30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

26.5.2002 | Von:
Alexander Gallus
Eckhard Jesse

Was sind Dritte Wege?

Eine vergleichende Bestandsaufnahme

II. Dritte Wege - der Versuch eines strukturierenden Überblicks

1. Modernisierung der Sozialdemokratie



Um den politischen Kurs der "New Democrats" knapp zu benennen, führten Berater Bill Clintons Anfang der neunziger Jahre einen Begriff wieder in die öffentliche Debatte ein, der nach dem Ende des Ost-West-Konflikts keine Perspektiven für die Linke zu bieten schien [18] - den Dritten Weg. Nur wenig später griff Tony Blair auf diesen zurück und machte ihn zum Markennamen, ja Programm für "New Labour" in Großbritannien. Anthony Giddens, Direktor der London School of Economics und Vordenker der britischen Reformpolitik unter Premierminister Blair, beschrieb, was unter diesem unscharf-mehrdeutigen Terminus zu verstehen sei. Er diene als Etikett für eine modernisierte Sozialdemokratie, die sich zwischen einer alten, etatistischen Linken und einer neuen, neoliberalen Rechten positioniert.

Die Politik des Dritten Weges reagiert nach Giddens auf drei zentrale Herausforderungen, mit denen die modernen Industriegesellschaften konfrontiert seien: auf Globalisierung, technologischen Wandel und Individualisierung. Dabei versteht der Londoner Soziologe die Politik des Dritten Weges nicht als "Philosophie der Straßenmitte". Stattdessen stelle sie den Versuch dar, "zu entdecken, wie man die links von der Mitte vertretenen Wertorientierungen auf diese in fundamentaler Veränderung begriffene Welt anwenden kann" [19] . Der Dritte Weg ziele unter anderem auf eine Erneuerung der Demokratie, eine aktive Zivilgesellschaft, eine neue gemischte Wirtschaft, die ein "Gleichgewicht zwischen Regulierung und Deregulierung und ein Gleichgewicht zwischen dem ökonomischen und dem nichtökonomischen Bereich der Gesellschaft" [20] anstrebe, sowie auf eine Reform des Wohlfahrtsstaates. Sie will dem Prinzip "Keine Rechte ohne Pflichten" folgen, ohne linke Leitwerte wie soziale Gerechtigkeit und Solidarität zu demontieren.

Innerhalb kurzer Zeit hat sich um Giddens' Thesen und um das "Schröder-Blair-Papier", eine Denkschrift vom Juni 1999, die eine programmatische Neuorientierung der europäischen Sozialdemokratie auf der Grundlage des Dritten Weges propagierte, nicht nur in Europas demokratischen Linksparteien, sondern auch in Medien und Sozialwissenschaften eine heftige Debatte entsponnen [21] . Diesem post-ideologischen Politikansatz wurde etwa vorgeworfen, dass er profillos sei, einem reinen Pragmatismus huldige, ohne wirklich neue Wege zu weisen, und letztlich eine entscheidungsschwache Politik kaschiere [22] . Eine andere Kritik lautete, "Dritter Weg" sei nur ein geschickter Wahlkampfslogan für eine Politik, die im Kern den Neoliberalismus im Stile Margaret Thatchers fortsetze.

Die wenigsten Kritiker stießen sich indes an der Formel selbst [23] . Das lag vielleicht auch daran, dass Giddens nicht müde wurde zu betonen, wie wenig es auf den Ausdruck an sich ankäme. Die Bezeichnung "Dritter Weg" sei "nicht das eindeutig beste Etikett" [24] , aber in den angelsächsischen Ländern weder vorbelastet noch gar kompromittiert. Man denke zum Beispiel an John Maynard Keynes' Laissez-faire-Kritik und sein Eintreten für eine Politik des mittleren Weges in den Zwanzigern, an Harold Macmillans "The Middle Way" aus dem Jahr 1938 oder das von Andrew Shonfield in den sechziger Jahren verfochtene Konzept eines humanen und geplanten Kapitalismus [25] . In vielen Ländern des europäischen Kontinents weist der Begriff dagegen eine wechselvolle Vorgeschichte auf.

2. Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft  

Die beiden Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow, die während der nationalsozialistischen Herrschaft Deutschland verließen und an der Universität Istanbul lehrten, machten sich in den dreißiger und vierziger Jahren Gedanken über die "Grundfragen der Gesellschafts- und Wirtschaftsreform", über Alternativen oder sogar eine Synthese "zwischen Kapitalismus und Kommunismus" [26] . Sie lehnten jede Art des Kollektivismus ab, ebenso ein wirtschaftspolitisches Laissez-faire. Sie sprachen sich gegen staatliche Interventionen aus, welche die Selbststeuerung des Marktes behinderten. Indes sollte der Staat eine Ordnungspolitik betreiben, Rahmenbedingungen vorgeben und sozialpolitisch aktiv sein. Zur Bezeichnung seiner zentralen Vorstellungen bot Röpke in seinem Werk "Gesellschaftskrisis der Gegenwart" aus dem Jahr 1942 die Begriffe "konstruktiver" oder "revisionistischer Liberalismus", "ökonomischer Humanismus" und "Dritter Weg" an [27] . Einige Jahre später rückte er allerdings von dem nun für missverständlich gehaltenen Terminus des Dritten Weges ab - wohl auch deshalb, weil es ihm um eine Rehabilitierung der kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Ordnung, keineswegs um eine Mixtur mit sozialistischen Bestandteilen ging [28] .

Die Väter dieser so genannten neo- oder ordoliberalen Schule - Mitbegründer und Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft - standen in einer älteren Tradition. Zu den frühen Vertretern eines Dritten Weges als "Verbindung einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit sozialpolitischer Verantwortung" [29] zählen die "Kathedersozialisten", eine sozialreformerische Richtung innerhalb der deutschen Nationalökonomie um Adolph Wagner, Lujo Brentano und Gustav Schmoller in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Diese bürgerlichen Sozialreformer, die sich im "Verein für Socialpolitik" und in der "Gesellschaft für Soziale Reform" [30] engagierten, wollten einen "Mittelkurs steuern zwischen anarchischem Individualismus, traditionalistischem Korporatismus und bürokratischem Etatismus" [31] , nicht zuletzt um den Sozialismus und eine proletarische Revolution zu verhindern. Die liberale Grundidee des Privateigentums sollte nicht angetastet, aber um einen Sinn für soziale Verantwortung und die Bedürfnisse der Arbeiter ergänzt werden.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts strebte der Sozialökonom Franz Oppenheimer nach einem Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus, nach einer Aufhebung des Gegensatzes zwischen Freiheit und Gleichheit. Eines seiner Werke trug den programmatischen Titel "Weder so - noch so. Der dritte Weg" (1933). Im Mittelpunkt seines recht diffusen "liberalen Sozialismus" stand die Beschränkung von Monopolbildungen. Sein agrozentrisches und schon zu seiner Zeit anachronistisches Programm sah eine Aufhebung der "Bodensperre" vor, um jedem Staatsbürger den freien Zugang zur Nutzung des Bodens zu ermöglichen und so eine wirklich freie Konkurrenz auch im industriellen Bereich herbeizuführen [32] . Hinzuweisen ist ferner auf die Idee eines "personalistischen Sozialismus" des Finanzwissenschaftlers Günter Schmölders, der dem Kreisauer Kreis nahestand. Schmölders selbst betonte große Übereinstimmungen seiner personalistischen Wirtschaftsverfassung eines geordneten Leistungswettbewerbs mit Röpkes Drittem Weg [33] .

Bereiteten die verschiedenen wirtschaftspolitischen Dritte-Weg-Vorstellungen gedanklich mehr oder weniger den Boden für die Soziale Marktwirtschaft, so wirkte Röpke nach 1945 in Zusammenarbeit mit Ludwig Erhard an deren Umsetzung mit [34] . Sie ist vielfach als Dritter Weg zwischen zentraler Plan- oder Lenkungswirtschaft und freier Marktwirtschaft interpretiert worden [35] . Aber auch mit der Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft ging die Suche nach der dritten wirtschaftspolitischen Möglichkeit weiter, gleich ob sie in einer sozialistischen Marktwirtschaft, einem gemeinwirtschaftlichen Konzept, einer freiwirtschaftlich-sozialen Ordnung oder einer humanen Wirtschaftsdemokratie bestehen sollte.

3. Sozialismusrevisionen und -rezeptionen



Einer der ersten Vertreter einer Wirtschaftsdemokratie zur schrittweisen, evolutionären Überwindung des Kapitalismus war Eduard Bernstein, der Vater des "Revisionismus" - ein Begriff, der ähnlich dem des Dritten Weges im Verlauf seiner Wirkungsgeschichte mehrdeutiger wurde [36] . Nicht alle Sozialismusrevisionen und -rezeptionen, die fast immer auf einen Dritten Weg verwiesen - ob funktionaler, pluralistischer und Rätesozialismus [37] oder Visionen eines christlichen, religiösen oder "personalen Sozialismus" [38] -, können hier präsentiert werden. Ergänzend zu den bereits erwähnten Vorstellungen eines liberalen, personalistischen oder Kathedersozialismus, die kaum etwas mit dem Marxismus teilten, seien einige markante Beispiele skizziert: der Austromarxismus, der Reform- und der Eurokommunismus. Alle Phänomene wollten in je eigener Mischung und unterschiedlich motiviert Elemente einer sozialistischen Wirtschaftsordnung mit - so der Anspruch - demokratisch-rechtsstaatlichen Prinzipien in Einklang bringen.

Die Schule der Austromarxisten, zu deren Hauptvertretern Max Adler, Otto Bauer und Karl Renner zählten, bemühte sich in Österreich am Beginn des 20. Jahrhunderts um eine Versöhnung von Reformismus und Bolschewismus mit dem Ziel, die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung aufzuheben. "Es gilt", schrieb Bauer Anfang der dreißiger Jahre, "über die erstarrten Anschauungen des demokratischen Sozialismus und des Kommunismus hinwegschreitend einen integralen Sozialismus zu entwickeln, der die geschichtlich gewordenen Besonderheiten und Beschränktheiten beider zu überwinden vermag, um beide in sich aufzunehmen." [39] Wegen ihres Verständnisses als Wiedervereinigung von revolutionärem Sozialismus, reformistischer Arbeiterbewegung wie marxistischer Lehre und wegen ihres vergleichsweise undogmatischen Ansatzes haben "integraler Sozialismus" und Austromarxismus eine große Ausstrahlung erlangt - z. B. durch die Beeinflussung reform- sowie vor allem eurokommunistisch-linkssozialistischer Strömungen in der zweiten Jahrhunderthälfte [40] .

Unter [41] Reformkommunismus sind reformorientierte Strömungen innerhalb der Staatsparteien der so genannten Ostblockländer während des Ost-West-Konfliktes zu verstehen. Seine deutlichste Ausprägung erfuhr er in Jugoslawien mit dem System der "Arbeiterselbstverwaltung" und in der Tschechoslowakei, wo die Reformkommunisten unter Führung Alexander Dubceks im Frühjahr 1968 bis zu ihrer gewaltsamen Entmachtung kurzzeitig an die Regierung gelangten ("Prager Frühling") [42] . Sie wollten einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" schaffen, das politisch-gesellschaftliche System demokratisieren, einen Weg zwischen Sowjetkommunismus und westlichem Kapitalismus beschreiten, ohne allerdings aus dem Warschauer Pakt auszuscheiden. Einer der führenden Repräsentanten des Prager Frühlings, Ota Sik, nach seiner Emigration Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule St. Gallen, setzte sich ungeachtet der Unterdrückung der Prager Reformbestrebungen für einen Dritten Weg einer humanen Wirtschaftsdemokratie zwischen Plan- und Marktwirtschaft, jenseits von Kapitalismus und Sozialismus ein [43] . Seine Ideen galten zahlreichen Dritte-Weg-Verfechtern über viele Jahre hinweg als Bezugspunkt und Referenz [44] .

Der Eurokommunismus stellt das Pendant zum Reformkommunismus [45] in Ländern dar, in denen die Kommunistischen Parteien nicht an der Macht waren, vor allem in (Süd-)Westeuropa (mit Schwerpunkten in Italien und Spanien, abgeschwächt in Frankreich), aber auch in Australien, Japan oder Mexiko. Er entstand aus verschiedenen Strömungen, ohne eine Bewegung zu bilden, und suchte bei allen Unterschieden im Einzelnen nach einem Dritten Weg zwischen reformerischer Sozialdemokratie und "orthodoxem" Kommunismus [46] . Die Eurokommunisten hielten das Sowjetsystem für nicht übertragbar auf die westlichen Länder, beharrten daher auf eigenen, von Moskau unabhängigen Wegen zum (demokratischen) Sozialismus. Vergleichbar der Neuen Linken maßen sie außerparlamentarischen Methoden sowie dem Kampf um die "kulturelle Hegemonie" eine große Bedeutung zu.

4. Opposition in der DDR



Auch den Widerständigen in der DDR schwebte eine Revision des Sozialismus vor: die des "real existierenden". Von den antistalinistischen Regimekritikern in den fünfziger bis zur Bürgerrechtsbewegung in den achtziger Jahren dominierten bei den ostdeutschen Oppositionellen Vorstellungen eines Dritten Weges. Noch nach dem Fall der Mauer hielten Persönlichkeiten wie Ulrike Poppe, Friedrich Schorlemmer oder Konrad Weiß an der Überzeugung von der Reformfähigkeit der DDR fest. Ende November 1989 unterzeichneten sie den "Aufruf für unser Land", in dem es hieß: "Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind." [47] Eine einfache Übernahme des erprobten westdeutschen Modells kam für sie damit nicht infrage [48] . So schrieb Konrad Weiß Ende 1989: "Nein, ich will kein Deutschland, das eine um ein Viertel vermehrte Bun-desrepublik ist, auch keines, das eine aufgeblähte DDR wäre." [49]

Sie wollten einen "modernen", "humanen", "freien", "demokratischen" Sozialismus schaffen. Von dieser Warte aus kritisierten sie den stalinistisch-bürokratisch deformierten Sozialismus wie den egoistischen Kapitalismus. Kraft bezogen ihre Dritte-Weg-Konzepte, die alles andere als konkret waren, aus der Überzeugung, dass die Realität in den kommunistisch regierten Staaten nicht der marxistischen Theorie entsprach, Anspruch und Wirklichkeit eklatant auseinanderklafften. Von den Konzeptionen zur Zeit der "friedlichen Revolution" über diejenigen Robert Havemanns und Rudolf Bahros zurück zu Wolfgang Harichs "Plattform für einen besonderen deutschen Weg zum Sozialismus" begründeten die Oppositionellen ihre Forderung nach einem Dritten Weg damit, erst durch ihn würde der wirkliche Sozialismus umgesetzt [50] . 1989/90 hingen aber nicht nur DDR-Oppositionelle der Idee eines Dritten Weges an. Auch so unterschiedliche Kräfte wie die SED-Nachfolgepartei PDS und Teile der westdeutschen Sozialdemokratie, die Positionen der Partei aus den Jahren bis zur Verabschiedung des "Godesberger Programms" 1959 wieder beleben zu wollen schienen, diskutierten kurzzeitig Perspektiven eines Dritten Weges [51] .

5. Ideen einer Pax Germanica



So einig sich die DDR-Opposition - ungeachtet aller sonstigen Heterogenität - im Eintreten für einen gesellschaftspolitischen Dritten Weg war, so energisch lehnte ihr überwiegender Teil ein wiedervereinigtes Deutschland ab. Nur eine Minderheit konnte sich deshalb mit den Ideen der so genannten Nationalneutralisten anfreunden, die für ein vereintes Deutschland als Brücke zwischen Ost und West, außerhalb von NATO und Warschauer Pakt, kämpften [52] . Zu ihnen gehörten Extremisten wie Demokraten, Sektierer wie bekannte Politiker, Linke wie Rechte. Sie waren während der gesamten deutschen Teilungsgeschichte aktiv und haderten mit der wesentlich von Adenauer begründeten Politik der Westbindung, weil sie diese nicht mit dem Ziel der deutschen Einheit für vereinbar hielten. [53]

Während zweier Phasen erlebte der Nationalneutralismus seine Blüte, auch wenn er insgesamt ein randständiges Phänomen blieb: Die erste dauerte von 1945 bis zum NATO-Beitritt 1955 [54] , die zweite vom Ende der siebziger Jahre bis 1989/90 [55] - mit dem Höhepunkt während der "Nachrüstungsdebatte". Manche Topoi wie die Befürchtung, Deutschland könne zu einem "Schlachtfeld" werden, fanden allerdings Anhängerschaft über die Vertreter eines Dritten Weges hinaus. Zu diesen gehörten u. a. Herbert Ammon, Wolf Schenke, Theodor Schweisfurth und Wolfgang Venohr. Mit der deutschen Einheit ist dieser Spielart des Dritten Weges der Boden entzogen worden.

Abgesehen von der Gegnerschaft zur außenpolitisch-militärischen Westintegration und dem Streben nach einem wiedervereinigten Deutschland außerhalb der Blöcke unterschieden sich die einzelnen Vertreter dieser Strömung in vielfältiger Weise voneinander. Nicht zuletzt fühlten sich die einen dem politischen System der Bundesrepublik und ihrer Gesellschaftsordnung verpflichtet, während die anderen über einen außen- und sicherheitspolitischen Dritten Weg hinaus einen gesellschaftlich-ideologischen Neutralismus befürworteten, gar den deutschen Eigen- oder "Sonderweg" fortsetzen wollten. Beide Richtungen blieben Außenseiterpositionen, auch wenn die Verschränkung neutraler, nationaler und pazifistischer Haltungen einen gewissen Reiz ausübte. Die Schwäche und das Scheitern der Nationalneutralisten spiegeln in besonders deutlicher Weise den Bruch der Bundesrepublik mit dem viel beschworenen antiliberalen, antiwestlichen und antidemokratischen "Sonderweg", ja mit der deutschen Geschichte selbst wider. Was Wirklichkeit wurde, war 1945 nicht absehbar: Eine deutsche Schaukelpolitik zwischen Ost und West sollte es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr geben. Ebensowenig wie die Nationalneutralisten konnten sich die Anhänger eines Euroneutralismus, eines "Dritte-Kraft"-Europa, einer Wiederbelebung der Mitteleuropa-Idee oder einer "Europäisierung Europas" mit ihren heterogenen Dritte-Weg-Konzepten durchsetzen [56] .

6. Staats- und Regierungstätigkeit in der Bundesrepublik  

Wenige Dritte Wege sind über Denkmodelle hinausgelangt und verwirklicht worden. Es mag vor diesem Hintergrund für manchen desillusionierten Dritte-Weg-Anhänger einen Trost bedeuten, dass der Heidelberger Politikwissenschaftler Manfred G. Schmidt aufgrund vergleichender Untersuchungen [57] die Staatstätigkeit der Bundesrepublik Deutschland selbst mit diesem Etikett versieht. "Kennzeichnend für die Staatstätigkeit in der Bundesrepublik" - so fasst er seine Kernthese zusammen - sei "eine besondere Mischung aus drei unterschiedlichen Traditionen von Regierungspraxis und Regierungsphilosophie - bei ihr laufen wirtschaftsliberale, konservativ-reformerische und demokratisch-sozialistische Traditionen zusammen. Man kann diese Mischung aus Politiktraditionen und Regierungsphilosophien abkürzend als die Politik des mittleren Weges bezeichnen. Es ist ein mittlerer Weg, ein dritter Weg zwischen dem skandinavischen Wohlfahrtskapitalismus . . . und dem amerikanischen marktorientierten Kapitalismus . . . [58] Schmidt hält "dritter" oder "mittlerer Weg" für eine angemessene Bezeichnung des wirtschafts- und sozialpolitischen Kurses der Bundesrepublik, der hochentwickelte Sozialstaatlichkeit mit preisstabilitätsorientierter Wirtschaftspolitik, wohlfahrtsstaatliche Elemente mit wirtschaftsliberalen Komponenten, Sozialorientierung mit Effizienz verbindet. Trotz aller Mängel sei die Politik des mittleren Weges zwischen sozialdemokratischem Wohlfahrtsstaat und marktgesteuertem Kapitalismus nicht nur politisch-institutionell, sondern auch in der politischen Kultur des Landes fest verankert [59] .

Schmidts [60] Analyse lässt sich auf andere Bereiche übertragen. So hat der britische Parteienforscher Gordon Smith die "Politics of Centrality" [61] in Deutschland herausgestrichen - nicht zuletzt aufgrund der Rolle der beiden großen Volksparteien [62] und des Einflusses der FDP, die als Partei der Mitte einen Regierungswechsel abfedere. Dadurch werde eine Allparteienregierung ebenso vermieden wie ein Zwei-Blöcke-Parteiensystem. (Allerdings kommt der Terminus des Dritten Weges bei ihm nicht vor). Bereits vor dem ungefilterten, nicht durch einen bisherigen Koalitionspartner abgefederten Regierungswechsel 1998 hat Smith auf eine sich anbahnende Wende im Parteiensystem hingewiesen [63] . Schmidt und Smith sehen aus ähnlichen Gründen abrupte Kehrtwendungen in der deutschen Politik, die zu mittleren Lösungen neige, als unwahrscheinlich an.

Fußnoten

18.
Vgl. Seymour Martin Lipset, No Third Way: A Comparative Perspective on the Left, in: Hans-Dieter Klingemann/Richard Stöss/Bernhard Weßels (Hrsg.), Politische Klasse und politische Institutionen. Probleme und Perspektiven der Elitenforschung. Dietrich Herzog zum 60. Geburtstag, Opladen 1991, S. 57-106.
19.
Anthony Giddens, Die Politik des Dritten Weges, in: Heiner Flassbeck u. a., Ein dritter Weg in das dritte Jahrtausend. Von der Standort- zur Zukunftsdebatte, Hamburg 2000, S. 16.
20.
A. Giddens (Anm. 6), S. 117.
21.
Vgl. aus der inzwischen großen Zahl an Veröffentlichungen: Uwe Jun, Die Transformation der Sozialdemokratie. Der Dritte Weg, New Labour und die SPD, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, 10 (2000), S. 1501-1530; Wolfgang Merkel, Der "Dritte Weg" und der Revisionismusstreit der Sozialdemokratie am Ende des 20. Jahrhunderts, in: Karl Hinrichs/Herbert Kitschelt/Helmut Wiesenthal (Hrsg.), Kontingenz und Krise. Institutionenpolitik in kapitalistischen und postsozialistischen Gesellschaften. Claus Offe zu seinem 60. Geburtstag, Frankfurt/M. 2000, S. 263-290; Roland Sturm, Der "dritte Weg" - Demokratie im Zeitalter der Globalisierung, in: U. Backes/E. Jesse (Anm. 14), Band 12, Baden-Baden 2000, S. 53-72; Gerhard Hirscher/Roland Sturm (Hrsg.), Der so genannte "Dritte Weg". Legitimation und Praxis sozialdemokratischer Regierungspolitik in Europa, München 2001 (i. E.). Siehe auch den Essay von Roland Sturm in diesem Heft.
22.
Vgl. die pointierte Kritik von Tony Judt, The Third Way to What? We Need Some Direction, in: International Herald Tribune vom 29. September 1998.
23.
Vgl. Anthony Giddens, The Third Way And Its Critics, Cambridge 2000.
24.
Ders. (Anm. 19), S. 17.
25.
Vgl. Robert Skidelsky, John Maynard Keynes. The Economist as Saviour 1920-1937, London 1992, S. 219-241; Andrew Shonfield, Geplanter Kapitalismus. Wirtschaftspolitik in Westeuropa und USA, Köln 1968.
26.
Wilhelm Röpke, Civitas Humana. Grundfragen der Gesellschafts- und Wirtschaftsreform, Erlenbach-Zürich 1944; Alexander Rüstow, Zwischen Kapitalismus und Kommunismus, in: Ordo. Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, 2 (1949), S. 100-169.
27.
Vgl. Sylvia Hanna Skwiercz, Der Dritte Weg im Denken von Wilhelm Röpke, Würzburg 1988, S. 73.
28.
Vgl. ebd., S. 285; Iwan Rankoff, Der "Dritte Weg" - Ein neues Wirtschaftssystem?, in: Osteuropa-Wirtschaft, 21 (1976), S. 315.
29.
Isabel Eidenmüller, Betriebswirtschaftlich relevante Theorien der Kathedersozialisten, Stuttgart 1995, S. 26.
30.
Vgl. Rolf Neuhaus, Der Dritte Weg: Bürgerliche Sozialreform zwischen Reaktion und Revolution. Die Gesellschaft für Soziale Reform 1901-1914, in: Sozialer Fortschritt, (1979), S. 205-212, 230-235.
31.
Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866-1918. Erster Band: Arbeitswelt und Bürgergeist, München 1993³, S. 336.
32.
Vgl. Peter Kalmbach, Oppenheimer und der "dritte Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus, in: Volker Caspari/Bertram Schefold (Hrsg.), Franz Oppenheimer und Adolph Lowe. Zwei Wirtschaftswissenschaftler der Frankfurter Universität, Marburg 1996, S. 121-139.
33.
Vgl. Günter Schmölders, Personalistischer Sozialismus. Die Wirtschaftsordnung des Kreisauer Kreises der deutschen Widerstandsbewegung, Köln 1969; Petro Müller, Sozialethik für ein neues Deutschland. Die "Dritte Idee" Alfred Delps - ethische Impulse zur Reform der Gesellschaft, Münster 1994, S. 96-99.
34.
Vgl. S. H. Skwiercz (Anm. 27), S. 315-319.
35.
Vgl. Reinhard Blum, Soziale Marktwirtschaft. Wirtschaftspolitik zwischen Neoliberalismus und Ordoliberalismus, Tübingen 1969; vgl. auch Otto Schlecht, Ein Modell macht Karriere. Die Soziale Marktwirtschaft ist der Dritte Weg, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 3. März 1990.
36.
Vgl. Helga Grebing, Der Revisionismus. Von Bernstein bis zum "Prager Frühling", München 1977.
37.
Vgl. Reinhard Rürup, Demokratische Revolution und "dritter Weg". Die deutsche Revolution von 1918/19 in der neueren wissenschaftlichen Diskussion, in: Geschichte und Gesellschaft, 9 (1983), S. 278-301.
38.
So bezeichnete der Jesuit Alfred Delp seine "Dritte Idee". Vgl. P. Müller (Anm. 33); zum gesamten Komplex: Andreas Lienkamp, Theodor Steinbüchels Sozialismusrezeption. Eine christlich-sozialethische Relecture, Paderborn 2000; Franz Focke, Sozialismus aus christlicher Verantwortung. Die Idee eines christlichen Sozialismus in der katholisch-sozialen Bewegung und in der CDU, Wuppertal 1978.
39.
Zit. nach: Hermann Böhm, Die Tragödie des Austromarxismus am Beispiel von Otto Bauer. Ein Beitrag zur Geschichte des österreichischen Sozialismus, Frankfurt/M. 2000, S. 121.
40.
Vgl. Detlev Albers/Josef Hindels/Lucio Lombardo Radice (Hrsg.), Otto Bauer und der "dritte" Weg. Die Wieder-
41.
entdeckung des Austromarxismus durch Linkssozialisten und Eurokommunisten, Frankfurt/M. 1979; Gerd Storm/Franz Walter/Detlef Lehnert, Weimarer Linkssozialismus und Austromarxismus. Historische Vorbilder für einen "Dritten Weg" zum Sozialismus?, Berlin 1984.
42.
Vgl. Stefan Bollinger, Dritter Weg zwischen den Blöcken? Prager Frühling 1968: Hoffnung ohne Chance, Berlin 1995.
43.
Vgl. Ota Sik, Der dritte Weg. Die marxistisch-leninistische Theorie und die moderne Industriegesellschaft, Hamburg 1972; ders., Humane Wirtschaftsdemokratie. Ein Dritter Weg, Hamburg 1979; zur Kritik vgl. Matthias Schmitt, Ota Siks dritter Weg - Illusion oder Alternative?, in: Zeitschrift für Wirtschaftspolitik, 31 (1982), S. 163-177; Willy Linder, Dritter Weg - reale Alternative oder semantische Spielerei?, in: Europäische Rundschau, (1990) 2, S. 73-81.
44.
Vgl die Beiträge in Ulrich Gärtner/Jiri Kosta (Hrsg.), Wirtschaft und Gesellschaft. Kritik und Alternativen. Festgabe für Ota Sik zum 60. Geburtstag, Berlin 1979.
45.
Zur Verknüpfung beider Phänomene vgl. Wolfgang Leonhard, Eurokommunismus. Herausforderung für Ost und West, München 1978.
46.
Vgl. Helmut Richter/Günter Trautmann (Hrsg.), Eurokommunismus. Ein dritter Weg für Europa?, Hamburg 1977; Klaus Kellmann, Pluralistischer Kommunismus? Wandlungstendenzen eurokommunistischer Parteien und ihre Reaktion auf die Erneuerung in Polen, Stuttgart 1984; Heinz Gärtner/Günter Trautmann (Hrsg.), Ein dritter Weg zwischen den Blöcken? Die Weltmächte, Europa und der Eurokommunismus, Wien 1985.
47.
Zit. nach: Eckhard Jesse, Oppositionelle Bestrebungen in der DDR der achtziger Jahre - Dominanz des dritten Weges?, in: Karl Eckart/Jens Hacker/Siegfried Mampel (Hrsg.), Wiedervereinigung Deutschlands. Festschrift zum 20jährigen Bestehen der Gesellschaft für Deutschlandforschung, Berlin 1998, S. 96.
48.
Vgl. Dirk Rochtus, Zwischen Realität und Utopie. Das Konzept des "dritten Weges" in der DDR 1989/90, Leipzig 1999.
49.
Konrad Weiß, Vierzig Jahre in Vierteldeutschland, in: Hubertus Knabe (Hrsg.), Aufbruch in eine andere DDR. Reformer und Oppositionelle zur Zukunft ihres Landes, Reinbek bei Hamburg 1989, S. 298.
50.
Vgl. Hermann Weber, Der dritte Weg. Bahro in der Traditionslinie der antistalinistischen Opposition, in: Ulf Wolter (Hrsg.), Antworten auf Bahros Herausforderung des "realen Sozialismus", Berlin 1978, S. 145-164; Martin Jänicke, Der dritte Weg. Die antistalinistische Opposition gegen Ulbricht seit 1953, Köln 1964; Helga Grebing, Dritte Wege - ,Last Minute'? Programmatische Konzepte über Alternativen zu den beiden ,real existierenden' Deutschland zwischen Ende 1989 und Anfang 1990, in: Arnd Bauerkämper/Martin Sabrow/Bernd Stöver (Hrsg.), Doppelte Zeitgeschichte. Deutsch-deutsche Beziehungen 1945-1990, Bonn 1998, S. 214-223; Uwe Thaysen, Wirtschafts- und sozialpolitische Vorstellungen der neuen Parteien und Bewegungen in der DDR zur Zeit des Zentralen Rundes Tisches (1989/90), in: Materialien der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit", hrsg. vom Deutschen Bundestag, Bd. III/3, Baden-Baden 1999, S. 2716-2805. Etwas heruntergespielt wird die Bedeutung des Dritten Weges in dem Standardwerk von Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, Berlin 1998².
51.
Vgl. Gregor Gysi (Hrsg.), Wir brauchen einen dritten Weg. Selbstverständnis und Programm der PDS, Hamburg 1990; Hans Jürgensen, Auf einem dritten Weg zum Sozialismus, in: FAZ vom 30. Januar 1990; Eckhard Fuhr, Man schüttelt sich und redet weiter, in: FAZ vom 12. März 1990.
52.
Vgl. Alexander Gallus, Die Neutralisten. Verfechter eines vereinten Deutschland zwischen Ost und West 1945-
53.
1990, Düsseldorf 2001; zusammenfassend ders., Die Nationalneutralisten 1945 bis 1990. Deutschlandpolitische Außenseiter zwischen Drittem Weg und Westorientierung, in: Eckhard Jesse/Konrad Löw (Hrsg.), 50 Jahre Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1999, S. 29-63.
54.
Vgl. Rainer Dohse, Der Dritte Weg. Neutralitätsbestrebungen in Westdeutschland zwischen 1945 und 1955, Hamburg 1974.
55.
Vgl. Eckhard Jesse, Der "dritte Weg" in der deutschen Frage. Über die Aktualität, Problematik und Randständigkeit einer deutschlandpolitischen Position, in: Deutschland Archiv, 22 (1989), S. 543-559.
56.
Vgl. Ulrich Bröckling, Der ,dritte Weg' und die ,dritte Kraft'. Zur Konzeption eines sozialistischen Europas in der Nachkriegspublizistik von Walter Dirks, in: Joachim Köhler/Damian van Melis (Hrsg.), Siegerin in Trümmern. Die Rolle der katholischen Kirche in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, Stuttgart 1998, S. 70-84; Thomas Jäger, Europas neue Ordnung. Mitteleuropa als Alternative?, München 1990.
57.
Vgl. Francis G. Castles (Hrsg.), The Comparative History of Public Policy, Cambridge 1989.
58.
Manfred G. Schmidt, Die Politik des mittleren Weges. Besonderheiten der Staatstätigkeit in der Bundesrepublik Deutschland, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 9-10/90, S. 24.
59.
Vgl. ders., Immer noch auf dem "mittleren Weg"? Deutschlands Politische Ökonomie am Ende des 20. Jahr-
60.
hunderts, in: Roland Czada/Hellmut Wollmann (Hrsg.), Von der Bonner zur Berliner Republik. 10 Jahre Deutsche Einheit, Wiesbaden 2000, S. 491-513.
61.
Gordon Smith, West Germany and the Politics of Centrality, in: Government and Opposition, 11 (1976), S. 376-407.
62.
Vgl. ders., The German Volkspartei and the Career of the Catch-All Concept, in: Herbert Döring/ders. (Hrsg.), Party Governments and Political Culture in Western Germany, London 1982, S. 59-76.
63.
Vgl. ders., Das deutsche Parteiensystem am Wendepunkt?, in: Heinrich Oberreuter (Hrsg.), Parteiensystem am Wendepunkt? Wahlen in der Fernsehdemokratie, München 1996, S. 221-228.