Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Michael Bauchmüller

Schönen Gruß aus der Zukunft

Essay

Die Welt, ein Reparaturbetrieb

"Wenn die Welt, in der knapp sieben Milliarden Menschen leben, drei- oder 300-mal größer wäre, würden wir dieses Buch nicht schreiben", leitet Ernst Ulrich von Weizsäcker sein Werk "Faktor Fünf" ein. "Aber sie ist so klein, wie sie ist."[5] Die Frage ist also, wie sich eine wachsende Zahl von Menschen gemeinsam in der Welt einrichtet. Das würde einen gemeinsamen Plan, gemeinsame Abmachungen erfordern, doch davon fehlt jede Spur. Stattdessen folgt die Entwicklung im Wesentlichen zwei Pfaden: Einerseits beutet eine wachsende globale Mittelschicht Ressourcen weiter aus. Andererseits verteidigen diejenigen, die Wohlstand schon erreicht haben, ihren Überfluss. Erste Umweltfolgen sind längst sichtbar, aber die gängige Antwort darauf ist technischer Fortschritt, und zwar meist end of pipe: Wie einst die Rauchgasentschwefelungsanlage den Himmel über der Ruhr reinigte, sorgen heute Abgasgrenzwerte, Rußpartikelfilter, bleifreies Benzin und Biosprit-Beimischung für scheinbar saubere Autos; die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid soll Kohlekraftwerke klimafreundlich machen; Flugzeuge steigern die Effizienz je Passagier, transportieren aber dummerweise immer mehr Passagiere. Hier wird Nachhaltigkeit umgedeutet in eine Bewahrung des Erreichten durch technischen Fortschritt, analog zum schönen Schein der Nachhaltigkeitsberichte.

Umweltschäden werden, obwohl sie zunehmend globaler oder zumindest überregionaler Natur sind, meist lokal behoben: So wird die Welt zum Reparaturbetrieb, gefesselt in Zyklen der Haushaltsplanung oder von Legislaturperioden, weithin unfähig zu jener gemeinsamen strategischen Planung, wie sie für einen Pfadwechsel nötig wäre.[6] Die Folgen solchen Politikversagens für das System Erde sind nicht überschaubar, ebenso wenig wie jene einer zunehmend industriellen Ernährung, sei es durch Massenfischzucht in Aquakulturen, durch genmanipuliertes Saatgut oder künstlich aufgepeppte Böden: lauter Versuche, Grenzen künstlich hinauszuschieben und Knappheit zu überlisten.

Dennoch hat das Konzept der Nachhaltigkeit nicht ausgedient, ganz im Gegenteil. Denn es macht nicht nur die Knappheit zum Leitfaden, sondern setzt diese in unmittelbare Beziehung zu ihren Ursachen. Nichts anderes leistete Carlowitz in seiner "Sylvicultura oeconomica". Er dachte in Ursachen – der Nutzung von Holz – und Wirkungen – dem Verlust von Wald. Mit dem feinen Unterschied, dass er die Wirkung nicht abwartete und anschließend analysierte, sondern antizipierte. Es geht also bei der Nachhaltigkeit um das vorausschauende Mitdenken von Folgen, auch um einen Wechsel des Blickwinkels. Hier schaut eine Generation nicht mehr nur auf die unmittelbare Zukunft, sondern betrachtet die Gegenwart gewissermaßen aus den Augen ihrer Nachkommen – wie es der Bauer tat, der vor den Augen des Kaisers einen Dattelbaum pflanzte.

Derlei Antizipation ist schwierig in einer Welt komplexer Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Der Wert von Nachhaltigkeit lässt sich heute am leichtesten nachvollziehen am Beispiel des Fischfangs: Es leuchtet unmittelbar ein, dass Bestände langfristig bedroht sind, wenn eine übermäßige Ausbeutung die Fähigkeit zur Reproduktion unterminiert. Ursache und Wirkung sind mittlerweile auch verhältnismäßig gut verstanden beim Klimawandel, hier sogar im Kontext historischer Verantwortung. In vielen anderen Bereichen bleibt die Zuordnung schwierig, sei es beim Verlust der Artenvielfalt, deren Ursachen wiederum von der Erderwärmung bis hin zum regionalen Raubbau reichen, ebenso bei der Ausbreitung von Wüsten, dem Verlust urbarer Böden oder reinen Wassers. Entsprechend schwieriger gestaltet sich die Lösung.

All diese Probleme eint eines: Es handelt sich um globale Gemeingüter, die durch menschliches Wirken bedroht sind, durch eine wachsende Weltbevölkerung oder ein zukunftsvergessenes Wirtschaftswachstum. Nationale Politik, mag sie auch noch so viel vom Konzept der Nachhaltigkeit halten, stößt hier an Grenzen. Schlimmer noch: Im globalen Wettbewerb drohen selbstzerstörerische Wettläufe um die Ausbeutung verbliebener Ressourcen. Wenn sich aber Wachstum in einer Welt begrenzter Ressourcen auf Dauer selbst Grenzen setzt, dann wird es zwangsläufig einer Art Bewirtschaftung dieser Ressourcen bedürfen. Das heißt für die Gegenwart aber auch: Sie muss besser wachsen als bislang, weniger Ressourcen verbrauchend, die Folgen ihres Wirtschaftens einkalkulierend. Oder, wie der Regensburger Energiewirtschaftler Michael Sterner es formulierte: "Die Wirtschaft ist und bleibt eine hundertprozentige Tochterfirma der Umwelt."[7]

Klimapolitik als Test

Die Klimapolitik ist der erste große Test auf die Fähigkeit zur Lösung solcher internationaler und intergenerationeller Verteilungskonflikte. Nachhaltigkeit, hier im Umgang mit der Erdatmosphäre, ist der Kompass, das ferne Ziel aller Verhandlungen; die Lösung des Verteilungskonfliktes ist die Bedingung. Zumindest gibt es nach Jahren zäher Klimaverhandlungen ein gemeinsames Instrumentarium und ein Verständnis für die jeweiligen Interessen. Kein Prozess hat es auf dem Weg zu einer global governance je so weit gebracht. Der Ausgang ist dennoch offen.

Mag sein, dass das Erreichen echter Nachhaltigkeit schon längst Utopie ist, wie der Umweltforscher Friedrich Schmidt-Bleek konstatiert, weil es eine solche nur dann geben kann, wenn Handlungen "unbegrenzt oft oder auf unbegrenzte Zeit wiederholt werden können".[8] Dieser Punkt ist längst überschritten, im Grunde schon durch den Einstieg in die Förderung fossiler Rohstoffe. Mittlerweile muss Nachhaltigkeit sicherstellen, dass Handlungen aufgrund von Knappheit nicht unmöglich werden, auch solche, die das Überleben sicherstellen.

Nachhaltigkeit bedeutet damit, Eingriffe in die Natur auf ein Maß zu begrenzen, das Regeneration erlaubt; sie bedeutet, mit Ressourcen nicht nur sparsamer umzugehen, sondern sie auch in Kreisläufen zu denken. Ganz gewiss verlangt sie den raschen Verzicht auf ressourcenfressende Technologien, wenn schonende Alternativen längst auf dem Markt sind – etwa bei der Erzeugung von Strom. Nachhaltigkeit heißt letztendlich, in vernetzten Systemen zu denken und zu handeln, wie auch die Erde an sich ein solches ist. Bei allen Versuchen, den Begriff für andere Zwecke zu vereinnahmen: Dies bleibt der Kern und der Charme der Nachhaltigkeit. Noch sind viele der antizipierten Wirkungen zu verhindern. Allerdings lassen sich die Ursachen zunehmend nur noch im Kollektiv beheben. Lokale Agenda-21-Gruppen, wie sie nach dem Nachhaltigkeitsgipfel in Rio de Janeiro 1992 überall entstanden, mögen das Bewusstsein geschärft haben, ebenso Einrichtungen wie der Rat für Nachhaltige Entwicklung in Deutschland. Adäquate Antworten aber finden sich in den meisten Fragen nur noch global.

Die Befürchtungen Hans Carl von Carlowitz’ übrigens haben sich auf bezeichnende Weise nie erfüllt. Noch ehe der Raubbau in sächsischen Wäldern die Erzindustrie erdrosseln konnte, fand sich eine Alternative zum Holz: Kohle. An den Folgen ihrer Verbrennung nagt die Welt bis heute.

Fußnoten

5.
Ernst Ulrich von Weizsäcker et al., Faktor Fünf. Die Formel für nachhaltiges Wachstum, München 2010, S. 11.
6.
Vgl. Frederic Vester, Die Kunst, vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität, Stuttgart 1999, S. 75ff.
7.
Michael Sterner, Energiewende dahoam, in: Süddeutsche Zeitung vom 3.3.2014, S. 2.
8.
Friedrich Schmidt-Bleek, Grüne Lügen. Nichts für die Umwelt, alles fürs Geschäft – wie Politik und Wirtschaft die Welt zugrunde richten, München 2014, S. 30.
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