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26.5.2002 | Von:
Kai Hirschmann

Terrorismus in neuen Dimensionen

Hintergründe und Schlussfolgerungen

III. Das Netzwerk Osama bin Ladens

Es wird in der letzten Zeit häufig davor gewarnt, Osama bin Laden zu überhöhen oder zu wichtig zu nehmen. Diese Einstellung ist deshalb ebenso gefährlich wie falsch, weil es Osama bin Laden gelungen ist, ein Terrornetzwerk aufzubauen, wie es bisher in organisatorischer, taktischer und finanzieller Hinsicht ohne Vergleich ist. [11] Sein Terrorismus ist im Grunde politischer Natur, versetzt mit religiöser Rhetorik. Die Struktur der "Al-Qaida" ist eng mit der Ausbildung, den Fähigkeiten und Lebenserfahrungen bin Ladens verknüpft. [12]

Osama bin Laden wuchs im Reichtum auf, da es seinem Vater mit geschickter Geschäftsführung und Nähe zum saudischen Königshaus gelungen war, große Bauaufträge in Saudi-Arabien zu erhalten und damit seiner Firma ein schnelles Wachstum zu sichern. Osama bin Laden hatte Privatlehrer und das Business-Ambiente einer inzwischen international tätigen Großbauunternehmung. Er studierte Bauingenieurswesen und Betriebswirtschaft in Saudi-Arabien und teilweise im Libanon. Nach dem frühen Tod seines Vaters, der ihm ca. 80 Millionen Dollar vererbte, wurde die expandierende Firma von seinen älteren Brüdern weitergeführt. Dort wurde er durch Tätigkeiten in der Geschäftsführung mit den Anforderungen an einen Unternehmensführer vertraut. Anfang der achtziger Jahre brach Osama bin Laden mit seinem Luxusleben und zog zusammen mit Gefolgsleuten als "Führer" eines saudi-arabischen Kontingents in den Freiheitskampf der afghanischen Mujaheddin gegen die Invasionstruppen der Sowjetunion. Deren Kampf soll finanziell und mit Waffen von den USA großzügig unterstützt worden sein. Von Beginn an investierte er viel Geld und Material in Afghanistan und begann mit Rekrutierungen in der gesamten arabischen Welt. Dies war Mitte der achtziger Jahre der Ausgangspunkt zur Gründung der ursprünglichen "Al-Qaida" (Die Basis) als Rekrutierungsorganisation.

Bereits nach einem Jahr unterhielt bin Laden in seinen Privatcamps mehr als tausend Freiwillige. Nach dem Sieg über die sowjetischen Truppen kehrten die meisten Afghanistan-Kämpfer wieder in ihre Heimatländer zurück, wo sie sich extremistischen Bewegungen anschlossen, um ihre im Krieg erworbenen Fähigkeiten nun in den Dienst eines "Heiligen Krieges" gegen prowestliche Regierungen in muslimischen Ländern zu stellen. Aber nicht alle ehemaligen Mujaheddin zog es in ihre muslimische Heimat zurück. Tausende professionell ausgebildete, hoch motivierte Kader bilden ein jederzeit abrufbares Potenzial des Terrors. Sie sind zu einem Rekrutierungsreservoir für religiös motivierte Terrorgruppen weltweit geworden. Aus diesen Kadern rekrutiert Osama bin Laden die Kommandos für seinen Terror gegen die USA und die westliche Welt.

Der Golf-Krieg 1991 und die anschließende Militärpräsenz der USA auf der arabischen Halbinsel brachten bin Laden dazu, die "Al-Qaida" zügig zu einem Terrornetzwerk neuen Typs aufzubauen. Er selbst fungiert hier als "Chefideologe" und Ideengeber. Er lässt weltweit Terrorzellen agieren, die nach Abstimmung der Zielsetzung autonom in seinem Sinn handeln. Gestützt auf seine Business-Erfahrung und sein Wissen um islamische Traditionen führt er westliche Management-Prinzipien und frühislamische Kooperationstechniken zusammen: Management by Objectives (durch Zielvereinbarung) und Management by Delegation (durch Verantwortungsübertragung) in Verbindung mit der Idee autonomer Kampfzellen. Die Idee solcher "Kampfzellen" geht aus den beduinischen Gesellschaften der arabischen Halbinsel hervor. Auch dort finden sich Kämpfer zu Aktionsgruppen zusammen, die sich wieder auflösen, wenn das vorher vereinbarte Ziel erfolgreich oder erfolglos in Angriff genommen worden ist. Es ist wahrscheinlich, dass diese Form der Kooperation von Osama bin Laden bewusst aus der Geschichte der frühen islamischen Kriege übernommen worden ist. [13]

Die besonderen Fähigkeiten Osama bin Ladens gehen also zurück sowohl auf seine Ausbildung wie auf seine Geschäftserfahrung. Der charismatische Extremist hat exzellente Fähigkeiten in der Verknüpfung verschiedener Netzwerke. Seine größte Stärke ist die Konsolidierung von unterschiedlichen Interessen, Geld und Ideologien zu einer kritischen Masse. [14] Bin Ladens Terrornetz verfügt über eine Führungsebene, die heute von Afghanistan aus agiert, sowie über die heimgekehrten "Araber-Afghanen" als eine Art "lokale Repräsentanten" in mehr als 40 Ländern. Diese werben ihrerseits gut ausgebildete, aber perspektivlose junge Moslems [15] an, die Sympathie für die Ideen bin Ladens haben. Diese werden in den Ausbildungscamps in Afghanistan geschult und indoktriniert. Die Besten können als "Schläfer" bzw. autonome Zellen nach Europa und Nordamerika geschickt werden. Bis zum Tag ihrer Aktivierung halten sie losen Kontakt zur Führungsebene der "Al-Qaida". Sie geben sich in ihren Gastländern nicht als Extremisten zu erkennen und sind in der Lage, das Bild einer perfekten Integration abzugeben.

Durch seine Management- und Finanzerfahrung gelang es ihm auch, sein Vermögen weltweit gewinnbringend anzulegen und in Unternehmen sowie an Finanzmärkten zu investieren, bis er neben einem erheblichen Vermögen ein beachtliches Geflecht aus Firmen kontrollierte, die ihm später als Geldquelle oder auch als logistische Basis für Terroranschläge nützlich sind. Die Bezeichnung "Business-Terrorist" geht zurück auf die Vermischung seiner (legalen) Geschäfte und der Organisation von Terrorismus.

1998 unternahm Osama bin Laden einen entscheidenden Schritt in Richtung eines global operierenden und strukturierten "Terrorkonzerns" , nämlich zahlreiche bisher durch gemeinsame Interessen miteinander verknüpfte Terrorgruppen unter der Führung der "Al-Qaida" in einer Art "Terror-Holding" unter einem gemeinsamen Dach zu verbinden. Am 23. Februar 1998 gab bin Laden in einer Presseerklärung die Gründung der Organisation "Internationale Islamische Kampffront gegen Juden und Kreuzfahrer" (IIK) bekannt. Die Gründungserklärung enthielt ein religiöses Urteil (Fatwa), nach dem das Töten von Amerikanern und deren Verbündeten, von Militärs und Zivilisten, überall auf der Welt eine vorgeschriebene Pflicht jeden Moslems sei. Als Mitglieder dieser Organisation werden vermutet:

- Die "Al-Qaida" Osama bin Ladens.

- Der ägyptische "Al-Jihad al-Islami" (Islamischer Heiliger Krieg) unter der Führung des Kinderarztes Dr. Al-Zawahiri, der gleichzeitig der Stellvertreter bin Ladens und logistisch-strategischer Kopf der neuen, erweiterten "Al-Qaida" sein soll. Unter anderem wird der Gruppe die Ermordung des ägyptischen Staatspräsidenten Sadat 1981 vorgeworfen.

- Die ägyptische "Al-Jama'at al-Islamiyya" (Gemeinschaft der Muslime), als deren geistiger Führer der wegen seiner Beteiligung an dem ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 in den USA inhaftierte Scheich Rahman gilt.

- Die "Harkat-ul-Mujaheddin" (Kaschmirische Freiheitsbewegung).

- Der "Jihad Islami" in Bangladesch.

Als enge Kooperationspartner, teilweise in Afghanistan ausgebildet, werden u. a. vermutet:

- Die "Islamische Armee Aden" im Jemen, wo dortige Stämme die Lager ehemaliger Afghanistan-Kämpfer beschützen. Die "Islamische Armee Aden" soll in enger Verbindung hierzu stehen.

- Die "Abu Sayyaf" -Separatisten im Süden der Philippinen.

- Islamische Separatistengruppen in Indonesien und Malaysia.

- Bin-Laden-Anhänger und ehemalige Afghanistan-Kämpfer in Reihen der "Groupe Islamique Armé - GIA" (Islamische Bewaffnete Gruppe) in Algerien.

Die Forderungen Osama bin Ladens sind im Wesentlichen politisch:

- Sturz als korrupt und dekadent empfundener politischer Regime in muslimischen Ländern, besonders in Saudi-Arabien.

- Beendigung der amerikanischen Militärpräsenz in islamischen Staaten, insbesondere in Saudi-Arabien. [16]

- Zurückdrängen westlicher Werte und Verhaltensmuster in Gesellschaft und Wirtschaft.

- Kontrolle und Verwertung der Energiereserven und Rohstoffe im islamischen Raum durch Muslime.

- Bekämpfung Israels und seiner Herrschaft über Palästina.

- Die politische Umwandlung islamischer Staaten, ausgerichtet an den Grundsätzen der "Scharia" .

Bei den Bombenanschlägen auf US-Botschaften am 7. August 1998 in Nairobi (Kenia) und Daressalaam (Tansania) mit insgesamt 240 Toten und 4 000 Verletzten zeigte sich, worauf es der "Al-Qaida" ankommt: massive Schläge, wenn möglich zeitgleich, gegen Ziele mit Symbolcharakter unter Inkaufnahme hoher Opferzahlen. Dabei werden die Vorbereitungs- und Durchführungsmethoden taktisch und logistisch immer komplexer und zeitaufwändiger. Den vorläufigen blutigen Höhepunkt bildete der 11. September 2001. Eine Tatsache ist in diesem Zusammenhang höchst bemerkenswert: Die "Al-Qaida" hatte bis Anfang Oktober 2001 ein für Terrorgruppen völlig untypisches Verhältnis zur Öffentlichkeit. Verfahren wurde nach der Devise "Morden und Schweigen"; es gab kein Bekenntnis in irgendeiner Form zu Anschlägen. Dies hat sich jedoch jetzt durch die Ausstrahlung von Video-Botschaften geändert und folgt einer nachvollziehbaren Logik: Durch die Dimension der Anschläge des 11. September steht die "Al-Qaida" im weltweiten Rampenlicht. Sie versucht, ihre radikalen politischen Ideen durch die Vermischung mit religiöser Rhetorik zu einer Art "Kulturkampf" der Muslime gegen die "Ungläubigen" auszuweiten und somit auf eine höhere Ebene zu bringen. Hierzu braucht man die Medien, um Sympathisanten für Aufruhr und Demonstrationen zu gewinnen. Führende Islamwissenschaftler bestätigen hingegen immer wieder, dass die Islam-Interpretation Bin Ladens radikal-politisch ist und mit den friedfertigen Botschaften und Lehren des Islam nichts gemein hat. [17] Grundsätzlich - und zumal in historischer Perspektive - gilt: In pervertierter Interpretation lässt sich mit den heiligen Schriften der großen Religionen beinahe jedes Vorgehen rechtfertigen, wobei der Koran keine Ausnahme bildet. [18]

Fußnoten

11.
Vgl. hierzu auch R. Tophoven (Anm. 1); Michael Pohly/Khalid Duran, Osama bin Laden und der internationale "Terrorismus, München 2001, sowie K. Hirschmann (Anm. 4).
12.
Vgl. M. Pohly/K. Duran, ebd.
13.
Zu den frühislamischen Aktionsgruppen vgl. P. Heine (Anm. 10), S. 155; zur Anwendung von Management-Techniken K. Hirschmann (Anm. 4).
14.
Vgl. Kai Hirschmann, The Changing Face of Terrorism; in: Internationale Politik und Gesellschaft, (2000)3, S. 299-310, hier S. 303.
15.
Zwischen 18 und 28 Jahren, ledig, keine Kinder, ohne familiäre Verpflichtungen.
16.
In diesem Zusammenhang werden der "Al-Qaida" seit Mitte der neunziger Jahre mehrere Terroranschläge vorgeworfen, darunter der Bombenanschlag auf die amerikanische Luftwaffenbasis in Dahran mit 19 Toten und zahlreichen Verletzten am 25. 6. 1996.
17.
Vgl. z. B. P. Heine (Anm. 10).
18.
Vgl. Walter Laqueur, Die globale Bedrohung. Neue Gefahren des Terrorismus, München 2001, S. 167.