Ein Luftballon mit der Flagge der Europäischen Union

8.9.2017 | Von:
Javier Ruiz-Soler

Gibt es eine europäische Öffentlichkeit? Forschungsstand, Befunde, Ausblicke

Ausblick

Angesichts der Herausforderungen, vor denen die Europäische Union im Jahr 2017 steht – beispielsweise die Wirtschaftskrise, der Brexit und die Sicherung der Außengrenzen – ist eine europäische Öffentlichkeit notwendiger als je zuvor. Allerdings ist es mit der Europäisierung nationaler Öffentlichkeiten nicht getan – diese ist nur ein Anfang. Eine echte Öffentlichkeit jenseits der nationalen Öffentlichkeiten ist notwendig, wenn die Europäische Union wirklich demokratisch werden will. Unabhängig davon, welche Ansichten Forscher zur Art und Gestalt der europäischen Öffentlichkeit haben mögen, sind die meisten Fachleute der Auffassung, dass ein solcher transnationaler Raum zusätzliche Vorteile für die Vertiefung der europäischen Integration böte und daher, sofern er bereits existiert, in seinen Funktionen gestärkt werden sollte.

Darüber hinaus sind intensivere Forschungen zur europäischen Öffentlichkeit mit Blick auf die postnationale Öffentlichkeit oder Öffentlichkeit 3.0 notwendig. Ältere Untersuchungen zum Thema haben gemeinsam, dass sie sich auf einen strukturell-funktionalistischen Ansatz und auf Mediendaten stützen, um zu beurteilen, ob eine europäische Öffentlichkeit existiert – es werden länderübergreifend Inhalte von Nachrichtenmedien verglichen, um herauszufinden, ob die nationalen Medien eine Europäisierung der jeweiligen nationalen Öffentlichkeit betreiben. Die Möglichkeit einer horizontalen – und tatsächlichen – europäischen Öffentlichkeit wurde durch die überwiegende Konzentration der Forschung auf nationale Mediensysteme willkürlich eingeschränkt.

Allerdings beginnt die aktuelle Forschung nun, internetbasierte Kommunikationsmittel und deren Einfluss auf die Existenz oder Entstehung einer transnationalen europäischen Öffentlichkeit in den Blick zu nehmen. Der Unterschied zur strukturell-funktionalistischen Ausrichtung früherer Forschungen liegt darin, dass die Aufmerksamkeit heute einer Kommunikationsplattform – dem Internet – gilt, die bereits viel stärker enträumlicht ist als die nationalen Medien, die im Mittelpunkt der früheren Forschungen standen. Das Internet kann aufgrund seiner Eigenschaften (preisgünstig, global, reziprok)[20] als eine von mehreren Möglichkeiten betrachtet werden, die Entwicklung einer transnationalen europäischen Öffentlichkeit voranzutreiben und innerhalb der EU Begegnungen zwischen Kulturen sowie Repräsentation von Kulturen zu ermöglichen. Denn letztlich geht es doch in der EU darum, in Vielfalt vereint zu sein.


Übersetzung aus dem Englischen: Jan Fredriksson, Bonn.

Fußnoten

20.
Vgl. Asimina Michailidou, The Role of the Internet in the European Union’s Public Communication Strategy and the Emerging European Public Sphere, Dissertation, Loughborough University 2007, dspace.lboro.ac.uk/dspace/handle/2134/3055.
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