaftskrise besonders hart erwischt, viele werden deshalb sogar ster­ben. Die Welt scheint weder besser noch gerechter zu werden.
Tutu: Es ist tatsächlich atemberaubend, wie die westlichen Regierungen, die der Dritten Welt immer die Öffnung der Märkte und einen schlankeren Staat gepredigt haben, plötzlich genau das Gegenteil tun: Sie intervenieren und verstaatlichen sogar Banken. Sie tun genau das, was sie uns immer verboten haben. Die Weltwirtschaftsordnung befindet sich in einer völligen Schräglage. Der Westen sagt uns, dass wir keine Subventionen haben dürfen, subventioniert aber selbst noch viel mehr als wir. Die EU zahlt einem Farmer für eine Kuh zweieinhalb Dollar am Tag. Hier in Afrika müssen viele Menschen von weniger als einem Dollar täglich überleben. Wenn man solche Ungerechtigkeiten duldet, darf man nicht überrascht sein, wenn es ein Phänomen wie den Terrorismus gibt. Wir sind der Auffassung, dass Gerechtigkeit auf lange Sicht hin auch wirtschaftlich profitabel ist.
FR: Was muss geschehen?
Tutu: Die Industrienationen sollten in die Ausrottung der Armut investieren. Sie müssen sich fragen, warum sie noch immer Milliarden US-Dollar in die Rüstung pumpen, statt dafür zu sorgen, dass alle Kinder dieser Welt genug zu essen haben. Zu ihrem eigenen Nutzen und aus ganz egoistischen Gründen: Denn wenn wir eine stabile Welt haben wollen, dann müssen wir umdenken.
FR: Stellen Sie sich manchmal vor, was Gott in diesen Tagen wohl denken mag, wenn er auf seine Schöpfung herabschaut?
Tutu: Er weint, wenn er Darfur und Burma, Simbabwe und die Turbulenzen in Südafrika sieht. Er weint, wenn er die Opfer des Holocausts oder des Völkermords in Ruanda sieht und die Kinder, die ohne Essen und Trinkwasser sterben. Ich bin froh, dass ich nicht Gott bin.

"Gott weint, wenn er Südafrika sieht", Johannes Dieterich im Gespräch mit Friedensnobelpreisträger und Erzbischof Desmond Tutu, in: Frankfurter Rundschau vom 22. April 2009

Noch immer ist also der bereits zu Zeiten des Ost-West-Konflikts dominante Mechanismus wirksam, dass Afrika international Gewicht hat, dieses Gewicht aber nicht dazu nutzt, eigene Positionen zu entwickeln und umzusetzen. Doch es gibt Ansätze. Ägypten hat sich beispielsweise aufgrund seiner kontinuierlichen Mittlerrolle im israelisch-palästinensischen Konflikt eine internationale Sonderstellung erarbeitet. Da es aber als gemäßigter und verlässlicher Sprecher der arabischen Welt vornehmlich über die Arabische Liga auftritt, wird es aus internationaler Perspektive wesentlich stärker als arabischer denn als afrikanischer Akteur wahrgenommen. Eine halbwegs eigenständige, durchhaltbare, international relevante Position hat im Grunde nur Südafrika. Nach dem Ende des Apartheid-Regimes ist ihm die Rolle des Sprechers Afrikas zugefallen - nicht weil Südafrika selbst diese massiv eingefordert hätte oder sie ihm gar von den afrikanischen Staaten beigemessen worden wäre, sondern weil sie ihm von der westlichen Welt, aber auch von neuen Führungsmächten wie Brasilien, Indien und China angetragen wurde. Südafrika fehlt nunmehr kaum in einer der internationalen Gruppierungen, die sich um die Lösung globaler Ordnungsfragen bemühen. Die Gründe hierfür sind das relative wirtschaftliche Gewicht des Landes innerhalb Afrikas südlich der Sahara und das hohe Ansehen, das der Staat nach der friedlichen Überwindung der Apartheid genießt. Südafrika selbst wirkt mit dieser Rolle allerdings zuweilen überfordert.

Außer Ägypten und Südafrika wird noch am ehesten Nigeria international als gewichtig wahrgenommen. Bei allen Prognosen, die über die Verschiebung internationaler Kräfteverhältnisse kursieren, spielen nach wie vor afrikanische Staaten eine nachrangige Rolle. Afrika hat zwar international wieder an Bedeutung gewonnen, ist aber weit davon entfernt, einer der großen Akteure internationaler Politik zu sein.


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Afrika

Rund 885 Millionen Menschen leben in 54 afrikanischen Staaten. Auf dem Kontinent gibt es über 3.000 Bevölkerungsgruppen und mehr als 2.000 Sprachen. Das Dossier präsentiert Afrika gestern und heute und beleuchtet die Perspektiven zukünftiger Entwicklungen.

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In Texten und Bildern spiegelt dieses Dossier eine eigenständige Schwarze Geschichte wider, die einen integralen Bestandteil der deutschen Vergangenheit und Gegenwart darstellt.

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