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26.11.2013

Laudatio von Thomas Krüger anlässlich der Verleihung des "Waltraud-Netzer-Jugendpreises“ 2013


Sehr geehrter Herr Tiefensee, sehr geehrte Frau Wiesinger, Frau Karanasou, Frau Basdekis und Frau Kelermenou, meine sehr verehrten Damen und Herren, verehrte Kolleginnen und Kollegen von „Gegen Vergessen – für Demokratie“,

ich freue mich sehr, heute als Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, die eine lange Partnerschaft mit dem Verein „Gegen Vergessen – für Demokratie“ verbindet, die Laudatio auf die diesjährigen Preisträger des „Waltraud-Netzer-Jugendpreises“ halten zu dürfen. Die Auszeichnung geht an die Schülerinnen und Schüler, Initiatoren und Verantwortlichen des Jugendbegegnungsprojektes der Deutschen Schule in Athen, des Lyzeum in Distomo und des Allgemeinbildenden Lykeion Kalavryta. Sie erhalten diese Auszeichnung für ihr Engagement in der Gestaltung freundschaftlicher deutsch-griechischer Beziehungen, für die Durchführung eines beispielhaften Projektes bi-nationaler historisch-politischer Bildung: der gemeinsamen Aufarbeitung der deutschen Besatzungszeit in Griechenland während des Zweiten Weltkrieges.

Die deutsch-griechischen Beziehungen sind seit Beginn der Euro-Krise stark belastet. In den deutschen Medien wurde Griechenland in den vergangenen Jahren oft als „Sündenbock“ dargestellt. Einige deutsche Medien zeichneten ab 2009 das Bild – ich zitiere - „von faulen, korrupten Griechen, die um 'unsere' Hilfe betteln – und am Ende auch noch undankbar sind“. So der Journalist Michalis Pantelouris, Sohn eines griechischen Vaters, im Medium Magazin. Teile der griechischen Presse wiederum provoziert die deutsche Politik vereinzelt mit Nazi-Vergleichen.

„Heute [...] bestimmen gegenseitige Animositäten die öffentliche Meinung in beiden Ländern“, schreibt die Publizistin, Schriftstellerin und Übersetzerin Danae Coulmas in der „Griechenland“-Ausgabe der bpb-Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“. 2005 etwa war Deutschland im Rahmen einer Umfrage der Athener Sonntagszeitung To Vima noch als das populärste und beliebteste Land angegeben worden. Dagegen äußerte sich im August diesen Jahres nur noch jeder Dritte Grieche positiv über Deutschland.

Doch neben den aktuellen gegenseitigen Schuldzuweisungen belastet auch der Überfall des nationalsozialistischen Deutschlands auf Griechenland und die Besatzungszeit von 1941 bis 1944 nach wie vor das Verhältnis zwischen Deutschen und Griechen. In dieser komplizierten Lage weisen uns die Projekte von unten einen Weg.

Schülerbegegnungsprojekte z.B. können per se ein besseres Verständnis für die Nachbarn und ihre Perspektiven fördern, auch Empathie und Respekt. Die Schüler und Initiatoren des heute auszuzeichnenden Begegnungsprojektes zeigen genau das: Sie treten auch in den schwierigen Zeiten deutsch-griechischer Beziehungen für gegenseitiges Verständnis, für den Abbau von Vorurteilen und Ressentiments einund zwar – mit großem Erfolg: „Es ist uns gelungen, viele der heutigen Vorurteile abzubauen, der Vorurteile, die von politischen und wirtschaftlichen Interessen geschürt werden, und zwar von beiden Seiten“, wie etwa ein Schüler der zehnten Klasse der Deutschen Schule Athen in seinem Erfahrungsbericht zum Schülerbegegnungsprojekt schreibt.

Das Konzept dieser Begegnung gleichzeitig als Projekt der gemeinsamen Aufarbeitung von Geschichte, als Projekt historisch-politischer Bildung vor Ort an den historischen Plätzen stattfinden zu lassen, vermittelt gleichzeitig auch Wissen um historische Zusammenhänge und ihre aktuelle Rezeption.

Die Initiatorin des Projektes ist eine Geschichtslehrerin der Deutschen Schule in Athen, Frau Regina Wiesinger, die heute gemeinsam mit Schülerinnen der Schulen und der stellvertretenden Schulleiterin des Lyzeums in Distomo, Frau Karanasou, den Preis entgegennehmen wird. . Circa 950 Schüler werden hier von Lehrern beider Länder unterrichtet. Der Kern des Konzeptes der Schule basiert auf dem Prinzip der Begegnung der Angehörigen beider Nationalitäten. In vielen Klassen und Fächern gibt es den so genannten Begegnungsunterricht, in dem die deutschen und griechischen Schüler zusammen lernen.

Als ein Leuchtturm für die Arbeit der Schule steht darüber hinaus das Begegnungsprojekt mit Schülerinnen und Schülern der griechischen Städte Distomo und Kalavryta – Orte an denen, wie an vielen anderen, während des Zweiten Weltkrieges grausame Massaker an der Zivilbevölkerung Griechenlands durch die deutschen Besatzer verübt wurden: Am 10. Juni 1944 brachten Angehörige einer SS-Polizei-Panzergrenadier-Division 218 Zivilisten in Distomo um. Die Aktion war ein Vergeltungsschlag für drei Deutsche, die während eines Partisanenkampfes ermordet wurden. Am 13. Dezember 1943 erschoss die deutsche Wehrmacht in Kalavryta alle 477 männlichen Einwohner des Dorfes, plünderte und zerstörte die Häuser.

In jedem Jahr besuchen Schüler der 10. Klassen der Deutschen Schule in Athen Schüler in Distomo und Kalavryta und arbeiten gemeinsam die Vergangenheit ihrer Länder während des Zweiten Weltkrieges auf. Sie engagieren sich aktiv, damit vor allem die Ereignisse der Jahre 1943/44 nicht in Vergessenheit geraten, aber sie sprechen gleichzeitig auch über die aktuellen Geschehnisse in Griechenland und Deutschland. Hierdurch initiiert die Schule, dass sich die Jugendlichen beider Länder mit ihrer Geschichte auseinandersetzen, sich kennenlernen und bestehende Vorurteile abbauen.Denn wir wissen in der politischen Bildung schon lage. Wer über Geschichte spricht, setzt sich immer auch mit der Gegenwart auseinander.

Die Mehrzahl der Schüler der Deutschen Schule Athen kommt dabei aus bikulturellen Ehen mit einem griechischen und eine, deutschen Elternteil. Ihre Vergangenheit sehen diese Schüler doppelt: aus der deutschen und auch aus der griechischen Sicht. Die Erinnerung wird hierdurch auch immer an der Gegenwart gemessen. Von den gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und aktuellen Kontexten, da der Ausgangspunkt für das Erinnern jedes einzelnen Menschen seine gegenwärtige Situation sowie sein eigener sozialer Kontext und der individuelle Wissensstand ist.

Wenn die Schüler dieser bikultureller Kontexte sich nun auf ihren Besuch der Orte und historischen Plätze Distomo und Kalavryta vorbereiten, entsteht bei ihnen eine besonders starke emotionale Spannung. Sie beginnen intensiver den Zusammenhang von nationaler Geschichte und persönlicher Identifikation zu reflektieren: „Werden wir dort willkommen geheißen? Was machen wir da? Werden wir dort beschimpft werden? Wie begegne ich den Menschen? Als Deutsche oder als Griechin? Als Griechin empfinde ich Trauer, als Deutscher fühle ich mich schuldig. Das verwirrt mich.“ Fragen und Reaktionen einer Schülerin.

Sich diesen schwierigen Fragen, dieser emotionalen Disposition und dem Prozess der Selbstreflexion zu stellen ist, vor dem Hintergrund der grausamen Massaker der deutschen Wehrmacht in den beiden Städten, nicht einfach. Eine Diskussion der Schuldfrage scheint dabei unausweichlich, gerade weil mit dem Besuch an einem historischen Ort und den Gesprächen mit Zeitzeugen Geschichte so lebendig, so nah und emotional wird. Dass die jungen Schülerinnen und Schüler sich darauf einlassen und ihre nationalen Narrative aktiv hinterfragen und sich so offen mit ihnen auseinandersetzen, verdient große Anerkennung.

In dem Projekt erfahren die Schülerinnen und Schüler an den historischen Orten und im Austausch mit Gleichaltrigen unmittelbar, dass die Geschichte sie heute immer noch betrifft. Dass Geschichte nicht vergangen ist und unsere jeweilige nationale Identität prägt und ausmacht, beschreibt so auch die zehnte Klasse des Lyzeums Distomo in ihrem Erfahrungsbericht: „Ein Erlebnis war sicherlich, dass die Schüler der Deutschen Schule Athen konkret die Geschichte unseres Dorfes kennenlernten, ein Teil der modernen Geschichte, der beide Völker betrifft. Es wurde deutlich, dass sie diese Berührung mit der Geschichte besonders bewegte, sie zeigten uns, dass sie die Vergangenheit nicht vergessen und verdrängen, dass sie dieses historische Gedächtnis auf ihren Lebensweg mitnehmen und daraus lernen können.“

Die Begegnung, der Austausch und die gemeinsame Aufarbeitungsarbeit der Schüler stellen wichtige Grundpfeiler der Zivilgesellschaft dar, da diese darauf angewiesen ist, dass ihre Bürger aktiv an ihr partizipieren, sich füreinander interessieren, einsetzen und gemeinsam an der Zukunft arbeiten. Durch das Begegnungsprojekt der Deutschen Schule in Athen und der Schulen in Distomo und Kalavryta werden den deutschen und griechischen Schülern genau diese Werte vermittelt – auf ein sehr lebendige Weise:

Durch Gespräche mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs oder Erzählungen der eigenen Familiengeschichte, erfahren die Schüler hautnah und auf sehr emotionale Weise von den Ereignissen der Vergangenheit. Des Weiteren werden die gegenwärtigen deutsch-griechischen Beziehungen durch Expertengespräche erläutert und diskutiert oder Gedenkstätten gemeinsam besucht. Aber auch durch die gemeinsame Arbeit in Workshops oder Arbeitsgruppen in den jeweiligen Heimatstädten der Jugendlichen, lernen die deutschen und griechischen Schüler einander kennen und werden darin unterstützt, bestehende Vorurteile und Schuldzuweisungen abzubauen.

So bildete zum Beispiel im Jahr 2012 ein Filmworkshop die Basis für den Besuch der Schüler von Distomo in Athen. Anhand des Workshops wurde den Schülern klar, wie die Medien die Sicht auf das jeweils andere Land in Zeiten der Wirtschaftskrise beeinflussen und von welchen Faktoren, wie z.B. geschichtliche Ereignisse, die Medienlandschaft im jeweiligen Land oder eben die Präferenzen und Perspektiven der jeweiligen Journalisten in der Berichterstattung geprägt sind. Durch die direkte Einbeziehung und Zusammenarbeit der deutschen und griechischen Jugendlichen lernen diese, wie wichtig es ist, sich mit Menschen anderer Kulturen und Nationen auseinanderzusetzen. Am Ende entstehen – so geben es auch die Erfahrungsberichte der Jugendlichen wieder – positive persönliche Kontakte, da die Schüler den Austausch Schüler weiter pflegen.

Diese Fähigkeiten und Erkenntnisse des Austausches und der Begegnung werden in Griechenland genauso wie in Deutschland vor dem Hintergrund des Erstarkens rechtsextremer und fremdenfeindlicher Kräfte immer wichtiger. Es liegt gerade auch an der jungen Generation unserer Länder, unsere demokratische Zivilgesellschaft zu stärken und auf ihre Werte wie Toleranz, Respekt und gegenseitiges Verständnis weiter zu bauen und ihre Vermittlung zu fördern - einer Aufgabe die sich die politische Bildung im Allgemeinen und der Verein "Gegen Vergessen - für Demokratie" im Besonderen verpflichtet weiß.

Schließen möchte ich daher gerne meine Laudatio mit den – wie ich finde – bemerkenswerten Worten des Zehntklässlers Dimitrios Drangiotis der Deutschen Schule Athen:

„Wir sind die neue Generation, der die Aufgabe zufällt, eine zukünftige Welt zu gestalten. Unsere Schule gab uns durch diese Initiative die Gelegenheit zu verstehen, dass diese Zukunft nur durch gegenseitiges Verständnis und durch die Zusammenarbeit der einzelnen Völker gestaltet werden kann. […] Es war eine Lebenserfahrung, die wohl nur wenigen jungen Leuten geboten wird, und wir haben sie, so glaube ich, produktiv genutzt.“

Führen Sie dieses Engagement und diese Initiative im Sinne Ihrer Schülerinnen und Schüler unbedingt fort. Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zum diesjährigen Waltraud-Netzer-Jugendpreis und wünsche Ihnen, dass der Preis Sie weiter in Ihrem Engagement bestärkt und motiviert.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

- Es gilt das gesprochene Wort -


bpb:magazin 1/2020
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