Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Hans von Storch

Klimaservice: Nachhaltig "vorhersagen"?

Essay

Anpassung in jedem Falle

In den 1990er Jahren war es als eine Art des Defätismus verpönt, über Anpassung an den Klimawandel nachzudenken – das wurde als eine Akzeptanz der Katastrophe aufgefasst, als Schwächung des Kampfes für die Rettung der Welt in der uns bekannten Form. Stattdessen wurde ganz auf die "Klimarettung" gesetzt, also die drastische Minderung der die Veränderungen auslösenden Treibhausgasemissionen. Um dies durchzusetzen, sind internationale Anstrengungen notwendig, da es für die Klimawirkung unerheblich ist, ob ein CO2-Molekül in Recklinghausen oder im chinesischen Yantai freigesetzt wird. Das öffentliche Sprechen über den Klimawandel zu dieser Zeit hatte daher vor allem den Sinn, ein allgemeines Bewusstsein dafür zu schaffen, dass der Klimawandel gravierende Folgen haben könnte und dass angesichts dessen jede Anstrengung gerechtfertigt wäre, um diese Zukunft zu vermeiden. Auch manch alarmistische Stimme war zu vernehmen.

Inzwischen wird klar, dass die internationalen Anstrengungen nicht sehr wirksam sind und die Konzentrationen von Treibhausgasen in der Atmosphäre unvermindert steigen. Die Sorge der Menschen steigt nicht proportional zum Umfang der Androhung von negativen Entwicklungen, der CO2-Konzentration oder dem Anstieg des Meeresspiegels. Schon damals war klar, dass sich auch bei einer sehr erfolgreichen Klimaschutzpolitik und einer Beschränkung des Temperaturanstiegs bis Ende des 20. Jahrhunderts auf zwei Grad Celsius erhebliche Klimaänderungen einstellen würden, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen – dass neben dem "Klimaschutz" also auch "Menschenschutz" und "Ökosystemschutz" zu betreiben ist und sein wird. Das erste ist eine globale Aufgabe, das zweite aber eine regionale und lokale Aufgabe. Beide existieren nebeneinander; je besser die erste gelöst wird, umso einfacher wird die zweite – aber die zweite Aufgabe ist in jedem Falle da.

Für die erste Aufgabe gibt es den UN-Klimarat IPCC. Der Service der Einbettung des IPCC-Wissens in die deutsche Politik und Öffentlichkeit könnte dabei gut von Einrichtungen wie der Stiftung Wissenschaft und Politik übernommen werden, der man die erforderliche Kritik und Distanz eher abnimmt als etwa dem Umweltbundesamt. Für die zweite Aufgabe, die Beratung von Anpassungsmaßnahmen, bedarf es dreierlei:[4] erstens Zusammenfassungen des wissenschaftlichen Wissens über Klima, Klimawandel und -wirkung; zweitens Wissensmaklerbüros, die den Dialog zwischen Wissenschaft und Verantwortlichen sowie Medien aufzubauen versuchen; und drittens belastbare Datensätze über derzeitig stattfindende und zukünftige mögliche Klimaveränderungen in den Regionen Europas. Wie die folgenden Absätze zeigen, werden alle drei Punkte bereits bearbeitet.

Bei der Zusammenstellung des einschlägig relevanten, wissenschaftlich legitimierten Wissens über regionales Klima, Klimawandel und Klimawirkung, inklusive Einvernehmen, Kontroversität und Unvollständigkeit, geht es nicht um das "beste Wissen" (weil dies immer das eigene ist), es geht vielmehr um die Bandbreite des wissenschaftlich legitimen Wissens, das etablierte wissenschaftliche Qualitätskontrollen durchlaufen hat. Das Helmholtz-Zentrum Geesthacht hat zusammen mit dem Exzellenzzentrum der Universität Hamburg und anderen Einrichtungen zwei Berichte fertiggestellt: für den Ostseeraum und die Metropolregion Hamburg.[5] Derzeit wird ein Bericht für den Nordseeraum vorbereitet, eine Fortschreibung für den Ostseeraum ist kurz vor der Herausgabe; ein Bericht für Deutschland als Ganzes ist in Arbeit.

Maklerbüros gibt es auch schon: zum einen die "Hofläden" der Helmholtz-Zentren in Karlsruhe, Leipzig, Bremerhaven und Geesthacht, die den Kontakt zu gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen suchen, die mit den jeweiligen Zentrums-Schwerpunkten zu tun haben, zum anderen das Climate Service Center mit Sitz in Hamburg, das sich um nationale und supranationale Themen kümmert und ein diverses Spektrum an Kunden bedient. Auch Kompass, ein Büro des Bundesumweltamtes, versucht sich in dem Geschäft. Bereits lange dabei sind Einrichtungen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) und des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie. Daneben sind noch Universitäten und Forschungseinrichtungen in diesem Bereich tätig. Hier wird in Zukunft eine Konvergenz einsetzen, wobei zu hoffen ist, dass sich einerseits national und supranational ausgerichtete "allgemeine" Büros wie das Climate Service Center ergeben, andererseits auch über die Bundesgrenzen hinweg an der Landschaft und gemeinsamen Klimawirkungen orientierten Regionalbüros.

Die Beschreibung des regionalen Wandels in der näheren Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft ist inzwischen eine meteorologische Standardaufgabe. Neben der Aufzeichnung gilt es festzustellen, inwieweit bisherige Änderungen "außerhalb des Normalen" liegen (Detektion) und ob diese konsistent mit den erwarteten und möglichen Klimaänderungen sind (Attribution). Die Erstellung solcher Datensätze kann gut vom DWD erledigt werden, zumal das gängige "Regionalmodell" in der deutschen Klimaforschung aus dem DWD kommt. Die Frage von Detektion und Attribution, die in den 1990 Jahren im Max-Planck-Institut für Meteorologie entwickelt und für globale Veränderungen erfolgreich behandelt wurde, ist für regionale und lokale Aspekte noch Gegenstand aktueller Forschung.

Der gesellschaftliche Bedarf an Hintergrundwissen über das Klima und den Klimawandel ist in den vergangenen Jahren deutlich geworden. Was zunächst aussah wie ein reines "Aufklären" und "Zahlen bereitstellen" hat sich inzwischen als wesentlich komplexere Aufgabe dargestellt. Es geht nicht um Wissenstransfer von Wissenden zu Unwissenden, sondern um die Gestaltung eines Wissensmarktes, an dem konkurrierende Wissensformen teilnehmen. Dieser ist insbesondere von weltanschaulichen Deutungsmächten umkämpft. Ausgeprägte weltanschauliche Positionen finden sich auch bei wissenschaftlichen Akteuren, zudem passt das Wissensangebot von Wissenschaftlern häufig nicht zum Bedarf.

In dieser Gemengelage erscheint mir die Entwicklung eines echten Wissensdialogs notwendig, der sowohl die Wissenschaft besser als auch Entscheidungen transparenter machen wird, weil die Rolle von naturwissenschaftlichem Wissen und politischer Werteabwägung deutlich wird. Dazu bedarf es eines Klimaservice, der aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Kompetenz den Wissensmarkt und seine Dynamik erklären kann und in gebotener Zurückhaltung über mögliche, wahrscheinliche, unsichere oder sichere Implikationen von Entscheidungen im Rahmen des gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Wissens berät. Der Klimaservice kann auch gleichzeitig als Sensor für Bedarf, Verständlichkeit und Praxisrelevanz von naturwissenschaftlichem Wissen dienen.

Fußnoten

4.
Vgl. Hans von Storch/Insa Meincke, Regional Climate Offices and Regional Assessment Reports Needed, in: Nature Geosciences, 1 (2008) 2, S. 78.
5.
Vgl. Hans von Storch et al., Klimabericht für die Metropolregion Hamburg, Heidelberg u.a. 2010; The BACC Author Team, Assessment of Climate Change in the Baltic Sea Basin, Berlin–Heidelberg 2008.
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