Eine Deutschlandfahne hängt aus einem Fenster eines Wohnhauses im Berliner Bezirk Hellersdorf, aufgenommen am 24.10.2006. 1986 wurde der Stadtbezirk Berlin-Hellersdorf gegründet, zu dem neben dem Ortsteil Hellersdorf auch Kaulsdorf und Mahlsdorf gehören. Bis 1990 wurden im Raum Hellersdorf etwa 40 000 Neubauwohnungen errichtet. Mit seinen Ortsteilen erfasst der Stadtbezirk rund 30 Quadratkilometer.Das Bild des Bezirks wird vorwiegend von Fünf- und Sechsgeschossern bestimmt. Foto: Steffen Kugler +++(c) dpa - Report+++

16.4.2012 | Von:
Anne Broden

Anmerkungen zur Aktualität der Ungleichheit - Essay

Bedeutung der Wissenschaften

Am Ende des Mittelalters, zur Zeit der Eroberung Lateinamerikas und der nationalstaatlichen Einigung Spaniens, gibt es noch keine "Rassentheorie". Erst ab dem 18. Jahrhundert werden systematisch und angeblich wissenschaftlich untermauerte Theorien über die vermeintlich verschiedenen "Menschenrassen" entwickelt und damit Ausgrenzung, Diskriminierung und Mord legitimiert.

Im 18. Jahrhundert gewannen Anthropologie, Biologie und Medizin an Einfluss - Wissenschaften, die unter anderem der Frage nach der unterschiedlichen Entwicklung der Menschen nachgehen. Ausgehend von aufklärerischem Gedankengut wurde die Herkunft aller Menschen als Geschöpfe Gottes (Monogenese) infrage gestellt. Kirchenkritische Denker rückten von der Monogenese ab und versuchten, die Lehre von der göttlichen Schöpfung des Menschen zu widerlegen. Diese kirchenkritischen Geister gingen aus der Gegnerschaft zur christlichen Lehre hervor und arbeiteten zugleich rassistischen Auffassungen zu, denn die Lehre der Polygenese, der verschiedenen Herkünfte der Menschen, diente beispielsweise in den angelsächsischen Ländern zur Rechtfertigung der Sklaverei in den Kolonien.

Neben diesen naturwissenschaftlichen Untersuchungen und Festlegungen bildeten sich im 18. und 19. Jahrhundert auch philosophisch untermauerte "Rassentheorien" heraus. Als wichtige Wegbereiter der rassistischen Theorienbildung seien exemplarisch Arthur de Gobineau (1816-1882) sowie Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) genannt. Arthur de Gobineau interpretierte innergesellschaftliche soziale Differenzen als "Rassenunterschiede". Er sah die Vermischung der verschiedenen Ethnien als Ursache für den Untergang der Zivilisation, da sie die einzelnen "Rassen" unfähig zur Bewältigung des Lebenskampfes mache. Gobineau ethnisierte auch die ständische Ordnung: Die "weiße Rasse" entspreche dem Adel, die "gelbe" dem des Handel treibenden bürgerlichen Standes, und das dienende Volk sei "schwarz".

Im Unterschied zu Gobineau ging Chamberlain über rassistische Einteilungen, Differenzen und Bewertungen hinaus und machte die Möglichkeit der Züchtung "reiner Rassen" zum Thema. Er differenzierte zwei sich antagonistisch gegenüberstehende "Rassen", nämlich die germanisch-teutonische und die jüdische "Gegenrasse". Damit wurde er zum Begründer einer radikalen "Rassenideologie", die vor allem deutlich antisemitisch ausgerichtet war, und er beeinflusste den nationalsozialistischen Antisemitismus nachhaltig.

Der Nationalsozialismus erhebt die "Rassenideologie" zur Staatsdoktrin und führt diese in all ihren Konsequenzen aus. Seine Einzigartigkeit besteht nicht nur in der Anzahl seiner Opfer, sondern auch in der technokratischen und technologischen Perfektion sowie in der Systematik, die kaum ein Entkommen ermöglichte.

Verflechtung von Rassismus und Neoliberalismus

Mit dem Ende des Nationalsozialismus beziehungsweise der Schoah erschien es in Deutschland über Jahre hinweg nicht mehr möglich, sich argumentativ auf den biologistischen Rassismus zu beziehen - wenn man denn ernst genommen werde wollte. Biologistische Argumentationsmuster gehörten der Geschichte an oder wurden den Rechtsextremen zugeordnet. Zugleich aber zeigt die symbolische und reale Gewalt beispielsweise gegenüber Schwarzen Deutschen, dass der biologistische Rassismus nicht an Wirkmächtigkeit verloren hat - er funktioniert, ohne artikuliert zu werden. Der biologistische Rassismus wurde in den vergangenen Jahrzehnten also kaum noch argumentativ gebraucht, wirkungsvoller - und subtiler - wirkte hingegen der aktualisierte kulturalistisch argumentierende Rassismus.

Ähnlich wie der biologistische Rassismus rekurriert auch der Kulturalismus auf "mythische Normen", wie die amerikanische Philosophin und Lyrikerin Audre Lorde problematisiert hat.[6] Sie verwies mit dem Begriff der "mythischen Norm" auf den Konstruktionscharakter von Normen, der abhängig von kulturellen oder politischen Realitäten sei und Wandlungen unterliege. Von den jeweils Mächtigen hingegen würden diese Normen als natürlich und unveränderbar dargestellt. Damit komme diesen "mythischen Normen" ein machtstabilisierender Charakter zu. Ich spreche in diesem Zusammenhang von "Normalitätstyrannei", denn mit dem Hinweis darauf, was angeblich normal sei, wird das jeweils Andere disqualifiziert, herabgewürdigt, ohne die Willkürlichkeit der Definition von normal und anormal zu bedenken.

Die Grundlagen des kulturellen Rassismus sind also Homogenitäts- und Normalitätsvorstellungen. Das Phantasma der (biologischen und kulturellen) Homogenität der Volksgemeinschaft ist durch den Nationalsozialismus diskreditiert und wird durch Globalisierungsprozesse und Migrationsphänomene ad absurdum geführt.

Dennoch bleibt die Imagination von Homogenität und Normalität eine scharfe Waffe zur Diskreditierung des jeweils nicht Genehmen und zur Stabilisierung der die Normalitätsansprüche vertretenden Eliten. Ein Beispiel hierfür ist die Leitkulturdebatte: Zu einer breiten öffentlichen Diskussion über diesen Begriff kam es ab Herbst 2000, als vor allem im Zusammenhang mit der Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes eine Debatte über "deutsche Leitkultur" gefordert wurde. So wurde unter anderem verlangt, Zuwanderer müssten die "deutsche Leitkultur" respektieren; sie hätten einen eigenen Integrationsbeitrag zu leisten, indem sie sich an die in Deutschland gewachsenen kulturellen Grundvorstellungen annäherten. Darüber hinaus wurde es für notwendig erklärt, die Einwanderungszahl auf etwa 200.000 Menschen zu beschränken. Zur Begründung wurde die begrenzte "Integrationsfähigkeit" der einheimischen Bevölkerung angeführt.[7] Damit wurde die bestehende Dichotomisierung der Gesellschaft in "Dazugehörige" und "Nicht-Dazugehörige" sowie das Phantasma der zu bewahrenden Homogenität der deutschen Gesellschaft untermauert.

Im Jahre 2010 erreichte der gesellschaftliche Diskurs um Migration und Integration eine neue Qualität. Nicht nur, dass jetzt wieder die längst überwunden geglaubten biologistischen Argumente ins Feld geführt wurden. Vielmehr wurden diese Argumente - die Rede war beispielsweise vom "jüdischen Gen" - mit neoliberalen Denkweisen vermischt.[8] Die Menschen mit sogenannter Migrationsgeschichte wurden nicht nur als die ethnisch-national "Nicht-Dazugehörigen" diskreditiert, vielmehr wurde diese rhetorische Ausbürgerung auch mit wirtschaftspolitischen Kriterien der Nichtverwertbarkeit verbunden. Damit wurde deutlich: Die öffentlichkeitswirksame rassistische Rede ist in Deutschland wieder eine mögliche Rede.

Der Sozialwissenschaftler Roland Roth verwies bei einer Tagung im Herbst 2010[9] darauf, dass Rassismus die Legitimation für soziale Ungleichheit sei, und soziale Ungleichheit als Indikator für soziale Umbrüche gewertet werden müsse. Für unseren Kontext entscheidend ist die Tatsache, dass diese Legitimation von Ungleichheit - also die Zweiteilung unserer Gesellschaft in diejenigen, die wirtschaftlich "verwertbar" sind, und diejenigen, die nicht (mehr) "verwertbar" sind - kaum noch problematisiert wird. Die Dichotomisierung der Menschen unter Kriterien der ökonomischen Verwertbarkeit oder Nichtverwertbarkeit wird von dem Gros der Bevölkerung, der "Mitte" der Gesellschaft, offenbar geteilt. Der Verweis auf das angeblich "jüdische Gen" wurde zurückgewiesen, aber der Aufteilung der in Deutschland lebenden Menschen nach Kriterien der Verwertbarkeit wurde kaum widersprochen.

Vorstellungen einer "Leitkultur" und biologistisch-neoliberale Thesen zur ethnisch-nationalen Nicht-Dazugehörigkeit und wirtschaftspolitischen Nichtverwertbarkeit können als rassistische Wissensbestände unserer Gesellschaft gewertet werden: "Dies bedeutet, dass Rassismus als Strukturierungsgröße gesellschaftlicher Realität gewissermaßen uns alle betrifft. Das ist die Alltäglichkeit des Rassismus. Wir alle sind in einer Gesellschaft, die zwischen legitim natio-ethno-kulturell Zugehörigen und legitim nicht Zugehörigen unterscheidet (...). Wir alle machen unsere Erfahrungen in diesem System, entwickeln psychosoziale Dispositionen, abhängig von unserer Position im System rassistischer Unterscheidungen. Wir sind also - biographisch gesehen - natio-ethno-kulturell legitim und fraglos Zugehörige oder weniger legitim, prekär Zugehörige. Und diese Zugehörigkeitserfahrungen in einer rassistisch strukturierten Gesellschaft haben nicht allein etwas mit Teilhabemöglichkeiten zu tun, sondern sind Erfahrungen, die sich in die Körper einschreiben. Es sind Erfahrungen, die die Grenzen zum Leib gewissermaßen überschreiten und dadurch zu einem Habitus werden."[10]

Die Auswirkungen rassistischer Normalität auf das Individuum, die rassistische Subjektivierung,[11] ist gewalttätig, denn sie diskreditiert den Menschen, benachteiligt die Betroffenen in Schule, Ausbildung, am Arbeitplatz, bei der Wohnungssuche etc. Ihre mörderischen Konsequenzen kennen wir seit Langem - 2012 jähren sich die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen und die Morde von Mölln zum 20. Mal -, und das ganze Ausmaß der rechtsterroristischen Gewalt wurde spätestens mit der Aufdeckung der Morde der "Zwickauer Zelle" im November 2011 bewusst. Gesellschaftliche Diskurse um ethnisch-nationale Zugehörigkeit und ökonomische Verwertbarkeit respektive entsprechende Nicht-Dazugehörigkeit und Nichtverwertbarkeit spielen den Rechtsterroristen und Rechtsterroristinnen in die Hände.

Dieser Befund ist nicht neu: Der Gesellschaftstheoretiker Max Horkheimer hat bereits 1939 geschrieben: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen."[12] Seit Jahren belegt der Bielefelder Professor für Pädagogik Wilhelm Heitmeyer mit seinem Team: "Wer eine ökonomistische Sichtweise teilt - d.h. Menschen nach ihrem Nutzen beurteilt -, neigt deutlich eher zur Abwertung schwacher Gruppen. Der Zusammenhang ist bei denen besonders hoch, die sich selbst 'oben' verorten."[13]

Fußnoten

6.
Vgl. Audre Lorde, Sister Outsider: Essays and Speeches, New York 1984, S. 114-123.
7.
Vgl. www.focus.de/finanzen/news/einwanderung-neues-tempo_aid_238504.html (1.3.2012).
8.
Vgl. etwa Interview mit Thilo Sarrazin, in: Lettre International, (2009) 86, S. 197-201.
9.
Vgl. Roland Roth, zit. nach: IDA-NRW (Hrsg.), Überblick, Nr. 4, 2010, S. 9.
10.
P. Mecheril (Anm. 5), S. 6.
11.
Vgl. Anne Broden/Paul Mecheril (Hrsg.), Rassismus bildet, Bielefeld 2010.
12.
Max Horkheimer, Die Juden und Europa, in: Zeitschrift für Sozialforschung, 8 (1939) 1/2, S. 115.
13.
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (Hrsg.), Deutsche Zustände, Presseinformation, Berlin 2010, S. 5.