"Privat"

19.8.2015 | Von:
Jürgen Kocka

Arbeit im Kapitalismus. Lange Linien der historischen Entwicklung bis heute

Relevanz der "Arbeiterfrage" heute

Vieles andere wäre in Rechnung zu stellen, um die Veränderungen der Arbeit im Kapitalismus der vergangenen zwei Jahrhunderte vollständig zu skizzieren, so etwa die Bedeutungsabnahme des gewerblich-industriellen Sektors und der Aufstieg der Dienstleistungen in den ökonomisch am weitesten entwickelten Ländern, die absolute und anteilsmäßige Abnahme der Arbeiter im Unterschied zu Angestellten und Selbstständigen, die verschwimmenden Grenzziehungen zwischen diesen drei Kategorien, die radikale Reduktion der harten körperlichen Arbeit dank Maschinisierung, Automatisierung und Digitalisierung, die exorbitante Ausweitung des Konsums, aber auch die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft. Zwischen Gesellschaften, Ländern und Weltregionen wäre zu differenzieren.

In Ländern wie Deutschland hat die "Arbeiterfrage" längst ihren aufwühlenden, radikale Proteste hervortreibenden, die Gesellschaft erschütternden Charakter verloren, den sie in der Klassengesellschaft des 19. und frühen 20. Jahrhunderts besaß. Die Kritik an der Verelendung der Arbeiterklasse und an der Entfremdung der Arbeit war einstmals dominant und mächtig. Jetzt hat sie aufgehört, im Zentrum der zeitgenössischen Kapitalismuskritik zu stehen. Diese zielt eher auf eklatante Missstände im globalisierten Finanzkapitalismus, auf zunehmende Einkommens- und Vermögensungleichheit als Folge sowie auf die vom Kapitalismus ausgehende Gefährdung von gesellschaftlichem Zusammenhalt, Demokratie, Umwelt und Nachhaltigkeit.[7] Doch zeichnen sich einige neue Tendenzen ab, die es in sich haben, zu einer neuen Problematisierung von Arbeiterfragen beizutragen, vielleicht zu ihrer Politisierung auch. Sie hängen mit der beschleunigten Globalisierung und dem Strukturwandel des Kapitalismus in den vergangenen Jahrzehnten zusammen.

Seit den 1970er Jahren hat sich schrittweise eine neue Konstellation ergeben. Vor allem aufgrund der rasch voranschreitenden Globalisierung – im Sinne eines sich global ausbreitenden Kapitalismus und zunehmender grenzüberschreitender Verflechtung zwischen Ländern und Kontinenten – geriet das System des "organisierten" oder "koordinierten" Kapitalismus der vorangehenden Jahrzehnte in den ökonomisch weit entwickelten Ländern des Westens unter Druck. Zur stabilisierenden Organisation des Kapitalismus hatte dort die enge Verknüpfung von Markt und Staat, hatten staatliche Regulierungen des Kapitalismus beigetragen, jedoch in den Grenzen nationalstaatlicher Souveränität. Ebendiese Grenzen wurden nun poröser und offener. Zugleich erlebte der an sich viel ältere Finanzkapitalismus einen überproportionalen Wachstumsschub, und zwar ebenfalls in grenzüberschreitender Weise sowie mit globaler Tendenz. Das Geschäft mit Geld, wie es von Banken, Börsen, Investmentgesellschaften, Maklern und Spekulanten betrieben wurde, dehnte sich überproportional aus und verselbstständigte sich. Auch in der sogenannten Realwirtschaft der Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen verschoben sich die Gewichte. Zwar arbeiteten die meisten kleinen und mittelgroßen Unternehmen weiterhin unter der Leitung ihrer Eigentümer. Und in den großen, meist als Aktiengesellschaften oder dergleichen verfassten Großunternehmen spielten weiterhin Manager, also angestellte Unternehmer, eine zentrale Rolle. Doch mit dem Aufstieg des Finanzkapitalismus traten spezialisierte Investoren verstärkt auf den Plan, die in harter Konkurrenz miteinander Anlegerinteressen vertraten, intensiv auf die Produktions-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen Einfluss nahmen und aus ihren mächtigen Fonds- und Investmentgesellschaften heraus dem shareholder value zur Dominanz verhalfen, das heißt darauf hinwirkten, dass das Profitmotiv in den Leitungsentscheidungen der Unternehmen absolut tonangebend wurde und die Gesetze des Marktes immer direkter, unverblümter und zwanghafter die Entscheidungen und Verhaltensweisen der ökonomischen Akteure prägten. Man hat von Investorenkapitalismus gesprochen, der sich neben dem älteren Managerkapitalismus und dem noch älteren Eigentümerkapitalismus geltend machte, diese zwar nicht verdrängend, wohl aber durchdringend.

Zugleich gewannen neoliberale Grundsätze und neoliberale Rhetoriken erheblich an Boden. Sie trauten der Regulierung durch staatliche Institutionen wenig, der Selbstregulierungsfähigkeit der Marktkräfte alles zu. Auch wenn die neoliberalen Reformen in der Realität vieler Länder äußerst begrenzt blieben und etwa in der Bundesrepublik nicht zu einem Abbau oder auch nur zu einer wirklichen Schwächung des Sozialstaats führten, war dieser Stimmungsumschwung doch mit einer Welle von Privatisierungen und Deregulierungen verbunden, die nicht auf den dabei voranschreitenden anglo-amerikanischen Bereich beschränkt blieben, sondern weltweit auftraten. Diese miteinander verknüpften Strukturveränderungen haben die Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung erheblich verschärft. Sie waren überdies wichtige Bedingungen der großen Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008. Die zwei Veränderungen in der Arbeitswelt, die abschließend erläutert werden sollen, hängen mit dieser Wendung des Kapitalismus zu Globalisierung, "Finanzialisierung", Deregulierung und marktradikalem Neoliberalismus zusammen.[8]

Als Folge von Veränderungen der Technologie und der Marktorganisation ist seit einigen Jahrzehnten eine Fragmentierung der Arbeit, auch der Lohnarbeit, in Raum und Zeit zu beobachten. Während 1970 die Relation zwischen vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmern und der Summe der Teil- und Kurzzeitbeschäftigten, der befristet und geringfügig Beschäftigten – also der sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnisse – in der Bundesrepublik Deutschland etwa 5:1 betrug, verschob sie sich bis 1990 auf 4:1 und bis heute auf etwa 2:1. Jeder Dritte arbeitet in Teilzeit, befristet, als Leiharbeiter oder in einem Minijob. Die Elastizität der Erwerbsarbeit und die Fluidität der Arbeitsverhältnisse nehmen zu. Die Flexibilitätszumutungen an die Einzelnen steigen. Der Arbeitsplatz verliert die klaren Abgrenzungen, die er im 19. Jahrhundert gewann. Die neuen Kommunikationsmittel erlauben neue Formen der Heimarbeit. Ein neues Zeitregime entsteht in den Grauzonen zwischen Arbeits- und Freizeit, mit Teilzeit und Gleitzeit, mit neuen Freiheitschancen und neuen Abhängigkeiten.

Die Befunde sind differenziert zu beurteilen. Nicht jedes in diesem Sinn "atypische" Beschäftigungsverhältnis ist prekär, insbesondere nicht jede Teilzeitbeschäftigung. Zweifellos enthält die Verflüssigung der Arbeitsverhältnisse auch neue Chancen, beispielsweise zur Verknüpfung von Erwerbsarbeit mit anderen Tätigkeiten, zur Verbindung von Arbeit und Freizeit, zur Vereinbarung von Beruf und Familie. Andererseits führt diese stark marktabhängige Flexibilisierung zu großer Unsicherheit bei den Betroffenen und erschwert deren Lebensplanung. Es steht zu befürchten, dass die Flexibilisierung und Fragmentierung der Arbeitsverhältnisse zu einer Erosion der individuellen Identitäten und des sozialen Zusammenhalts führen, soweit diese auf kontinuierlicher Arbeit beruhen, wie es in den "Arbeitsgesellschaften" des Westens seit dem 19. Jahrhundert der Fall ist. Die Bindungskraft, die sozial strukturierende, kulturell verbindende und vergesellschaftende Kraft der Arbeit hat in den vergangenen Jahren abgenommen.[9]

In diesem Beitrag standen Erfahrungen mit Arbeit im Kapitalismus westlicher Länder im Vordergrund. Dramatischer wird das Bild, wenn man auf die erst seit wenigen Jahrzehnten durchgreifend industrialisierten Regionen des Globalen Südens blickt. Die dort äußerst vielgestaltige abhängige Arbeit wird meist unter Kategorien wie "informell" und non-standard diskutiert. Gemeint sind unterschiedliche Formen von wenig geregelter, kaum kodifizierter, damit aber sehr ungeschützter und verletzbarer Arbeit in wechselnden Positionen, einschließlich Wander-, Saison- und Gelegenheitsarbeiten, oft in extremer Abhängigkeit vom Arbeitgeber, gering entlohnt und in Verknüpfung mit anderen Tätigkeiten sowie anderen Einkommensarten, die im Familienkontext zusammengebracht werden, schon weil man von einer allein nicht leben könnte. Zu Recht gelten diese Arten von kapitalistisch abhängiger Arbeit als höchst prekär. Sie werden von Arbeitskräften beiderlei Geschlechts, auch von vielen Kindern geleistet, in der auf Export setzenden Land- und Konsumgüterwirtschaft, in Werkstätten und Fabriken und als unterschiedlichste Dienstleistungen, oftmals in Slums, unter Bedingungen ausgeprägter Unsicherheit und angesichts großer Ungleichheit. Unternehmer, Geschäfte, Fabriken – darunter viele "Ketten" und multinationale Konzerne mit Machtzentrum im Globalen Norden – tragen durch gezieltes Outsourcing zur Vermehrung dieser prekären Arbeitsverhältnisse bei. Sie bedienen sich dieser Arbeitskräfte, oft ohne sie förmlich anzustellen, oft mit der Hilfe zwischengeschalteter Kontraktoren, Sub-Unternehmer oder Agenten, wobei gesetzliche Schutzbestimmungen, soweit sie überhaupt existieren, meist halbherzig sind und häufig umgangen oder ignoriert werden. Das globale Nord-Süd-Gefälle ist ausgeprägt, es handelt sich um spät- oder postkoloniale Abhängigkeit. Die Kategorie der "informell" Arbeitenden ist vielgestaltig, schwer abzugrenzen und quantitativ kaum zu erfassen. Grobe Schätzungen sprechen von einer Milliarde weltweit, mit zunehmender Tendenz.[10]

Hierzulande hat die Brisanz der alten "Arbeiterfrage" abgenommen, so sehr es auch bei uns neue Formen der Armut, der Unterschichtung durch Zuwanderung und wieder zunehmende Ungleichheit gibt, die scharfe Kritik herausfordert.[11] Gelänge es, in unseren Köpfen eine wirklich globale Perspektive zu verankern, wäre die "Arbeiterfrage", jetzt als weltweites Phänomen, jedoch sofort wieder da: moralisch herausfordernd, ein gravierendes Problem sozialer Gerechtigkeit. Seine Milderung wird ohne kräftige Intervention starker, zusammenarbeitender Staaten nicht gelingen.

Fußnoten

7.
Vgl. Immanuel Wallerstein et al., Does Capitalism Have a Future? Oxford 2013; Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Frankfurt/M. 2013; Michael J. Sandel, Was man für Geld nicht kaufen kann. Die moralischen Grenzen des Marktes, Berlin 2012; Thomas Piketty, Das Kapital im 21. Jahrhundert, München 2014.
8.
Vgl. Paul Windolf (Hrsg.), Finanzmarkt-Kapitalismus. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen, Wiesbaden 2005; Ivan T. Berend, Europe in Crisis. Bolt From the Blue?, New York 2013; David Harvey, Kleine Geschichte des Neoliberalismus, Zürich 2007.
9.
Vgl. Richard Sennett, Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus, Berlin 1990; Günther Schmid/Paula Protsch, Wandel der Erwerbsformen in Deutschland und Europa, WZB Discussion Paper SPI 2009-505; Jürgen Kocka/Claus Offe (Hrsg.), Geschichte und Zukunft der Arbeit, Frankfurt/M. 2000.
10.
Vgl. Jan Breman, Outcast Labour in Asia: Circulation and Informalization of the Workers at the Bottom of the Economy, Oxford 2012; Leah F. Vosco et al. (Hrsg.), Gender and the Contours of Precarious Employment, New York 2009; Dennis Arnold/Joseph R. Bongiovi, Precarious, Informalizing and Flexible Work, in: American Behavioral Scientist, 57 (2013), S. 289–308.
11.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland, München 2013.
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